Geschenkt!

Liebe Gemeinde!

Um Weihnachten herum lief im Fernsehen der dritte Teil des gewaltigen Filmepos HEIMAT von Edgar Reitz, das das Schicksal einer weit verzweigten Familie aus dem Hunsrück quer durch das 20. Jahrhundert erzählt. Die drei Brüder Anton, Ernst und Hermann Simon, die dem fiktiven Hunsrückdorf Schabbach entstammen und dann auf sehr unterschiedliche Weise ihren Weg machen, ziehen sich durch alle drei Teile hindurch; wir erleben sie, wie sie als kleine Jungen im Dorf aufwachsen, ohne den Vater, der sich bald nach der Geburt seines zweiten Sohnes eines Tages ohne ein Wort aufmacht und nach Amerika verschwindet, während der wesentlich jüngere Hermann auf einer spätere Liebe seiner Mutter zu einem Mann ist, der bald nach Hermanns Geburt beim Entschärfen einer Bombae umkommt. Wir erleben dann, wie die beiden älteren, Anton und Ernst, als Jugendliche in die deutsche Kriegsmaschinerie hineingezogen werden, dadurch in einer Weise in Europa herumkommen, wie es für ihre ganz auf das Dorf bezogenen Eltern und Großeltern unvorstellbar war, und wie dann nach dem Krieg als Männer Mitte Zwanzig jeder auf seine Weise seinen Platz im Wiederaufbau und im Wirtschaftswunder der 50er Jahre findet. Und in HEIMAT 3, das unlängst zu sehen war, erleben wir dann auch den Tod der beiden älteren Brüder, Anton und Ernst.

Anton, der älteste, soll heute im Mittelpunkt stehen, weil er eine Lebenseinstellung verkörpert, von der – so denke ich – in jedem von uns etwas steckt, und die doch – im Licht unseres heutigen Predigttextes – hochproblematisch ist. Jahrgang 1923, entfaltet er schon als Junge eine Neigung zur Technik; ihm gehört der erste, ganz primitive Filmapparat von Schabbach, mit dem er in der Scheune den anderen Kindern so etwas wie Kino präsentiert. Als junger Soldat setzt sich das fort: Da kommt Anton als Filmtechniker zur Wochenschau und filmt in halb Europa den Fortgang des Krieges, in der propagandistisch erwünschten Version. Am Ende steht die russische Kriegsgefangenschaft, aus der Anton aber ausbricht und den Heimweg nach Schabbach von mehreren Tausend Kilometern zu Fuß zurücklegt. Auf diesem monatelangen Fußweg kommt ihm eine fixe Idee: ein Kameraobjektiv zu konstruieren, das besser ist als alles, was es bis dahin gibt. Zu Hause angekommen, wird aus dem Kriegsgefangenen Anton Simon ein Existenzgründer: Auf der grünen Wiese am Ortsrand von Schabbach entstehen die Optischen Werke Simon, die bald ein beachtliches Unternehmen mit vielen Angestellten werden. Antons Firma bietet höchste Qualität, mit dem Produktionsvorteil der guten staubfreien Hunsrücker Luft. Anton wird zum Prototyp des erfolgreichen mittelständischen Unternehmers in der deutschen Provinz. Das prägt ihn im seinem Umgang mit den Menschen. Bei jeder Gelegenheit scheint er vor Stolz auf das Erreichte nur so zu platzen. Die Stiefel, mit denen er einst den langen Fußmarsch aus der Gefangenschaft zurück nach Schabbach zurückgelegt hatte, werden in Gold gefasst, in der Firma auf einem Sockel aufgestellt und bei jeder Gelegenheit den Geschäftspartnern vorgeführt. Immer wieder ist von ihm zu hören: Wer wirklich etwas erreichen will im Leben, der schafft das auch, mit jener groben, unskrupulösen Durchsetzungskraft, mit der er es schließlich auch geschafft hat. Er versteht sich auf die kleinen Demütigungen, mit denen er seine Angestellten und das ganze Dorf immer wieder spüren lässt, wer das Sagen hat und wer sich von wem etwas gefallen lassen muss.

Und selbstverständlich ist Anton Simon nicht nur in der Firma der Patriarch, und nicht nur der unumschränkte Herrscher von Schabbach. Er wird auch zum Familienpatriarchen, meint seine Brüder und seine fünf Kinder gerade so herumkommandieren zu können wie er es aus der Firma gewohnt ist. In HEIMAT 3 sehen wir, was am Ende dabei herauskommt: Anton ist nun Ende 60, aber den Betrieb führt er weiter mit eiserner Hand, und seine größte Sorge ist, dass sein Sohn Hartmut, der als Playboy und Oldtimerliebhaber seine Opposition zum übermächtigen Vater deutlich auslebt, sein Lebenswerk erben und zunichte machen könnte. Demonstrativ vermacht Anton an seinem 70. Geburtstag vor versammelter Festgesellschaft seinem gerade erst geborenen ersten männlichen Enkel einen Großteil seines Vermögens. Zwei Jahre später ist er tot, ein Herzversagen in der Nacht nach dem größten Erfolg des Schabbacher Fußballvereins, dessen Präsident und Hauptsponsor er natürlich auch war.

Sucht man nach einem Motto, das man über Anton Simons Leben setzen könnte, so würde am besten die alte Spruchweisheit passen: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Anton Simon hat getan, was er konnte, um sein Leben gelingen zu lassen. Das Gelingen, das Glück, war für ihn gleichbedeutend mit dem, was er selbst dazu getan hatte.

Hören wir dagegen noch einmal die Worte Jesu: „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.“

Das Gleichnis ist sehr leicht verständlich und doch schwer wirklich anzunehmen, zumal für Menschen in einer Leistungsgesellschaft wie der unseren. Denn es geht hier um das, was einfach so geschieht, ohne dass wir etwas dazu getan hätten. Dieses „von selbst“ ist das Gegenteil des „Jeder seines Glückes Schmied“. Wohl braucht es einen Anfang, also im Gleichnis: dass einer den Samen aufs Land wirft – damit überhaupt etwas werden kann. Aber dann – was aus dem wird, was wir beginnen, dass etwas daraus wird, das ist doch selten genug im Leben wirklich die eigene Leistung der Menschen. Und umgekehrt: Ob das, was einer selbst zuwege bringt, wirklich das ist, was Glück bedeutet? Kommt das Glück nicht viel eher aus dem, was einem im Leben geschenkt wird, unverdient, unkalkuliert, einfach so?

In HEIMAT 3 sehen wir Anton Simons Leben, das Leben eines Selfmademans im Rückblick; es wird Bilanz gezogen. Die Bilanz ist vernichtend. Anton hinterlässt ein marodes Unternehmen, denn längst kann ein solcher Mittelständler nicht mehr mit den Weltkonzernen konkurrieren. Er hinterlässt eine zerstrittene Verwandtschaft; seine Kinder werden noch jahrelang um das Erbe gegeneinander prozessieren. Er stirbt unversöhnt mit seinem jüngeren Bruder Ernst, für den er nur Verachtung übrig hatte, und ebenso unversöhnt mit seinem ältesten Sohn, dessen Lebensuntüchtigkeit doch hauptsächlich von der Bevormundung durch den Vater herrührt. Antons Beerdigung wird zum Desaster, in dem sich symbolisch abbildet, dass die Menschen ihn nie geliebt haben, nur gefürchtet, bestenfalls geachtet. „Jeder ist seines Glückes Schmied“: hat Anton sein Glück geschmiedet? Nein, er hat das Glück verwechselt mit einer eitlen Zufriedenheit über das selbst Erreichte. Man kann das Glück mit solcher Selbstherrlichkeit verwechseln, aber doch spätestens an der Schwelle zum Tod wird der Selbstbetrug offensichtlich. Was Anton geschmiedet hat, war kein Glück, es sah nur so aus.

Liebe Gemeinde, lassen Sie uns das Gleichnis Jesu noch einmal auf diese Frage nach dem Glück hin befragen. Natürlich ist nicht zu bestreiten, dass es sinnvoll ist, wenn Menschen sich über ihr Leben Gedanken machen und sich Ziele setzen, die sie dann anstreben und erreichen – oder auch verfehlen. Aber: Es ist eben nicht so, dass das eigene Tun zum Erreichen von Lebenszielen als solches wirklich glücklich macht. Ich möchte im Gegenteil behaupten, dass wir nicht von dem glücklich werden, was wir tun, sondern von dem, was uns getan wird. Bei vielem im Leben, was uns glücklich macht, wissen wir insgeheim: Es hätte auch anders kommen können. Es lag nicht wirklich in unserer Hand, dass uns etwas gelungen ist. Wir haben den Anfang gemacht, aber das Gelingen, das kam von woanders her.

Ich denke, jeder von Ihnen hat solche Erfahrungen gemacht. Gestern haben wir beim Konfi-Tag über die Liebe und das Verlieben gesprochen, und festgestellt: Man kann vieles tun, um attraktiv zu wirken, man kann sich einige Mühe geben, das Herz eines Menschen zu gewinnen, in den man sich verliebt hat – aber mit all solcher Mühe hat man es doch nicht in der Hand, dass der andere die Liebe erwidert. Und das gilt nicht nur für den Beginn einer Liebesbeziehung, sondern auch für die Tage, Monate und Jahre danach: Jeden Tag wieder ist es nicht meine eigene Leistung, sondern es ist ein Geschenk, dass da ein Mensch ist, der mich liebt.

Oder: Dass ein Mann und eine Frau ein Kind miteinander haben können – auch dieses Glück kann sich – bei allen Fortschritten der Reproduktionsmedizin – keiner selber machen. Es wird einem geschenkt; und das Wissen darum ist ein starkes Motiv, dass junge Leute um die Taufe ihres Kindes bitten – weil sie erfahren haben, dass es im Leben andere Kräfte und Mächte gibt als das, was sie selbst bewerkstelligen können.

Oder: Wir haben heute in diesem Gottesdienst durch den Chor große, inspirierte Musik. Ein Komponist wie Heinrich Schütz verstand zweifellos sein Handwerk; aber dass beim Komponieren das entstand, was wir heute noch mehrere hundert Jahre später ein Meisterwerk nennen, das lag nicht in seiner Hand und war nicht das Ergebnis seiner Anstrengungen. Es ging irgendwie von selber, es wurde dazu geschenkt. Und so kann man von diesem Beispiel her festhalten: Immer wenn etwas Lebendiges, Schöpferisches in die Welt kommt, dann ist das nicht das Ergebnis der zielstrebigen Anwendung von menschlichen Fähigkeiten, von Wille und Macht. Es muss etwas dazu kommen, damit es gelingt. Unser Gelingen, unser Glück bleibt unverfügbar, es ist schlechthin nicht machbar. Es widersteht allen Machbarkeitsphantasien unserer technischen und zielorientierten Machbarkeitswelt.

Unser Glück hängt also nicht so sehr davon ab, was wir tun und was wir tun können, sondern davon, dass wir erkennen, was uns alles getan wurde in unserem Leben, was da alles „von selbst“ geschehen ist, ohne dass wir uns einen Anspruch darauf erworben hätten. Einfach so. Nicht der Stolz auf das selbst Erreichte macht glücklich, sondern die Freude und die Dankbarkeit darüber, dass wir im Leben so viel geschenkt bekommen, von Gott und von anderen Menschen.

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