Was wichtig ist

Worauf kommt es eigentlich an im Leben? Was ist wirklich wichtig? Ein Leben lang suchen wir nach einer Antwort auf diese Frage. Viele Menschen haben darüber nachgedacht und gute Antworten darauf gefunden. Doch sie lassen sich nicht ohne Weiteres übernehmen. Immer wieder stellen wir fest: Es gibt auf diese Frage keine für immer und für alle gültige Antwort. Es gibt wohl so viele Antworten wie es Menschen gibt. Und jeder Mensch findet immer neue Antworten. Was mir vor 10 oder 20 Jahren wichtig war, darüber kann ich jetzt vielleicht sogar lächeln.

Schon beim Apostel Paulus lesen wir: „Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war“. Es kann sehr aufschlussreich sein zu beobachten, was den Menschen wichtig ist. Ob wir durch die Straßen einer Stadt gehen oder im Supermarkt sind. Ob wir jemanden bei seiner Arbeit beobachten oder uns vom Nachbarn erzählen lassen, wie er sein Wochenende verbringt. Ob wir einen Kranken besuchen oder im Bus die Gespräche von Schülern mithören. Jede und jeder hat anderes im Sinn. Das war auch damals schon so, als Jesus mit seinen Jüngern unterwegs war. Er kam in eine Dorf. So beginnt unsere Geschichte. Es könnte auch unser Dorf sein, in das Jesus kommt, und wo er ganz verschiedenen Menschen begegnet.

Da sind die, die man oft auf der Straße sieht. Vielleicht weil sie keine Arbeit haben. Und die anderen, die früh zeitig raus müssen und abends spät nach Hause kommen. Da sind die Erfolgreichen. Und die anderen, die kaum zu etwas gekommen sind. Da sind die, die immer geschäftig sind und nie Zeit haben. Und die anderen, deren Leben vorwiegend aus Müßiggang besteht. Die einen denken von den anderen: die können ja zu nichts kommen. Und die andere sagen von den einen: die haben ja bloß das Geld im Kopf. Sie denken ja nur an sich und ihren Erfolg. Da sind die, die ganz zurückgezogen leben und sich nicht um das Dorf kümmern und sich nicht für andere interessieren. Und die anderen, die kommunale Aufgaben wahrnehmen, sich in den Vereinen engagieren oder in der Kirchgemeinde ihre Heimat gefunden haben. Und die einen denken von den anderen, die könnten auch mal was tun, und die anderen sagen von den einen, die wollen sich ja nur in den Mittelpunkt stellen. Und da sind auch die im Dorf, die wir jetzt einmal Marta nennen, wie die Marta in unserer Geschichte, von der hier steht: Sie nahm ihn auf.

Eine offensichtlich engagierte und aktive Frau, aufmerksam für das, was im Dorf los ist, offen auch für Neues. Eine offene Tür ist ja heute nicht mehr so selbstverständlich. Gastfrei sein, das macht Arbeit und Mühe. Es kostet Zeit, und auch Geld. Ich muss mich auf den Gast einstellen. Was mir wichtig ist, muss ich zurückstellen. Meine Pläne geraten durcheinander. Die Marta stellt sich ganz auf Jesus ein. Er soll sich wohl fühlen. Dazu gehört etwas Leckeres auf den Tisch. Marta sucht das Beste, was sie hat, bereitet zu, richtet her. Sie scheut keine Mühe. Sie ist die Aktive, die Praktische, die Pflichtbewusste. Sie steht dafür, dass es im Leben darauf ankommt, etwas zu tun, etwas für andere auf sich zu nehmen und die Mühe nicht zu scheuen.

Marta hat eine Schwester. Die Maria. Sie stellt sich auch ganz auf den Gast ein, aber ganz anders. Er soll sich ernst genommen fühlen. Dazu gehört, dass man Zeit für ihn hat und ihm zuhört. Maria macht es sich zu Jesu Füßen bequem. Sie lauscht seinen Worten. Sie ist die Beschauliche, die Innerliche. Maria steht dafür, dass es im Leben darauf ankommt, wahrzunehmen, sich zu besinnen und ruhig einmal all das zu lassen, was mit Arbeit und Pflicht zu tun hat. Zwei Schwestern. Zwei ganz verschiedene Haltungen und Einstellungen. Zwei entgegengesetzte Antworten auf die Frage, worauf es denn im Leben ankommt. Beide haben ihre Berechtigung. Wenn ich die Maria frage, warum sie es so macht, dann wird sie mir Argumente nennen, die ich verstehen kann. Und wenn ich die Marta frage, dann wird auch sie eine plausible Erklärung haben. Marta nutzt die Gelegenheit, ihrem Gast zu dienen mit dem, was sie gut kann. Maria nutzt die Gelegenheit für das, was gerne macht – sie hört gern zu und lauscht auf das, was ihr Gast zu sagen hat.

Sind das beides vielleicht die Haupttypen von Menschen, wie sie in unseren Dörfern und Gemeinden da sind? Auf der einen Seite die, die passiv bleiben, den anderen alles überlassen und nur dann auftauchen, wenn sie gerade mal Lust dazu verspüren? Auf der anderen Seite die Engagierten, die sich mit ihren Gaben einbringen und für die aus der Aufgabe eine Pflicht geworden ist, der sie sich fügen. Es wird sie immer beide geben. Die Maria und die Marta. Aber wie können sie in einem Hause gemeinsam leben? Das ist eine schwierige Fragen. Wie geht es, dass Beide einander ergänzen ohne sich aneinander zu reiben?

Natürlich nicht so, dass die eine sich darauf verlässt, dass die andere schon alles richten wird. Es kann nicht sein, dass eine immer tätig ist und die andere nichts macht. Aber es kann auch nicht gut gehen, wenn die andere ihre Diensteifrigkeit zum Maßstab macht. Schwierig wird es, als die Marta sich anmaßt, darüber zu befinden, was für die Maria richtig wäre. Das Problem steht wohl schon lange im Raum. Wir erfahren nichts über die Vorgeschichte. Aber dass da alte Wunden aufbrechen, das ist nicht zu übersehen. Vermutlich ist Marta die ältere Schwester. Führt sie das Wort im Haus? Ist sie die Dominierende? Hat die Jüngere überhaupt eine Chance neben ihr? Vielleicht treffen diese Vermutungen auch daneben.

Jedenfalls bringt Marta ihren Ärger verletzend an. Sie sagt nicht – so wie es normal wäre – zu Maria: „Komm doch mal, ich brauche dich, ich werde allein nicht fertig!“. Sie macht sich die Autorität Jesu zunutze. Und dazu muss sie ihn – natürlich taktvoll – darauf hinweisen, wie faul doch ihre Schwester ist. „Hast du etwa noch nicht gemerkt, dass sie mich allein dienen lässt? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll.“ Nun ist sie es nicht mehr nur selber, die der Maria sagen muss, was sie gefälligst tun sollte. Jetzt könnte es einmal ein anderer sagen, damit sie es endlich begreift. Das Problem hat sicher eine lange Geschichte. Es ist aber nicht so, dass nur die Maria sich etwas sagen lassen muss. Auch die Marta muss etwas begreifen. Sie findet bei Jesus zwar Anerkennung für die Sorge und Mühe, die sie sich macht. Aber nicht für ihre Kritik an ihrer Schwester. Was Marta tut, ist nicht wichtiger als das, was Maria tut. Das Dienen hat nicht Vorrang gegenüber dem Zuhören. Das passive Besinnlichkeit hat genauso ihre Berechtigung wie die fleißiger Geschäftigkeit.

Unsere Geschichte, wie Jesus im Haus der Marta und Maria einkehrt, steht in der Bibel in einem Zusammenhang. Kurz vorher wollte ein Schriftgelehrter von Jesus wissen, was wirklich wichtig ist im Leben und fragte ihn: „Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ Und Jesus erzählte ihm die Geschichte vom barmherzigen Samariter und fügte hinzu: „Geh hin und mach es genauso“. Das Dienen ist wichtig. Für andere dazusein, das gehört zu den Grundlagen unseres Glaubens. Darauf hat Jesus nicht nur an dieser Stelle hingewiesen. Es ist genauso wichtig wie das Beten und wie das Hören auf Gottes Wort. Und es ist u.U. der bessere Gottesdienst, am Sonntag einen Besuch im Krankenhaus zu machen, als in die Kirche zu gehen. Es kann für das eine oder das andere einen Vorrang geben, aber es gibt keine Rangfolge. Es ist nicht eins wichtiger als das andere. Der Gottesdienst muss auch sein. Das Beten. Das Hören. Im Anschluss an die Geschichte von Maria und Martha schreibt Lukas über das Beten, über das Vaterunser und darüber, dass nur der findet, der auch sucht und nur der empfängt, der sein Inneres öffnet. Für Jesus war das Dienen eine wichtige Angelegenheit. Aber es kann auch sein, dass jemand vor lauter Dienen und Sorgen und Mühen das Hören versäumt und die Besinnung unterlässt. Eins ist not. Sagt Jesus. Das sollen wir nicht versäumen. Und irgendwann muss Jesus vielleicht zu Ihnen oder zu mir sagen: Du bist so geschäftig. Du schonst dich nicht. Du machst dir soviel Sorge und Mühe. Jetzt ist es für dich Zeit, das alles zu lassen und dich einmal hinzusetzen und zu dir zu kommen. Jetzt ist für dich nicht die Zeit der Geschäftigkeit, sondern die Zeit für Ruhe und Besinnung. Die muss man sich nämlich ganz bewusst nehmen.

Maria und Marta, das sind nicht nur zwei Schwestern, die in einem Haus zusammen leben. Das sind zwei Wünsche in meinem Herzen, zwei Ansprüche in meinem Leben, die sich wunderbar ergänzen, aber auch – gar nicht so wunderbar – gegeneinander ausspielen können. Und wenn ich wieder einmal feststelle, dass ich vor lauter Sorge und Mühe gar nicht mehr zur Ruhe komme, dann sagt Jesus mir ganz bestimmt: Eins ist not. Eins ist für dich jetzt dran: Nicht das Dienen, sondern das Bedienen-Lassen. Nicht das Geben, sondern das Empfangen. Jesus geht durch’s Land. Er kommt in unser Dorf, er kehrt in meinem Haus ein, wenn wir ihn aufnehmen. Und dann wollen wir zu ihm sagen: „Rede, Herr, so will ich hören!“

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