Zwischen Himmel und Hölle?

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

„endlich vorbei“ mag mancher gedacht haben, als die Weihnachtsfeiertage, der Silvesterabend und der Neujahrsmorgen vorüber waren und der Alltag wieder begann. Sicher war auch dieses Jahr die Vorfreude groß, die Erwartungen vielleicht wieder einmal überzogen und die Enttäuschung deshalb nicht zu vermeiden. Aber jetzt ist es ja geschafft. Die meisten Weihnachtsbäume sind abgeschmückt, wir haben Ruhe vor dem Kind in der Krippe …

Weit gefehlt.

So manche Enttäuschung und manche überzogene Erwartung hat wohl darin ihre Wurzeln, dass sie etwas entscheidendes ausblendet. Mit Weihnachten ist nicht alles vorbei. Mit Weihnachten fängt alles an. Das Kind in der Krippe, so anmutig und so rührend wir dieses Bild uns immer vorstellen und mit unseren Weihnachtsliedern besingen – es will und es muss erwachsen werden. Wir dürfen nicht dabei stehen bleiben und uns der Illusion hingeben, so anrührend wird es immer sein. Das Leben und die Geschichte dieses Kindes gehen weit über den Stall und die Krippe hinaus, wenn denn erst die Hirten umgekehrt und die Weisen aus dem Morgenland zurückgekehrt sind in ihre Heimat.

Das Kind muss erwachsen werden und dann ist seine Geschichte wahrhaft nicht mehr nur rührselig, sondern auch provozierend, schmerzhaft, heilsam – je nach dem. Matthäus lässt uns mit dem heute vergebenen Predigttext dem erwachsenen Kind begegnen. Johannes der Täufer war umhergezogen und hatte von der Buße und dem Himmelreich gepredigt, Jesus war ihm am Jordan begegnet und ließ sich von ihm taufen, er hat die Wüstenzeit mit ihren Versuchungen hinter sich gebracht, als ihn sein Weg schließlich nach Kapernaum führte: Hören wir den Predigttext des heutigen Sonntags:

[TEXT]

Es ist ein eher sperriger Jesus mit einer sperrigen Botschaft , dem wir im Windschatten von Weihnachten begegnen. „Tut Buße“ fordert er, aber gesellschaftlicher Konsens ist es doch wohl eher, dass wir uns nicht wirklich etwas haben zu schulden kommen lassen. Eigentlich sind wir halbwegs anständige Leute, die wirklich Schlimmen sitzen ganz woanders und haben viel mehr Dreck am Stecken als unsereins. Die kleinen Mauscheleien fallen da nicht sonderlich ins Gewicht. Die Zeiten sind vorbei, wo der Ruf zur Buße und zur Umkehr Schrecken auslöste und die Menschen dazu bewegte, ihrem Leben und Denken eine andere Richtung zu geben. Ich bin überzeugt, dass wir Kirchen das Thema Schuld und Vergebung sträflich vernachlässigt haben zugunsten einer Verkündigung, die lediglich die unbedingte Annahme, die unbegrenzte Liebe Gottes in den Mittelpunkt stellte ohne zugleich zu betonen, dass Gott uns trotz unserer Schuld liebt und seine Vergebung erst Neuanfänge möglich machen. “Ich bin ok, du bist ok“ lautet der Tenor der Transaktionsanalyse, an der sich viele Seelsorgelehren meiner Ausbildungszeit orientieren. Dabei ist es doch kein Zufall, dass die ersten drei Evangelien Jesu Predigt insgesamt mit dem Satz zusammenfassen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Wir haben den Umgang mit Schuld und Versagen und die Bewältigung der Folgen anscheinend anderen überlassen, muss ich selbstkritisch einräumen. Denn das wiederum lehrt uns die Medizin: unbewältigte Schuld kann krank machen. Aber die Beichte ist im Leben unserer Gemeinden mehr eine theoretische Möglichkeit, denn eine praktizierte Wirklichkeit.

Sicher ist den Christen über lange Zeit ein pessimistisches Menschenbild vorgeworfen worden, dass den Menschen klein macht. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Es macht ihn groß, dass er nicht nur auf seine Taten und sein Versagen beschränkt wird, sondern dass Gottes Liebe dem Menschen trotz aller Schuld gilt. Ein Gefängnisinsasse hat dies einmal an einem Weihnachtstag dem nordelbischen Bischof Hirschler gegenüber auf den Punkt gebracht, als dieser ihn nach der Bedeutung der Gefängnisseelsorge gefragt hat: „Hier bin ich nicht nur Nummer mit einem Strafregister, hier bin ich Mensch.“

Es macht einen Menschen groß, den Mut zu finden vor anderen oder vor Gott einzuräumen: ich habe mich geirrt, ich habe einen Fehler begangen, ich bin schuldig geworden. Vergib mir . Denken wir daran, wie schwer uns diese Worte über die Lippen kommen: vergib mir. Das ist wohl die Größe Jesu, dass er den Menschen in seinen Begegnungen den Raum zu diesen Worten und zu ähnlichen Taten eröffnete.

Buße ist dabei sicher vor allem eine Lebenseinstellung, eine Grundhaltung, oder aber ein Raum , in dem Offenheit und Ehrlichkeit möglich ist. „Unser ganzes Leben soll Buße sein“ fordert Martin Luther in der ersten seiner 95 Thesen. Damit aber noch nicht genug. Dieser Jesus sagt dann im gleichen Atemzug: das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Mir kommen die Bilder aus Südostasien in den Sinn. Wahrlich keine Bilder für das Himmelreich. Zerstörung und Tod in einem für uns unvorstellbaren Ausmaß beschäftigen die Öffentlichkeit seit dem zweiten Weihnachtstag. Bis zu 200.000 Tote, darunter wohl tausend Bundesbürger, sind von einem Augenblick zum anderen in den Tod gerissen worden. Selbst die aufgeklärtesten Menschen begreifen, dass die alten Erzählungen von der Sintflut nicht irgendwelchen Märchen entspringen, sondern sich mit genau solchen Erfahrungen decken, dass das Wasser kommt und alles Leben mit sich nimmt. Wenn ich in solchen Bildern etwas erahne, dann ist es die Dunkelheit, in die Menschen stürzen angesichts solchen Leids und Elends. Die Dunkelheit des Landes Sebulon und Naftali ebenso wie die Dunkelheit Sri Lankas, Thailands und Indiens. Wenn eine größere deutsche Tageszeitung groß titelt: Wo war da Gott? , dann ist das sicher reißerisch und vielleicht schwingt auch ein Unterton der Häme allen Glaubenden gegenüber mit. Aber es ist genau die Frage, vor die sich Menschen gestellt sehen und auf die von uns Antworten erhofft werden, auch wenn heute in Berlin in einem ökumenischem Gottesdienst der Opfer gedacht wird. Es ist gut, dass hier Christen aller Konfessionen zusammen singen, beten, klagen, hoffen und nach Antworten suchen.

In der Sintflutgeschichte ist den Menschen das Ende nahe gekommen, auch weil das Trachten des menschlichen Herzens böse gewesen ist von Jugend an. Aber nach der Sintflut setzt Gott den Regenbogen als Zeichen dafür an den Himmel, dass Vernichtung nicht mehr die Antwort auf menschliche Schuld und Gottlosigkeit sein soll. Jesus kündigt das Himmelreich, Gottes Herrschaft, die unsere verwundete Welt heilt, an. Hüten wir uns also davor bei allen offenen Fragen, diese Flut nicht nur als Katastrophe, sondern zugleich auch als Gericht Gottes über die Bosheit der Welt zu qualifizieren.

Sicher wird für viele die Frage bleiben, wo Gottes schützende Hand in diesen Augenblicken war. Andere werden genau von dieser Hand erzählen, die sie auf wunderbare Weise dem Schicksal der Zimmernachbarin oder des Tischnachbars entkommen ließ. Und nicht zuletzt werden viele die Erfahrung machen, dass Gott sich gerade in der Tiefe der Not, die ich nicht verstehe, als der Stützende und Bergende zeigt. Diese unsere Welt ist eben noch auf dem Weg, das Himmelreich ist nahe. Die unglaubliche Hilfsbereitschaft der Menschen, die Grenzen überwindet und ungeahnte Zusammenarbeit weltweit auch zwischen Gegnern ermöglicht, mag ein Zeichen dafür sein, ein Vorgeschmack auf das große Fest der Völker, das wir Himmelreich nennen. Wir beten täglich um Gottes Reich, in dem Gottes Name geheiligt werde und sein Wille geschieht, wir beten um Brot für den Tag, Vergebung der Schuld, um Kraft den Versuchungen zu widerstehen, um Erlösung von allem Bösen in der Welt, sei es Krieg, Gewalt, Lüge, Kaltherzigkeit oder Menschenverachtung oder Tod, vor allem Tod zur Unzeit. Wir erleben immer wieder, dass von diesem Reich etwas in unserem Alltag aufleuchtet und hoffen noch intensiver.

„Tut Buße , denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“. Für Matthäus ist das Licht in der Dunkelheit. Ja, wir dürfen hoffen.

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