Mr. Incredible

<i>[Anmerkung: In der Predigt werden lediglich die Verse 1-12 berücksichtigt. Die Abgrenzung der Perikope ist zwar exegetisch nicht ganz korrekt, aber homiletisch begründet. Der Gottesname ist Thema für eine eigene Predigt.]</i>

Helden sind was Tolles! So wie Spiderman, mit übernatürlichen Kräften. Wie Bruce Willis oder Harrison Ford, wie James Bond oder Lara Croft. Unbesiegbar, stark und schön. Helden haben keine Angst, sie gewinnen jeden Kampf, sie erobern sie jedes Herz!

Am besten sind die Helden, die nach außen hin ein ganz normales Leben führen. Mit Einfamilienhaus, Mittelklassewagen, einer netten Frau und zwei ebenso netten Kindern. Nur dann, wenn die Welt mal wieder von finsteren Mächten bedroht wird, treten sie in Aktion. Dann werden sie zu Helden, und die Menschheit verdankt ihnen das Überleben

Was aber macht so ein Held, wenn er keine Aufgabe hat? Wenn er liebend gerne mal wieder die Welt retten würde, aber nicht darf? Weil ein Gesetz im das verbietet?

Genau diese Frage stellt sich auch Bob Parr, als er wieder mal die Akten auf seinem Schreibtisch hin- und her schiebt. Versicherungsvertreter! Ein todlangweiliger Job und eine Unterforderung für einen Ex-Helden, der noch vor kurzem als Mr. Incredible für Recht und Sicherheit gesorgt hat.

Aber dann passiert diese dumme Geschichte mit dem verhinderten Selbstmord. Da rettet unser Held einen Lebensmüden, der sich von einem Hochhaus stürzt. Der Mann verdreht sich dabei das Kreuz und verklagt unseren Helden auf Schadenersatz. Und weil Schadenersatzprozesse in Amerika der Ruin sind, beschließt die amerikanische Regierung ein Superhelden-Schutzprogarmm: Wer seinen Superhelden-Job aufgibt, bleibt straffrei.

Also zieht sich Mr.Incredible ins bürgerliche Leben zurück und ist kreuzunglücklich.

Auch seine Familie kann ihn nicht trösten. Seine Frau Helen, ebenfalls eine Superfrau, hat Stress mit ihrer aufmüpfigen Tochter Violetta und ihrem hyperaktiven Sohn Flash. Wie das eben ist mit pubertierenden Kindern: fühlen sich schon erwachsen, es aber noch nicht sind sind. Was vor allem dann schwierig wird, wenn diese Kinder ebenfalls Superkräfte haben. Nur Baby Jack-Jack scheint ganz normal zu sein, macht aber nicht weniger Arbeit. So sieht sich Mr. Incredible seufzend dabei zu, wie er immer dicker wird und wie zugleich seine Superkräfte einrosten…

Die Geschichte der Familie Incredible läuft z.Zt. im Kino. Unter dem Titel „Die Unglaublichen“ ist sie der neuste Kassenschlager.

Helden! Wie oft schon hätten sie diese Welt einen Helden gebraucht! Und wie gut könnte die Welt ihn heute gebrauchen. Arbeit ist genug da. Keine Angst mehr vor Tsunamis und vor Killerviren, keine Bedrohung mehr durch Terroristen und Diktatoren. Nicht Präsidenten und Generäle, nicht Bosse und Manager dürften das Geschick der Menschheit bestimmen, sondern mutige und selbstlose Einzelkämpfer, die alle Probleme im Handstreich lösen.

Helden sind keine Erfindung von Hollywood. In den Legenden und Mythen der Völker existieren sie schon immer. Manchmal hat die Phantasie Übermenschen aus ihnen gemacht. Andere bleiben normal. Sie leben ihr durchschnittliches Leben und treten nur in Aktion, wenn sie gerufen werden.

Zu ihnen gehört auch Mose. Der Mose. Die Hauptfigur im Alten Testament. Freiheitskämpfer und Prophet in einer Person. Ein Mann mit Genie und Charisma. Es ist klar: Für große Aufgaben wählt Gott nur besondere Leute aus.

Obwohl Mose selbst sich niemals freiwillig gemeldet hätte. Hirte sein ist doch auch ganz nett! Aber was sind schon Pläne, wenn die Pflicht ruft?

Die Bibel erzählt im Predigttext für den heutigen Sonntag:

[TEXT]

Helden, liebe Gemeinde, Helden reden anders. Es ist aber auch zu dumm: Da bist du beim Schafehüten und denkst: „Hier hab’ ich meine Ruhe.“ Und plötzlich sollst nicht die Schafe nach Hause, sondern ein ganzes Volk in die Freiheit führen. Quer durch die Wüste. Männer, Frauen und Kinder. Mit den Ägyptern im Nacken. Und jeder Menge Gefahren unterwegs.

Und du kannst nicht ausweichen. Kein Stein, hinter dem du dich verstecken, keine Höhle, in die du dich verkriechen kannst.

Und keine Ausrede hilft: „Es gibt tausend andere! Warum gerade ich?“ Würde Gott sich für Mose entscheiden, wenn es auch ein anderer tun könnte? Die Sache ist also klar: „Du, Mose, und sonst keiner!“

Es ist klar, dass Mose erst mal nicht will. Und Gott nimmt ihm das nicht übel. Helden gibt’s im Kino. Aber die Bibel ist nicht Hollywood. Gott nimmt Menschen in seinen Dienst. Keine Supermänner und –frauen. Gewöhnliche Menschen. Und immer wieder solche, die an sich selbst die größten Zweifel haben. Er fragt sie nicht: „Was kannst du? Was hast du vorzuweisen?“ Er verlangt keine Probe ihres Geschicks, sondern sagt: „Geh nur. Ich bin mit dir. Du bist nicht allein.“

Bedenken nimmt er ernst. Mose hat Angst und sagt das auch: „Ich bin ein schlechter Retter. Das ist zu groß für mich. Lass mich meine Schafe hüten. Ich weiß, was ich kann, und ich kenne meine Grenzen. Mit Ägypten hab’ ich schlechte Erfahrungen gemacht. Ich will nicht dahin zurück!“

Dass jemand vor einer großen Aufgabe Angst hat, ist menschlich. Das ist jeder und jedem von uns schon mal so gegangen. Je größer die Aufgabe, desto größer ist der Druck. Hast du Erfolg, bist du zufrieden und dich die Leute haben gern. Schaffst du es nicht, lassen sie dich fallen. Manche Aufgaben sind nicht mal groß, trotzdem hast du Angst davor. Auch Helden haben die Hosen voll, zumindest die in der Bibel.

Für mich ist die Geschichte von der Begegnung zwischen Gott und Mose am brennenden Dornbusch ermutigend und tröstlich. Sie sagt mir:

1. Du musst kein außergewöhnlicher Mensch sein, um Gott zu begegnen. Du bist als Mensch für Gott immer etwas Besonderes. Egal, ob du alt oder jung bist, erfolgreich oder gescheitert; egal ob du mit dir selbst im Reinen bist oder mit deinem Leben haderst; egal ob du auf alles eine Antwort weißt oder alles in Frage stellst. Du kannst ihm begegnen, so wie du bist: mit deinen Träumen und Idealen, mit deinen Widersprüchen und deiner Schuld.

2. Du musst nichts Besonderes tun, um Gott zu finden. Mose hütet die Schafe, als Gott auf ihn zukommt. Während der Arbeit also und am Arbeitsplatz. In Arbeitskleidung, inmitten blökender Schafe. Mehr Alltag geht nicht. Kein Ort ist für Gott zu staubig, zu schäbig, zu ordinär. Das gilt für den Busch in der Wüste genau so wie für die Krippe im Stall von Bethelehem.

3. Du musst kein Held sein, um Gott zu gefallen. Mose ist kein Mr.Incredible, der sich vom Versicherungsvertreter zum Supermann verwandelt. Er bleibt Hirte. Statt Schafe führt er Menschen. Das ist viel schwieriger. Manchmal, da bin ich mir sicher, wünscht er sich seine Schafe zurück. Die sind einfacher zu führen und zufrieden mit dem, was sie bekommen. Menschen sind komplizierter: ständig am Motzen und ewig undankbar – übrigens unabhängig vom Alter. Auf der Wüstenwanderung hat Mose Stress mit den Erwachsenen, nicht mit den Kindern!

Ich mag Helden, liebe Gemeinde – im Film. In der Wirklichkeit gibt es sie nicht. Da gibt es nur uns. Aber was heißt schon „nur“? Es ist ja auch „nur“ ein Hirte, dem Gott in der Wüste begegnet. Und es ist später auch „nur“ ein Zimmermannssohn, in dem Gott uns nahekommt.

Helden? Nein. Menschen. So wie wir.

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