Erkannt und be-Geist-ert

Liebe Schwestern und Brüder!

Angesichts dieser ungeheuren Flutkatastophe in Südostasien fällt es schwer, so weiterzumachen, so weiterzuleben wie bisher. Und wenn ich mir vorstelle, bei meiner Rückkehr heute abend finde ich ein total verwüstetes Freiburg samt Umland vor und keine mehr dort lebende Menschenseele – alle tot! Es entspräche der inzwischen angenommen Zahl von mehr als 150.000 Todesopfern dieser schrecklichen Katastrophe. Kann ich mit solchen Gedanken meine zuhause vorbereitete Predigt für heute noch halten? Können wir überhaupt noch so wie bisher Gottesdienst feiern?

Ich meine: Ja! Es ist genau das, was wir jetzt tatsächlich nötig haben: Die feste Ordnung, die uns Halt gibt, die uns den klaren Blick möglich macht, damit wir das nun Notwendige erkennen können und dann auch tun! Für das dann auch Notwendige tun danke ich unseren Jugendlichen hier, die uns gestern im Abendgebet zum Spenden für die Opfer der Flutkatastrophe aufforderten.

Meine Schwestern und Brüder,

was macht ihn aus, den rechten Berneuchener, die gute Berneuchenerin, den Michaelsbruder von echtem Schrot und Korn? Ist es etwa, dass wir stets mit dem “Berneuchener Buch” unterm Arm herumlaufen und das Zitat aus der Urkunde auf den Lippen: “Wir können an der Kirche nur bauen, wenn wir selber Kirche sind.”? Also nun mal ehrlich: Wer denn sonst könnte an der Kirche bauen, wenn nicht wir, die wir wirklich konsequent und gründlich über den Glauben nachdenken, die wir kritisch die Welt in ihrer Beziehung oder auch Nicht-Beziehung zu Gott betrachten, ja, wer denn sonst wenn nicht wir, die wissen, was Kirche zu leisten hat in dieser Welt.

Infolgedessen haben wir dann auch unsere guten Gründe, warum wir immer wieder hierher auf den Kirchberg fahren, warum wir auch jetzt wieder hier sind: Hier ist der Ort, wo wir uns gewiss sind, dass alles, was wir tun in unseren Gottesdiensten, in unseren Stundengebeten wirklich durchdacht ist – angemessen und in sich widerspruchsfrei im Ablauf der Anbetung Gottes, unseres HERRN. Dies vermittelt uns Sicherheit und Geborgenheit, es lässt uns verschnaufen und neu Atem schöpfen; denn das brauchen wir dringend. Wie sonst könnten wir draußen unseren immerwährenden Kampf des Glaubens führen z.B. in unseren Ortsgemeinden für rechte Verkündigung, rechten Gottesdienst, für die Kirche Jesu Christi, so, wie sie sein sollte.

Ich denke, diese Frage nach der richtigen Art und Weise, wie Gott anzubeten sei, ist mindestens so alt wie die Christenheit selbst, ja eigentlich sogar noch älter! Diese Anfrage an uns selbst gehört wohl seit jeher zu den Grundfragen der Menschheit: Wie gestalte ich meine, wie gestalten wir unsere Beziehung zu Gott?

Wenn uns dabei das Bekannte, das Vertraute und Liebgewordene in Frage gestellt wird, dann sind wir allerdings eher geneigt, zu beharren bei dem, was wir kennen, statt Neues zu wagen, im Gegensatz zu Jesu Jünger, deren Berufungsgeschichten – jede für sich – ich als ebenso spannend wie aufregend und als uns herausfordernd empfinde.

“Komm und sieh!” wird Nathanael von Philippus aufgefordert. Keine 400 Jahre später wird einem jungen Mann zugerufen: “Nimm und lies!” und sein Leben krempelt sich total um. Wird auch uns einmal Vergleichbares zugerufen werden? Oder sollten wir etwa eine derartige Aufforderung irgendwann einmal überhört haben? Lassen wir diese Frage in uns arbeiten und betrachten wir währenddessen, wie Nathanael mit dieser Aufforderung umgegangen ist.

Da sitzt er unter einem Feigenbaum und denkt nach. Ich stelle mir vor (ein bischen Phantasie wird ja wohl erlaubt sein): Nathanael sitzt, wenn er nachdenken will, ganz oft unter genau diesem Feigenbaum. Hier fühlt er sich sicher, nichts kann ihn stören. Nathanael klärt: Mumelnd und betend bedenkt er Worte der Hl. Schrift. Über vieles hat Nathanael so schon nachgedacht – mit Kopf und Herz und Mund. Vielleicht – so phantasieren wir jetzt weiter – klärte er, als Philippus ihn ansprach, gerade Worte des ersten Schöpfungsberichtes, das Wort Gottes, das geschah und wurde: Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.

Dieses Wort, das dann sogar Fleisch werden soll, wie es die Propheten Israel, Gottes auserwähltem Volk, verheißen haben, wie es schließlich der greise Simeon in dem Baby der Maria als Erfüllung der Verheißung erkannt hat, nämlich: Ein Licht zu erleuchten die Heiden und zum Preise Deines Volkes Israel – (Pause!)

Sehnsüchtig wurde der Messias als Retter von Israel erwartet. Feste Vorstellungen über ihn hatten sich im Volk im Laufe der Zeiten entwickelt. Ganz genau wusste jedermann, wer der Erlöser sein sollte – ja, woher er kommen, welchen Stammbaum er sogar haben wird: aus Bethlehem als ein Nachkomme der Familie Davids soll er kommen. Natürlich hat Nathanael dieses Bild von dem zu erwartenden Messias gekannt, auch er wird ihm angehangen haben, die Worte der hl. Schrift dazu immer und immer wieder geklärt haben.

Ja, wie anders als aus königlichem Blute konnte der Messias sein! War eine Alternative überhaupt denkbar? Jesu Geburt in irgendeinem obskuren Stall in Bethlehem, seine Eltern wie Obdachlose unterwegs, so konnte doch nicht wirklich die Geburt des Christus, die Geburt des dem Volk Israel verheißenen Messias sein, erst recht nicht, wenn sie außerdem im Schutz der Dunkelheit nur denen da ganz unten, nur diesen Hirten außerhalb Bethlehems kundgetan wird! Damals jedenfalls war diese Geburt keine sich lohnende Story für die Yellow Press.

In diese Situation hinein, in der Nathanael unter seinem Feigenbaum sitzt und klärt, platzt Philippus: “Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben …” – eine tolle, eine aufregende Nachricht, der die Ernüchterung auf dem Fuße folgt: Der Messias soll ein Nobody aus dem Nachbardorf Nazareth sein! Das kann, das darf nicht wahr sein.

Ein Widerspruch zu sämtlichen Weissagungen! Heutzutage hätte sich Nathanael gesagt: “cool bleiben! – Es hat schon so einige Messiasse gegeben, die alle floppten.” – Tja, was kann aus Nazareth, was kann aus so einem x-beliebigen Kuhdorf, das sonst keiner in der Welt kennt, schon Gutes kommen? Also, cool bleiben, einen klaren Kopf sich bewahren, alles zusammen ein unangebrachter Aprilscherz. Mit der erwarteten Ankunft des Messias treibt man keine Scherze; dazu ist das viel zu wichtig für unser Heil, für unsere Rettung.

Ja, ich kann den Nathanael gut verstehen; wahrscheinlich wäre ich mindestens genauso skeptisch gewesen wie er. Auch ich habe so meine ganz bestimmten Vorstellungen, die im Laufe der Zeit entstanden sind, Gestalt annahmen und nun ein festes, in sich stimmiges Gefüge bilden. In diesem Koordinatensystem fühle ich mich sicher, fühle ich mich gut aufgehoben und weiß, mich zu bewegen. Ohne Not lasse ich diese, meine Welt, nicht untergehen – wie Nathanael eben.

Aber Nathanael hat die berüchtigte Rechnung ohne den Wirt gemacht: Die Begegnung mit Jesus, diesem noch Nobody aus Nazareth, sie krempelt ihn um – wie bereits etliche vor ihm und noch viele nach ihm. Wer sich Gott in seinem Leben direkt gegenübergestellt sieht, ihm unvermittelt begegnet, der kann nicht mehr so weiterleben wie bisher. Ja, Nathanael muss sogar erleben, dass dieser Nobody Jesus ihn schon längst kennt und weiß, dass er, Nathanael, ein “rechter Israelit” ist, “in dem kein “Falsch” zu finden ist. Es spricht für Nathanael, dass er gründlich zu prüfen und vorher nachzudenken pflegt, um keinem Scharlatan hinterher zu laufen. Ja, einzig und allein Gott kann in sein Herz schauen, kann erkennen, wie es um ihn bestellt ist.

Nathanael ist nicht der Erste und nicht der Einzige, dessen Leben sich von Grund auf umkrempelt durch die Begegnung mit Jesus, dem unverhofften, dem unvermittelten Stehen vor dem lebendigen Gott. Wie dies ja auch für die anderen Jünger gilt, z.B. für Philippus: “Jesus findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach!” so berichtet es uns der Evangelist. Das klingt doch ganz danach, dass der HERR diesen Jünger sich gezielt ausgesucht hat. Philippus ist Jesus nicht zufällig begegnet! Andersherum wird ein Schuh draus: Jesus hat die Begegnung mit genau diesem Mann herbeigeführt, weil ER ihn für sich haben will.

Klar strukturiert, mit guter Kenntnis der Hl. Schrift und fundiertem theologischem Wissen erweist sich Nathanael als ein aufrechter und treu zu Gott stehender “Berneuchener”. – Oder etwa nicht? – Nathanael weiß, was gut und was schlecht ist. Er kann die Spreu vom Weizen trennen. Nichts kann ihn so ohne weiteres vom rechten Weg abbringen. Als Glaubender ein Vorbild für alle. Darin sehen doch auch wir hier unsere Berufung: Vorkämpfer des Glaubens zu sein! Deshalb stärken wir uns immer wieder gegenseitig, suchen die gemeinsame Begegnung auf dem Kirchberg – unserem Feigenbaum.

Aber eine Eigenschaft hat Nathanael, die auch wir in uns nicht verkümmern lassen sollten: Die Sensibilität, es nicht zu überhören, wenn Gott uns anredet. Dabei erfahren wir dann über uns, dass auch der hinterste, der dunkelste Winkel in unserem Herzen ausgeleuchtet und nicht mehr verborgen ist. Dann sind wir aufgefordert, aus der Sicherheit, aus der Geborgenheit unseres bisherigen Lebens herauszutreten. So werden auch wir dann aufbrechen zu neuen Ufern und unser Alter – ob noch jung oder bereits weiter fortgeschritten – wird kein Gegenargument sein!

Ja, wenn wir Gottes Anruf vernehmen, dann gilt es, es auch dem begeisterten Philippus gleich zu tun und diesen Ruf, der uns traf, weiterzuleiten, von nun an Christi Sprachrohr zu sein. Dann dürfen wir nicht mehr stille sein, dann müssen wir den anderen die Ohren öffnen, damit sie Gottes Ruf auch wirklich hören, damit er nicht untergeht in einem allgemeinen Klang-Wust. “Komm und sieh” – ist dann auch unser Schlachtruf!

Deshalb, meine Schwestern und Brüder, ordne ich Philippus und Nathanael sozusagen als Ur-Berneuchener und damit für uns als vorbildhaft ein, weil sie, wie besonders deutlich bei Philippus, ihre Be-Geist-erung nicht für sich behalten, sondern weitertragen, weil sie, wie exemplarisch von Nathanael berichtet, bereit sind, aus dem Schatten ihres Feigenbaumes herauszutreten als die vom HERRN Erkannten, um so auf neuen Wegen diese Welt zu Gott hinzuführen.

Auf diesen neuen Wegen wird sich Christus selbst uns offenbaren als die von Jakob bereits geträumte Himmelsleiter. Dann wird ER uns, meine Schwestern und Brüder, wenn wir gleich mit Ihm sein Mahl feiern und an seinem Tisch das Brot empfangen, an die Hand nehmen, dann will ER uns begeistern, wenn ER uns aus seinem Kelch trinken lässt. So will ER uns stark machen für die Aufgabe, die ER uns zutraut: Ihm nachzufolgen auf neuen Wegen zu Gott und hierbei Begleiter für unsere Mitmenschen zu sein. Nicht jedem ist es gegeben, beispielsweise eine sehr, sehr hohe Leiter zu erklimmen, ohne dabei schwindlig zu werden. Da müssen wir, als die bereits von Gott Erkannten und Begeisterten schon Hilfestellung leisten. Genau hierfür können wir uns stärken lassen beim hl. Mahl am Tisch des HERRN. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch allen!

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