Im richtigen Moment hören – im richtigen Moment handeln!

Liebe Gemeinde:

Maria und Marta: Zwei Typen von Frauen, zwei Charaktere von Menschen, zwei Lebensweisen, zwei Klischees:

Die kontemplative Maria und die aktive Martha.

Die evangelische Maria und die katholische Martha.

Die emanzipierte Maria und die in der traditionellen Frauenrolle verhaftete Martha.

Zwei Klischees, die wir gerne in die Geschichte hineinlegen und uns dann für die eine oder andere Seite entscheiden, denn es heißt ja im Text: „eines aber ist Not“. Und ganz egal wie wir uns entscheiden, es bleibt bei einem unguten Gefühlt, so als ob wir mit unserer Entscheidung immer zugleich der anderen Unrecht tun würden, so jedenfalls geht es mir.

Maria und Martha, von zwei unterschiedliche Typen von Menschen ist hier die Rede.

Martha wahrscheinlich die Ältere, denn ihr gehört das Haus in dem Jesus einkehrt.

Martha die Hausfrau, die, die alles im Griff hat und den Überblick behält auch dann wenn überraschend Gäste zu Besuch kommen. Martha, der ruhende Pol, die dem Chaos wehrt. Martha die Dienende.

Maria, die Sorglose, die ohne schlechtes Gewissen die Arbeit liegen lassen kann und das macht, was ihr das Gefühl sagt. Maria, die Hörende zu Füßen des Meisters.

Maria und Martha, zwei unterschiedliche Frauentypen. Tatsächlich?

Mir gefällt dieses Klischee überhaupt nicht und so möchte ich weg von diesen Frauenbildern, die leicht den Blick für die zentrale Aussage des Textes verstellen.

Dieser scheinbare Gegensatz zwischen Meditation und Aktion ist für mich nur künstlich. Er wurde oft in der Kirche hochstilisiert und wurde oft als Gegensatzpaar hingestellt so nach dem Motto: „Was ist wichtiger?“ Beten oder Handeln?

Verantwortliches Reden darf keine Gegensätze aufbauen zwischen dem Hören auf das Wort Gottes und dem Tun.

Zwischen der Verkündigung und der Diakonie besteht doch kein wirklicher Gegensatz oder eine Rangordnung.

Manchmal hört man solche Sätze wie: „Wenn die Diakonie nicht wäre, dann gäbe es schon lange keine Kirche mehr“. Oder andere sagen: „Wer nur Hilfe leistet und nicht verkündet, kann seinen Dienst gleich an das Rote Kreuz abgeben.“

Zwischen dem Hören auf das Wort Gottes und dem Tun darf es keine Konkurrenz geben nach dem Motto geben, was ist.

Sehr schön hat dies Theresa von Avila mit ihrem Kommentar zu unserem Bibelwort auf den Punkt gebracht mit dem Satz: „Glaubt mir, Maria und Martha müssen beisammen sein, um den Herrn zu beherbergen“

Worauf uns der heutige Bibeltext hinweist ist, dass es im Leben eines Christen, im Leben einer Christin nicht darauf ankommt ob das was man tun möchte das richtige ist, sondern ob das was wann tun möchte im richtigen Moment geschieht.

Das Bestgemeinte kann falsch sein, wenn es nicht im richtigen Moment ist.

Da gibt es z.B. ein Problem, das ich schon lange mal in der Familie ansprechen müsste und dann sage ich es in so einem ungünstigen Moment, dass alle über mich herfallen. Anstatt ein Problem zu lösen, habe ich ein neues hinzubekommen.

Martha hat wahrscheinlich auch nicht viel überlegt, als Besuch kam, sondern das getan was sie immer gemacht hat. Vielleicht ist sie gleich in die Küche gegangen um Essen vorzubereiten, was zur damaligen Zeit mehr bedeutete als nur den Elektroherd einzuschalten und ein paar Fertigpizzas warm zu machen.

Doch so ein ganz normaler Besuch war das ja eigentlich auch nicht. Allein die Tatsache, dass ein Mann, anscheinend allein bei zwei Frauen, die alleine leben einkehrt, war für die damalige Zeit keine normale Sache, sondern eher ein Skandal eine Provokation. Auch wenn es sich um einen Wanderprediger gehandelt hat, der den Menschen die Botschaft von Gott erzählte.

Erst an der Reaktion Jesu merkt Martha und merken auch wir, dass Maria in diesem Moment genau das Richtige tut.

Denn Jesus kehrte nicht wegen des Essens bei Martha ein, er wollte ein Zeichen setzen, er hatte etwas zu sagen und wollte, dass man ihm zuhört.

In einer anderen Situation wäre vielleicht genau das Gegenteil richtig gewesen.

Es kommt eben nicht nur darauf an was man tut, sondern wann man es tut.

Auch das vermeintlich Gute, das man tun will kann falsch sein, wenn es nicht der richtige Moment ist.

Nicht zufällig findet sich die Erzählung von Maria und Martha genau im Anschluss an die Geschichte vom Barmherzigen Samaritaner.

Und kommt es in dieser Geschichte nicht genau auf das Gegenteil an? Die Priester eilen zum Gebet und sehen nicht die Not des Nächsten.

Nicht Meditation sondern Aktion war in diesem Fall gefragt.

Hier nun, als Jesus in das Haus der Martha kommt, ist keine Aktion angesagt sondern die Meditation, das Ruhigwerden das Kraftschöpfen und das Hinhören.

Maria und Martha sind keine Gegensätze. Maria und Martha sind zwei Wesenseigenschaften des Menschen, die jeder in sich trägt und die sich ergänzen müssen.

Beide Eigenschaften sind richtig, im richtigen Moment und beide Eigenschaften sind falsch im falschen Moment.

Die Erzählung von Maria und Martha ist daher mehr ein Gleichnis als der historische Bericht über ein tatsächliches Treffen.

Liebe Gemeinde,

Es kommt nicht nur darauf was man tut, sondern wann man was tut. „Eins aber ist Not“

Und das zu wissen ist meist sehr schwer.

Danach weiß man es immer besser, aber wie weiß man denn, was jetzt dran ist?

Es keine Antwort wie aus einem Rezeptbuch. Ich sehe aber in dem Gleichnis der beiden Frauen eine Hilfestellung, der auch uns weiterbringt.

Es werden in der Erzählung klar die fest gefügten Rollen hinterfragt ja in Frage gestellt.

Wer ohne zu überlegen immer nur das macht, was er schon immer gemacht hat, dem kann es passieren, dass es genau das falsche ist.

So wie Martha ohne zu fragen sich als Dienerin an die konkrete Arbeit im Haus gemacht hat.

Sagt uns das Bibelwort nicht auch: Manchmal ist es gut und notwendig aus der eigenen Rolle auszubrechen. Nicht immer das tun, was von einem scheinbar erwartet wird.

Nachfolge Jesu ist immer wieder neu eine Suche nach dem richtigen Tun und Handeln.

Nachfolge Jesu stellt das eigene Tun immer wieder auf den Prüfstand und eine Frage, die uns dabei bewegen soll heißt: „Was würden Maria und Martha heute tun?“

Am Ende bleibt die Geschichte in der Erzählung bei Lukas offen

„Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.

Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden“

Jesus nimmt Martha ernst und weiß um ihre Nöte. Doch hier ist kein Samaritaner am Verbluten, hier ist kein Mensch in den Brunnen gefallen und niemand liegt im Sterben.

Jetzt ist Zeit zum Kraftschöpfen, zum Hinhören, zur Meditation.

Ich sehe richtig wie Martha ein Licht aufgeht, wie sie in die Küche geht, den Topf vom Feuer nimmt und sich wie Maria neben Jesu setzt und ihm zuhört.

Danach sind sie sicher zu dritt in die Küche gegangen und haben gemeinsam das Essen zubereitet. Denn schließlich ist der Menschensohn ja nicht gekommen, dass man ihm diene. Und aus den Berichten über Jesus wissen wir, dass er wusste wann etwas zu tun ist, wann etwas wirklich dran ist und das hat er dann auch getan.

Maria und Martha sind keine Gegensätze, die sich ausschließen. Maria und Martha sind zwei Wesenseigenschaften des Menschen, die jeder in sich trägt.

Es kommt im Leben darauf an, im richtigen Moment zu hören und im richtigen Moment zu handeln.

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