Gaben einsetzen

Liebe Gemeinde,

Saul war krank. Er litt unter Gemütstrübungen, depressiven Verstimmungen. Der König aber kam damit nicht klar. Er suchte nach Linderung. Besser noch nach Heilung. Da entsinnen sich seine Berater einer Therapie, von der wir bis heute immer wieder hören: der Musiktherapie. Der zarte, harmonische Klang einer Harfe soll Sauls Gemüt aufhellen.

Nicht wahllos wird die Musik hier eingesetzt. Sie erklingt zum erbetenen Moment. Und sie kommt nicht in immer derselben Gestalt daher, sondern als "Live-Musik" – damals gab’s keine andere! – angepasst an den Moment, eingepasst in die Situation. Vielfach variiert. Das Gemüt Sauls aufnehmend. Seine Stimmung berücksichtigend.

Saul entscheidet sich für Musik als Heilmittel. Sie soll ihm geben, was Kräuter und Salben, was Argumente und Wärme geben können: Helle.

Sie soll erreichen, was Gesten und Zuwendung, was freundliche Worte und Behandlungen nicht zu erreichen vermögen: sein Gemüt, sein Innerstes.

Wenn alle hohe Kunst nicht weiter kommt: wieso sollte dann so etwas nach außen Schlichtes wie Musik weiterkommen können? Unser Text bringt uns da nicht weiter. Er stellt lapidar fest (1.Sam 16,23):

"Immer, wenn der böse Geist über Saul kam, griff David zur Harfe. Dann wurde es Saul leichter ums Herz, und der böse Geist verließ ihn."

Mag sein, dass Martin Luther recht hatte, als er bei einer Tischrede einmal äußerte:

"Wer sich Musik erkiest,

hat ein himmlisch Werk gewonnen;

denn ihr erster Ursprung ist

von dem Himmel selbst genommen,

weil die lieben Engelein

selber Musikanten sein."

(nach Puntsch, Zitate 978)

Mag uns der Zusammenhang vielleicht oberflächlich erscheinen, für den Menschen der Antike ist er es nicht. Wenn ein Mensch krank ist – vor allem bei psychischen Störungen -, werden da nicht unbedingt körperliche Ursachen vermutet. Vielmehr geht man von Geistern aus, die den Kranken bedrängen. Und Musik therapiert denn auch nicht einfach wegen ihrer Harmonie, wegen ihres Wohlklangs, sondern weil hier Göttliches dem Dämonischen entgegentritt.

Saul wird von einem "bösen Geist" gequält (V.14), weil Gott seinen Geist von ihm genommen hatte. Dass David mit Musik Sauls Leiden lindern kann, heißt denn auch: Gott steht David zur Seite. In der Musik des jungen David leuchtet das neue Königstum bereits auf. Und es gibt Tage, da ist Saul bewusst, dass er sich einen Rivalen, dass er sich seinen Nachfolger in den Palast geholt hat.

An anderen Tagen denkt er daran nicht, sondern genießt nur die Linderung seiner Leiden. Dann verspürt er keine Rivalität, sondern er freut sich über den neuen Mann in seiner Nähe. Über den Mann mit der Harfe, dessen Musizieren helfen kann.

Sehr Ihr, Ihr Mitglieder des Dickenschieder Musikvereins, Euch auch in solcher Tradition? In einer Tradition des Böse-Geister-Vertreibens, des Heilens, des Therapierens? Versteht auch Ihr aktiven Musikerinnen und Musiker aus Laufersweiler und andernorts Euren musikalischen Dienst als göttlichen Dienst – gleich dem David?

Oder ist Musik bei Euch und heute überhaupt losgelöst von solchem Denken?

Wenn ich hinter meinem Cello sitze und Saiten und Ohren der Familie quäle, denke ich – zugegebenermaßen – nicht an eine theologische oder medizinische Dimension von Musik. Aber ich weiß, dass wir Menschen uns erst in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten und auch nur in den von Europa und dem Orient geprägten Kulturen auf einen solchen Weg begeben haben. Für Johann Sebastian Bach war etwa seine Matthäus-Passion nicht nur Musik – das war sie am wenigsten. Sie war auch nicht "nur" Glaubensverkündigung – das war sie vor allem. Sondern sie war auch therapeutisch gedacht. Heilend. Helfend. Aufbauend. Zum einen durch die Verkündigung. Zum anderen aber auch durch die Kraft der musikalischen Sprache, die, wie ETA Hoffmann meint, "dem Menschen ein unbekanntes Reich auf[schließt], eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußeren Sinnenwelt, die ihn umgibt" (Puntsch, Zitate 978).

Musik kann heilen, Musik kann im göttlichen Dienst stehen.

Ob wir uns dessen bewusst sind, ob wir dies anerkennen, das steht auf einem anderen Blatt. Durch das musikalische Erzählen bringen wir bei Menschen Unterschiedliches zur Sprache. Eine uns ganz profan klingende Wendung kann einem anderen eine geistliche sein. Da klingt für ihn Gottes Wort an, wo wir nur süßliche Harmonie hören. Und wenn wir ab dem kommenden Samstag in den Kompleten hier in Dickenschied gregorianische Weise anstimmen und psalmodieren, dann ist das für mich unlöslich mit der Verkündigung unseres Herrn verbunden, ein anderer aber sieht sich nur in eine seltsame ferne und doch greifbar scheinende mittelalterliche Welt versetzt.

Da stehen wir als Musizierende in der Verantwortung. Verantwortlich sind wir gegenüber den Menschen, für die wir Musik erklingen lassen oder für die wir es tun könnten. David erkennt seine Zeit. "Immer, wenn der böse Geist über Saul kam, griff David zur Harfe." So heißt es in unserem Predigttext. Als Musikerin und Musiker gilt es, diese anvertraute Gabe der Musikalität zu bewahren und zur rechten Zeit zum Guten zu nutzen.

Verantwortlich sind wir vor Gott, zu dessen Ruhm und Ehre vieles von Menschen komponiert wurde. Lasst Harfen und andere Saiteninstrumente, Trompeten und Posaunen und unsere Stimmen zu Gottes Ruhm erklingen. Da haben Sie als Mitglieder der Musikvereine ja auch ihre geschichtliche Verantwortung, ihre Verpflichtung vor der eigenen – maßgeblich kirchlichen – Tradition. Denn die Begleitung der Fronleichnamsprozessionen war schließlich die Hauptaufgabe für Bläser-Musikvereine, als diese im 19. Jahrhundert aufkamen.

Dass David Harfe spielen kann, zeigt, dass er von Gott mit seinem guten Geist beschenkt ist, dass ihm etwas Großes anvertraut worden ist.

Dass Sie Musik machen können mögen auch Sie in diesem Sinne verstehen. Begabte sind Sie, mit einer Gabe Gottes Begabte. Stellen Sie diese Gabe in den Dienst für Gott und für die Menschen.

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