Indienstnahme

Mose kennen wir als den großen Führer, der im Auftrag Gottes sein Volk aus der Gefangenschaft in Ägypten durch die Wüste geführt hat. Vielleicht kennen wir auch den Mose im Bastkörbchen, der gerettet wurde durch die Tochter des Pharao. Oder wir kennen ihn als den jungen Man, der im Zorn einen ägyptischen Aufseher erschlägt und deshalb in die Wüste flieht. Dieser geflohene Totschläger begegnet uns am Horeb / Sinai beim hüten der Ziegen und Schafe seines Schwiegervaters Jethro. Hier passiert das Eigentliche, das Entscheidende. Hier ist der wahre Grund weswegen wir Mose heute noch kennen. Ihm begegnet Gott.

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Ein Dornbusch, der brennt, aber nicht verbrennt (ätherische Öle?). Das würde auch meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Aber wenn in meinem Sichtfeld ein Gebüsch brennt, hat das ganz profane Ursachen. Dann rufe ich Feuerwehr und werde hektisch.

Hier ist das etwas Anderes: Mose nähert sich diesem Schauspiel um so mehr als er aus dem Busch heraus bei seinem Namen gerufen wird. Aber auf dem Wege dorthin trifft ihn ein Ruf: ‚Halt’ – ‚Tritt nicht herzu!’.

Wie beim Besuch einer Moschee muss er seine Schuhe ausziehen. Ein schönes Symbol: Mit den Schuhen, mit denen man im Dreck umhergeht, darf man sich nicht Gott nähern, seinen geheiligten Raum betreten. Respekt ist angesagt. Und dieser Respekt hat nicht nur einen Grund in der Stimme aus dem Busch, sondern auch bei Mose selbst: Für ihn gibt es keine Zweifel. Hier redet der Gott der Väter mit ihm. Und wo Gott redet, ist der Alltag zu Ende. Mitten in seiner Arbeit begegnet ihm Gott und nimmt ihn in den Dienst. Das erweckt seine Ehrfurcht. Und Ehrfurcht braucht Zeichen. Der Boden ist nicht heilig, aber er wird heilig durch die Anwesenheit Gottes. Keine Kirche ist heilig, aber sie wird genauso heilig dadurch, dass Gottes Wort gepredigt, die Sakramente gefeiert werden. Kein Wunder, dass viele Menschen erwarten, dass in Kirchen respektvolle gedämpfte Atmosphäre und Kleidung vorherrscht.

Aber Ehrfurcht braucht auch eine Antwort. Moses Antwort – meine Antwort. Auch wir dürfen darauf warten, dass wir mitten in unserem Alltag in den Dienst genommen werden. Wir dürfen uns Gott nähern und drauf vertrauen, dass er uns in seinen Dienst nehmen will. Und ich weiß, dass das täglich geschieht. Vielleicht ist ja die Beobachtung, wie viele sich von dem Leid in Südostasien inspirieren ließen ein Zeichen für eine solche Indienstnahme. Gleichzeitig bleibt klar. Gott bleibt Gott, auch dort, wo er den Menschen ganz nahe kommt. Gerade in der armseligen Krippe von Bethlehem feiern wir diese Nähe Gottes. Gerade dort begegnet er den Menschen, die seine Nähe suchen. Gott steigt herab und erkennt das Elend seines Volkes. Wir dürfen in seiner Stellvertretung als ChristInnen seine BotInnen sein. Wir dürfen den Menschen helfen. Wir dürfen ihnen helfen, auch Gott zu begegnen.

Inhaltlich geht es um den Exodus – die Kernerfahrung Israels mit seinem Gott. Das war das wesentliche Glaubensbekenntnis: Gottes Zuwendung zu den gefangenen Menschen. Ott will nicht, dass Menschen in Sklaverei leben und darum begegnet er hier Mose, dass die Versklavung ein Ende hat.

Aber er wendet sich den Menschen in einer gewissen Distanz zu. Gott wendet sich in Freiheit den Menschen zu und bestimmt über Nähe und Distanz. Er bindet sich an einen Menschen, um seine Botschaft der Befreiung Wirklichkeit werden zu lassen. Durch die Ehrfurcht des Einen wird Befreiung der Vielen. Das geschieht auch heute immer wieder.

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