Das Himmelreich ist zum Greifen nah

Liebe Gemeinde,

ich ziehe gerade um. Nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal aus einer Stadt ins Dorf. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die Reaktionen darauf ausfallen. „Da könnte ich nicht leben“, sagen die Großstadtpflanzen, „da ist ja nix los“. „Beneidenswert“ sagen die, die gerne dem Lärm entfliehen möchten. „Da kennt ja jeder jeden und du kannst nichts machen, was nicht registriert wird“, sagen die, die sich vor der Meinung anderer fürchten. „Schön, da hast Du immer jemanden, den Du ansprechen kannst, wenn mal Not am Mann ist“, sagen andere. Meinungen gibt es viele, immer getragen von der eigenen Befindlichkeit.

Ähnlich verhalten sich diejenigen, die als Kommentatoren über unseren heutigen Predigttext nachgedacht haben.

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Jesus zieht um. Er zieht bei seiner Familie aus, aufs Dorf am See Genezareth. Matthäus, der Evangelist, hat gleich eine Erklärung. Ihm geht es darum, einmal mehr zu unterstreichen, dass Jesus der verheißene Messias sein muss, und er zieht um, weil ein Prophet 600 Jahre früher meint, den Leuten in Sebulon und Naftali müsse auch einmal ein Licht aufgehen.

Eine meiner Freundinnen hatte eine ganz andere Erklärung auf Lager. „Wie sollte sich Jesus bei seinen Eltern, in einem Zimmermannshaushalt, auf seine Predigten konzentrieren können? Er musste da raus, damit er seine Berufung erfüllen konnte. Bestimmt hat ihm seine Mutter zu Hause nie Ruhe gelassen und sein Vater hat ihn dauernd auf den Bau geholt. Sie kennt das, ihre Eltern hatten einen selbständigen Handwerksbetrieb.

„All diese Namen – Sebulon, Naftali, Kapernaum – stehen für einen Landstrich, der zwar ursprünglich in Galiläa, aber symbolisch auch ganz nah bei unserem öden Januar und seinem grauen Alltag liegt. Wie das? Das "Land am Meer", dieses "Galiläa der Heiden", ist nämlich, kann man zusammenfassen, die trübsinnige Gegend an sich. Da sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht, da sind die Leute alles andere als happy und in bester Partylaune, da gibt es kein Flair und keine Konzerte und Ausstellungen, da ist es einfach trostlos. Ein depressiver Landstrich, gähnend vor Dumpfheit. Es riecht nach Mottenkugeln da, nicht nach Chanel. Die Leute, die dort wohnen, sitzen "in Finsternis", so sagt das nicht nur Matthäus, so hat es auch schon Jesaja gesagt, der hier zitiert wird. Und noch stärker: Menschen wohnen da "am Ort und im Schatten des Todes", in Trauer und Perspektivlosigkeit … wenn das keine wirksame Anti-Werbung für einen Ort ist, was dann? Ich jedenfalls wollte nicht unbedingt drei Wochen dort Urlaub machen, und "wohnen" schon gar nicht.“, das meint ein Autor von heute zum Predigttext. (Anm.: Werkstatt für Liturgie und Predigt)

Eugen Drewermann hingegen sieht es ganz anders: Für ihn ist der See Genesareth ein wunderbarer Ort, der Ort, wo Jesus dem Himmel besonders nahe ist. „Wie sehr muss sich Jesus gewünscht haben, dass das Herz der Menschen werden möchte wie dieser reine und klare Spiegel Gottes, wie der See Genesareth.“ Schreibt Eugen Drewermann und erinnert daran, dass die Araber bis heute den See „Das Auge Gottes“ nennen. Nicht ohne Grund habe Jesus alle seine Wunder rund um diesen See getan, Wunder, die die Herzen der Menschen wandeln sollten vom Todesschatten ins Licht, von der Dunkelheit in Sonnenaufgang.

Das Volk, das im Finstern sitzt, ist das vielleicht nicht ein Bild für unser Seelenzustand: wir verdüstern uns selbst, kommen uns ständig umzingelt von Feinden vor. Wir haben Angst um unser leben, eine Angst, die uns dazu treibt, unser Leben immer stärker zu sichern – aber wird es dadurch nicht immer dunkler und freudloser?

Ich nehme einmal die Katastrophe der letzten Woche als Beispiel: Schreckensbilder und schlimmste Nachrichten haben wir in uns hineingesogen, und wir haben gefragt, wie Gott so etwas zulassen kann. Nicht berichtet wurde von den vielen Zeichen menschlicher Zuneigung und Liebe, die es mitten in all dem Schrecken gab. Von der Thailänderin beispielsweise, die eine Engländerin, die mit dem Rücken zur nahenden Wassermauer steht, wegreißt in die erste Etage eines Kaufhauses. Beide überleben – und die Thai-Frau gibt der völlig fremden Touristin auch noch Geld, damit sie weitersehen kann. Viele kleine wunderbare Geschichten von Liebe zwischen den Menschen in all dem Grauen hat eine Missionarin in diesen Tagen notiert und per E-Mail nach Deutschland geschickt, Geschichten gegen den Tod.

Auch Jesus hätte Grund gehabt, niedergedrückt und traurig zu sein, als er nach Kapernaum umsiedelt. Gerade ist der Täufer Johannes gefangengesetzt worden, er wird das Gefängnis nicht lebend verlassen. Da fängt Jesus an zu predigen, tritt den Beweis dafür an, dass das, was von Gott kommt, nicht tot zu kriegen ist: Die Hoffnung. „Das Reich Gottes ist nahe“, sagt Jesus mitten in die Angst hinein. „Kehrt um“, sagt Jesus, genau wie Johannes, hört auf, so zu leben wie bisher.

Hört auf, euch einzumauern in eure Sorgen, in eure Angst, hört auf, lebende Tote zu sein. Besinnt euch darauf, wozu Ihr berufen seid. Lernt, dass es nur eines gibt, was sicher ist: Gottes Liebe. „Buße“ heißt ja nicht, sich in Sack und Asche hüllen, sondern in sich hinein zu schauen, einzukehren bei sich selbst, dann eben den Mut zu haben, zu erkennen, was wirklich wesentlich ist: Nicht Versicherungen, nicht die Jagd nach Geld, Reisen, Hauptgewinnen, weltlicher und materieller Sicherheit und dem, was Glück genannt wird. Und daraus die Konsequenz ziehen, sein Leben zu ändern, es von Gott her zu leben. Das ist ein totaler Perspektivenwechsel. Möglich wurde er durch Jesus. Wir erleben es in allen Geschichten seiner Begegnungen mit Menschen: Er redet sie an, sie beginnen unter seiner Ansprache, unter seinem Ruf, ihr Leben neu zu leben, so, wie es eigentlich gemeint ist. Sie besinnen sich auf ihren Ursprung, ihren Ursprung als Söhne und Töchter Gottes. Dann erst sind sie in der Lage, zu bemerken, dass das Himmelreich wirklich nahe ist. Sie lernen glauben gegen ihre Angst.

Es liegt nicht an Gott, wenn ihr euch einsam und verlassen, ausgesetzt einer kalten, lebensfeindlichen Welt fühlt, sagt Jesus. In Wirklichkeit ist Gott ganz nahe bei euch.

Ich weiß nicht, wie ich Ihnen so etwas besser vermitteln könnte als aus eigener Erfahrung. Es ist die eine Sache, über das Thema „im Schatten des Todes leben und ein Licht sehen“ zu predigen, weil es der vorgegebene Predigttext ist. Eine andere Sache ist es, dies aus eigenem Erleben zu tun. Ich hatte einen sehr gut bezahlten Beruf, eine Arbeit, die mir gesellschaftliches Ansehen gab, die mich aber auch völlig forderte. Ich war leitende Redakteurin bei einer Zeitung, verantwortlich für den Kulturbereich. Ich lernte da eine Menge prominenter Menschen kennen, Künstler und auch Mäzene und Sponsoren. Wenn ich abends nach den Konzerten todmüde in meine Plattenbauwohung zurückkam, kam mir alles unendlich grau vor, ich hatte keine Zeit mehr, Menschen zu treffen, die mir etwas wert waren. Sonntags saß ich in der Redaktion wie jeden anderen Tag auch, ich hatte keine Zeit mehr, zu einer Gemeinde zu gehören. Ich hatte nicht einmal mehr Zeit und Energie, mein Geld auszugeben. Dann kamen Panikattacken und Angstzustände. Ich trank zu viel, nahm zu viele Pillen und mochte kaum noch essen. Asthma und Hautausschläge kamen dazu. Irgendwann wollte ich nicht mehr leben.

Kaum jemand verstand das, weil ich ja vorgeblich alles hatte. Aber ich fühlte mich unendlich leer. Finster wie Sebulon und Naftali. Selbst wenn ich geistliche Musik hörte, in der Regel aus beruflichem Grund, um darüber Kritiken zu schreiben, hatte ich das Gefühl einer totalen Sinnlosigkeit.

Ich habe vor zehn Jahren diese Arbeit, diesen seelentötenden Traumjob, gekündigt, bin umgezogen – und nach langen therapeutischen Gesprächen habe ich mein Leben total verändert, habe mich in die völlige materielle Unsicherheit begeben und hielt mich freiberuflich und mit Minijobs im sozialtherapeutischen Bereich über Wasser.

Mehr zufällig fand ich Anschluss an eine Kirchengemeinde hier im Mansfelder Land. Es hat ein paar Jahre gedauert und auch eine Fahrradtour über den Jakobsweg in Nordspanien, bis ich wusste, was ich wirklich und eigentlich will: Anderen Menschen von Gottes Liebe erzählen. Nicht in der trockenen Wissenschaftssprache, die ich irgendwann im Theologiestudium mal gelernt hatte und die mir damals das Gefühl vermittelte, je mehr ich studiere, umso ferner rückt mir Gott. Ich begann ehrenamtlich Gottesdienste zu halten. Die Panikattacken wurden seltener, obwohl mein Geld nur für das Existenzminimum reichte. Aber ich hatte wieder Freunde, oft Menschen, die ich im kirchlichen Umfeld kennen gelernt habe, aber auch andere, die mir wahrscheinlich in meinem früheren Arbeitsfeld, zwischen Sektglas und Pressekonferenz, 1.-Klasse-Zugabteil und Konzertsaal nie begegnet wären. Merkwürdigerweise kam mir immer genau dann Hilfe, auch finanzielle, von unerwarteten Seiten, wenn es mal wirklich ganz knapp wurde. Ich lernte staunen und danken.

Ich habe Gott als meinen Vater wiedergefunden, und seitdem kann ich mir vorstellen, wie es ist, wenn sich Gottes Bild in unseren Herzen wiederspiegelt wie die Wolken des Himmels im See Genesareth.

Das ist nun mein ganz persönlicher Weg gewesen, für jeden einzelnen sieht sicher so eine Umkehr anders aus. Ich kann nur in meiner Sprache über das reden, was ich erfahren habe. Eines wird immer gleich bleiben: Es gilt, von Gott auszugehen, um bei sich selbst anzukommen. „Das Himmelreich ist zum Greifen nah“, sagt Jesus. Worauf warten wir da eigentlich? Uns bleiben nur ein paar Jahre oder Jahrzehnte. „Steh auf“, sagt Jesus immer wieder zu den Gelähmten und streckt ihnen die Hand hin. Und wir können voller Vertrauen zugreifen, heute genauso wie damals.

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