Der rechte Augenblick

Liebe Gemeinde,

mitten in den Faschingstrubel hinein, sozusagen vor den Hochfesten der fünften Jahreszeit, hören wir ein Wort aus der Heiligen Schrift, aus dem Evangelium nach Lukas im zehnten Kapitel, die Verse 38-42:

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Maria und Marta: wie oft sind die beiden zusammen auf Gemälden dargestellt worden. Marta als diejenige, die arbeitet und schafft, meist im Hintergrund des Bildes gehalten, Maria als diejenige, die zu den Füßen von Jesus sitzt und ihm zuhört. "Maria hat das gute Teil erwählt", so spricht der Herr. Heißt das etwa, dass Marta das falsche tut? Ist sie im Unrecht mit ihrem Schaffen und Werkeln? Ist diese Bibelstelle, die übrigens nur beim Evangelisten Lukas vorkommt, etwa eine Anleitung zum Nichtstun, zum Rumsitzen, während andere Leute arbeiten sollen?

Sie merken an meinen Fragen, dass ich das so nicht sehen kann. Müssten wir doch von vielen Dingen ganz Abstand nehmen, wenn wir diesen wörtlichen Sinn einfach auf alles übertragen wollten. Dann bräuchten wir keine Diakonie mehr, wir bräuchten das sich einmischende Handeln der Christen in der Welt nicht mehr. Wir bräuchten schließlich unseren Glauben, dass Gott diese Welt verändern wollte, nicht mehr hochhalten. Was würden wir den Menschen erzählen, wenn es nur um diese Mariaeigenschaften ginge? Wir würden wohl die Kontemplation, das Sichversenken, die Meditation und das Gebet predigen. Das allein, liebe Gemeinde, wäre aber zu wenig. Bedenken Sie: das Gebet allein hat noch nichts bewirkt – die Hand muss zum Wollen hinzukommen und die Tat vollbringen. Das Sichversenken allein hat noch nichts in der Welt verändert: erst die Menschen, die aus der inneren Schau verändert in die Welt treten, haben es vermocht, auch die Welt neu zu gestalten. Sie merken also: mit der Abwertung der Marta ist nichts gewonnen, sondern wäre viel verloren. Darum aber geht es Jesus nicht. Dass er nach der Überlieferung des Lukas die Marta nicht abwerten will, sieht man schon an der Stellung dieses Geschichte im Evangelium. Direkt davor finden wir das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Dort "tut" jemand das Evangelium – er setzt Jesu Weisung um und das als Vorbild für alle, die ihm nachfolgen. Besonders brisant: das Vorbild im Glauben-tun ist jemand, der gar nicht den richtigen Glauben in den Augen der Angesprochenen hat: der Samariter ist ein Ausländer! Und direkt nach unserem Predigtwort die Überlieferung des Vaterunsers mit der Erklärung des bittenden Freundes: bittet, so wird euch gegeben. Suchet, so werdet ihr finden.

Also: tut etwas, liebe Gemeinde, ruft uns Jesus nach der Lukas-Fassung zu. Zwischendrin aber diese Geschichte von Marta und Maria, gleichsam ein Angel- und Drehpunkt zwischen dem vielen Tun. Marta tut das Richtige: sie dient Jesus mit ihrem Leben, in diesem Falle tut sie es als gute Hausfrau oder Hauswirtschafterin, ganz wie Sie wollen: sie versorgt Jesus und ich nehme an, auch diejenigen, die ihn begleiten, mit Essen und Trinken. Vielleicht stöhnt sie deswegen so über die Arbeit: weil es so viele Münder sind, die gefüttert werden wollen. Ohne solche Leute wie Marta wäre Jesus mit seinen Jüngern wohl nicht sehr weit gekommen: Essen und Trinken als notwendige Voraussetzung für jede gelingende Reise. Diese Marta ist uns ein Beispiel: sie dient Jesus in ihrem Beruf, in ihrer Tätigkeit. Sie muss nicht predigen gehen, sie muss nicht verkündigen oder missionieren im Sinne von "Glaubensgesprächen führen" oder ähnlichem, sondern sie "tut" einfach ihre Arbeit, an dem Platz und zu der Zeit, an der sie hingestellt ist. Was wäre doch schon gewonnen, wenn wir diese einfache Wahrheit in unser Leben umsetzen könnten: an dem Ort, an den wir gestellt sind, unsere Arbeit zu tun: in Freundlichkeit und Demut, mit der Gewissheit, dass auch unsere Arbeit eine notwendige ist. Übrigens: nicht besser ist diese Arbeit als jede andere Arbeit – aber auch nicht schlechter. Nur weil wir zu Hause arbeiten oder in der Fabrik, weil wir vielleicht keine hohen Schulabschlüsse haben oder das Arbeiten nicht in einer Lehre lernen durften: deswegen ist unsere Arbeit nicht schlechter als die Arbeit derjenigen, die etwa im Management einer Firma sitzen oder vor den Augen der Weltöffentlichkeit ihre Arbeit machen. Jede Arbeit ist darin gleich zu beurteilen: ist sie denn mit der Liebe getan, zu der wir als Christen aufgefordert sind. Ist sie getan im Bewusstsein um die Verantwortung der Schöpfung und dem Mitmenschen gegenüber? Der "kleine" Fabrikarbeiter mit seinem beschränkten Betätigungsfeld und der "große" Manager dieser Fabrik: beide können schwer fehlen, wenn sie diese Maßstäbe verletzten. Vielleicht wird der eine weniger sichtbare Schäden hinterlassen, als der andere, aber sie werden beurteilt werden nach der gleichen Maßgabe: jeder in seinem Bereich. Marta also bleibt uns ein Beispiel für unser Tun in unserem Alltag: dort wo wir tagtäglich unser normales Leben verbringen. Ganz nebenbei, liebe Gemeinde: ich gehe davon aus, dass auch Maria dieses normale Leben ihrer Schwester geteilt haben wird. Zwei Frauen, anscheinend ohne Mann, zu jener Zeit zusammenlebend: beide dürften ihre Arbeit getan haben, um überhaupt überleben zu können. Also auch Maria wird ihre Alltagsarbeit gehabt haben.

Nun aber, zu jener besonderen Zeit, verhält sich Maria anders als Marta: sie unterbricht ihren Alltag, als Jesus Christus zu ihnen kommt. Wie kann sie wissen, dass dieser Mann etwas Besonders darstellt? Vielleicht ist ihm sein Ruf vorausgeeilt, vielleicht spürt Maria aber auch einfach nur in dieser Situation, welche Vollmacht zu lehren Jesus besitzt. Vielleicht spürt sie, dass dort nicht nur der Mensch Jesus spricht und lehrt, sondern Christus selbst anwesend ist: der Sohn des lebendigen Gottes. Maria macht das, was in der Heiligen Schrift an vielen Stellen zu finden ist: sie unterbricht ihren Alltag, ihr geschäftiges Tun und schweigt im Angesicht dieser Nähe Gottes. Wie ein heiliger Raum, ein heiliger Bezirk, den das Alte Testament an vielen Stellen kennt, und in welchem die Menschen zur Ruhe kommen, um Gott zu hören. Mose zieht am brennenden Dornbusch seine Arbeitsschuhe aus, Elia erfährt Gott in der Stille, der Raum des Tempels, der das Allerheiligsten genannt wird, ist frei von jeglichen Gegenständen. All das, liebe Gemeinde, ein Zeichen für die Nähe Gottes: nicht mit lauten Geplärr von Liedern (wie es der Prophet Amos abwertend beschreibt), nicht mit endlosen Gebet mit Menschenworten gesprochen (wie es der Evangelist Matthäus bemäkelt), nicht mit rastlosem Tun begegnet man Gott, sondern mit Demut, Schweigen, Stille und der Bereitschaft zu hören. Maria tut also nichts anderes als Marta in ihrem Alltag, aber Marta hat den Augenblick, sich Gott zu nahen, in diesem Moment verpasst. Sie hat ihn übersehen, weil sie dachte, dass die Erfüllung ihres Lebens allein in den Tätigkeiten liegt, die sie doch so gut und so vorbildhaft ausübt. Nein, liebe Gemeinde: auf den Alltag folgt der Sonntag. Der Sonntag als Beginn einer jeden neuen Woche: Kraft schöpfen, zur Ruhe kommen, Gottes Wort hören und für sein Leben bedenken. Auf die Tätigkeit folgt die Ruhe und aus der Ruhe kommt die Kraft für das Tun. Marta hat also den rechten Augenblick verpasst und darin kann uns Maria ein Vorbild sein. Ja, es geht auch darum, wie wir mit unserem Sonntag umgehen, wie wir ihn füllen. Ob wir bereit sind, vom Tun abzulassen und uns dem Hören zuzuwenden. Sind wir bereit, das Wort Gottes, das uns in jedem Gottesdienst mannigfaltig begegnet, auch an uns heranzulassen. Sitzen wir – im Bilde gesprochen – wie Maria zu Füßen dieses Gottes und hören sein Wort? Sind wir stille genug, um es von selbst zur Wirkung kommen zu lassen, dass es uns anrühren kann und uns verwandeln kann oder sind wir in Gedanken schon wieder beim Tun, bei dem, was wir erfüllen sollen und werden, von dem wir aber auch anscheinend nicht lassen können. Sie brauchen aber, liebe Gemeinde, nicht nur den Sonntag zu bemühen als Beispiel. Wir können in unsere Leben direkt blicken, so verschieden sie auch sein mögen. Nehmen Sie sich die Zeit, einen Augenblick abzuschalten und inne zu halten? Egal ob am Morgen, am Abend oder mittags – ausgelöst durch das Geläut der Glocken etwa – oder einfach immer mal wieder zwischendurch? Die Arbeit ruhen lassen und sich eingestehen, dass man angewiesen ist auf ein höheres Wort, auf eine verbindlichere Weisung, als die, die wir uns selber geben können. Bereit zu sein, zu hören. Bereit sein, sich selbst unterbrechen zu lassen im dem, was einen sonst tagtäglich ausmacht: sind Sie das? Wir glauben Gottes Wort verbindlich anwesend im Gottesdienst, v.a. in der Predigt, den Lesungen und im Sakrament (wie wir ja heute auch eines feiern werden: Gottes Anwesendheit so direkt, so spürbar, so essbar und greifbar, als wenn er sagen wollte: hier bin ich – mache ich wieder fest in deinem Glauben). Aber Gottes Wort ist nicht darauf beschränkt, die Kirche besitzt es nicht, schon gar nicht exklusiv. Gottes Wort kann Sie überall treffen, um das Bild eines guten Freundes von mir zu nehmen: sogar beim Busfahren. Momente, die unser Leben erleuchten können, in denen uns ein Licht aufgeht. Maria war wohl bereit für diese Momente: sie hat sie angenommen und das heißt nichts anders, als sich einzulassen auf diese Begegnung, die einem dort widerfährt. Bereit sein, sich verändern zu lassen. Gottes Geist will unser aller Leben erreichen und berühren. Gottes Geist ist der Geist des lebendigen Gottes und Lebendigkeit bedeutet Wandel des Seins. In allem, was wir tun, liebe Gemeinde, in allem, was wir leben und sind, liegt keine Endgültigkeit. Nichts von dem, was unser Leben von unserer Seite her ausmacht kann den Anspruch erheben, von Dauer zu sein.

Vielleicht überliefert der eine von uns Worte und Taten, die sein Ableben in dieser Welt überdauern werden und zu einer gewissen Berühmtheit gelangen. Vielleicht vollbringt der nächste von uns Dinge im Kleinen, die aber fortwirken und eine heilsame Linie über Generationen hin eröffnet. Vielleicht gerät wieder ein anderer in ein hohes Ansehen schon zu Lebzeiten und wird gelobt und beachtet, vielleicht wird er sogar zu einem Vorbild für viele andere. Aber all das, liebe Gemeinde, ist nur das Treiben von uns Menschen: und das hat keinen Bestand, so bewundernswert oder auch nachahmenswert es auch immer sein mag. Schlussendlich bleibt es relativ und kann kaum dazu dienen, uns einen Augenblick zu erhöhen. Was aber von Gottes Seite aus zu den Menschen kommt, ist von grundsätzlich anderer Qualität. Es ist bleibend, weil es den Menschen verändert. Es ist bewegend, weil es von großer innerer Ruhe ist. Wer die Geschichte von Marta und Maria liest, der wird sich beides sagen lassen dürfen: sein Tun in der Welt ist nötig und wichtig: Marta bleibt uns darin Vorbild. Aber es ist auch nötig, bereit zu sein wie Maria: bereit, dieses Tun zu unterbrechen, sich selbst heilsam unterbrechen zu lassen, wenn Gott dir in deinem Leben begegnen will. Alles Treiben und Handeln bleibt dann hinten angestellt und Stille breitet sich aus, die durch dein Hören gekennzeichnet ist. Sei in diesen Momenten deines Lebens wie Maria: die demütig Hörende und lass dir das Teil schenken, das nicht mehr von dir genommen werden kann, sondern bleiben wird in Gottes Endgültigkeit.

Marta und Maria geben uns, wie fast alles in der Bibel, keine Rezeptsammlung für unser Leben vor. Was für den einen seine tägliche Bibellese in einer ruhigen halben Stunde sein mag, das kann für den nächsten die Besinnung sein, die er erfährt, wenn er sich mit Liebe seinen Blumen widmet. In beiden kann die vorbereitende Kraft für stille Momente liegen, die Garantie für eine Begegnung, wie sie Maria hatte, bieten sie nicht. Aber sie sind Übung, wie unser sonntägliche Gottesdienst, Übung im Hören und bedenken, Übung im Sich-beschenken-lassen in unserer lauten Zeit. Nutzen Sie diese Übung, damit sie vorbereitet sind, wenn der Herr selbst sie aufsuchen mag, wie einst Marta und Maria.

Liebe Gemeinde, mitten in den Faschingstrubel hinein, sozusagen vor den Hochfesten der fünften Jahreszeit, bedenken wir dies Wort vom Tun und vom Hören. Wer den Faschingstrubel mag, der soll ihn fröhlich feiern: auch dazu ist der Mensch geschaffen, für fröhliches Beisammensein mit Freude und Lachen und sicherlich auch bei gutem Essen und Trinken. Aber setzen Sie nicht Ihre alleinige Hoffnung auf solches Tun, sondern bleiben Sie dran am Vorbild der Maria: dem demütigen, stillen Hören, wenn der Moment gekommen ist, seine Zeit zu geben und sich darin von Gott selbst beschenken zu lassen.

Und weil nun die Tage alle in Versen reden, kann ich auch nicht anders – Sie mögen es mir nachsehen:

Marta sagt, was soll dies Hören,

denn draußen liegen noch die Möhren.

Sie fix geschält und dann gekocht,

dass hat noch jeder Mann gemocht.

So mach dich auf, du faules Ding,

damit ich nicht ich allein vollbring,

was zwei doch besser machen können.

Doch Jesus weiß von diesem Reden,

und stellt gleich klar: der wahre Segen –

der liegt nicht nur allein im Tun,

denn manchmal auch im rechten Ruhn.

Gott kommt, den Menschen aufzuspür´n

dann halte inne, rumzurühr´n,

besinn´ dich recht und höre zu,

in dem Moment spricht Gott das "Du"!

Erst jenes "Du" schafft Gottes Bilde,

das sei gesagt euch Arbeitsgilde.

Und der Frieden Gottes, der beständiger ist, als all unsere Sorge und Mühe, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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