Unvorstellbar

<i>[Weihnachten und das Ende der Festzeit – die Flutkatastrophe und kein Ende der schlimmen Nachrichten – der Predigttext, die Jahreslosung: Ich spreche im vorliegenden Rohentwurf von „Unvorstellbarem“, damit die HörerInnen sich das Unvorstellbare imaginierend vorstellbar werden lassen. Von der Nachricht des Johannes – er „ruft“ übrigens – wird lediglich Vers 16 fokussiert und in heilsgeschichtlichen Kontext gestellt. Sie soll angesichts der Flutkatastrophe, der Hilflosigkeit und des Leidens und Mitleidens zum Trostwort werden. Der Theodizeefrage stelle ich am Ende die Jahreslosung gegenüber.]</i>

Liebe Gemeinde –

(1) Unvorstellbares ist geschehen: Der ewige und lebendige Gott, der Schöpfer Himmels und der Erden, der, den kein Gedanke je erfasst hat, der wird Mensch. Und wir hören und wir freiern das Unglaubliche, Jahr um Jahr, in der Weihnachtszeit, in der Passionszeit, mit dem Pfingsten, mit dem Advent der bleibt, bis er wieder kommt. Jesus Christus – wahrer Gott, wahrer Mensch.

(2) Unvorstellbares ist geschehen: Auf den Johannes kommt es zu. Noch spricht er nur davon, dass da einer kommen wird, der mehr ist, unvorstellbar mehr als er – Licht vom Licht, Leben vom Leben, Gott von Gott – mitten unter uns.

(3) Unvorstellbares ist geschehen: Menschen damals um Jesus. Sie erleben, nachdem er den Abschied von zu Hause genommen hat. Nun baut er nicht mehr Häuser, sondern das Reich Gottes– ein junger Mann. Aber was für einer. Gnade ist da, Wahrheit, Klarheit. „Wo hat er diese Weisheit her?“ wundern sie sich. Andere meinen, bei so einer Vollmacht müsse er mit dem Beelzebub im Bund stehen. Wieder andere hoffen leise auf mehr.

Wo er ist, da … wie will man’s beschreiben … da wird Leben heil und gut und blüht auf und lernt, zum Leben hin zu wachsen.

(4) Unvorstellbares ist geschehen: Dann, nur drei Jahre später als alle zum Passah nach Jerusalem ziehen. Er am Kreuz – und die einen lachen und spotten und die anderen vermögens nicht zu verstehen – und dann auferstanden, wieder bei seinen Jüngern und aufgefahren in den Himmel: Dort sitzt er zur Rechten Gottes. Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.

(5) Unvorstellbar ist geschehen: Wir – wie Generationen vor uns – nun wieder unter uns. Wir wieder – jetzt, am Ende der weihnachtlichen Festzeit wenn der Alltag wieder nach uns greift spüren wirs besonders –, der Welt, uns selbst, anderen Mächten ausgesetzt. Ohne ihn. Und das alles Gnadenzeit, Zeit, um im Vertrauen in Ihn fest zu, im Glauben erwachsen zu werden, Schritte im Vertrauen auf Ihn zu tun, zu wachsen. – Er traut uns das zu.

(6) Dabei: Unvorstellbares ist geschehen: Was hat sich geändert seit er wieder beim Vater ist und wir bei uns und im Vertrauen? So wenig, so liederlich, erbärmlich wenig. Und so viel, beides. Denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist Böse von Jugend auf. Und da hat sich nichts geändert

(7) Unvorstellbares aber auch das: Wenn wir untreu sind, so bleibt Er doch treu, denn er kann sich nicht verleugnen (2. Timotheus 2, 13), tritt zur Rechten des Vaters für uns ein – und nichts kann uns mehr trennen von der Liebe Gottes die offenbar geworden ist in Christus Jesus: „Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römer 8, 38f)

(8) Unvorstellbares ist geschehen: „In Ängsten – und siehe wir leben.“ (nach 2. Kor 12,10 „Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“) Das war das biblische Leitwort eines Kirchentags vor vielen Jahren in Hamburg.

„In Ängsten – und siehe wir leben.“ – das gibt die Stimmung und Lage vieler Menschen zu vielen Zeiten wieder. Das Erkennen: Indessen wir allein sind, ist Leben lebensgefährlich.

Und das ist die Stimmung und die Lage für viele heute unter dem Eindruck der Flut und des Grauens – und der vielen Fragen und der „Wie kann Gott das zulassen?“ – Doch dabei ist das gar nicht die Frage: so fragen Gleichberechtigte: sind wir das?

Die Frage lenkt nur ab von den anderen Fragen:

· Wie gehen wir damit um, dass – wieder einmal – so Grausames geschieht, wir nicht oder kaum betroffen, in die Rolle von Zuschauern genötigt und gequält?

· Damit, dass ferne und nahe Nächste Todesschrecken erleiden, vor dem Nichts stehen?

· Damit, dass wir nichts in der Hand haben, am Ende wirklich nichts -?

· Und damit, dass wir, zu Recht, zu Unrecht, leben!?

(9) Unvorstellbar dann auch mitten unter uns diese Losung für dieses Jahr in dieser Situation: „Ich habe für Dich gebetet, dass Dein Glaube nicht aufhört – dass Dein Vertrauen nicht beschädigt wird.“ (Lukas 22,32) Hier nicht, an anderen Stellen nicht, nie.

Ja – Johannes sagt es und hat recht: „von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ – Ob wir Fülle aus Seiner Fülle, Gnade aus Seiner Gnade mit hinaus nehmen aus der Weihnachtszeit in die Zeit und das Leben vor uns? Davon Leben? Und beiden austeilen: Gnade. Wahrheit. Damit alle leben?

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