Neugier, wo bist du?

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de/" target="_blank">e-pistel.de – die neue Form der Predigtvorbereitung!</a>]</i>

Liebe Gemeinde!

I. Der Mensch ist von Natur aus neugierig. Das hat ihm schon manchen Fortschritt eingebracht, nicht wenige Probleme beschert und an seltsame Orte geführt. Dieser Tage ist es Titan, einer der Monde des Saturns, der seine Aufmerksamkeit beansprucht. Seit Jahren ist eine Satellitenkapsel der ESA unterwegs, um ein paar Minuten Daten in Richtung Erde funken zu können, während sie durch die Atmosphäre des kleinen Trabanten saust. Natürlich erhoffen sich die Wissenschaftler neue Erkenntnisse über Titan, aber auch über unsere Heimatwelt. Schließlich ähnelt der Zustand des Planeten dem unserer Erde vor mehreren Millionen Jahren. Es ist schon erstaunlich, dass der Mensch eine so weite Reise auf sich nimmt und so viel Zeit investiert, um etwas über die eigene Geschichte zu erfahren und Unbekanntes zu erforschen. Aber wie gesagt: der Mensch ist halt neugierig …

So neugierig, wie es auch Mose seinerzeit gewesen ist. Er überschreitet die Grenzen seiner Weideplätze, da diese abgegrast sind. Er treibt seine Herde weiter – „über die Steppe hinaus“ – Da beobachtet er ein wirklich seltsames Phänomen: einen Busch, der scheinbar Feuer gefangen hat, aber dennoch nicht verbrennt! Unsere Wissenschaftler würden sich die Hände reiben. Und hätten sich wohl – wie Mose – ebenso interessiert wie neugierig diesem sonderbaren Ort genähert, um dem Phänomen auf die Spur zukommen. Doch was Mose entdeckt, ist kein Naturphänomen, sondern ein unerwartetes Wunder. Gott spricht zu ihm.

Schon die frühen Ausleger haben nach Erklärungen gesucht, in dem sie die W – Fragen: Warum? Wozu? Weshalb? Gestellt haben:

1. „Warum offenbarte Gott sich nicht aus der Höhe des Himmels, sondern redete mit Mose aus dem Dornbusch?“, so fragt eine alte jüdische Auslegung, „Hätte er nicht von den Gipfeln der Berge und den erhabenen Ort dieser Welt reden sollen oder von den Zedern des Libanon?“ und gibt die Antwort. „Er erniedrigte sich selbst, in dem er aus dem Dornbusch redete“ (Rabbi Eliezer b. Arakh) Und ich halte fest: Gott spricht mit uns in gleicher Augenhöhe.

2. Wozu offenbarte sich Gott in einem Dornbusch? „So wie der Dornbusch der grausamste aller Bäume ist und kein Vogel, der in ihn hineingeraten ist, unversehrt und ohne verletzte Flügel wieder herausgelangen kann, so war die Unterdrückung Israels in Ägypten grausamer als jede andere Unterdrückung.“ (Midrasch Schemot Rabba 2,5) Und ich halte fest: Gott kennt unsere Lage.

3. Weshalb offenbarte sich Gott in einem Dornbusch? Er gibt Mose selbst die Antwort „Und ich bin hernieder gefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand“ (V.8) Und ich halte fest: Gott ist ein Gott, der meine Not zu seiner Not macht.

4. Noch einmal nachgefragt: „Warum zeigte sich Gott auf diese Art und Weise. Weil Mose dachte, dass die Ägypter Israel auslöschen würden. Deshalb zeigte ihm Gott ein brennendes Feuer, das nicht verlöschte. Um ihm zu sagen: So wie der Dornbusch brennt und nicht ausgelöscht wird, so wird auch Ägypten Israel nicht auslöschen können.“ (Midrasch Schemot Rabba 2,5) Und ich halte fest: Gott ist der Grund unserer Hoffnung.

Die jüdische Schriftstellerein Nelly Sachs hat in unserer Zeit, nach dem Holocaust, dieses Bild vom brennenden Dornbusch aufgegriffen, wenn sie schreibt:

„Mose hat gebrannt!

David hat gebrannt!

Jetzt brennen wir,

wir die Überlebenden!

Sein Dornbusch in der Wüste sind

Wir, wir, wir!“

II. Doch der brennende Dornbusch, der sich nicht verzehrt, ist nur die äußere sichtbare Seite der Erzählung. Es gibt auch eine hörbare Seite.

Gott ruft Mose an wie Abraham, Jakob und Samuel. Mit dem zweimaligen Ruf „Mose, Mose“ macht er deutlich, dass er einen jeden persönlich kennt. Dabei offenbart sich Gott als Gott des Abraham, Isaaks und Jakobs. In diesen Bund schließt er nun Mose mit ein, den Mörder eines ägyptischen Aufsehers, der vor seiner Festnahme ins Ausland geflohen war. Ja, diesem Menschen vertraut Gott eine große Aufgabe an, nämlich sein Volk aus Ägypten herauszuführen in das gelobte Land. Die Einsprüche des Moses sind nachvollziehbar. „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?“ – „Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt! und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?“ Er erfährt die Gute Nachricht, die die beiden jüdischen Bibelübersetzer Buber – Rosenzweig sehr treffend so wiedergegeben haben: „Ich werde da sein, als der ich da sein werde“ .Darin wird deutlich, was das hebräische Wort ausdrücken will: nämlich das aktive Dasein Gottes hier und heute wie auch in Zukunft.

III. Was habe ich von dieser Geschichte lerne? Für mich ist diese Geschichte nicht so ungewöhnlich, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Sie macht mir vielmehr Mut, neu sehen zu lernen und mich in meiner Welt genauer umzuschauen. Gott scheint keine besonders ausgezeichneten Orte und auch keine besonderen Zeiten zu brauchen, um sich zu zeigen. Mose erwischt es während seiner alltäglichen Arbeit. Gerade eben noch hütete er die Schafe seines Schwiegervaters, im nächsten Moment befindet er sich schon im Zwiegespräch mit seinem Schöpfer. Vielleicht ist Gott gar nicht so weit weg und gar nicht so unnahbar, wie wir im Allgemeinen denken. Vielleicht haben wir nur einfach verlernt, richtig hinzusehen. Ich glaube tatsächlich, dass sich heilige Räume unter uns befinden und ich meine damit nicht irgendwelche Kirchen. Ich meine Situationen, Momente, in denen sich in unserem Leben Entscheidendes tut, in denen Wunder geschehen, die wir längst zur Alltäglichkeit banalisiert haben. Begegnungen mit Menschen, die zu einem wichtigen Part in unserem Leben werden; Begebenheiten, die unserem Leben neue Perspektiven und neue Möglichkeiten eröffnen.

Dass wir in die Ferne schweifen liegt wohl auch daran, dass wir meinen, uns und unseren Alltag gut genug zu kennen. Wirklich Neues erwarten wir von und auf unserer guten alten Erde nicht. So sind wir darauf angewiesen, unsere Neugier zu befriedigen und unsere Wunder woanders zu suchen. Unsere modernen Dornenbüsche wachsen und brennen auf Titan. Ich finde das nicht verwerflich. Und vertane Zeit ist es auch nicht. Aber wir machen es uns im Grunde genommen unnötig schwer. Die Offenbarungsgeschichte des Moses ermutigt uns, sensibler zu werden für die alltäglichen Wunder, die Fingerabdrücke in unserem Leben hinterlassen, die sich keinem Menschen zuordnen lassen. In ihnen können wir Gott begegnen. Einem Gott, der uns vielleicht fremd ist oder fremd geworden ist. Und der lebendiger erscheint, als wir es für möglich gehalten haben. Einem Gott, der möglicherweise unser Leben verändern wird und uns vor neue Herausforderungen stellt. Einem Gott, der bereit ist, sich erkennen zu geben. Einem Gott, der nicht taub und blind ist für die Sorgen und Nöte, die wir haben. Einem Gott, der nicht alles so lässt, wie es ist. Einem Gott, der mit uns neue Wege sucht.

drucken