Zieh erst einmal die Schuhe aus

Liebe Gemeinde,

in mehreren Urlauben in Südfrankreich habe ich Buschfeuer erlebt. Ein Funke reichte aus, dann brannten alle trocknenen Dornbüsche weit und breit, ein Flammenmeer, dem auch die Löschflugzeuge machtlos gegenüber standen. Einmal war ich im Auto unterwegs und musste vor so einer Feuerwand ganz schnell umkehren und auf einem Riesenumweg zu unserem Ferienhaus zurückfahren. So ein Buschfeuer ist von vernichtendem Tempo. Seit ich das gesehen habe, erstaunt mich die Geschichte aus dem alten Testament, die heute unser Predigttext ist, noch mehr:

[TEXT]

Ein einzelner Busch mitten in der Steppe, der in Flammen steht, ohne alles in seiner Umgebung niederzubrennen, kein Wunder, dass Mose dieser Sache auf den Grund gehen will. Warum sucht sich Gott ausgerechnet so einen brennenden Dornbusch aus, um sich einem Menschen zu zeigen, dem er einen Auftrag geben will?

Es gibt viele sehr schöne Darstellungen von diesem brennenden Busch, ein Bild für Kinder habe ich hier mitgebracht. Ich kenne Glasfenster in mehreren Kirchen, in denen der leuchtende Dornbusch dargestelt wird. So ein Dornbusch, ein Steppengewächs, ist ja an sich etwas ziemlich unangenehmes: wer einmal in Afrika oder auch in Südeuropa war und sich in solche Dornen verhakt hat, wird das wissen. Dagegen sind unsere Brombeersträucher harmlos. Nur kurze Zeit im Jahr blühen diese Büsche. Dann siind sie zwar auch noch voller Dornen, aber sie sehen wunderbar aus.

Natürlich will Gott Mose erst einmal aufmerksam machen. Der ist ja gerade mit ganz anderen Dingen beschäftigt, er hütet die Tiere seines Schwiegervaters und hat vielleicht zurückgedacht an das, was ihn hierher in die Wildnis gebracht hat: Dass er einen Aufseher erschlagen hatte, sich von seinem Zorn hatte mitreißen lassen und über das Ziel hinausgeschossen war. Im Grunde war sein Leben dadurch in andere Bahnen gekommen als er es sich vorgestellt hatte, und möglicherweise quälte er sich auch mit Schuldgefühlen. Und ausgerechnet ihn spricht nun Gott an, aus so einem unscheinbaren Busch heraus. Er bringt dieses Unscheinbare zum Leuchten, nicht zu einem verheerenden Feuer, nicht zerstörereisch, sondern so, dass auch in Mose etwas aufleuchtet.

„iWe sieht Gott aus? Das haben mich gerade die Erstkläßler gefragt, mit denen ich die Geschichte von Abraham bespreche. Ich konnte ihnen nur schwer vermitteln, dass wir darüber nur eines wissen: den Anblick des lebendigen Gottes erträgt keiner. Selbst wenn er sich in einem Feuer zeigt, warnt er Mose – und dieser verhüllt sein Gesicht. Auch im Evangelium eben, in der Geschichte von Jesu Verklärung, schützen sich die Jünger impulsiv, indem sie sich zu Boden werfen. Auch Mose fürchtet sich, den Herrn anzuschauen. Und das soll der liebende Gott sein? Einer, vor dessen Anblick ich zittern muss? Wem der lebendige Gott beggenet, der verändert sich, denn Gott hinterlässt Spuren im Menschen. Zu Veränderungen gehört es auch, dass man sich zunächst einmal fürchtet.

„Ich habe das Elend meines Volkes gesehen und bin herniedergefahren“, sagt Gott – also hat er die Nähe der Menschen gesucht, um ihnen einmal mehr aus der Klemme zu helfen. Und er hat sich Mose ausgesucht, um dies zu bewerkstelligen. Eine gewaltige Anforderung. Er sagt ihm damit: „ich brauche dich.“ Zwar hat Mose den ersten Schritt, vielleicht ganz unbewusst, getan, indem er seine Tiere an den Gottesberg Horeb geführt hat und dann auch noch dem Dornbusch nähergerückt ist, aber umgekehrt hat auch Gott die Nähe zu Mose gesucht. Und er rückt ihm so nahe, wie es nur irgend möglich ist, ohne dass Mose Schaden nimmt. Er entzündet ein Feuer, das auf das Herz von Mose überspringt, ein Feuer der Liebe. Mehr noch, er sagt zu ihm: „Ich will mit dir sein.“

Wie einfach, wie unkompliziert kommen uns dagegen die Berufungsgeschichten vor, die wir aus den Neuen Testament kennen, wo Jesus, also der menschgewordene Gott, Menschen anspricht. Und ich habe mich oft gefragt: Wieso war Mose sich so sicher, dass es Gottes Stimme ist, die er aus dem brennenden Busch hört? Es gibt schließlich auch ganz andere Stimmen, die man ab und an im Ohr hat.

Das werden Sie vielleicht selbst schon erlebt haben, wenn Sie eine wesentliche Entscheidung getroffen haben, bei der Sie Ihrer inneren Stimme gefolgt sind: Plötzlich kommt die Frage: „Ist das wirklich das, was für mich angestanden hat?“ Oder bin ich einer Eingebung gefolgt, die gar nicht von Gott, sondern aus der entgegengesetzten Richtung kam? War es vielleicht doch persönliche Eitelkeit, die mich dazu verleitet hat, mich für dieses oder jenes Ehrenamt in der Kirche zur Verfügung zu stellen? Kann ich wirklich Kindern Religionsunterricht geben? Bin ich dazu geeignet, in meinem Ort im kommunalpolitischen Bereich mitzuwirken?

Auch Mose ist zuerst voller Selbstzweifel. „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe…“ Ich habe ähnliche Reaktionen schon manchmal gehört, wenn ich Gemeindemitglieder auf die Möglichkeit der Lektorenschulung aufmerksam gemacht habe und gefragt habe, ob sie einmal einen Gottesdienst mit einer Lesepredigt halten würden. „Wer bin ich denn, dass ich mich da vorne hinstelle?“ Zu Mose sagt Gott: „Ich werde mit dir sein“. Und ich bin überzeugt, diese Zusicherung gilt auch heute für jemanden, der zu einer Tätigkeit wirklich berufen ist. Gott braucht keine perfekten Leute für seine Heilsgeschichte. Er braucht uns mit all unseren Unzulänglichkeiten. Und viele derenigen, die berufen werden, haben sich nicht im Mindestens dafür geeignet gefühlt. Ich denke an Jeremia, der sagt: „Herr, ich bin zu jung, ich habe nicht gewollt, aber du hast mich überredet“, an Jesaja, der erst sagt, er habe unreine Lippen und tauge nicht zum Dienst. Gerade solchen Menschen ist Gott besonders nahe getreten und hat sich ihnen gezeigt.

Ich denke an den Christenverfolger Saulus, aber auch an viele Persönlichkeiten aus nachbiblischer Zeit, die sich zuerst regelrecht gegen eine „Berufung“ gewehrt haben oder fanden, sie seien nun in ihrem Leben so ganz und gar nicht „heiligmäßig“ gewesen.

Manchmal erschrecke ich, wenn ich überlege, welchen Maßstab Kirche anlegt, um festzuschreiben, wer geeignet ist, in den kirchlichen Dienst zu treten. Ein Mörder wie Mose, ein Erbschleicher wie Jakob, ein Ehebrecher wie David, sie hätten bestimmt schlechte Karten, in den Pfarrdienst übernommen zu werden. Gott sieht die Menschen anders an, er sieht ihre Schwächen, aber er gibt ihnen auch Stärken mit. Er sucht sich den widerborstigen und lästigen Dornbusch aus, um ein Feuer darin zu entflammen, das sich nicht verzehrt und das keinen Schaden anrichtet.

Und ebenso wie in einem solchen Dornbusch entzündet er sein Feuer in Menschen, die er in seinen Dienst ruft. Wer sich in seinen Dienst stellt, wird zwar kein einfaches Leben haben, niemand bleibt unberührt und ungezeichnet, der dem lebendigen Gott begegnet. Aber Gott sorgt auch dafür, dass sich keiner verzehrt, dass niemand ausbrennt, der seiner Stimme folgt. Er gibt Lasten zu tragen, aber gleichzeitig auch die nötige Kraft dazu. Ausbrennen und sich verzehren, das können wir allenfalls dann, wenn wir glauben, uns mehr aufladen zu müssen als er von uns fordert, wenn wir unsere Kräfte überschätzen und aus uns selbst heraus noch eins drauf setzen wollen. Dieser Gefahr sind wir, wenn wir uns in der Kirche engagieren, immer wieder ausgesetzt. Wir wollen alles, und das möglichst sofort und haben keine Zeit, uns auf Gottes Tempo einzustellen. Daher ist es nötig, sich ab und an darauf zu besinnen, wo der Ursprung des Lichtes ist, auszuatmen und das Zwiegespräch mit Gott zu suchen. Die Herrlichkeit des Herrn geht auf über uns, aber als müde und ausgelaugte Gestalten können wir ihr Strahlen nicht widerspiegeln. Lasst uns also darauf achten, dass wir selbst nicht blind werden für dieses Leuchten, dass wir unsere Grenzen erkennen und wissen, wo Gott sagt: Halt! Zieh erst einmal die Schuhe aus, halt inne und höre mir zu.

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