Selbstverständlichkeit

Liebe Gemeinde!

Gestern war unser Dankeschönnachmittag für Ehrenamtliche. Im Presbyterium waren und sind wir der Ansicht, dass den vielen Menschen, die sich nach wie vor bereitwillig in unserer Gemeinde für ehrenamtliche Belange engagieren, dafür Kraft und Zeit investieren, ein besonderer Dank gilt. Denn sie sind der Schatz der Gemeinde, den es zu hegen und zu heben gilt, damit Gottes Geist unter uns lebendig werden kann. Dieser Nachmittag sollte zum Ausdruck bringen, dass wir einen Umgang miteinander pflegen wollen, in dem sich die Liebe zum Nächsten wie zu sich selbst spiegelt. Der Nachmittag soll ein kleines Zeichen der Kultur der Achtsamkeit, des Dankens sein- Dem scheint unser heutiger Text diametral gegenüber zu stehen, wenn es im Vers 10 heißt.

„Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“

Was? Unnütze Sklaven?

Ich vermute, die Anwesenden des gestrigen Tages hätten zumindest dezent die Köpfe geschüttelt und überlegt, ob sie bei der Kirche am rechten Ort sind, wo sie derart vor den Kopf gestoßen werden! Andere hätten ihre Entrüstung vielleicht so kundgetan:

„Das kann man doch nicht machen! So kann man mit engagierten Menschen doch nicht umgehen, die so viel Zeit und Geld einsetzen für ihre Kirche!“ Vielleicht hätten einige sogar unter Protest den Raum verlassen: „Ich lasse mich doch nicht beschimpfen als unnütze Knechte!“ Und das soll eine Kultur der Achtsamkeit sein?

Ich möchte Sie einladen, das Gleichnis genauer anzuschauen.

Den Sklaven und seine Rolle beschreibt Jesus in diesem Gleichnis. Und er kann davon ausgehen, dass seine Zuhörer darüber Bescheid wissen, schließlich redet er mit Menschen, die selber Sklaven in ihrem Besitz haben. Natürlich wissen sie, wie man mit diesen Sklaven umgeht, sicher muss man sie einigermaßen gut behandeln, damit ihre Arbeitskraft erhalten bleibt, ihnen zu essen und zu trinken geben und sie auch mal ausruhen lassen, aber sie sind Besitz, über den man bestimmen kann. Einen menschlichen Wert, eine eigene Meinung oder gar Gefühle muss man ihnen darüber hinaus aber nicht zubilligen. Selbstverständlich kann man seinen Sklaven verkaufen, auch wenn dabei Familien auseinander gerissen werden, kein Problem. Ganz klar ist; sein Dienst ist eine Selbstverständlichkeit, völlig klar, dass man sich da nicht für seine Tätigkeit auch noch bedanken muss! Oder womöglich gar dem Sklaven nach einer anstrengender Arbeit erstmal eine Erholungspause gönnt, so war das einfach. Und wie so oft wenn Jesus Geschichten erzählt, nimmt er die Lebensumstände seiner Zuhörer gekonnt und gezielt aufs Korn, beschreibt etwas, was alle kennen. Alle hören interessiert zu, alle nicken und denken: Klar, das ist doch selbstverständlich, – bis ihnen plötzlich die Luft wegbleibt und sie fragen: “Was hat er gerade gesagt? Das kann jawohl nicht wahr sein!“ Hat er wirklich gesagt: So auch ihr…? -Wie denn, wir werden mit Sklaven verglichen!!? Das kann doch wohl nun nicht angehen?!“

Lukas ist der einzige der Evangelisten, der dieses Gleichnis erzählt. Es schließt sich an die Bitte der Jünger an: „Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.“ (V.5+6)

„Stärke uns den Glauben!“ In dieser Zusammensetzung bei Lukas bekommt das Gleichnis für mich auch einen sehr tröstlichen Zug! Denn da ist auf der einen Seite zwar immer noch das Ideal: natürlich wäre es schon faszinierend, wenn unser Glaube Bäume verpflanzen könnte …! Aber das Gleichnis ergänzt auch noch etwas anderes: Was vom Sklaven erwartet wird, das ist ja einfach das, dass er seinen Auftrag ordentlich und ganz selbstverständlich ausfüllt. Alle Anstrengung und aller Aufwand, um womöglich ein noch viel besserer Sklave zu werden, sind gar nicht das, was gefordert wird. Christen, sagt Lukas, sind einfach so wie ein Sklave Eigentum ihres Herrn. Und es ist einfach das Tun des Selbstverständlichen, was von ihnen verlangt wird. Kein Chirurg würde "Feierabend" sagen, wenn ihm ein Unfallopfer gebracht wird. – Auch für Eltern gibt es in der Regel keinen Feierabend, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht. Immer, wenn es um Liebe geht, um Liebe zum Leben, um Lebensrettung, ist es selbstverständlich, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, auch die nach Dank und Anerkennung.

Und im Blick auf den Herrn, dessen Eigentum wir sind, wissen wir seit Weihnachten: Gott ist selbst zu uns gekommen, nicht als allmächtiger Herrscher, der über allem thront, sondern als das neugeborene, hilflose Kind in der Krippe. „Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein…“ (EG 27, 5) haben wir zu Weihachten gesungen. Das ist der Rollenwechsel, damit wir erkennen: Gott befreit uns dazu, für andere da zu sein.

Albert Schweitzer (130. Geburtstag am 14.1.) hat die Berufung der Fischer zu Menschenfischern sehr beschäftigt. Er hörte daraus den eindringlichen Ruf, sich direkt mit dem Menschen zu beschäftigen, nicht nur indirekt als theologischer Lehrer oder als Organist, sondern hautnah mit den Kranken und Schwachen. Vom ihm stammt auch der Ratschlag, jeder solle sich ein Nebenamt suchen, wenn es der eigene Beruf nicht hergibt, in dem er direkt mit Menschen zu tun hat. Albert Schweitzer ermutigt dazu, weil Christus sich für uns zum Knecht macht, Mensch geworden ist und für uns da ist, können auch wir anderen beistehen in den Konflikten und Schwierigkeiten des Lebens. Darauf können wir uns verlassen, Gott sei Dank!

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