Selbstverständliches Tun

Liebe Gemeinde,

manchmal liegen Welten zwischen der Zeit Jesu und unserer eigenen. Und das kann mitunter mächtig irritieren. Mich hat der Text zunächst vor den Kopf gestoßen. Vielleicht ging es Ihnen ähnlich, als sie die Verse vom Herren und vom Sklaven vorhin hörten oder möglicherweise schon zu Hause gelesen haben. Es ist die Welt der antiken Sklavenhaltergesellschaft, die Welt von Sklavenhaltern und Sklaven(innen), in die uns unser heutiger Text wie selbstverständlich hineinführt. Der Schlusssatz ist uns vielleicht noch im Ohr: "Wenn ihr alles getan habt, was euch zu tun befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind doch nur Sklaven, wir haben nur unsere Schuldigkeit getan." – Wird hier einer Einteilung der Welt in oben und unten, in Befehlende und Dienende das Wort geredet? Wird gar Gott als antiker Sklavenhalter vorgestellt? Soll sich eine christliche Gemeinde an einem solchen feudalistischen Weltverständnis orientieren? Solche und ähnliche Fragen tauchen beim Lesen auf.

Ich denke, es lohnt sich, den Text trotz Irritation genau zu lesen. Es lohnt sich, dem nachzugehen, wen Jesus hier iritieren wollte und warum.

Stellen wir uns die Situation vor: Jesus ist mit seinen Jüngern zusammen unterwegs. Sie sind im Gespräch über ihren Glauben und über die Folgen dieses Glaubens. Im Lukas-Evangelium wird vorher davon erzählt. Und mitten hinein in dieses Nachdenken erzählt Jesus eine kleine Geschichte. Wie so oft, wählt er eine Szene mitten aus ihrem Alltag. Da ist von einem Knecht die Rede, genauer gesagt von einem Sklaven auf dem Lande, der auf dem Acker oder bei den Tieren arbeitet. Ein Mensch, der durch irgendwelche Umstände zum Eigentum eines anderen geworden war und nun diesem zu dienen hatte. Dieses Bild konnten sich damals alle vorstellen. Uns ist es fremd. Am ehesten sehen wir dabei vielleicht Kriegsgefangene vor uns. Tröstlich für uns vielleicht, dass die Formen der Sklaverei im alten Israel längst nicht so grausam praktiziert worden wie sonst vielerorts im damaligen Römischen Reich. Da kursierte tatsächlich die Frage: Ist ein Sklave ein Mensch? Und nach zeitgenössischen Berichten der Behandlung zu urteilen, wurde diese Frage von vielen mit "nein" beantwortet. Tröstlich also, dass Sklaverei in Israel zwar erlaubt war, aber das Gesetz die Sklaven und Sklavinnen viel besser schützte als anderswo. Egal, ob sie duch Verschuldung oder Straftaten in die Sklaverei gerieten – trotz allem wurden sie als Personen, als Menschen angesehen, die das Gesetz vor Willkür und Totschlag schützte. Irgendwie auch tröstlich zu wissen, dass zumindest dem Gesetz nach im 7. Jahr einem Sklaven die Freiheit zu schenken war. Und doch: Sklavendienst hieß Sklavendienst. Per Vertrag gehörte der Sklave oder die Sklavin einem anderen Menschen und hatte diesem ab sofort zu dienen – bis zu 10 Stunden am Tag. Vor allem Reiche hatten solche Sklaven – auf den Landgütern, bei den Tieren, in der Küche und beim Bedienen der Gäste.

In dieses für alle vorstellbare Bild holt Jesus die Zuhörenden hinein. Wie so oft tut er es mit Fragen, in denen die Antwort bereits mit enthalten ist: "Wer von euch, der so einen Sklaven hat, wird, wenn er das Feld gepflügt hat, gleich sagen: Nimm Platz zum Essen?!" "Natürlich niemand!", ist hier die einzig mögliche Antwort. Schließlich dauert die Arbeit den Tag über an. Und da reiht sich eine Aufgabe an die andere. Man weiß ja, wie viel es zu tun gibt auf einem großen Hof. Frage Nr. 2: Und wenn die Arbeit getan ist, lässt sich dann nicht jeder, der einen Sklaven hat, zunächst selbst das Essen auftun? Wird er nicht rufen: "Mach mir etwas zu essen, gürte mich und bediene mich!"? "Ja, natürlich, so ist es üblich", können da die die Jünger nur antworten. In Frage 3 wird das kaum Vorstellbare noch gesteigert: Bedankt sich etwa der Besitzer bei dem Sklaven nach der Erledigung der Aufgabe, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? "Natürlich nicht, undenkbar – schließlich ist es seine Pflicht", kann da nur die Antwort sein. Ja, so ist es üblich. So handelt, wer einen Sklaven besitzt. Da kann man nur zustimmen. Innerlich sehen sich die Jünger wohl selbst bei Tische liegen, sich zurücklehnen und auf das Essen warten, das der Sklave oder die Sklavin hereinträgt.

Doch da kommt die Pointe – unerwartet und verblüffend: "So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind nur Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan." In diesem letzten Vers steckt Sprengkraft. Da wechselt auf einmal die Perspektive. Das Selbstverständliche, was alle bejahen würde, kehrt Jesus um. Und damit fordert er seine Leute heraus – damals und heute. "Wir sind nur Diener/innen!, wir haben das getan, was wir zu tun schuldig sind". Dieses Selbstverständnis mutet Jesus denen zu, die mit ihm gehen wollen.

Lukas bettet die kleine Geschichte ein in die Wanderung Jesu von Galiläa nach Jerusalem. Auf diesem Weg folgten ihm die, die sich von ihm rufen ließen. Es ist ein Weg, auf dem sie miteinander ein Leben nach Gottes Willen einübten. Dieser Wille – kurz zusammengefasst im größten Gebot- heißt: "Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt und deinen Nächsten wie dich selbst". Mit Konsequenz gegangen wird dieser Weg ans Kreuz führen . ( "Septuagesimä" – 70 Tage vor Ostern, Blick auf der nahen Passionszeit.) Es ist also der Weg in die äußerste menschliche Erniedrigung, den Jesus vor sich hat. Es ist ein Weg, auf dem die Jünger lernen werden, was das heißt: einander dienen. "Wer unter euch groß sein will, der sei euer aller Diener!" wird Jesus ihnen auf diesem Weg mitgeben und ihnen vor dem letzten gemeinsamen Essen die Füße waschen als Bild dafür, dass für ein Leben in der Liebe kein Dienst zu niedrig ist.

Auch uns, die wir uns von Gott gerufen wissen, kann die Geschichte zum Nachdenken anregen: Wie verstehen wir unser eigenes christliches Engagement im Alltag? Ich sehe drei hilfreiche Punkte für unser Einüben in der Nachfolge Jesu:

1) Unsere Motivation klären – Welche Kraft treibt uns an, wenn wir uns in der Gemeinde engagieren? Was ist die Wurzel unseres Handelns? Ist es der erwartete Dank, das erhoffte Lob? Ist es der Wunsch, besser zu sein als andere oder bewundert zu werden für die eigenen Fähigkeiten? Ist es gar die Hoffnung, vor Gott besonders dazustehen und sich (um mit Luther zu reden) besondere Verdienste zu erwerben? … Sicher, wir sind Menschen; und wenn wir uns für etwas engagieren, dann werden sich meistens verschiedene Motive mischen. Und auch der Wunsch nach Anerkennung ist menschlich und berechtigt. Ohne Anerkennung unseres Tuns erlahmt irgendwann jede Antriebskraft. – Aber wenn sich unsere Motivation darin erschöpft, Anerkennung zu finden, reicht die Wurzel nicht tief genug und wird uns letztlich nicht tragen. Das Gleichnis sagt: Dass unserem christlichen Glauben Taten folgen, ist eigentlich selbstverständlich. Und so werden wir herausgefordert, ab und zu unsere eigene Motivation kritisch zu hinterfragen. Wir sind den Dienst der Liebe Gott und den Menschen schuldig – wenn wir uns auf die Nachfolge Jesus wirklich einlassen.

3) Demut einüben – Demut, das klingt für uns heute irgendwie altmodisch, es riecht nach unterwürfiger Haltung, gar nach Feigheit. Doch eine passive Verkrampfung, ein neurotisches Sich-selbst-klein-Machen ist hier nicht gemeint. Es geht um einen Sinn von Demut, den wir Menschen nötig haben, um zu überleben. Verbreitet ist wohl eher das Gegenstück zur Demut, der Hochmut. Immer wieder stehen wir Menschen in der Versuchung, uns höher zu setzen als es uns zusteht und herabzuschauen auf andere, vielleicht weil sie einer anderen sozialen Schicht, Rassen oder Religion angehören. Und wir stellen uns höher als die Umwelt, die Natur, in die wir eingebettet sind, höher auch als Gott. Menschen sehen sich gern als Herren der Welt, setzen sich selbst an die Stelle Gottes (mit all den bekannten Folgen: die Natur auszubeuten, andere zu missbrauchen, nach Weltherrschaft zu gieren und dabei Kriege on Kauf zu nehmen). Doch Hochmut ist Sünde. Demut in einem guten Sinne erkennt die eigene "schlechthinnige Abhängigkeit", wie es einmal der große Theologe Friedrich Schleiermacher formulierte, unsere Abhängigkeit von einer größeren Macht als wir selbst es sind. Zunehmend öffnen uns in den letzten Jahren Naturkatastrophen neu die Augen für unser Eingebundensein in die Natur, in die Schöpfung Gottes. Wir sind ein Teil davon, nicht die Besitzer der Erde. Demut verleiht uns einen nüchternen Blick. Im Wort Demut steckt das Wort Mut. Mut zu dienen, einander zu dienen, Mut, sich in ein größeres Ganzes einzuordnen und daran mitzuwirken, es zu erhalten. Fluthelfer/innen "Wir sehen es als unser Gebot an zu helfen" so wurde der Feuerwehrchef aus Demitz-Thumitz dieser Tage in der Zeitung zitiert als einer von vielen, die sich ansprechen lassen, sich eingebunden wissen in das große Ganze der Weltgemeinschaft, für die Südostasien nicht der ferne Osten ist, sondern Teil unserer einen bewohnten Erde, die es zu erhalten und zu schützen.

5) Hinschauen, was dran ist und handeln – "Wir haben nur getan, was wir zu tun schuldig sind", so formuliert es Jesus mit Blick auf die Jünger. So etwa sollte also das Selbstverständnis derer lauten, die sich in die Nachfolge Jesu gerufen wissen. Die Gemeinde Jesu lebt davon, dass Menschen hinschauen, was dran ist und dann das Nötige tun. Im Kleinen wie im Großen, auf der Leitungsebene wie an der Basis. Weil wir Menschen verschieden sind, nehmen wir verschiedenes wahr und packen an verschiedenen Stellen an. – sei es das Engagement bei Kindergottesdiensten oder im Lektorendienst, oder aber ein Besuch im Krankenhaus, den vielleicht weiter niemand sonst bemerkt oder das stille Gebet für einen Menschen in einer komplizierten Situation. "Hinschauen, was dran ist" -Das kann auch bedeuten, sich aus dem eigenen christlichen Glauben heraus bewusst in der Stadt oder im Landkreis zu engagieren. "Hinschauen, was dran ist und dies ohne große Umschweife tun" – nicht, um Schlagzeilen zu machen, sondern weil es unserem göttlichen Auftrag entspricht als Menschen heute auf den Spuren Jesu.

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