Den Seinen gibt’s der Herr

Liebe Gemeinde,

dieses Gleichnis schließt in sich das ganze Geheimnis der Kirchengeschichte vom ersten bis zum letzten Kommen Jesu. Und in diesem Gleichnis gibt uns Jesus eine absolut eindeutige Antwort darauf, was es mit der Zukunft der Kirche auf sich hat. Dieses Gleichnis, das von Saat und Ernte handelt, erfüllt dich Christ oder dich Christin mit einer merkwürdig tiefen Ruhe, die daraus folgt, dass du dieses eine mit Sicherheit weißt: Gott bringt seine Sache ans Ziel. Es scheint mir, liebe Gemeinde, dass wir heute nichts anderes brauchen als solche Ruhe und solche Gewissheit auf der schweren Alltagsreise durch das Jahr, das vor uns liegt. Dieses Gleichnis zeigt uns den Herrn, der sein Reich aufrichtet, der der Sieger am Ende der Geschichte ist und von dem du weißt, dass er alle Stufen dieser Gemeinde und auch deines Lebens begleitet und ans Ziel bringt. Wir gehen der Ernte entgegen, sagt dieses Gleichnis. Die Geschichte verliert sich nicht im Dunkel der Zeit oder im Meer des Belanglosen, sie endet auch nicht mit einem großen Krach eines Terroranschlages oder einer Atomexplosion. Der Tag kommt, an dem Jesus die Herrschaft Gottes aufrichtet, der Tag der Ernte für die Ewigkeit.

Ich will versuchen, Ihnen begreiflich zu machen, warum ich meine, dass diese Gewissheit uns helfen kann in der Zeit, durch die wir gehen. Es ist ja so, dass wir in einer Zeit der ungeheuren Verunsicherung leben. Die ist so ungeheuer, dass ich heute kein Jugendlicher sein möchte: Ich wüsste nicht, woran ich glauben sollte oder worauf ich vertrauen könnte. So viele Werte haben wir schon aufgegeben, so viele Wahrheiten haben sich schon als falsch erwiesen, dass wir eigentlich überhaupt keiner Wahrheit mehr trauen aus Angst, ihr könne es genauso ergehen. Keine Wahrheit lebt heute länger als ein halbes Jahr, dann ist schon wieder alles anders, so scheint es jedenfalls. Das sind schlechte Zeiten für einen Gott, der ewige Wahrheit beansprucht, der der Lenker der Geschichte sein will und auch deines Lebens Hüter. Schlechte Zeiten für ewige Wahrheiten, und so rechnet mit Gott eigentlich kaum noch jemand. Heute, nach den Kriegen und Krisen der letzten Jahre, nach weiterhin steigender Arbeitslosigkeit, nach all den beunruhigenden Nachrichten über die Klimaverschlechterung, nach dem Platzen der Seifenblase des E-commerce erzählt man uns eine neue Wahrheit, dass nämlich nur in Reformen und nochmals Reformen das Heil und die Zukunft liegen. Reform aber heißt Veränderung. Gemeint ist: Du musst dich verändern. Du musst was tun, du musst Einschnitte in Kauf nehmen, du musst all deine Kräfte mobilisieren. Die Probleme der großen Welt werden nicht kleiner, du kannst es nur schaffen, wenn du die Ärmel hochkrempelst und mit anpackst, wenn du deinen Beitrag leistest.

Das ist die Wahrheit von heute. Das wird dir gesagt, du hörst es aus allen Kanälen, wenn du nur das Fernsehgerät einschaltest. Und so ist es kein Wunder, dass eine große Tatenwut um sich greift. Aktionismus wird gepredigt, und das ist nur natürlich. Denn wer alles selber machen will, der muss ohne Pause immerzu irgendetwas machen. Wer das Vertrauen verloren hat, dass über allem jemand wacht, der kann nur auf sich selbst vertrauen. Nicht, das all diese Aufrufe nach Reformen nicht auch ihren Sinn haben, man muss ja etwas tun für die Zukunft, es kann nicht alles so laufen wie bisher. Das ist wohl richtig. Aber mit alldem übernehmen wir uns völlig! Alles schreit doch inzwischen nach Hilfe, alles ruft nach einer „großen Lösung“. Weil wir nun aber alles selber machen, darum kommen wir auch aus dem Sorgen nicht heraus. Wer alles an sich gerissen hat, an dem hängt nun auch alles. Und so haben wir stillschweigend im Laufe der Jahre verlernt, damit zu rechnen, dass Gott es ist, der die Lilien kleidet und die Vögel unter dem Himmel ernährt, dass er uns unser tägliches Brot zuweist und dass sein Reich auf alle Fälle kommt. Es ist fast so, als hätte der „liebe Gott“, auf den wir uns früher verlassen haben, das sinkende Schiff verlassen, und nun stehen wir allein auf der Kommandobrücke, während die wilden Wetter aufziehen und niemand da ist, der ihnen gebieten kann, der uns durch Stürme und an Hindernissen vorbei in sichere Häfen leitet.

Was wird also aus dieser Welt? Welchen Weg werden wir gehen? Was wird aus der Kirche, der Gemeinschaft der Christen? Liebe Gemeinde, auf diese Fragen antwortet uns Jesus heute mit dem ganz stillen, kleinen Wort, und er erzählt uns von einem Bauern, der im Frühling hinausgeht, seinen Samen auf das Land wirft, schläft und aufsteht, seinen Geschäften nachgeht, das Vieh versorgt, in die Stadt fährt auf die Ämter. Und während er das alles tut, geht die Saat auf und wächst, ohne dass er etwas dazu tut. Jesus erzählt dir das und sagt damit: Weißt du überhaupt, du verstörter Mensch, dass mitten in deiner Unheilsgeschichte, die du dir selber machst durch dein Planen und Verspekulieren, dass mitten in deinem Gestalten und Verunstalten, mitten in deinem Aktionismus und in deinem Scheitern noch der Strom eines ganz anderen Geschehens eingebettet ist? Dass es ein anderer ist, der das Rad dreht, nicht du selbst? Gott lässt seine Saaten wachsen, und er wird bei seinen Zielen ankommen.

Als die Sintflut sich verlaufen hat und der Regenbogen als Zeichen der Versöhnung an dem noch dunklen Himmel erscheint, da spricht Gott ein sehr ungewöhnliches Trostwort über der armen, schuldbeladenen Erde: „Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Der ruhende Pol in allen Wirren und aller Planlosigkeit ist die Treue unseres Gottes. So wahnwitzig wir Menschen mit unseren Ideen auch alles auf den Kopf stellen: wir kriegen die Schöpfung Gottes nicht kaputt. Nicht etwa deshalb, weil sie so solide wäre. Im Gegenteil, sie ist zerbrechlich. Sondern weil Gottes Treue unzerbrechlich ist, wahrhaft unkaputtbar. Alles, was wir verderben und vermurksen, bringt Gott doch nicht von seinen Zielen ab. Es kommt letzten Endes eben doch nicht, trotz aller Sünde und aller Dummheit zum Chaos, sondern durch alle Wirren der Geschichte, selbst durch Globalisierung und Terrorgefahr und auch durch alle Wirrungen deines persönlichen Lebens führt Gottes roter Faden fein säuberlich hindurch. Und er weiß, was er will, und er tut, was er weiß.

Wenn du dir klarmachen willst, wie sich diese Gewissheit in einem Menschenleben auswirkt, dann brauchst du nur Jesus Christus selber anzuschauen. Ihn, der alle Macht hat und alles Wissen, was muss ihn nicht alles drängen zu einer wilden und rasanten Aktivität! Das muss man sich mal überlegen: Jesus sieht die Not der Sterbenden, die Angst der verwundeten Gewissen, Unrecht, Lebensangst und Gemeinheit. Er sieht und hört und fühlt das alles viel deutlicher und dichter als je ein Mensch – er fühlt es als Heiland. Und das heißt, dass Not und Elend nicht nur zur Kenntnis genommen werden, so wie ein Seismograph Erdausschläge misst, sondern dass sie in Liebe und Erbarmen mit durchlitten werden, so wie ja auch du die Schmerzen eines lieben Freundes mit durchlebst. Müsste Jesus, der wie gesagt die Mittel und die Weisheit dazu hätte, da nicht sofort loslegen und strategische Pläne für die Weltmission ausarbeiten, wirken, wirken und arbeiten ohne Pause, ohne Ruhe, bevor es zu spät ist?

Das wäre unsere Art, menschliche Art. Doch wie anders arbeitet Gott. Und wie anders darum Jesus. Obwohl die Weltgeschichte auf seinen Schultern liegt, obwohl in Häusern oder Straßenecken, in Schlössern oder Slums gelitten und gesündigt wird, obwohl dieses unermessliche Schlachtfeld des Elends nach einem Helfer ruft, hat er Zeit und Gelassenheit genug, bei dem einzelnen stehenzubleiben. Er geht in die Zöllnerhäuser und zu den einsamen Witwen, er geht zu den Außenseitern der Gesellschaft und hilft der Seele des einzelnen. Dabei scheint es ihn überhaupt nicht zu kümmern, dass das keine strategisch wichtigen Leute sind, keine Werbe-Träger, keine Prominenz, sondern „nur“ die unglücklichen und verlorenen Kinder seines Vaters im Himmel. Er scheint in königlicher Gleichgültigkeit die sogenannten globalen Perspektiven seines Auftrages zu übersehen, wenn es um den einen Menschen geht, der, so unbedeutend er auch ist, Gott ans Herz gewachsen ist.

Weil Jesus also weiß, wo die Weichen wirklich gestellt werden, wie es mit Wachsen und Ernten wirklich aussieht, darum sind die Worte, die er spricht, auch keine ausgeklügelten Propagandareden. „Ich bin gekommen, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, den Geschundenen zu sagen, dass sie frei und ledig sein sollen“, sagt Jesus in seiner Antrittsrede in Nazareth. Wie anders klingt doch eine Antrittsrede eines wiedergewählten Präsidenten! Die Freiheit in die dunkelsten Ecken der Welt tragen! Völker von Tyrannen befreien! Die Feinde der Freiheit besiegen! Schon sehen wir wieder Unheil am Horizont aufziehen ob dieser großen Worte von einem, der vergessen hat, dass nicht er das Gottesreich zu errichten hat.

Martin Luther hat einmal gesagt: „Während ich mein Topf Wittenbergisch Bier trinke, läuft das Evangelium.“ Das ist nun wirklich das schönste und tröstlichste Wort, das ich je über das Bier gehört habe. Das Gottesreich ist nicht machbar. Das neue Leben kann nur entstehen, dass man Gott wirken lässt. Darum kann Luther getrost von der Kanzel herunterklettern, darum braucht er nicht in einem fort zu rufen und zu schreien und durch die Lande zu reisen. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf, wie man das Gleichnis von der wachsenden Saat auch überschreiben kann. Unser Fehler heute ist meistens nicht der, dass wir pflichtvergessen wären oder zu wenig tun. Wir sollten uns stattdessen fragen, ob wir überhaupt noch in der Lage sind, im Namen Gottes einmal faul zu sein. Es kann ein Gottesdienst sein, in dem du einmal alle Viere von dir streckst und aus dem ewigen Suchen und Machen heraustrittst, oder ein still gesprochenes Gebet.

Das, liebe Schwester und lieber Bruder, das wäre eine Sicht der Dinge, die dir die großen Lasten abnehmen würde. Zu wissen, dass du die großen Perspektiven getrost Gott im Himmel überlassen kannst, würde deine Hände frei machen für das Nächstliegende, für deinen Nächsten. Es gibt vieles, was du als Christ nicht tun musst, darum hast du Zeit. Denn alle Zeit ruht in den Händen Gottes. Von dir kann Frieden ausgehen und keine Unruhe. Gottes Treue spannt sich ja schon wie ein Regenbogen über der Welt; du brauchst ihn nicht erst zu bauen, als wärst du ein Greenpeace-Aktivist. Du brauchst nur darunterzutreten.

Wie das geht? Wie kann ich mir diese Gewissheit aneignen, dass sie auch in meinen Alltag Ruhe und Besonnenheit bringt? Dazu ein kleines Rezept, dass Sie gerne einmal ausprobieren können, obwohl es natürlich kein Patentrezept ist, als wäre der Glaube etwas, das man mit einem „Trick“ lernen könnte. Glaube ist vielmehr ein Nichtstun, ein Stillesein, wenn Gott redet, ein Stillhalten, wenn Gott handelt. Und um dieses Stillsein geht es auch: Wenn du in der S-Bahn oder im Bus oder im Auto sitzt, wenn das Telefon einen Augenblick still ist und niemand etwas von dir will, dann greife einmal nicht nach der Zeitung oder der Computermaus oder der Fernbedienung, sondern sage, nicht ohne vorher tief Luft geholt zu haben: „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist.“ Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Das gibt Abstand. Und du kannst diese Worte dann auch noch etwas bedenken: Ehre sei dem Vater – das heißt doch: Ehre sei dem, der dich in diesen Augenblick deiner Tagesarbeit geschickt hat, der dir deine Mitmenschen anvertraut hat und der letzten Endes über alles das entscheidet, was du nun zu entscheiden hast.

Ehre sei dem Sohn. Jesus Christus ist für dich gestorben. Darfst du, für den er gestorben ist, dich also in Belanglosigkeiten verzetteln? Muss nicht das Eine, das Nächstliegende, dir ständig vor Augen sein und das Viele ringsherum ein bisschen dämpfen und in die Schranken weisen? Für wen ist er denn gestorben? Für dein Bankkonto? Für ein Augenzwinkern deines Chefs, den du bei Laune halten musst? Für deinen Fernseher oder anderes? Oder ist er nicht vielmehr gestorben für die Kollegin neben dir, die sich mit etwas herumschlägt, oder für deine Kinder, die du kaum noch siehst, weil das Viele sich zwischen sie und dich drängt?

Ehre sei dem Heiligen Geist. Oh ja, du bist voller Geist, du bist nicht unterbelichtet. Du hast Gefühl und Herz und Phantasie. Aber hältst du auch noch still, damit ein ganz anderer dich mit seinem Geist durchdringen kann, dass dir die Augen aufgehen für die wahren Dringlichkeitsstufen deines Lebens?

So kann diese kleine Übung, wenn du sie immer wieder anstellst, dir helfen zu unterscheiden, was getan werden muss und was nicht. Sie macht dich zu einem Realisten in einem neuen Stil, denn du weißt das Große und das Kleine zu unterscheiden. Die, die sagen, dass alles in deine Verantwortung gelegt ist, sind im Grunde weltfremd, auch wenn sie die Zahlen und Fakten auf ihrer Seite haben. Wer aber das Geheimnis der selbstwachsenden Saat begriffen hat, und wer wie der Bauer des Gleichnisses, nachdem er das Seine getan hat, noch einmal grüßend über die Felder schaut und sich dann in Gottes Namen schlafen legt, der tut das Frömmste und auch das Klügste. Denn Frömmigkeit und Klugheit hängen enger zusammen, als unsere Schulweisheit sich träumt.

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