Ach du meine Güte

Ach du meine Güte, das war mein erster Gedanke, als ich den heutigen Predigttext las.

Der Abstand zu der Welt des Neuen Testamentes scheint unüberbrückbar zu sein. Sklaven und Herren – das gehört doch, Gott sei Dank, der Vergangenheit an – auch wenn es natürlich auch heute ein oben und unten gibt. Der Umgang mit – wie wir sagen – abhängig Beschäftigten – ist ein anderer. Dank und Anerkennung – auch bei Leistungen, die gegen Geld erbracht werden, gehören zu unseren guten Umgangsformen. Gegen eine Mittagspause hat keiner etwas einzuwenden – mehr noch: in vielen Bereichen hat die gleitende Arbeitszeit Einzug gehalten – der Arbeitnehmer kann in bestimmten Grenzen selbständig seinen Tag einteilen, auch wenn natürlich die geforderte Leistung erbracht werden muss. Kaum ein Lehrling wird heute zum Kaffee kochen geschickt. In vielen Bereichen ist der Chef längst zum Libero geworden, der einfach mit anpackt, ohne danach zu fragen, ob das seiner Position entspricht.

Welch anderes Bild wird uns da vor Augen geführt: Ein Herr, der sich bedienen lässt – ein Knecht, der sich nach schwerer körperlicher Arbeit nicht etwa beim Essen regenerieren darf, der erst noch seinen Chef versorgen muss und erst dann, wenn der zufrieden ist, sich zu Tisch legen kann. Und solch ein Sklave, Diener, ja wir würden ihn vielleicht drastischer betiteln: solch ein Ausgebeuteter, Ausgenutzter, Benachteiligter wird uns auch noch als Vorbild hingestellt! Wo kommen wir denn da hin?!

Sind Christen Leute, die sich schamlos ausnutzen lassen, die anderen immer den Vorrang geben, die sich alles gefallen lassen, und dann auch noch sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan???? Nein, das ist denn doch zu viel für einen Sonntagvormittag.

Da huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Ein Wort fällt mir ein. Es heißt „Minister“, was doch nichts anderes heißt als „Diener“. Ein anderes Wort kommt mir in den Sinn: „Dienstleistungsgesellschaft“. Ihr kennt das: Firma XY, Meyer, was darf ich für Sie tun? Dass Dienen wirklich populär sei, wird dennoch kaum einer behaupten. Und zur antiken Gesellschaft – mit ihrer Sklaverei – führt nun, Gott sei Dankt, wirklich kein Weg zurück.

Aber mit allem Schlechten geht leider eben oft auch Gutes zugrunde. Lassen wir den „unnützen Sklaven“ getrost erst einmal weg. Zu tun, was wir schuldig sind, das scheint mir im Grunde doch keine so schlechte Lebenshaltung zu sein. Ich weiß, viele stoßen sich an diesem Wort „schuldig“ – für uns gehört das in den juristischen Bereich. Und wenn ich mich schuldig fühle, dann ist das doch eine sehr private Angelegenheit und geht keinen etwas an. Keinen? Doch, zumindest einen schon. Und meist nicht nur diesen einen – schuldig sein, schuldig bleiben, hat ja immer auch etwas mit meinem Nächsten zu tun. Nun beschreibt das Wort „schuldig bleiben“ zunächst einen Mangel: Ich tue etwas nicht, gebe etwas nicht, was man von mir erwarten könnte. Zu tun, was schuldig ist, beschreibt nun positiv gewendet die Bereitschaft zu tun, was ich in der Lage bin und was man auch von mir erwarten kann. Es umfasst mitunter auch noch jenes Plus, jenes mehr an Einsatz und Engagement, Freundlichkeit, das Menschen nicht unbedingt von mir fordern können.

Wenn dies überhaupt einforderbar ist, dann nur von Gott selbst. Und hier in dem heutigen Predigttext soll uns ja erklärt werden, wie wir vor Gott stehen. Auch wenn wir mit Recht die Sklavengesellschaft ablehnen, die im Neuen Testament einfach als gegeben vorausgesetzt wird – so bleibt unsere Position zu Gott auch heute durch das Bild vom Herrn und Sklaven beschreibbar. Denn hier wird ein unendlichen Abstand deutlich. Der Sklave war damals seinem Herrn ausgeliefert. Zugleich aber musste der antike Herr seinen Diener und Sklave mit allem, was lebensnotwendig war, versorgen: mit Essen, Kleidung, Unterkunft – übrigens eine Position, die einige Sklaven durchaus nicht aufgeben wollten und die sogar auf ihre Freiheit verzichteten. Wie solch ein abhängiger und zugleich doch auch rundum versorgter Diener, Sklave – so stehen wir also vor Gott.

Dass dies ein bisschen an unserer Eitelkeit kratzt, ist verständlich. Schließlich legen wir sehr viel Wert auf unsere Autonomie, auf unsere Unabhängikeit.

Und dann kommt der Gipfel – als wäre diese Zumutung, uns als Sklaven Gottes zu verstehen nicht schon genug. Wir sollen nicht einmal stolz auf das sein dürfen, was wir geleistet haben, was wir in unseren Augen gar überverdienstlich, freiwillig, vielleicht ehrenamtlich getan haben. Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan. Das sollen wir sagen.

Wir werden hier an etwas erinnert, dass so gar nicht zu unserem Selbstbildnis passt: Nichts haben wir in dieser Welt von uns aus – ja nicht einmal das Leben haben wir uns selbst gegeben, unser genetisches Kostüm wurde uns zugeteilt und ebenso der Lebensort. Alles haben wir zum Leben erhalten. Und das ist der Grund, warum Gott etwas von uns erwarten darf, das kein Mensch von einem anderen in diesem Ausmaß zu fordern berechtigt ist. Gott, der uns aus Liebe ins Leben rief, er darf von uns erwarten, dass wir tun, was wir ihm schuldig sind. Gott erwartet von uns, dass wir die Gaben, die er uns gab zum Wohl anderer auch einsetzen. Er erwartet von uns, dass wir diese Erde, die er uns als Lebensraum schenkte, bewahren. Er erwartet von uns, dass wir etwas aus unserem Leben machen. Er will das unser Leben gelingt. Und das, liebe Gemeinde, das ist doch nicht zu viel verlangt, oder? Dies ist mehr als angemessen.

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