Ihr dürft etwas ertwarten

Manchmal bin ich so richtige unzufrieden – und das ist auch gut so. Zum Leben eines Menschen, wie zum kirchlichen Leben gehört eine gewisse Unzufriedenheit: Unzufriedenheit mit dem Zustand der Welt mit dem Leiden und der Ungerechtigkeit – Unzufriedenheit aber auch mit dem Leben der Gemeinde, dem geringen Besuch bei Bibelabenden oder Gottesdiensten. Manchmal suchen wir dann nach Schuld. Schuld bei der Gesellschaft oder in der Politik, Schuld bei haupt- oder ehrenamtlichen MitarbeiterInnen in der Kirchengemeinde, Schuld auch bei uns selber. Manchmal verzweifeln Eltern, weil es ihnen nicht gelungen ist, das, was ihnen wichtig ist, den Kindern weiter zu geben. Manchmal verzweifeln wir, dass es uns nicht gelingt, Kinder auf einen guten Weg zu bringen.

Manchmal verzweifle ich auch daran, dass aus meinem guten Willen nicht automatisch das Gute wird, das ich will, sondern mir Manches gründlich misslingt – auch bei bestem Willen. Menschen mit solchen Erfahrungen erzählt Jesus ein Gleichnis aus dem Bereich der Landwirtschaft seiner Zeit. Für die Menschen, die er kannte, mit einigen Aha-Erlebnissen, aber auch uns wohl nicht so ganz fremd:

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Die Arbeit des Landmanns wird hier ein weinig verniedlichend dargestellt. Viele idyllische Kunstgemälde haben hier wohl ihren Ursprung. So einfach ist es leider nicht: Der Bauer geht, sät, schläft und erntet.

Wir wissen, wie ein Bauer schuften muss, um zum Erfolg zu gelangen, um sich und seine Familie zu ernähren. Das ist nicht erst seit Erfindung der EU so. Das war zu Jesu Zeiten wesentlich extremer. Viele Kleinbauern verarmten trotz intensiver Arbeit – und das war den ZuhörerInnen Jesu auch klar. Sie hätten vielleicht Jesus auch gerne unterbrochen und ihm erzählt von Bauern, die sich abmühen, um ein wenig Erfolg zu haben – und dann stehen Wetter oder habgierige Großgrundbesitzer dagegen. Ob sie es geschafft hätten Jesus zu unterbrechen – oder ob sie trotzdem fasziniert zuhörten, weil sie wussten: Jesus hat ja gar nicht so Unrecht: Auch der fleißigste Bauer kann nicht alles machen. Auch er muss warten können. Manchmal voller Verzweiflung. Manchmal auch ohne jede realistische Hoffnung.

Ich denke: Jesus will hier die Gefühle der Menschen ansprechen. Instinktiv verstehen sie vielleicht bei seiner Erzählung, dass alles Schaffen nichts nutzt, dass alles Tun nichts ist, wenn nicht Gottes Segen dazu kommt. Sie kennen die Situation der schlaflosen Nächte und wahrscheinlich auch das Gefühl von Vergeblichkeit, das wir heute Frustration nennen. Da müht sich einer Tag und Nacht ab, versucht alles, was möglich ist – der Erfolg bleibt bescheiden.

Ich denke, die ZuhörerInnen, denen Jesus dieses Geschichte von einem Bauer erzählte, wussten über biologische Funktionen viel weniger als wir heute, aber sie wussten, was zu tun war und wie etwas daraus entstehen konnte – und darum taten sie es.

In V. 28 steht ein griechisches Wort, das Teil unserer Sprache ist: <i>automatä</i>: von selbst. Ganz automatisch passiert da etwas, ohne dass Menschen in das Räderwerk eingreifen können. Sie könne reinigen, schmieren, sie können alles tun, dass Alles glatt läuft. Aber sie müssen auch laufen lassen.

Als diese Woche der Kindergarten-Ausschuss tagte, habe ich einen Spruch gelernt: Kinder sind wie Uhren: man muss sie gehen lassen. Für mich war das ein faszinierender Gedanke: Dass Kinder sich entwickeln können, dafür brauchen sie auch Ruhe, dafür müssen sie auch mal in Ruhe gelassen werden. Eine Mutter mit drei erwachsenen Kindern sagte dazu: Wenn ich damals alles gewusst hätte, was meine Kinder so treiben, hätte ich keine ruhige Minute gehabt, aber so haben sie viel gelernt mit Freunden auf der Straße.

So wie Gott ruhte am 7. Tag, so darf auch der Mensch ruhen und anschauen, dass alles sehr gut ist – trotz Tsunami und den vielen Gefahren des Alltags. Ruhen – und sehen – und dann wieder etwas tun.

‚Ihr dürft etwas erwarten’ lautet die Zusage Jesu, die ich hören will – ich darf etwas erwarten und so in Frieden und Ruhe das Meine tun.

Ich darf das Meine tun und dann in Frieden ruhen und auf Gottes Tun vertrauen.

Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf – das ist nicht die Ermutigung zur Faulheit, aber das will Mutmachen, im Vertrauen auf Gottes Tun nicht alles tun zu müssen.

‚Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine von dem andern zu unterscheiden.’ (Eg 873: Friedrich Christoph Oetinger (1702-1782) zugeschrieben.)

Ein jegliches hat seine Zeit. Pflanzen wie Ernten. Zur Schöpfung gehört das Arbeiten im Schweiße des Angesichts, aber auch das den Erfolg in Gottes Hand legen.

Der Bauer handelt zielgerichtet – in logischer Abfolge, aber dann muss er warten.

Dass Reich Gottes lässt sich eben nicht herbeizwingen. Ich darf dankbar sein für jedes Stückchen Weiterentwicklung in die richtige Richtung, für leise Friedenstöne aus Palästina oder Wahlen im Irak oder Hilfe in Südostasien.

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