Sitzen bleiben

Ich bin gefragt worden, ob ich im Frauenkreis einer Gemeinde eine Bibelstunde halten könnte. Nichts Ungewöhnliches. Es handelt sich um eine Gruppe von ca. 25 Frauen, die sich nun schon mehr als 30 Jahre regelmäßig treffen. Begonnen haben sie miteinander als die Kinder klein waren. Einmal im Monat war ein Abend für den Frauenkreis reserviert. Sie trafen sich um Erfahrungen auszutauschen, zu erzählen, mal raus zu kommen und um miteinander Themen des Glaubens zu bedenken.

Heute sind sie miteinander in die Jahre gekommen, sie sind miteinander älter, ja alt geworden. Die Treffen sind auf den Nachmittag verschoben, denn einige Damen gehen nicht mehr so gern nach 19:00 Uhr aus dem Haus. Über die Jahre haben sie viel voneinander erfahren, Leben miteinander geteilt. Glück und Unglück. Jede weiß von der anderen welches Kind wo zur Schule ging, welchen Beruf hat, verheiratet ist oder nicht. Auch die Fotos der Enkelkinder werden stolz gezeigt. Und sie haben auch viel Trauriges miteinander geteilt. Schwere Krankheiten, den Verlust von lieben Menschen. Die Pflege der Eltern und bei manchen auch der Verlust des Partners.

Sie sind zusammengeblieben ab und an kam mal jemand dazu oder eine andere blieb weg.

Ich glaube fast jede Gemeinde hat so einen Frauenkreis. Oft hat er sich über die Jahre und Jahrzehnte hinweg zu einer wichtigen Säule der Gemeinde entwickelt. Wenn Kuchen gebraucht wird, oder helfende Hände für das Gemeindefest, den Basar, dann sind sie zur Stelle die Frauen des Frauenkreises. Oft haben sie auch einen guten Überblick darüber, wie es wem geht und sorgen füreinander. Besuchen sich in Krankheit, telefonieren regelmäßig und laden diejenigen mal auf ein Mittagessen oder einen Kaffee ein, die einsam geworden sind.

Frauen leben vor 30, 40 Jahren, das war oft wirklich Kinder, Küche, Kirche. Die jungen Familienfrauen haben damals in den jungen, nach dem Krieg gegründeten Gemeinden, einen Treffpunkt, eine Aufgabe und eine geistige Heimat gefunden, haben sie mitgestaltet und mitgeprägt. Heute sind manche dieser Frauenkreise zu Seniorentreffen geworden. Junge Frauen von heute haben andere Formen, um sich in der Gemeinde zu engagieren. Es hat sich viel verändert in den vergangenen 30 – 40 Jahren. In der Gesellschaft, im Leben von Frauen und in den Gemeinden.

In den 70er und 80er Jahren haben Frauen begonnen darauf zu achten, dass Frauen nicht nur die sind, die in der zweiten und dritten Reihe wirken, sondern durchaus in der Lage einen Haushalt zu lesen und Verantwortung zu übernehmen. Frauen haben angefangen über Rechte nachzudenken und über Sprache. Auch über die Sprache in der Bibel und im Gesangbuch. Sie haben angefangen über Gott nachzudenken und darüber ob er wirklich nur Vater ist, oder nicht vielleicht doch auch mütterlich zu denken ist. Und irgendwann gab es dann neben Pastorinnen auch Pröpstinnen und dann mit Maria Jepsen die erste Bischöfin.

Doch zurück zum Anfang. Der Frauenkreis bat mich eine Bibelstunde zu halten und ich rief die Leiterin an, fragte nach, wie der Nachmittag normalerweise so abläuft um zu wissen, was und wie ich mich vorbereiten soll. Und irgendwann sagte sie: Wir sind ein Frauenkreis, aber Maria und Martha, die hatten wir schon.

Ich stutzte. Klar Maria und Martha, das ist doch wirklich die Paradegeschichte für Frauen in der Kirche. Hören wir noch einmal hin:

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Ich bin sicher sie kennen die Geschichte. Und vielleicht erinnern Sie sich jetzt beim Hören wieder daran.

Jedes mal wenn ich sie höre, sehe ich unermüdlich tätige Frauen vor mir. Jedes mal wenn ich diese Geschichte höre oder lese, erinnere mich an viele Gespräche in Frauengruppen, in denen es bei dieser Geschichte immer wieder heftig und laut wurde, weil niemand unbeteiligt bleiben konnte bei dieser Geschichte. Oft wurde es sehr persönlich.

Ohne alle Männer und jungen Männer ausladen zu wollen, ist es wie es ist, es ist in der Tat eine wirkliche Frauengeschichte. Darum bietet sie sich ja immer wieder an, wenn man als Gast in einer Frauengruppe ist, mit ihr einzusteigen.

Dass eine Frau einen Mann, oder vielleicht sogar gleich einen und noch 12 Männer dazu zu sich nach Hause einlädt, ist unter den Bedingungen Palästinas revolutionär und selbst heute, wäre es irgendwie eine Bemerkung wert. Mindestens ebenso so befremdlich ist es jedoch, dass ein Rabbi Frauen die Tora auslegt, bzw. über den Glauben diskutiert. Da hat sich heute in der Tat etwas verändert.

Dass Martha sich so aufregt, über ihre Schwester setzt ja voraus, dass Jesus etwas Neues gänzlich Unerwartetes tut, nämlich Frauen als Gesprächspartner über Fragen von Religion und damit auch von Politik und Philosophie ernst nimmt. Für ihn und das ist eine der vielen Qualitäten dieser Geschichte sind vor Gott Frauen und Männer gleichwertige Menschen. Allein dieser Gedanke könnte in den jungen Gemeinden, nicht unserer Zeit, sondern in der Zeit der ersten Gemeindegründungen für Diskussion gesorgt haben.

Ich glaube die größte Gefahr in dieser Geschichte, egal ob ich sie als Frau oder Mann höre ist, dass man denkt es könnte zwischen den Schwestern eine Gewinnerin und eine Verliererin geben, so wie oft im echten Leben, wo ein Geschwisterteil sich immerzu benachteiligt und nicht verstanden fühlt und meint, der oder die andere könne sich bei den Eltern einfach alles erlauben. So gesehen erinnern die beiden Schwestern an eine Geschichte der Bibel, in der es um zwei Brüder geht. Der eine tut seine Pflicht und der andere probiert etwas Neues aus, geht weg, erprobt sich.

Versuchen wir also mal für einen Augenblick, allen Geschwisterstreit und Geschwisterneid zu vergessen. Versuchen wir, sofern uns das gelingt einmal zu denken, dass es in dieser Geschichte nicht um gut und böse, richtig oder falsch geht, sondern wie sie oft, wenn wir es mit Jesus zu tun bekommen um ein Angebot, oder besser darum, sich in einmal mehr in Frage stellen zu lassen von einem, der uns nicht bloß stellen, sondern auf einen Weg bringen will.

Hören wir mit gut lutherischen Ohren diese Geschichte, dann könnte sie sagen. Vor Gott bestehen, können wir nicht durch die tollsten Aktionen, die tatkräftigste Hilfe, die größten Kuchen, oder die klügsten Entscheidungen, vor Gott bestehen können wir nur, wenn wir unseren Glauben stärken. Und schon sind wir mitten drin in der Diskussion den vermutlich die erste Gemeinde bereits geführt hat. Aber was ist das für ein Glaube, der sich nur mit sich selbst beschäftigt, der nicht sichtbar wird unter den Menschen, durch Engagement, Einsatz und Hilfsbereitschaft. Auch das ist richtig, aber was, wenn es darum gar nicht geht, sondern eher darum sich immer wieder zu prüfen, was tue ich hier warum.

Bis dahin, so könnte man einwenden, sind die anderen schon vorbeigelaufen, an dem der da am Boden liegt und nur der Samariter, der tut, um was es geht. Steht das nicht auch in der Bibel?

Wie kann sie gelingen, die Ausgewogenheit. Die Ausgewogenheit zwischen dem, was notwendig ist, in genau diesem Augenblick, auf der einen Seite und dem sich nicht in ständigem tun und machen zu verzetteln. Zwischen dem Anspruch der tatkräftigen Nächstenliebe und einem sich immer wieder vergewissern und auf den Grund gehen

Warum wir das tun, was Glauben ist, wie Glauben wächst. Ja, der Begegnung mit Gott selbst.

Ich habe mit den Frauen des Frauenkreises über das Briefe schreiben gesprochen und über Paulus dem wohl Bekanntesten Briefeschreiber der Bibel. Von ihm ist der Gedanke, der dieses Dilemma ganz gut zusammenfasst: Der Glaube kommt zuerst und wenn wir glauben von ganzem Herzen, dann wollen und können wir auch Handeln.

Wir haben also das gute Teil gewählt, wenn wir Christus in unser Haus, unser Leben, unsere Welt aufnehmen, wie Martha tat. Aber wir versäumen das Beste, wenn wir meinen, nun sei er auf uns angewiesen; auf unsere Geschäftigkeit, auf unsere Unermüdlichkeit oder auf unsere

Frömmigkeit. Wir werden das gute Teil wählen und erhalten, wenn wir unsere Ohren, unsere Hände und unsere Herzen auftun für seine Gegenwart, immer wieder. Und das kann heißen, lieber einmal mehr sitzen bleiben, ausatmen ihm begegnen, wie Maria es tat.

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