Schneekugel, Nussschale, Samenkorn – Reich Gottes

Liebe Gemeinde,

Jesu erste Predigt wird im Evangelium mit einem Satz wiedergegeben: ?Kehrt um, das Reich Gottes ist nahe!? Seine ersten Jünger haben diese Predigt wohl gehört, doch erst ein spektakulärer Fischzug gab den Ausschlag sich in Bewegung zu setzen ? sich Jesus anzuschließen.

Wenn uns heute jemand so anspricht, dann blocken wir eher ab, wir verbinden damit Visionen von Horrorszenarien einer Endzeit und Zahlenmystiken, wie sie besonders im Rahmen der Jahrtausendwende zu beobachten waren. Gerade mal gut für zahlreiche Filme, aber viel zu weit weg vom "richtigen Leben".

Wie damals die Jünger verstehen auch wir das Reich Gottes als Wandlung zum Guten und Gottes Plan entsprechenden Leben. Wie das klappen soll, davon gibt es verschiedene Vorstellungen. Wird es ein neuer Herrscher sein, der alle Welt von seinem Charisma erfüllt – der Messias! Wird es eine riesige militärische Schlacht sein ein Feldzug des Glaubens, wie wir es in Ansätzen heute aus Amerika zu vernehmen meinen. Wird dieses Reich erst nach unserem Tod zum Zuge kommen als eine Art Dimensionswechsel?

"Wo ist Gott jetzt und was macht er" – das die Frage die angesichts der Katastrophen der letzten Wochen häufig gestellt wurde, auch angesichts der Gräueltaten der Nazis, deren Ende vor 60 Jahren in diesem Jahr besonders gedacht wird.

Die Frage nach einem gerechten Gott wurde schon lange vor Jesus gestellt und sorgte immer wieder für einen gewaltigen Einbruch im Glauben. Wie ist das mit dem Reich Gottes? Ist es jetzt nicht da, dann kann oder will Gott wohl nicht in die Geschichte eingreifen, er ist schwach oder uninteressiert. Kann das sein? Der allmächtige liebende Gott?

Zur Zeit Jesu ist Israel im Niedergang begriffen, nach König David hatten Teilung, Eroberung, Exil und Fremdherrschaft das Land und die Menschen erschüttert und doch hatten die Menschen die Hoffnung nicht aufgegeben, die Treue Gottes zu seinem Bund, die den Urvätern versprochen war fest gehalten. Einmal kommt das Reich Gottes. Kein Wunder also, dass auch Jesus mit dieser Frage konfrontiert wird. Was soll er antworten, damit möglichst alle verstehen, was er meint? Mit Bildern seiner Zeit versucht er das Geheimnis zu erklären:

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Mit einem einfachen Bild beschreibt er, was die Theologie das "schon und noch nicht" nennt. Gottes Reich kommt nicht morgen, nicht plötzlich es ist von Anfang an da, aber noch nicht so, wie es sich entfalten wird. Für viele Zuhörer war das zu hoch und entsprach kaum ihren Vorstellungen, auch für die Jünger war es ein neuer Denkansatz, den sie erst einmal verdauen mussten.

Für uns heutige Hörer ist das Bild etwas schief. Wenn wir säen, dann ist die Erde maximal vorbereitet, der Bauer ist mit seinem Güllefass schon über den Acker gefahren oder hat sich die Errungenschaften Justus von Liebigs zu eigen gemacht und geht mit Kunstdünger ran. Das Getreide ist nach genetischen Kriterien ausgewählt, dass es nicht Krankheits – oder Schädlingsanfällig wird und zur Sicherheit wird auch noch Schädlingsgift gespritzt. Berieselungsanlagen helfen gegen die Dürre – gegen Hochwasser, Hagel, Brand und Sonstiges nur noch die Versicherung … Wir wissen wie ein Samenkorn wächst, welche Bedingungen es braucht, welche chemikalischen Abläufe das Wachsen beeinträchtigen. Ist das Gleichnis deshalb zu altbacken und nur noch für Kinder und Ökobauern vom Weilheim – Schongauer Land?

Gute Dinge brauchen ihre Zeit um sich zu entwickeln, so heißt die Botschaft und auch wenn wir unserem Alltagsgeschäft nachgehen oder schlafen, bewegt sich die Welt weiter.

Die Vorstellung der altorientalischen Welt der Menschen gleicht etwa einer Schneekugel: abeschirmt nach außen durch die Himmelsfeste, durchlässig für Licht und Wasser in bestimmten Maßen, sicher und fest am Boden und doch durchlässig für Wärme, Luft und Wasser wird ein Mikrokosmos in das Urchaos gestellt. Die umliegenden Kulturen sprechen von Monstern und Ungeheuern, man findet sie in der Bibel wieder, z.T. haben sie sich bis heute in Geschichten erhalten … Dieses Chaos versucht von allen Seiten in diese Schneekugel einzudringen und sie wieder einzuverleiben. So waren Katastrophen kein Wunder für die alten Kulturen, allenfalls versuchte man die Ungeheuer oder Chaosgötter mit Opfergaben wohl zu stimmen. Erst viel später kam die Frage nach der Schuld auf. Hatte man selbst etwas getan, das die Götter erzürnt hatte. Die kosmischen Kräfte waren mit der Zeit personalisiert – vermenschlicht worden.

Auch heute beschäftigen wir uns intensiv mit der Frage der Schöpfung, der Entstehung unserer Welt. Die Chaostheorie erzählt von einer quasi ungeordneten Struktur der Welt, in der alle nötigen Bestandteile für das Leben verteilt sind – Entropie. Es war Steven Hawking der auf eine Gleichung für unser Weltall gekommen ist: Das Universum entwickelt sich aus einer Nussschale. In das Chaos hinein entsteht mit einem großen Knall ein Samenkorn, das sich entwickelt und ausbreitet über Milliarden von Jahren – erreichbares Ziel noch zu erforschen.

Da können wir uns tatsächlich in Ruhe schlafen legen und wieder aufstehen – das große Weltgeschehen geht an uns vorbei, wir können es erforschen, uns immer besser auf Gefahren vorbereiten und doch können wir es nicht letztendlich verändern und Gott, von dem wir annehmen, dass er das könnte – ist so weit?

Kommen wir zum Gleichnis zurück: Natürlich geht der Landwirt, wenn er ausgesät hat anderen Aufgaben nach – doch kennen Sie einen Bauern, der nicht regelmäßig nach seinen Feldern sieht, sich am Wachstum freut, oder schreit, flucht oder weint, wenn die ganze Ernte zerstört wird? Der "dann eben nicht" ruft und nicht im nächsten Jahr wieder aussät? In diesem Bild sehen wir Gott als mitleidenden Gott mit der Schöpfung, als immer aufs neue hoffende Gott, der den Menschen ständig eine neue Chance einräumt. Als liebevollen Gott, der sich freut, wenn seine Saat an Liebe und Hoffnung aufgeht. Damit, dass er Samen ausgesät hat, hat sich Gott der Landwirt selbst an sein Land gebunden – wir sprechen vom Alten und vom Neuen Bund mit den Menschen, es ist ihm nicht egal, was aus uns wird.

Schon und noch nicht ist das Reich Gottes bei uns. Was hat das für Konsequenzen für unser Leben?

1. Wir müssen nicht in blinden Aktivismus ausbrechen und auch nicht die ganze Welt mit eigenen Händen in Ordnung bringen. Es ist richtig, das zu tun, was unseren Alltag darstellt, da das beste daraus zu machen, wo wir gerade stehen.

2. Wir können von Schuldzuweisungen an andere Volks – und Religionsgruppen absehen – wenn wir uns gegenseitig in der Annahme auf Gottes Seite zu stehen abschlachten ist nichts gewonnen, selbst wenn es böse Menschen gibt, ist es gefährlich sich als Richter aufzuspielen: Jesus zeigt das in einem weiteren Gleichnis von der Saat: "Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut. Da traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du denn, dass wir hingehen und es ausjäten? Er sprach: Nein! damit ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte." (Mt 13,26)

Wer das Werk des Feindes vernichten will, schadet auch sich selbst, so drückt es auch das Orakel der Pythia für Krösos aus, als sie sagt, wenn er die Grenzen überschreitet, wird er ein großes Reich vernichten – es war sein eigenes. Die Tage zerstörten Panzer das Alte Babylon konsequenzlos sollte das nicht geschehen sein.

3. Wir können Vertrauen, dass Gott bei uns ist und mit uns Freude und Leid empfindet und mit uns darauf hofft, dass das Gute, Menschliche und damit auch Göttliche sich entfalten kann.

4. Wir können Gott ansprechen und erreichen, auch wenn das unseren Horizont übersteigt. Auch wenn wir mit unserem Leben hadern und keinen befriedigenden Platz in der Weltordnung finden. So sagt im Musikal Anatevka der Rabbi als alle Bewohner wegen eines Progroms das Dorf verlassen müssen: "Ach, lieber Gott, lass uns, wenn es denn bitte sein kann, etwas weniger auserwählt sein und dafür auch vielleicht, wenn es denn möglich ist, etwas weniger leiden."

5. Wir haben ein Ziel in der Entwicklung unserer Welt, die völlige Entfaltung des Reiches Gottes. Unser Leben ist nicht ziellos und sinnentleert. Wir haben dabei eine Aufgabe.

Bleibt die Frage: "Welche Rolle spielt Jesus" in diesem Gleichnis? Auch da kehre ich zur Schöpfungsgeschichte zurück: "Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zu seinem Bilde schuf er ihn und er schuf sie als Mann und Frau." Ist also Gott der, der den Samen für diese Welt gelegt hat, dann sind wir in seinem Sinne ebenfalls als Sämänner und -frauen geschaffen. In seinem Namen verbreiten wir die Botschaft vom Reich Gottes, die Samen für Liebe und Hoffnung, Selbstbindung (d.h Religion wörtlich) und Verantwortung. Wir tragen diesen Samen in uns jeder und jede einzelne. Der Taufspruch "Ich habe dich bei denem Namen gerufen, du bist mein" und der Zuspruch "Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" meinen uns ganz persönlich. Was daraus erwächst, können wir nur ahnen. Wir brauchen Geduld – mit Gewalt wird aus keinem Kind ein Wunderkind. Oft wird man von dem Samen nicht entdecken, Erde, Schnee und Eis liegen darüber, manchmal verhagelt es uns die Petersilie und doch steckt etwas in uns das sich mit dem Jahren entfaltet. Das, was entsteht, ist so individuell wie wir selbst. Wir können darauf vetrauen, das dieser Same in uns, aber auch in den Menschen, die uns umgeben unseren Kindern, Schülern, Freunden, unseren Nachbarn, Mitarbeitern, Politikern vorhanden ist.

Das vergessen wir gerne. So hat Gott vor Zeiten ein menschliches Samenkorn in die Welt gesetzt. Jesus sollte vom Reich Gottes erzählen und die Menschen mit seinem Handeln an ihr Eigenstes erinnern. Davon angestoßen erzählen wir immer weiter von Gottes Reich, so wie Jesus es getan hat.

So vertrauen wir auf gutes Wachstum der Schöpfung Gottes, gehen verantwortungsvoll mit den uns anbetrauten Aufgaben um, entdecken Gottes Samen in unserer Welt, im Mitmenschen und Mitgeschöpf, erzählen von Gott und geben Generation für Generation Gottes Liebe und Hoffnung weiter in der Hoffnung, dass sie auf fruchtbares Land fallen und sich vervielfältigen mit jeder Ernte. Gott ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende in Freud und Leid, in fruchtbaren wie in mageren Jahren in der Hochkonjunktur wie in der Katastrophe.

Das ist die Botschaft Jesu, (Sendewort:) "nehmt das Wort an mit Sanftmut, das in euch gepflanzt ist und Kraft hat, eure Seelen selig zu machen. Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein" (Jak 1,21.22)

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