Kein namenloser Gott

<i>Erster Teil narrativ</i>

Einige Zeit schon zogen die Hebräer durch die Sinai-Halbinsel auf dem Weg in das verheißene Land. Die Reise musste oft unterbrochen werden. Kinder wurden geboren, Krankheiten, Hunger und Durst zwangen zu oft langen Aufenthalten. Einmal, sie waren in der Nähe des Gottesberges Horeb angekommen, bekamen sie Besuch von einem würdigen älteren Herrn in Begleitung einer Frau und zwei Kindern, die jubelnd auf Mose zurannten und ihn umarmten.

An Abend, als die Stammesoberhäupter am Lagerfeuer beisammen saßen, kam auch Mose aus seinem Zelt heraus, an den Händen die beiden Jungen. Er sieht die fragenden Blicke der Männer und fühlt, dass er ihnen eine Erklärung schuldig ist.

„Ihr wisst ja, warum ich fliehen musste, begann er. „Dabei kam in diese Gegend hier. Da drüben“, Mose deutet auf eine Talsenke im Osten, „fand ich einen Brunnen“. „Als einige junge Frauen zum Tränken ihrer Schafe vorbeikamen, habe ich ihnen geholfen, weil sie von fremden Hirten belästigt wurden. Daraufhin hatte mich der Vater der Mädchen eingeladen, dazubleiben. Na ja“, meinte Mose und lachte, „das habt ihr euch sicher schon gedacht, der Vater war der Mann, der vorhin ankam. Er hatte mir seine Tochter Zippora zur Frau gegeben. Gerschom und Elieser sind meine Söhne.“ Mose streicht den beiden liebevoll über das Haar. Dann schickt er sie mit einem leichten Klaps zurück ins Zelt, aus dem eben Zippora tritt und nach den Kindern ruft.

Dann setzt er sich und starrt lange ins Feuer. „Ich habe sie zu ihrem Vater zurückgeschickt“ sagte er leise. „Ihr wisst ja, wie dramatisch und gefährlich es war, als wir mit dem Pharao wegen des Auszugs verhandelten. Ich wollte nicht, dass ihnen etwas zustößt. Aber jetzt bleiben sie bei uns“

Die Männer nicken. Sie erinnern sich: die Fronarbeit, die vielen Plagen, das Sterben der erstgeborenen Knaben der Ägypter, das letztlich den Pharao zum Einlenken zwang. Einer der Männer wendet sich Mose zu. „Du hast uns gesagt, dass Gott dir und deinem Bruder Aaron aufgetragen hat, uns aus Ägypten zu führen. Erzähle doch mal, wie das war“, bat er.

Mose starrt lange ins Feuer. „Das war ein seltsames Erlebnis“, begann er. „Ich war mit den Schafen unterwegs zum Berg Horeb, den ihr da drüben seht. Ich schaute mich nach einer Weidefläche um, da sehe ich vor mir einen brennenden Dornbusch. Das ist hier in der Wüste nichts ungewöhnliches, aber als ich näher komme, bemerke ich hinter diesem Feuer eine große Gestalt, die die Hand hebt und mir zuruft, ich solle stehen bleiben und meine Schuhe ausziehen. Das sei ein heiliger Ort“. Mose macht eine Pause, dann fährt er fort: „Merkwürdig war, dass mich die Gestalt mit Namen anrief. Denn unter „Mose“ kannte mich hier niemand. Einen Augenblick dachte ich, dass mich Pharaos Schergen nun doch gefunden haben, aber dann begann die Gestalt zu reden und sagte“ – Mose stockt – dann fährt er langsam und jedes Wort betonend fort: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“.

Wieder hält Mose in der Erzählung inne. Dann schaut er auf. „Dieses ICH BIN ging mir durch und durch. Ich bekam Angst, zog meinen Mantel über das Gesicht. Dann hörte ich, wie die Gestalt sagte, dass er das Leiden seines Volkes in Ägypten gesehen hätte und es dort herausholen und in ein Land führen wolle, wo Milch und Honig fließen.“

Mose blickt seine Männer an. Dann sagt er mit fester Stimme: Die Gestalt dort hinter dem brennenden Dornbusch war ein Bote Gottes, ein Engel. Ich spürte das. Es interessierte mich plötzlich nicht mehr, warum der Dornbusch brannte und doch nicht verbrannte. Ich spürte die Nähe Gottes. Angst, Erstaunen, Glücksgefühle – alles wogte in mir durcheinander. Und dann, ja dann sprach der Bote Gottes zu mir.“ Mose schweigt und schaut nachdenklich ins Feuer.

<i>Zweiter Teil Textlesung</i>

Liebe Gemeinde, was Mose hörte, ist uns überliefert. Ich lese:

[TEXT V.1-10]

Der Auftrag ist klar und unmissverständlich. Mose wird berufen. Er soll als Gottes Bevollmächtigter mit Pharao verhandeln und den Exodus organisieren. Erfüllt ihn das mit Stolz? Nein. Was wir lesen ist ein Zwiegespräch aus dem wir erkennen, wie Mose von Unsicherheit, Zweifel, ja auch von Angst getrieben wird. Und wir erleben einen verständnisvollen Boten. Ja Gott ist es jetzt selber, der spricht. Hört, wie das beschrieben ist:

[TEXT V.11-14]

<i>Dritter Teil Auslegung und Predigt</i>

Mose ahnt, dass das Volk der Hebräer Fragen stellen wird. Wie soll er sich ausweisen und wie soll er Gott erklären? Er weiß, es wird nicht reichen, ihn als den Gott der Väter vorzustellen. Der Gott der Väter ist Dogma: „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.“ Das reicht vielleicht als Bekenntnis, beschreibt aber nicht die Wesensart Gottes.

Ein namenloser Gott ist ein unbekannter Gott. Den Menschen damals war es keine Frage, dass er von unsichtbaren Mächten umgeben ist. Heute scheint sich diese Einsicht wieder zu verstärken. Seit Dietrich Bonhoeffer wissen sich auch Christen von guten Mächten umgeben. Freilich entziehen sich diese Mächte unserer Verfügungsgewalt. Aber wissen wollen wir schon, ob sie es gut oder böse mit uns meinen. Deshalb fragte Mose nach dem Namen dessen, der mit ihm redet. Ein Name enthält nach alter Anschauung etwas vom Wesen seines Trägers. Das lesen wir in der Bibel häufig bei einer Namensgebung. Mose z.B. heißt „Ich habe dich aus dem Wasser gezogen“ Hinter dieser Anschauung steht die Überzeugung, dass der Mensch von sich aus keine Beziehung zu einem anderen aufbauen kann, es sei denn, dieser öffnet sich und teilt sich mit. Das Wesen eines Menschen ist nur durch eine persönliche Begegnung erfahrbar. Dazu gehört auch der Austausch der Namen. Menschen, deren Namen wir nicht wissen, bleiben uns fern. Namen verbinden.

Mit der Gottesbeziehung ist es ähnlich. Wenn Gott sich nicht offenbart, bleibt er uns fremd, bleibt er ein abstraktes Gebilde. Gott will sich offenbaren, aber nur dem, der seine Nähe wirklich sucht. Immer redet die Bibel davon, dass Gott gesucht werden will.

Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen das Suchen aufgegeben haben. Sie möchten schon einen Gott, aber einer, der ihnen zu Diensten steht. Gott soll zur Stelle sein, wenn man ihn braucht. Sonst möge er ruhig im Himmel zurückgezogen bleiben. Das Sprichwort: „Not lehrt beten“, geht zwar auf einen Psalm zurück, wird aber sonst sehr säkular in den Mund genommen. Solche Menschen fragen: „Wie kann Gott das zulassen?“ Die Naturkatastrophen der letzten Tage haben gezeigt, dass es sehr viele zu sein scheinen, die diese Frage stellen. So kann nur einer fragen, der Gott als einen Nothelfer betrachtet.

Was antwortet nun Gott auf die Frage des Mose? „Ich werde sein, der ich sein werde“. Das klingt ausweichend. Aber das hebräische „Sein“ bedeutet mehr als in unserem Sprachgebrauch üblich. Man kann auch so übersetzen: „Ich werde da sein als der ich da sein werde.“ Oder „ich werde mich erweisen“. Das ist mehr als ein ruhendes Sein. Zum Wesen Gottes gehört Zuwendung. Gott neigt sich zum Menschen herab und will an seiner Seite bleiben, mit ihm mitgehen. Und wenn Gott mitgeht, gehen Treue und Gnade mit, Verständnis, Liebe natürlich und eine große Hoffnung. Aber er wird immer der Herr bleiben, der sich nicht dem Willen des Menschen und seinen Wünschen und Vorstellungen hingibt. Das wollte Jesus wohl deutlich machen. Die ersten drei Bitten im Vaterunser stehen ganz im Zeichen der demütigen Unterordnung unter Gottes Autorität.

<i>Vierter Teil Beispiele</i>

Es gibt zwei Erzählungen in der Bibel (AT), die das eben gesagte bestätigen, Der Mensch meint, des göttlichen Wesens habhaft zu werden, wenn er den Namen kennt. Die eine Erzählung findet sich im Buch der Richter (Kap.13). Einer (unfruchtbaren) Frau ist ein Engel erschienen und hatte ihr die Geburt eines Kindes (den späteren Richter Simson) angekündigt. Manaoch, ihr Mann wollte den Engel auch gern sehen und bat Gott um ein nochmaliges Erscheinen. Wirklich erschien der Engel noch einmal, aber wieder nur der Frau. Rasch holt diese ihren Mann und der bat den Engel dazubleiben, er wolle ein Ziegenböcklein für ihn zubereiten. Der Engel weist die Zudringlichkeit zurück, aber Manaoch gibt nicht auf und fragt ihn: „Wie heißt du? Denn wir wollen dich ehren, wenn eintrifft, was du gesagt hast.“ Manaoch will sich des göttlichen Wesens bemächtigen. Kennt er den Namen, so glaubt er, kann er auch später mit ihm rechnen. Aber der Engel fährt ihn an: „Warum fragst du nach meinem Namen, er bleibt ein Geheimnis!“

Die andere Erzählung ist die von Jakob, der sich auf der Heimkehr in das Land seiner Väter befindet und sich vor seinem Bruder fürchtet, der ihm das Erstgeburtsrecht gegen eine Linsensuppe abgetreten hatte. In der letzten Nacht ringt er am Flussufer mit einer geheimnisvollen Gestalt (1. Mose 32). Mitten im Kampf fragt er den Unbekannten nach seinem Namen. „Sage doch, wie heißt du?“ Auch hier wieder die Gegenfrage „Warum fragst du, wie ich heiße?“ In unserem Sprachgebrauch klingt das so: Wie kommst dazu, mich nach meinem Namen zu fragen?

<i>Finale</i>

Gott gibt seine Souveränität nicht preis. Das ist gut so. Die Bibel lehrt uns, an ihn zu glauben und ihm betend zu vertrauen. ist nah. So nah, dass wir mit ihm in normaler Lautstärke reden können. So nah, dass es ihm wehtut, wenn wir seinen Namen missbrauchen. Wiederum aber auch so fern, dass ihn niemand zu fassen vermag. „Fassest du ihn, ist es nicht Gott“ stellt Friedrich von Schiller fest.

Übrigens heißt „Ich werde sein, der ich sein werde“ auf hebräisch „Jahwe“. Ein Name und doch kein Name im Sinne einer Eingrenzung. Ein bedeutungsvoller Name.

Wir erinnern uns: Der Bote Gottes sagte Maria, dass sie dem Kind, das sie gebären wird, den Namen Jesus geben soll. Jesus heißt: „Gott rettet“.

Später hat dieser Jesus von Gott als seinem Vater gesprochen und auch seine Nachfolger gelehrt, Gott mit Vater anzusprechen. Und dann hat er von sich gesagt: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ Seit Weihnachten wissen wir mehr von Gott. Jesus hat seinem Namen alle Ehre gemacht. Gott sei Dank.

<i>[Anders schließen: Gedanken zum Evangelium des Tages.]</i>

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