Schlafmütze, Gebetsschal und Bauhelm

Liebe Gemeinde,

hoffentlich ist der Vergleich nicht zu banal oder gar despektierlich. Aber, ehrlich. Ein bisschen erinnert mich der heutige Evangeliumstext an das, was mir meine Bank und die diversen Versicherungen ins Haus schicken. Die werben zwar nicht für das „Reich Gottes“, aber sie versprechen es ähnlich: Gib uns dein Geld; und dann wird es mehr Tag und Nacht. Du musst dich um nichts kümmern. Denn von selbst bringt es Zinsen. Lebe sorgenfrei. Ernte ist gewiß … usw. usw.

Hochglanz-Prospekte und die darin bebilderten Lebensträume und Versprechen blenden die mühseligen und dunkeln Seiten des Lebens aus. Alles scheint so leicht zu sein. „Von selbst bringt die Erde Frucht.“ Verstehe ich das Evangelium richtig: So „easy“ also soll das mit dem „Reich Gottes“ sein? Ein schönes Bild –auf den ersten Blick. Wenn da nicht im alten, griechischen Text dieses moderne, Menschen verdrängende Wort wäre: Automatisch (bzw. <i>automatä</i>; wie es griechisch heißt.) So, wie Saat „automatisch“ Frucht bringt in der Erde, genauso soll es mit dem Reich Gottes sein. Es kommt „automatisch“, so, wie Saat aufgeht:…. Äh … ohne mich?

Kürzlich hatte ich im Fernsehen einen Bericht über einen Autohersteller gesehen. Er beschrieb den Wandel von der Hand- über die Fließband- hin zur Automatenarbeit. Eine Maschine mit der Namensaufschrift „Helga“ wurde gezeigt.. Helga war die Frau, deren Arbeitsplatz vom Automaten nun versorgt wird. „Helga, die Maschine, bekommt weder Kreuzschmerzen noch denkt sie über Lohnforderungen oder Streik nach“, hieß es im Kommentar. Die lebendige Helga aber ließt derweil in der Zeitung, was „Harz IV“ ihr noch übrig lässt. Was ich damit sagen will: Das Gleichnis von der „selbst wachsenden Saat“ schiebt scheinbar und scheinbar auch ganz modern den Menschen beiseite, auch mich und auch dich. „Du bist nicht wichtig für das Reich Gottes“, könnte die Botschaft lauten. Es kommt – auch ohne dich. Anders gesagt: Was mich in der Meditation dieses Bildes von der selbst wachsenden Saat so irritiert ist der leere Raum, in den es mich stellt zwischen Saat und Ernte. Wie soll ich mich darin verhalten?

Ich will das einmal ganz persönlich sagen: Da plant man als Dekan neue, kirchliche Strukturen für unsere Region. Man befasst sich mit der Gründung von GmbHs für die Diakonie. Man diskutiert im Kirchenvorstand über neue Trägerschaften für Kindertagesstätten. Unsere Kirche plant eine neue Finanzstruktur u. dgl mehr. Mein Terminkalender ist übervoll mit Sitzungs-, Arbeitsgruppen- und Planungsterminen. Und dann muss ich abends, wenn ich mit Lust und in Ruhe eine Predigt vorbereite mir das sagen lassen: „<i>automatä</i> ; von selbst kommt das Reich Gottes.“ Verstehen Sie, um was es mir geht?

Im Gleichnis kommt unsere menschliche Mitwirkung nicht vor, außer, das man halt „Samen auf´s Land wirft“., sprich: Dass man predigt und das Wort Gottes verkündet. Reicht das schon aus. Mehr ist nicht von uns verlangt für Zukunft der Welt, Gestaltung der Kirche und Kommen von Gottes Reich?

1. „Liebe Seele, habe nun Ruhe und guten Mut.“

Könnte ich also jetzt diese „Schlafmütze“ aufsetzen (Prediger zeigt eine „Schlafmütze“ und setzt sie sich auf.) und sprechen: „Liebe Seele, habe nun Ruhe und guten Mut.“ “Let it be, let it be“, hat Paul McCartney mit den Beatles uns ins Ohr gesungen. Lass alles laufen und sorge dich nicht. Für die folgenden Gedanken lösen wir uns nun vom politischen bzw. kirchenpolitischen Horizont, der eben angeklungen ist. Nun schauen wir „familienwärts“ und wir schauen auf uns selbst.

Hand auf´s Herz. Wie viel schlaflose Nächte gehören monatlich zu ihrem Leben? Wie viel Sorge um die persönliche Zukunft gehört zur täglich auferlegten Last? Wie viel Sorge um den Mann müssen sie tragen? Wie viel Sorge um Kinder und Enkel bestimmt ihren seelischen Zustand? Natürlich ist die Schlafmütze kein positives Symbol. Wir wollen sie auch nicht dazu machen. Hören aber wollen wir trotz allem auf den befreienden Ton, der in unserem Gleichnis mitschwingt. Sorge dich nicht. Hab einfach nur Vertrauen. Wollten wir die „Schlafmütze“ positiv deuten, so wäre sie ein Symbol dafür, dass wir unsere Sorgen ruhen lassen. Das mag für von Sorgen erdrückte Menschen das richtige Symbol sein. Nun gut, aber ist damit der Raum zwischen Saat und Ernte dauerhaft gefüllt? In älteren Predigten zu diesem Gleichnis, etwa in Predigten aus den 60zigern kann man durchaus diese Schlußfolgerung nachlesen: Weil das Reich Gottes von Gott kommt, müssen wir Christen nicht politisch handeln. Und vielfach spräche man auch heute damit großen Teilen unserer Gemeinden aus der Seele. „Der Herrgott wird´s schon richten“, sagt man und fühlt sich mit der Schlafmütze durchaus wohl. „Liebe Seele, habe nun Ruhe und guten Mut“, die Bibelkundigen wissen, dass dies die Worte des „Reichen Kornbauers“ waren, der sich in falscher, schlafmütziger Sicherheit wähnte und von Gott „du Narr“ genannt worden ist.

Nein, die Schlafmütze möchte ich als Christ nicht tragen. (Prediger nimmt die Mütze ab). So stehen wir wieder da im leeren Raum zwischen Saat und Ernte. Legen wir noch einmal das Ohr nahe an den Text, ob er uns denn nicht einen Hinweis gibt?

2. "Hüte dich dich vor dem Verlust des göttlichen Wortes!"

Manchmal liegt der Schlüssel, einen biblischen Text zu verstehen, im letzten Satz. Der heißt bei uns: „Wenn (die Saat) aber Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.“ Hört man diesen Satz im Zusammenhang der anderen biblischen Gleichnisse zum Reich Gottes, dann hört man eventuell den leicht drohenden Unterton mit, der das schöne Bild von der Saat auf den Ertrag hin konzentriert und Ernte anmahnt. So könnte man das Gleichnis auch verstehen: „Hüte dich dich vor dem Verlust des göttlichen Wortes.“ Statt der Schlafmütze nehmen wir nun eine sehr fromme Kopfbedeckung (Pfarrer setzt ein Barett auf; es könnte auch irgendeine andere Kopfbedeckung sein; evtl. auch ein Gebetsschal). Unser Gleichnis steht ja im Markus-Evangelium in unmittelbarer Nähe zum Gleichnis vom Sämann, das wir vorhin in der Evangeliumslesung gehört haben. Dieses Gleichnis rechnet mit Dürre, mit felsigem Boden, mit Dornen und insgesamt mit nur wenig Ertrag. Wäre das also eine Füllung für den Raum zwischen Saat und Ernte, dass ich in dieser Zeit, in meiner Lebenszeit beständig darauf achte und darum ringe, das Wort Gottes zu hören und in mir aufzunehmen, damit am „Tag der Ernte“ das Wort Gottes auf dem Acker meiner Seele vorgefunden und göttlich belohnt werde? Sie merken, wie weit wir uns auf einmal von der Schlafmütze entfernt haben. Nun ist der Raum zwischen Saat und Ernte nicht mehr leer. Das, was von selbst, automatisch wirkt, ist die Kraft des göttlichen Wortes. Und so ist unser Blick darauf gerichtet, wie dieses Wort auch mich ergreift, formt und trägt. Ist also die „fromme Kopfbedeckung“ das richtige Bild. „Wenn dir der Sturm des Lebens entgegen bläst, dann halte diesen Hut gut fest: Hüte dich dich vor dem Verlust des göttlichen Wortes.“ Ich lasse das einmal so stehen und denke, dass dieser Ruf für den einen oder die andere der richtige und treffende Ruf ist.

3. „Das sei euer vernünftiger Gottesdienst …. damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist.“

Zum Schluss biete ich Ihnen noch ein letztes Bild an, eine nochmals andere Kopfbedeckung. (Pfarrer holt einen Bauhelm hervor). In dieser Art von Kopfbedeckung kommt evtl. auch unser Gleichnis erst voll zur Geltung. Ein Helm, wie ich ihn nun trage, behütet vor Gefahren. Er symbolisiert in unserem Zusammenhang den Schutz, den Gott uns zuspricht. Im Bauhelm ist, wenn man das mal so sehen will, die „Schlafmütze“ in gewisser Weise integriert d.h. als Symbol für Schutz und die Sicherheit. Wer einen Bauhelm trägt, weiß sich in eine Baustelle hingestellt. Dieses Wissen schützt vor falscher Sorglosigkeit. Wäre das nicht ein Bild für uns Christen: Wir stehen auf der universalen Baustelle Gottes für Frieden, Gerechtigkeit und Liebe in dieser Welt. Sie erinnern sich, am Anfang dieser nach der richtigen, christlichen Kopfbedeckung suchenden Predigt hatte ich mich am Wort „automatisch“ gestoßen, weil es uns Menschen beiseite räumt. Sehe ich mich aber als Bauarbeiter, dann weiß ich – um im Bilde zu bleiben – dass ich nicht der Architekt bin. Das ist und soll Gott bleiben.

Und wenn wir so viel planen und uns so viel mit neuen Strukturen befassen, so mahnt mich und dich das Gleichnis dazu, stets nach dem Wort Gottes als Richtschnur, Maß und Lot zu fragen, damit das, was wir tun, nicht unseren Willen, sondern den Willen des Herrn zum Ausdruck bringt. Am deutlichsten bringt die dem heutigen Sonntag zugeordnete Lesung aus dem AT das zum Ausdruck, worum es hier geht: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege,“ heißt es da (Jes 55,6ff). Als Christen sollen wir stets bereit sein für den Rückruf Gottes auf seine Wege. Und es sollte uns nicht der Mut fehlen, diesen Rückruf auch in den politischen Raum dieser Welt hinauszutragen. Bauleute im Reich Gottes brauchen dann aber auch das, was im Jakobus-Brief zur Sprache gebracht wird: „Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe“. Sehe ich mich aber als Arbeit in dieser universalen Werkstatt Gottes für Frieden, Gerechtigkeit und Liebe, dann weiß ich auch, wie wichtig es ist, den Gebetsschal umzulegen, damit in mir das Wort Gottes bleibt und ich es nicht verliere. Denn: Wer nicht gesät hat wird keine Ernte erwarten dürfen. So „easy“ ist das mit dem Reich Gottes. Die Ernte ist gewiss.

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