Bildet euch nichts ein

Liebe Gemeinde,

wir dürfen uns heute nicht durch den Vergleich abschrecken lassen, der aus der Lebenswelt vor 2000 Jahre entnommen ist. Damals war es üblich, sich offen Sklaven zu halten. Heute geschieht das versteckter. Schauen wir auf den Vergleichspunkt:

„Es ist selbstverständlich, dass ein Sklave seine Arbeit verrichtet, das ist seine Aufgabe und nichts Besonderes.“ Und so stellt sich für heute die Frage: Was ist im christlichen Glauben selbstverständlich? Worauf sollen wir uns nichts einbilden.

Wir sollen uns nichts darauf einbilden, wie gut oder schlecht wir sind. Ja ihr habt richtig gehört gegensätzlicher können die Pole gar nicht und doch dienen sie demselben Zweck: die einen sind besonders gut und bilden sich etwas darauf ein. Und die anderen sind besonders schlecht und versuchen von dort her ihre Anerkennung zu bekommen. Doch beide sind auf dem Holzweg, denn sie vergessen, dass jeder Mensch gute und schlechte Seiten hat und wir uns gerade in der Spannung als Mensch definieren. Und darum brauchen beide, die guten und schlechten:

Die Vergebung – denn wir leben alle von ihr. Eine Geschichte erzählt von Menschen, die Christen waren und sich allezeit mit allen ihren Kräften bemüht hatten, Gott zu gefallen und ihm zu dienen. Diese fanden sich nach ihrem Ableben alle eng gedrängt vor der Pforte des Paradieses ein, trippelnd vor Ungeduld, begierig darauf, als Lohn für ihr tugendhaftes Leben und ihren selbstlosen Einsatz für die christliche Sache eintreten zu dürfen. Sie waren sich ihrer Plätze im Paradies absolut sicher. Schließlich hatten sie sich ihr ganzes Leben abgemüht, die Gebote Gottes peinlichst zu erfüllen und ja nicht vom rechten Pfad der Tugend abzukommen.

Doch plötzlich entsteht Unruhe unter ihnen. Sie müssen mit ansehen, wie da auch Leute Zutritt zum Paradies bekommen, die sie aufgrund deren Lebenswandels längst abgeschrieben hatten. »Was, auch denen wird vergeben?«, fragen sie und mucken auf. Dann empörte Rufe. »Sollen wir uns dafür im Leben gequält haben – wenn wir das gewusst hätten!« Sie protestieren. Schmährufe gegen Gott werden laut. Und in der gleichen Sekunde haben sie sich selbst endgültig von Gott losgesagt. Das gilt für die Guten, die etwas auf ihr Gut sein einbilden.

Auf der anderen Seite kommen die Bösen auch nur dann in den Himmel, wenn sie ihre Schuld zugeben und sich vergeben lassen. Kommen wir zum zweiten:

Wir sollen uns nicht darauf einbilden, was wir alles können und tun. Auch hier können wir wieder zwei Gruppen unterscheiden, die einen werkeln und schaffen, bis sie tot umfallen und anderen wissen immer alles besser und analysieren die Sache, vergessen dabei aber, selber etwas tun. Beiden sehen: Die Aufgabe – und denken von sich: wir sind unentbehrlich.

Auf der Grabplatte des schwedischen Erzbischofs Nathan Söderblom im Dom zu Uppsala ist die schlichte Aufschrift zu lesen: Nathan Söderblom 1866-1931. Und eine Bibelstellenangabe: Lukas 17, Vers 10. Es wird nicht daran erinnert, dass der Erzbischof ein bekannter Vorkämpfer der kirchlichen Einheit war. Nicht verzeichnet sind sein Titel und seine bemerkenswerte wissenschaftliche Arbeit. Vermutlich hat er selbst bestimmt, was da stehen sollte: Der Name natürlich, denn Gott ruft uns mit Namen. Die Lebensdaten, denn Gott ruft uns ins Dasein, und am Ende ruft er uns in die ewige Heimat. Dann aber, was offenbar Lebensgeheimnis und verborgene Antriebskraft dieses Mannes gewesen ist, dieses provozierende Wort Jesu: »Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.«

Gott bewahre uns vor den Leuten, die sich für unersetzlich halten und ihre guten Taten selber zwischen Gott und sich stellen. Und ebenso hüten wir uns davor, nur von Dingen zu reden und sie nicht zu tun. Damit kommen zum dritten.

Wir sollen uns nichts darauf einbilden, wie ernst oder wenig erst wir den Glauben nehmen. Ein bisschen Glauben gibt es nicht, sondern richtig ist. Die Einstellung: ‚Wir haben nur das getan, was zu unserem Auftrag gehört!‘

Glaube ist nicht etwas, das wir ableisten, z.B. Sonntag die Kirche, und dann die Woche über frei sind, sondern es umfasst unser ganzes Leben. „Ganz schön absolut dieser Gott“ hat es ein Konfirmand am Mittwoch formuliert und damit den Kern der Sache getroffen. Im Gespräch über dieser Äußerung kamen wir dann darauf, dass es ankommt, welche Eigenschaften dieser Gott hat, der so absolute Forderungen an unser Leben hat. Wenn es ein Tyrann ist, dann werden wir diesen Forderungen nicht zustimmen. Ist es jedoch der liebende Vater Jesus Christi, der seinen Sohn für uns in den Tod geschickt hat, dann sieht dies ganz anders aus.

Wir können nichts an dem Anspruch Gottes an unser Leben ändern, aber wenn wir sehen, wie er diesen Anspruch in die Tat umsetzt, dann fällt es uns leichter, dass wir uns dem Anspruch stellen können.

Das Problem ist, das wir immer fragen, was kommt für uns dabei raus, statt, was bringt uns weiter. Lasst mich das an drei Jugendlichen verdeutlichen, nicht weil die das mehr machen als die Erwachsenen, sie geben es nur noch viel freier zu. Die drei folgen Beispiele habe ich in den letzen Jahren selbst erlebt und von den betroffen Jugendlichen erzählt bekommen:

Da ist der Jugendliche, den ich frage, warum er sich nicht konfirmieren lässt. Er sagt mir, das er zu wegen zu wenig Verwandte habe, die zu Konfirmation kommen würden und es sich wegen der Geschenke nicht lohnen würde.

Das stellt man in der Schule eine Aufgabe, die die Schüler lösen sollen. Und dann kommt die Frage, ob die Arbeit benotet wird, damit man sich darauf einstellen, ob es sinnvoll ist, zeit und Kraft zu investieren.

Da ist der Lehrling, der nach der Ausbildung kündigt und arbeitslos wird, weil er die Überstunden nicht bezahlt bekommt und nicht bereit ist, sich über das absolut notwendige einzusetzen und zu engagieren.

Wir leben nicht von den Dingen, die es bringen, sondern auch von dem was wir an Einsatz geben. Wir sollten wieder lernen zu fragen: was bringt uns näher zu Gott, der unser Leben geschaffen hat und vor dem wir einmal unser Leben verantworten müssen. Das macht uns ein ganzes Stück ehrlicher.

Wir sollen uns nichts darauf einbilden, das haben wir an drei Punkten gesehen. Wer seine Schuld, seine Fähigkeiten und seine Selbsteinschätzung vor Gott richtig platziert. Und wir gewinnen eine Sicht der dinge und des Leben, die uns hilft den Alltag heute zu meistern und morgen unserem Herrn und Meister im Himmel gegenüber zu stehen.

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