Zuwendung

Liebe Gemeinde,

Schwestern, welche Schwestern haben es schon leicht miteinander? Die ältere kann sich ihre Rolle in der Familie noch aussuchen, die jüngere muss nehmen was übrig bleibt. Schwestern sind sehr unterschiedlich, ist die eine häuslich wird die andere sportlich, gilt die eine als klug dann gilt die andere als schön. Schwestern, wirkt die eine eher männlich dann die andere eher weiblich, eine harte Konkurrenz? Aber nicht nur, ist meine Schwester nicht auch dasjenige Wesen auf der Welt, dass mich am besten versteht und dass ich am besten verstehe. Wir sind in der gleichen Familie aufgewachsen, meine Schwester und ich, wir haben uns unterstützt und zusammengeschlossen gegen die Eltern gegen die Brüder. Schwestern, gibt es irgendetwas, das komplizierter ist als das Verhältnis unter Schwestern?

Unser Predigttext heute erzählt eine Geschichte von zwei Schwestern, die auch als Erwachsene noch zusammen leben. Ich lese Lukas 10,38-42 nach der neuen Übersetzung von Christine Nord und Klaus Berger:

[TEXT]

Die Geschichte ist bekannt. Sie wird normalerweise auf die Frage hin ausgelegt: Wie soll eine Frau sein? Soll sie die Arbeit machen oder soll sie den Mann anhimmeln, oder am besten beides? Das ist eine etwas bösartige Zusammenfassung der Auslegungsgeschichte. In dieser Geschichte geht es jedoch nicht um das Wesen der Frau. Es geht um etwas völlig anderes. Dazu müssen wir aber genau hinsehen.

Martha lädt Jesus und seine Reisegesellschaft zu sich nach Hause ein. Martha hat also Gäste und muss sich auch darum kümmern, dass die Gäste etwas zu essen einen Schlafplatz, Wasser um sich Hände und Füße zu waschen bekommen. Es sind viele Gäste, wahrscheinlich mehr als sie aus eigener Kraft bewirten kann. Maria betrachtet das erst mal nicht als ihr Problem. Schließlich hat Martha die Leute eingeladen. Maria findet die Gäste aber interessant also setzt sie sich dazu und hört sich an, was die Spannendes zu erzählen haben. Martha ist überfordert und Maria kümmert sich nicht darum. Martha erwartet, dass Maria ihr hilft. Und entsprechend der berühmten orientalischen Gastfreundschaft kann sie es mit Fug und Recht erwarten. Aber Maria kümmert sich nicht darum. Und darauf reagiert Martha dann ziemlich giftig: Sie stellt ihre Schwester Maria vor dem geehrten Gast bloß: „Siehst du nicht, dass Maria ihre Pflichten vernachlässigt. Sag du doch Maria, dass sie mit anfassen soll.“ Das ist ziemlich übel und reichlich unverschämt. Sie versucht Jesus in die Auseinandersetzung mit ihrer Schwester reinzuziehen. Sie ist sauer und sie möchte die Konkurrenz zu ihrer Schwester öffentlich gewinnen. Entsprechend der üblichen Arbeitsverteilung in ihrer Zeit und der Konvention im Umgang mit Gästen hat Martha völlig recht. Sie kann erwarten, dass ihre Schwester ihr hilft. Aber sie könnte ihr auch unauffällig die Bitte zuflüstern: Auf , hilf mir doch. Aber den Gast als Richter zwischen sich und ihrer Schwester aufzurufen, das ist nicht nur ihrer Schwester sondern auch ihrem Gast gegenüber unhöflich. Für Jesus ist dies eine unangenehme Situation. Wie reagiert er darauf?

Jesus ist höflich und zugewandt. Und er lehnt es ab, die Konvention zu unterstützen und sich auf Marthas Seite zu stellen. Er stellt sich auch nicht einfach auf Marias Seite, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht. Jesus sieht die Situation und beschreibt sie einfühlsam. „Martha du hast soviel Arbeit, dass du nicht mehr weißt, wo dir der Kopf steht. Ich sehe, was du tust, und ich erkenne an, was du für mich und die anderen Gäste tust. Glaub nicht, dass ich das für selbstverständlich nehme und deine Mühe übersehe. Ich würdige deine Arbeit.“ Damit befriedigt Jesus Marthas Recht und Marthas Wunsch von ihm gesehen und anerkannt zu werden. Aber er befriedigt nicht ihren Wunsch öffentlich über ihre Schwester zu triumphieren.

Und was dann kommt ist überraschend, aber es ist keine moralische Wertung. Jesus beschreibt einfach, was geschehen ist: „Maria hat sich für das bessere entschieden. Niemand wird es ihr nehmen können.“ Jesus sagt nicht, dass Maria das moralisch richtige getan hat. Er sagt nicht, dass es richtig war, ihrer Schwester nicht zu helfen und statt dessen ihm zuzuhören. Maria hat sich entgegen ihrer Pflichten als Frau im Haushalt ihrer Schwester einen Vorteil gegenüber ihrer Schwester verschafft. Das ist nicht zu rechtfertigen. Aber den Vorteil hat sie sich verschafft und den hat sie nun. Und niemand kann ihn ihr wieder wegnehmen. Auch wenn sie jetzt anfangen muss ihrer Schwester zu helfen, was sie hat, das hat sie. Was sie erfahren hat, das hat sie sich gesichert. Jesus sagt nicht, dass das moralisch korrekt ist, aber es ist wirksam. Maria hat sich für das Bessere entschieden, und sich einen Vorteil gesichert. Mit diesem überraschend anderen Blick auf die Situation zwischen Martha und Maria eröffnet Jesus für allen Zuhörenden eine neue Welt. In dieser neuen Welt zählt nicht die Konvention und nicht die Pflicht. In dieser Welt kommt es darauf an, die Chance zu nutzen, die sich gerade ergibt. Wenn Jesus da ist, dann ist das eine Chance, die man nicht noch ein zweites Mal bekommt. Jetzt ist die Gelegenheit etwas zu lernen und zu erfahren. In seiner Person ist Gott gegenwärtig, dahinter muss erst einmal alles andere, was auch wichtig ist, zurückstehen. Jetzt ist der Moment, sich ihm zu Füssen zu setzten und zuzuhören. Das ist wirklich nötig. Alles andere kann getan werden, wenn die Zeit ihm zuzuhören vorbei ist. Jesus entscheidet sich nicht zwischen Maria und Martha und Jesus sagt auch nichts darüber, was Frauen entsprechend ihrem Wesen tun oder lassen sollen. Jesus sagt zu allen Menschen, Frauen und Männern und Kindern: „Hier ist die Gelegenheit, packt sie beim Schopf. Und stellt alle Fragen, was gesellschaftlich erwartet wird, oder was eure Rolle als Frau als Mann oder in der Familie ist, hinter das zurück, was jetzt nötig ist. Und jetzt ist es nötig mir zuzuhören.“ Mangel an Selbstbewusstsein kann man Jesus hier nicht vorwerfen. Aber er hat einfach recht.

Auch für unser Leben gilt: Packt die Gelegenheit beim Schopf und lasst euch nicht durch Konvention oder Rolle oder was von euch erwartet wird vom Leben ablenken. Die Gelegenheit gibt es nur einmal. Das Leben wartet nicht. Und wenn sie vorbei ist, dann ist sie eben verpasst. Die Kinder sind nur eine kurze Zeit klein. Er gibt nur jetzt die Gelegenheit, mit ihnen zu spielen und die Welt zu entdecken. Die Kinder sind nur eine begrenzte Zeit im Haus, nur jetzt dürfen wir mit ihnen reden, ihre Entwicklung fördern. Bald werden sie uns hinter sich zurück lassen und ihr eigenes Leben leben. Die Eltern und Großeltern werden nur noch eine begrenzte Zeit da sein. Wenn sie auf dem Friedhof liegen, dann wird es keine Möglichkeit mehr geben, ihre Geschichten zu hören, die Missverständnisse, die sich angesammelt haben auszuräumen. Verpasste Gelegenheiten können sehr schmerzhaft sein und uns über Jahre hinaus belasten. Hätte ich damals doch …

Die Freunde sind nur jetzt zu Besuch, jetzt ist Zeit sich mit ihnen zu unterhalten und vielleicht ist es nicht so wichtig, dass sie mein Essen hervorragend finden. Vielleicht ist es wichtiger mit ihnen zu reden.

Maria hat das gemerkt. Jetzt war Jesus in ihrem Haus und sie hat die Gelegenheit genutzt, ihm zuzuhören, eine Gelegenheit, die sie vielleicht nie wieder bekommen würde. Wir haben nur dieses eine Leben. Und dieses eine Leben ist die Gelegenheit, uns Gott zuzuwenden. Eine andere wird es vielleicht nicht geben. Das ist nötig, das ist wichtig. Alles andere, was auch wichtig ist, kann demgegenüber zurückstehen. Dies sagt Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern und uns in dieser Geschichte. Und glauben Sie mir, das ist heute noch eine genauso große Provokation wie damals. Wie, Jesus zuhören ist wichtiger als Gastfreundschaft zu zeigen. Wie, Jesus zuzuhören ist wichtiger als gutes Essen zu kochen. Wie, Jesus zuzuhören ist wichtiger als viel Geld zu verdienen. Wie Jesus zuzuhören ist wichtiger als gut im Beruf zu sein. Wie Jesus zuzuhören ist wichtiger als sich um die Familie zu kümmern. (Da geht es für mich ans Eingemachte, denn ich finde nichts wichtiger als mich um die Familie zu kümmern) Jesus zuzuhören ist wichtiger als sich selbst zu verwirklichen, da geht es für andere ans Eingemachte. Es geht für uns alle an irgendeiner Stelle ans Eingemachte. Dieser Anspruch Jesu: Eins nur ist nötig, mir zuzuhören, eins nur wird gebraucht, sich Gott zuzuwenden. Das ist ein schrecklicher Anspruch. Und ich möchte von diesem Anspruch Jesu auf unser ganzes Leben nichts verharmlosen. Er passt nämlich nicht zu unserer gemäßigten und aufgeklärten kirchlichen Frömmigkeit. Er passt auch nicht zu meinem vorsichtigen Versuch zu glauben und für den christlichen Glauben zu werben. Wirklich nötig ist nur eins.

Wahrscheinlich hat Jesus damit recht. Aber bevor ich das für mich akzeptieren kann, wird es wohl noch ein Weilchen dauern. Ich kann diesen Anspruch nicht zurückweisen, aber annehmen kann ich ihn auch nicht. Ich wünsche Ihnen, dass es ihnen besser damit geht als mir. Und ich hoffe, dass eines Tages der Moment kommt, in dem sich diese Spannung auflöst. Und in dem Klarheit herrschen wird.

Bis dahin wünsche ich uns allen Gottes Segen für unsere sehr vorläufigen Versuche, uns Gott zuzuwenden und dem zuzuhören, was Jesus uns zu sagen hat. Vielleicht verstehe ich ja dabei, eines Tages, warum nur eins nötig ist.

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