Kirche mit Wohlfühl-Effekt

Es ist immer das gleiche: Wenn die Pflicht ruft, haben alle plötzlich etwas anderes zu tun. “Keine Zeit!“ heißt es dann, oder „Bin gerade beschäftigt!“ oder – und das ist richtig dreist – „Warum immer ich?“

Dann gibt`s regelmäßig Krach, auch wenn es um Kleinigkeiten geht. z.B. Tisch decken, abräumen, Mülleimer raustragen – eben das Übliche. Das, was wir als Eltern für unsere Kinder tagaus tagein ganz selbstverständlich tun, ohne zu meckern.

Es liegt wohl am Alter, dass Kinder für so etwas nun wirklich überhaupt nicht zu begeistern sind. Ich gebe zu: es gibt Spannenderes als Mithelfen im Haushalt. Und manche Dinge machen definitiv keinen Spaß. Aber sie müssen sein. Das ist bei Pflichten nun mal so. Der Tisch deckt sich nicht von allein, und der Müll trägt sich auch nicht von selber nach draußen.

Bei Geschwisterkindern wird die Sache richtig interessant: Da gibt`s die einen, die helfen, ohne zu murren. Die anderen lassen sich Zeit und fangen immer erst an, wenn das meiste schon gemacht ist. Besonders geschickt sind die, die so tun, als hätten sie nichts gehört. „Wie? Ich soll helfen? Das musst du lauter sagen!“ Noch besser ist: „Ich wollte ja helfen, aber die anderen haben mich nicht gelassen!“ So waren wir als Kinder, so sind unsere Kinder, so werden die Kinder unserer Kinder sein. Die meisten jedenfalls. Irgendein Dummer findet sich immer, der für die anderen arbeitet.

Erwachsene sind auch nicht besser. Im Verein, im Betrieb, in der Kirchengemeinde: überall finden sich Leute, die etwas für andere tun und Arbeiten für die Gemeinschaft übernehmen. Leute, die im Hintergrund dafür sorgen, dass alles läuft und alle zufrieden sind. Dass genug zu Essen und zu Trinken da ist, dass Tische gestellt sind, dass Nachschub organisiert wird und hinterher jemand aufräumt. Und die gelegentlich sauer sind, wenn die Arbeit immer an den selben Leuten hängen bleibt.

Erwachsene sind da nicht anders als Kinder. Und die Geschichte, die im Mittelpunkt der heutigen Predigt steht, handelt auch nicht von Kindern. Sie handelt von Erwachsenen. Von zwei Frauen, die Schwestern sind. Sie heißen Maria und Martha. Ihre Geschichte steht im Lukasevangelium:

[TEXT]

Der neuste Trend, liebe Gemeinde, der neuste Trend heißt „Wellness“. Wellness, das ist alles in einem: Gesunde Ernährung, Sport, Schönheitspflege und Spiritualität. Das Rundum-Wohlfühlprogram für Leib und Seele. Wellness ist gut für die äußere Erscheinung und für die innere Balance. Wer sich Wellness gönnt, bleibt länger fit für die Anforderungen des Alltags und sieht immer gut dabei aus. Wer sich ab und zu ein bisschen Wellness gönnt, tut auch mal was für sich, nicht nur für andere. Wellness ist inzwischen ein Riesenmarkt mit dem passenden Angebot für jedes Bedürfnis. Das ist zwar nicht billig, aber Gutes hat nun mal seinen Preis.

Auch Maria macht „Wellness“. Sie setzt sich zu Jesus und hört ihm zu. Weil sie jetzt gerade das Bedürfnis danach hat. Weil sie ab und zu mal Nahrung für die Seele braucht. Dann muss der Gast eben warten. Auch wenn er Jesus heißt und Hunger hat. Jetzt ist erst mal sie an der Reihe.

Kein Wunder, dass Martha sich darüber ärgert. Jetzt hat sie die ganze Arbeit am Hals. Besuch im Haus und nichts zu Essen auf dem Tisch, das ist unhöflich! Gastfreundschaft sieht anders aus. Auch wenn der Besuch überraschend kommt. Irgendetwas ist immer da, um den Gast zu bewirten. Zusammen wären sie schneller fertig. Aber Maria hat dafür jetzt keine Ohren. Soll Martha sehen, wie sie alleine klarkommt.

Die würde auch gerne „Wellness“ machen und ihre Seele baumeln lassen. Darauf hat Martha das gleich Recht wie Maria. Aber die Schwester erwischt diesmal den besseren Zeitpunkt. Sie ist die erste. Martha hat die schlechteren Karten und muss arbeiten. Das ist unfair, aber nicht zu ändern. So sind Geschwister nun mal, unabhängig vom Alter.

Da wird Martha richtig sauer. Sie unterbricht Jesus, auch wenn das unhöflich ist. „Jesus, du bist doch sonst immer für Gerechtigkeit! Und was ist mit mir? Ich mach’ hier die ganze Arbeit und mein Fräulein Schwester ruht sich aus. Das ist unfair! Sag du ihr, sie soll mir helfen!“

Geschwister können manchmal sehr verschieden sein, Maria und Martha sind das beste Beispiel dafür: zwei Schwestern, aber völlig anders. Man kann diese Geschichte als Beispiel für einen typischen Geschwisterkonflikt lesen: Die eine kriegt immer, was sie will, die andere ist ewig die Dumme. Maria, die Fordernde; Martha, die Genügsame. Maria, die Intellektuelle; Martha, die praktisch Veranlagte.

Dass Menschen mit der gleichen biologischen Herkunft, der gleichen Erziehung und einer langen gemeinsamen Kindheit und Jugend so verschiedene Charaktere entwickeln können, ist jedes Mal wieder erstaunlich. Aber es ist so. Und das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, ist unter Geschwistern nun mal vorprogrammiert. Geschwister wetteifern immer. Ein Geschwisterteil fühlt sich immer benachteiligt und reagiert eifersüchtig.

Dann aber würde uns diese Geschichte nichts Neues erzählen. Geschwister, die sich streiten, gibt es seit Kain und Abel. Männer greifen eher zur Gewalt. Frauen sind da subtiler. Am Ende darf sich die eine zwar verstanden fühlen. Die andere aber fühlt sich bestätigt.

Auch Martha und Maria-Typen gibt es überall: Die einen dienen, die anderen lassen sich bedienen. Die einen arbeiten, die anderen genießen die Früchte. Die einen sind fleißig, die anderen ruhen sich aus. Die einen bleiben noch zum Aufräumen da, die anderen genießen den Abend und gehen nach Hause.

Martha, die Praktische und Maria, die Intellektuelle? Martha, die Soziale und Maria, die Egoistin? So einfach ist es nicht.

Ich entdecke beide Schwester auch als Teile von mir selbst. Und meistens bin ich Martha: kann keine Arbeit liegen lassen und werde trotzdem nie fertig. Fluche über die Berge von Wäsche, über die dreckigen Fenster, über den Staub auf den Möbeln, über den Predigttext für den nächsten Sonntag – und raffe mich trotzdem auf. Natürlich habe ich Hilfe, aber die löst das Problem nicht wirklich. Ich versuche alles nicht nur irgendwie, sondern besonders gut zu schaffen. Zufrieden bin ich trotzdem nie. Und wenn ich mir dann mal Zeit nehme für mich selbst, meldet sich sofort das schlechte Gewissen: „Du müsstest noch…, du könntest noch …, du hast noch nicht …!“ Die Versuchung ist groß, allen alles recht zu machen und perfekt zu sein: perfekte Mutter, perfekte Freundin, perfekte Pfarrerin. Und immer noch und von irgendwoher Kräfte zu mobilisieren.. Die Gefahr dabei ist, irgendwann nur noch zu funktionieren. Zeit um die Seele baumeln zu lassen, ist heute ein ganz großer Luxus.

Das betrifft Frauen und Männer gleichermaßen, ob doppelt belastet mit Beruf und Haushalt oder einfach belastet mit Hausarbeit oder Berufstätigkeit. Für Wellness bleibt in der Regel keine Zeit.

Das Resultat ist dann das, was heute „burn-out-syndrom“ heißt. Ein Zustand völliger Erschöpfung, wenn alle Kräfte und Reserven verbraucht sind. Ich kennen viele, Männer und Frauen, die schon in jungen Jahren ausgepowert sind, weil der Alltag keine Oasen bietet. Man muss als Frau nicht mal berufstätig sein. Die Aufgabe als Mutter reicht aus. Für Alleinerziehende und Hartz IV – Betroffene wird’s noch schwerer. Rücksicht auf das eigene Wohlbefinden ist dann so gut wie unmöglich.

Maria nimmt sich dieses Recht, und wahrscheinlich macht sie’s richtig. Natürlich ist sie egoistisch. Aber wenn sie immer erst ihre Schwester fragt, gibt es immer die gleichen Diskussionen: Warum immer du und niemals ich – man kennt das. Deshalb tut sie lieber gleich, was sie für richtig hält.

Bleibt zu hoffen, dass Martha aus der Sache lernt und sich an Maria ein Beispiel nimmt. Dass sie auf ihre Seele hört, wenn sie seufzt: „Ich kann nicht mehr!“

Maria macht Wellness und tankt ihre Seele auf. Danach hat sie wieder Kraft, um die Dinge zu tun, die getan werden müssen: ihr Haus in Ordnung bringen, Menschen trösten, die Welt um sich herum verändern.

Und auch Jesus wird wieder gehen. Worte sind genug gesprochen. Jetzt müssen Taten folgen. Nachfolge bedeutet beides: Hören und Handeln, Innehalten und Aus-sich-heraus-Gehen.

Und Martha? Für sie ist es Zeit, die Hände in den Schoß zu legen. Ihre Seele braucht jetzt eine Pause.

Vielleicht, und das wäre schon viel, vielleicht geht ja aus diesem Gottesdienst der Geist von Maria mit uns in die neue Woche. Dann hätte dieser Gottessdienst der Seele gut getan. Christliche Wellness, Kirche mit Wohlfühl-Effekt. Damit wäre uns schon viel geholfen.

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