Dank schuldig – oder: Den Seinen gibt’s VW im Schlaf

Liebe Mitchristen,

viel Kopfnicken wird Jesus wohl bei seinen Zuhörern – zunächst – für dieses Gleichnis geerntet haben. Er setzt das als richtig und unbestreitbar voraus, dass natürlich der Knecht seinem Herrn dient, der Arbeitnehmer seinem Arbeitgeber, der Untergebene seinem Vorgesetzten. Wo käme man auch hin, wenn eine solche Rangordnung aufgehoben werden würde?

Die Jünger – das sind diejenigen, die das Gleichnis hören – stimmen zu, das wird jedenfalls von Jesus vorausgesetzt: „Wer unter euch hat einen Knecht …?“ Die Zustimmung ist inbegriffen. Doch vielleicht kommt dann die Überraschung, als die Jünger selbst mit Knechten gleich gesetzt werden. Vielleicht kommt bei uns die Überraschung, wenn wir uns so gerne wie Herren aufführen und dann auf den uns angemessenen Platz zurück gewiesen werden.

Bei uns zuhause hat die Nachbarschaft ganz gut funktioniert. Man hat sich gegenseitig geholfen, das war eigentlich selbstverständlich. Eine Nachbarin hieß Emma. Wenn man für Emma etwas getan hat, konnte man sich ihres Danks sicher sein. Noch an demselben Tag – man konnte fast seine Uhr danach stellen – kam sie mit irgendeinem Dankeschön.

Wir können das nachvollziehen, denke ich. Wer bleibt einem anderen schon gerne etwas schuldig? Weil man sich in eine Art von „Abhängigkeit“ begibt, wenn man etwas ohne Gegenleistung annimmt. Zumindest moralische Abhängigkeit – aber die wiegt oft viel mehr als die materielle Abhängigkeit.

Als kürzlich bei uns in der Wohnung etwas Kleines repariert wurde, bin ich noch am selben Tag hingegangen und habe gefragt, was wir schuldig sind. Es ist selbstverständlich, eine solche Schuld zu begleichen. Und als ich gehört habe: „Gar nichts – ich habe Ihnen das umsonst gemacht“, war mir gar nicht so wohl. Weil ich auch nicht gerne etwas schuldig bleibe.

Wie halten Sie es? Ich frage Sie jetzt einmal. Stellen Sie sich vor, ein Nachbar hat Ihnen eine Gefälligkeit getan. Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder Sie besorgen sich ein kleines Dankeschön, gehen zum Nachbarn und überreichen es diesem mit Dankesworten. Oder Sie halten die Gefälligkeit für selbstverständlich und nicht der Rede wert.

[Fragen!]

Was das mit Christentum und christlichem Glauben zu tun hat? Ganz viel: Gott hat uns eine große Gefälligkeit getan, ja die größte überhaupt: Wir sind mit nichts anderem als mit dem Leben und mit der Erlösung beschenkt worden. Es gibt kein größeres Geschenk für uns Menschen, als dass wir leben dürfen und gute Grundlagen zum Leben haben.

Eine Gegenleistung erwartet Gott nicht. Genau das nennt man Gnade, dass er uns das Leben einfach so schenkt und die Erlösung einfach so anbietet. Martin Luther hat ja wieder von Neuem herausgearbeitet, was schon Paulus wusste: Gottes Gnade ist es, dass er uns Menschen ohne unser Zutun und ohne irgendeinen Verdienst empor gehoben hat.

Jetzt frage ich Sie: Gott hat Ihnen diese große Gefälligkeit getan. Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder Sie überlegen sich eine Möglichkeit, wie Sie sich ihm dankbar erzeigen können, gehen zu Gott und bringen ihm dieses Dankeschön dar. Oder Sie halten diese Gefälligkeit Gottes für selbstverständlich und nicht der Rede wert.

[Fragen!]

Das Gleichnis vom Knechtslohn will uns unsere Stellung klar machen: Nicht Herren sind wir, sondern Abhängige, Knechte, Untergebene. Wir dürfen uns über unseren Lohn freuen, den wir bekommen. Dass wir leben, dass das Leben schön ist. Dass wir sogar ewiges Leben in Aussicht gestellt bekommen haben. Aber klar soll uns sein, dass wir uns nicht mit Gott dem Herrn gleich setzen können, sondern eine untergeordnete Stellung haben. Und dass wir für das, was wir von Gott erhalten haben, Dank schuldig sind – damit wir einmal sagen können: „Wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“

Um es mit dem Bild vom Tisch zu sagen: Es ist ja gar nicht so, dass Gott uns nicht zu Tisch einladen würde – ganz im Gegenteil: Wir sind eingeladen, und wir alle müssen, wenn wir diese Einladung annehmen, nicht am Katzentisch Platz nehmen. Zeichen dafür ist, dass wir ohne Ausnahme am Heiligen Abendmahl teilnehmen dürfen.

Bloß: Erstens dürfen wir dabei nicht vergessen, dass Gott Gastgeber ist, dass ihm Dank und Ehre gebühren. Zweitens ist es unsere Aufgabe als Knechte Gottes, als Christen, den Tisch zu decken – und übrigens auch, andere dazu einzuladen. Sich an den gedeckten Tisch setzen, die Hände in den Schoß legen, nichts dafür tun, das ist unserem Stand nicht angemessen.

Mir drängt sich da in diesen Tagen der Vergleich mit der Wirtschaft auf, und damit wie Abgeordnete sich behandeln lassen:

Bei uns Christen wird zusätzliches Tun erwartet, bevor wir etwas erhalten. Das Gnadengeschenk Gottes wird uns an-geboten – aber es wird auch erwartet, dass wir uns dieses Geschenkes würdig erweisen.

Dort in der Wirtschaft bei manchen großen Unternehmen erhalten Abgeordnete etwas, ohne eine Gegenleistung in Arbeit zu erbringen. Ein bisschen flapsig ausgedrückt: Der Bibelspruch „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“ ist leicht umgeändert worden in „Den Seinen gibt’s VW im Schlaf.“

Für mich ist das zutiefst unmoralisch und heuchlerisch, und ich möchte hier dagegen Stellung beziehen: Schon die Hand Aufhalten fürs Nichtstun ist unmoralisch. Da wird öffentliches Betteln verboten, liebe Mitchristen, bei Menschen, die den Euro oder den Cent wirklich nötig haben. Und dann sacken Menschen, die es nicht nötig haben, das große Geld ein ohne etwas dafür zu tun, und ohne mit der Wimper zu zucken. Da wird bei jedem kleinen Beamten ein Nebenverdienst, für den er Leistung bringt, natürlich angerechnet. Aber ehemaligen Ministern im Alter von 40 oder 50 Jahren wird neben ihrem neuen Job eine üppige Pension bezahlt – und das auch noch, wenn sie wegen eigener Fehlleistungen aus dem Amt gehen mussten. Wo einem kleinen Beamten nach einer Fehlleistung – zu Recht – Gehaltskürzung oder Disziplinarverfahren droht, da „droht“ einem Politiker nach einer Verfehlung mit Spendengeldern oder per Ohrfeige die frühzeitige Pension. Da sprechen Politiker ganz unverschämt davon, sich ein „zweites Standbein“ sichern zu müssen, und betonen dann mit Hartz IV, dass man von den Arbeitslosen mehr fordern müsse.

Wir dürfen uns freuen, liebe Mitchristen, dass Gott uns Gnade anbietet – aus ganz freien Stücken. Aber wir sind dafür auch etwas schuldig – nämlich Gott die Ehre geben und ihm danken.

Manchmal höre ich von einem Menschen: „Ich gehe nicht zum Gottesdienst, weil mir das nichts bringt.“ Abgesehen davon, dass jeder Gottesdienst einem etwas bringen kann: Die Frage „Was bringt mir der Gottesdienst?“ ist grundsätzlich falsch. Nicht „Was bringt es mir?“ habe ich als Christ zu fragen, sondern „Was bin ich schuldig zu bringen?“ Nicht Gott ist mir etwas schuldig, und ich kann mich von ihm bedienen lassen. Sondern ich bin Gott etwas schuldig, und habe ihm zu dienen.

Es ist selbstverständlich, dass man sich bedankt, bekommt ein Kind in einer guten Erziehung mit auf den Weg. Sich bei Gott zu bedanken sollte mindestens genauso selbstverständlich sein – weil wir von Gott ungleich viel mehr bekommen. Also machen wir uns ans Werk, bereiten wir den Tisch, danken wir Gott und laden wir andere Menschen dazu ein!

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