G + W + M

Witz im Eingangsteil:

Ein Pfarrer kommt zum Taufgespräch zu einem jungen Paar, das vor ein paar Monaten ein schwarzes Baby adoptiert hat. Soweit alles in bester Ordnung; nur was den Pfarrer verwirrt: Auf dem Esstisch, auf dem Couchtisch liegen mehrere dicke Wörterbücher Tansanisch-Deutsch, Deutsch-Tansanisch. Vokabelhefte sind auch noch dabei. „Ja sagen Sie mal“, fragt der Pfarrer, „was lernen Sie denn da?“ – „Ja wissen Sie, Herr Pfarrer, das Kind haben wir doch aus Tansania adoptiert und wenn’s anfängt zu sprechen, wollen wir doch unbedingt wissen, was es sagt.“

Liebe Gemeinde!

Seit Sonntag sind bis heute wieder die Sternsinger unterwegs. Vielleicht waren sie auch bei Ihnen. Sie führen den Brauch fort, den die Weisen aus dem Morgenland begonnen haben, die das Christuskind königlich beschenkten. Die Sternsinger bitten um eine Spende, um dann diese gesammelten Schätze den Armen dieser Welt zu geben. Als Dankeschön schreiben sie den Segen an unsere Häuser und Wohnungen. Das Sternsingen ist ein schöner Brauch. Und auch wenn dieser Brauch darin typisch katholisch ist, dass er durch Sinnenfreude zu guten Taten anstachelt, so lässt sich auch meine Familie gern besingen und den Segen anschreiben. Den Segen Christi braucht jedes Haus und jede Wohnung. – In unserem evangelischen Kirchenkalender heißt der Tag heute Epiphanias; das ist griechisch und heißt Erscheinung. Also die Erscheinung des Sohnes Gottes bei uns und in aller Welt wird heute gefeiert. Aber nicht nur an den Konfirmanden, die „Epiphanias“ meist nie gehört haben, sieht man, dass der Name und das Fest irgendwie unhandlich sind; lange nicht so eingängig wie Weihnachten – und dabei ist Epiphanias die direkte Fortsetzung von Weihnachten. – Das macht unser Predigttext aus dem Johannesevangelium deutlich. Johannes spricht von Weihnachten nur in einem einzigen Vers; Sie kennen das bestimmt: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns usw.“. Und direkt danach kommt dann unser Predigttext zu Epiphanias. Aber bleiben wir erst noch bei Weihnachten. Gott kommt als Baby in unsere Welt hinein – recht unscheinbar in einem Stall. Ein Baby – was ist ein Baby für uns? Gar nicht speziell das Baby in der Krippe, sondern allgemein? – Wir sehen ein Baby zumeist als unbeschriebenes Blatt. Kinder und Kleinkinder gelten uns als unverdorben und unschuldig und beinah heilig, weil sie noch unerfahren sind. In Meldungen von Todesopfern oder von Rettungsaktionen – erst gerade wieder – da werden Babies und Kinder besonders hervorgehoben, als seien sie wertvollere Menschen als andere. – Natürlich muss das Blatt, da es einmal da ist in dieser Welt, beschrieben werden und wir sind sehr darauf aus, zu achten, dass zumindest die ersten Kapitel nur Gutes enthalten. Wir achten darauf – und ich sehe das als junger Vater ja selber -, dass das Kind nur unsere besten Eigenschaften mitbekommt, wir geben ihm nach Kräften ein gutes Zuhause, wir fördern es nach Möglichkeit, halten es fern von beängstigenden oder schädlichen Einflüssen durchs Fernsehen oder durch Freunde, die wir für unpassend halten. Usw. usw.

In Tansania dagegen – und Sie merken, ich komme jetzt auf den Witz vom Anfang zurück – in Tansania wird ein Kind als „Mgeni“, als fremder oder neuer Gast begrüßt. Keiner kennt dieses neue Kind und keiner weiß, was in ihm alles steckt. Erst im Lauf der Zeit muss man das Kind kennen lernen. Man kann sagen, das Baby wird auch hier als ein Blatt gesehen, aber nicht als eines, das beschriftet, sondern als eines, das gelesen werden will. Das Kind bringt schon etwas mit, Neues, Entscheidendes und das gilt es zu entdecken, darauf gilt es zu hören. – Es kann also gut sein, dass Leute aus Tansania meinen Witz gar nicht witzig fänden, weil ihnen klar ist, dass das Kind ein Mgeni ist. Und ein Mgeni hat eben etwas zu sagen hat, was uns neu ist.

Nun ist Gott ein Kind geworden und zugleich hat er durch einen Stern Weise aus dem Morgenland auf dieses Kind aufmerksam gemacht und ihnen angezeigt: Dieses Kind wird ein König. Nun was machen also diese Weisen, die bei uns zu drei Königen geworden sind? Sie machen etwas, was uns sehr nahe liegt. Und deshalb sind sie uns wahrscheinlich auch so sympathisch: Denn: Sie beschenken erstmal das Kind. „Da ist ein Kind, ein Königskind“, denken sie, „ein königliches, aber eben doch unbeschriebenes Blatt, also müssen wir ihm das Beste mitgeben was wir haben, damit es gleich auf die richtige Spur kommt.“ – Gold, Weihrauch und Myrrhe, das dürfte wohl passen, um diesem noch unwissenden, unbedarften und unerfahrenen Kind Gutes zu tun, quasi von König zu König. Damit sind schon mal die ersten drei Kapitel auf diesem unbeschriebenen Blatt königlich beschriftet: Gold, Weihrauch, Myrrhe. Die weisen Könige haben also getan, was in ihrer Macht stand, damit der Lebenslauf dieses Königs königlich beginnen kann, und so ziehen sie wieder nach Hause.

Womit sie anscheinend nicht gerechnet haben ist, dass dieses Kind ein Mgeni sein könnte. Ein König ganz fremder, neuer Art, die man erst entdecken müsste. Sie haben zwar durch ihre astrologische Religion begriffen, dass Gott mit diesem Kind in besonderer Weise zu tun hat. Aber was sie sich nicht vorstellen können, ist: Dass dieses Kind nicht beschenkt werden muss, sondern dass es selber schenkt, ja dass es selber das Geschenk ist.

Und damit sind wir genauso angesprochen: Ob weise Könige oder normal gescheite Bürger von heute – wir Menschen brauchen dem Kind nichts mitgeben, damit es Gottes König sein kann. Sondern Gottes König kommt schon als beschriebenes Blatt zur Welt. Und es geht letztlich an Weihnachten gar nicht darum, ob wir das Kind als Kind mögen – den holden Knaben im lockigem Haar mag jeder – , sondern es geht darum, ob wir das Kind mit dem annehmen, was es schon mitbringt, ob wir das Kind als das annehmen, was es schon ist.

Das ist die unbedingt notwendige Fortsetzung von Weihnachten, darum geht es heute an Epiphanias und das sagt uns der heutige Predigttext aus dem Prolog, dem Vorgesang des Johannes-Evangeliums: Der Text setzt ein mit dem, was Johannes der Täufer über Jesus sagt und fährt dann fort mit

dem Bekenntnis der christlichen Gemeinde über ihn:

[TEXT]

Also: Die drei Weisen schenken Gold, Weihrauch und Myrrhe; G + W + M. Und der Evangelist Johannes sagt nun: Ja G + W + M ist schon richtig. Aber Jesus schenkt uns G + W + M und G + W + M heißt bei ihm nicht Gold, Weihrauch und Myrrhe, sondern G heißt Gnade, W heißt Wahrheit und M heißt Menschenwort, G + W + M.

· „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ So spricht die Gemeinde des Evangelisten Johannes. Sie hat erkannt: Dieses Kind ist ein beschriebenes Blatt und es steht Gnade drauf, Gnade um Gnade, wie das Endlos-Papier bei alten Computern, Gnade um Gnade.

Aber was ist eigentlich Gnade? Wir kennen sie weltlich aus dem Wort „begnadigen“ und von der Wendung „Gnade vor Recht ergehen lassen“: Jemand, der das Recht gebrochen hat, wird nicht bestraft, sondern kommt frei! Genau das bedeutet Gnade in der Bibel auch. Und das bedeutet es auch in dem Satz: Von seiner Fülle haben wir genommen Gnade und Gnade. – Nur ein wenig nach unserem Predigttext nennt Johannes der Täufer Jesus das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. Das meint genau die Gnade: Jesus, der die Sünde trägt und sie uns wegnimmt, er ist selbst endlose Gnade.

Das aber heißt auch: Gott will zu uns keine rechtliche Beziehung mehr haben. Das Gesetz, das Mose vom Sinai geholt hat, ist nicht mehr der Weg zu Gott. Christus, der selbst die Gnade ist, ist selbst der Weg. Er lässt das Gesetz des Mose bestehen, es ist immer noch Gottes Recht, aber ab jetzt ergeht Gnade vor Recht – für die, die sich diesen Jesus als Gott gefallen lassen.

Aber Gnade ist in unserem Text sogar noch umfassender gemeint: Gottes ganze Liebe und Güte ist darin zusammengefasst: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einziggeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. – Gott schenkt sich selbst in seinem Sohn. Mehr Gott kann die Welt nicht haben. Das ist Gnade.

· W wie Wahrheit: Wahrheit bedeutet bei Gott nicht die Enthüllung übersinnlicher, überirdischer Geheimnisse. Das hätte mit uns womöglich wenig zu tun. Wahrheit ist für Gott gar nichts anderes als seine Gnade. Was Gott an uns tut, gnädig an uns tut, das ist wahr. Denn es zeigt, wie er ist und es zeigt, wie wir sind und mehr: es verändert uns. Diese Wahrheit ist nichts, was uns aufgepropft wird. Wir müssen, um diese Wahrheit zu verstehen, nicht erst vorher einen Volkshochschul-Kurs besuchen. Diese Wahrheit ist vielmehr die Erfüllung unserer tiefen Sehnsucht. Wieviele Liebesdramen in Kino und Fernsehen drehen sich nicht genau darum: Ein einsamer Mensch hat sich durch Schrullen und Gewohnheiten in seinem trostlosen Alltag eingerichtet. Nur so schafft er es, seiner Lage nicht wirklich ins Gesicht zu sehen. Doch da auf einmal trifft ihn die Liebe und stellt ihn vor die Entscheidung, ob er sich nun öffnet und in der Liebe zu sich selbst findet, ob er es also wagt, die Wahrheit zuzulassen – oder ob er im sicheren Trott des grauen Alltags bleibt. Je nachdem hat der Film dann ein happy end oder eben keines.

Scarlett aus „Vom Winde verweht“ ist so sein Mensch, der sein Ego für die Liebe nicht aufgeben kann und unglücklich

bleibt. (Und um Red Butler steht es kaum besser.)

Dagegen ist Edward Lewis in „Pretty Woman“ genau so ein gefesselter Gewohnheitsmensch, der durch die Liebe erst zum wahren Mister Lewis befreit wird.

Denken Sie nicht, diese Filmvergleiche seien banal! Es hat uns heute schon ein Witz auf die richtige Fährte gebracht. Nein, diese Filme rühren unser Herz doch an, weil sie mit unserem Leben, unserem wirklichen oder ersehnten Leben zu tun haben. Und wenn hier schon von der Leinwand ein Funke überspringt, dann ist Christus ein wahres Feuer der Wahrheit. Er ist der wahre Liebhaber, kein erotischer, sondern ein existentieller Liebhaber. Er bestürmt mich, mich heimzubringen zu meinem wahren Ich.

· Und als drittes M wie Menschenwort: Niemand hat Gott je gesehen. Aber der Sohn, der aus dem Schoß des Vaters kam und wieder dort ist, der hat ihn uns verkündigt. Das zu akzeptieren, dass dieser Mensch Jesus vollgültig Gottes Botschaft bringt, dass ist der eigentliche Stolperstein von Weihnachten. Die normale Haltung von uns Menschen führt uns Johannes in seinem Evangelium durch den Jünger Pilippus vor. Der sagt zu Jesus: „Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns.“ (14,8) Das ist typisch Mensch: Wenn schon religiös, dann aber richtig, dann handfest, dann das volle Programm, bis zur Ekstase, bis zum tiefen Erschauern vor der erhabenen Göttlichkeit. Goethes Faust fällt mir da ein, der an seinem bruchstückhaften Wissen nicht genug hat und dann anfängt, die Geister zu beschwören.

Und was sagt Jesus zu Philippus: „Wer mich sieht, der sieht den Vater! Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir? Die Worte, die ich zu euch rede, die rede ich nicht von mir selbst aus. Glaubt mir, dass ich im Vater bin und der Vater in mir!“ (14,9-11*)

Liebe Gemeinde, das ist der Preis dafür, dass Gott uns so nahe kommt auf Du und Du, ohne dass wir vergehen müssen. Gott kommt nicht als Gott, sondern als Mensch, aber was er sagt, sind doch die Worte Gottes. Gibt es für diesen Preis auch eine Erklärung? Ja, die gibt es! Gott will nicht, dass wir uns seiner Größe, seiner Ewigkeit, seiner Erhabenheit unterwerfen, sondern der Wahrheit! Und die bleibt dieselbe, auch wenn ein Mensch sie sagt. Deshalb darf und soll auch ich Ihnen heute die Wahrheit ausrichten, nicht als meine Wahrheit, als Gottes Wahrheit. Martin Luther sagt dazu: „Das Wort für sich selbst, ohne alles Ansehen der Person, muss dem Herzen genugtun, den Menschen erfassen und begreifen, so dass er gleich darin gefangen fühlt, wie wahr und recht es sei, – auch wenn alle Welt … ja wenn Gott gleich selbst anders sagen würde.“ (WA 10,I,130) Also nicht darum sollen wir Christus glauben, weil er Gottes Sohn ist, sondern weil er uns die Wahrheit sagt.

Liebe Gemeinde, damit sind wir bei der vollen Bedeutung von Epiphanias angekommen: Das Krippenkind ist kein Baby zum Knuddeln, sondern das „Mgeni“ für die ganze Welt. Jesus ist das beschriebene Blatt mit der Aufschrift G + W + M. Jesus ist das Geschenk überhaupt. Und wer sich das sagen lässt, wer das hört, der kann Gold, Weihrauch und Myrrhe getrost anderen schenken.

drucken