Der echte Gottesdienst

Solange es Menschen gibt, solange gibt es Religion. Und solange es Religion gibt, solange gibt es Opfer: Ich gebe etwas her, damit ich von Gott etwas bekomme. Ich schlachte ein Opfertier, damit Gott es regnen lässt. Ich verbrenne Räucherstäbchen, damit Gott mir einen Wunsch erfüllt. Ich bete viele Gebete, damit Gott mir freundlich gesinnt ist. Ich verspreche Gott, mit dem Rauchen aufzuhören, damit er mein Kind gesund werden lässt. Ich rutsche auf Knien eine Treppe hinauf, damit Gott mich in den Himmel kommen lässt.

Und fast genauso alt wie Religion ist der Streit darum, wie der richtige Gottesdienst aussehen soll. Das geht bis heute so. Die einen sagen: Der richtige Gottesdienst, der muss von einem besonders dafür geweihten Menschen geleitet werden, der zum Zeichen seiner hohen Würde auch nicht heiraten darf. Alles andere zählt nicht. Die anderen sagen: Wichtig im Gottesdienst ist, dass eine Orgel spielt und dass alles seinen geordneten Gang geht, mit alten, ehrwürdigen Formulierungen. Wieder andere sagen: Nein, im richtigen Gottesdienst sollen am besten alle Schweigen und in der Stille auf Gott hören. Und andere behaupten: Der richtige Gottesdienst ist der, in dem es so richtig fetzig zugeht, mit Gitarren und Schlagzeug und alle dürfen was sagen, wenn sie wollen, und nix darf vorformuliert sein.

Ich soll heute über einen Abschnitt aus dem Römerbrief des Apostels Paulus predigen, in dem es genau um diese Fragen geht: Um Opfer und um Gottesdienst. Und eins kann ich jetzt schon sagen:

Gott kann solche Opfer, von denen ich gesprochen habe, überhaupt nicht brauchen. Er ist an solchen Opfern nicht im Geringsten interessiert. Er will sie nicht. Und von den Gottesdiensten, von denen ich gerade gesprochen habe, ist keiner richtig, denn unter Gottesdienst versteht Gott etwas völlig total anderes.

Hört selbst, was Paulus im Auftrag Gottes schreibt:

[TEXT]

Wisst ihr, was mir als erstes eingefallen ist bei dem: Gebt eure Leiber hin als lebendiges Opfer? Ich musste an die Selbstmordattentäter denken. An diese fundamental-islamistischen Terroristen, die sich kiloweise Sprengstoff um den Körper binden und sich damit in die Luft sprengen und Dutzende Unschuldige umbringen. Und sie sind vor allem deshalb zu Selbstmord und Mord bereit, weil sie ihre Tat als heilige und Gott wohlgefällige Tat verstehen. „Gebt eure Leiber als Opfer – das sei euer vernünftiger Gottesdienst!“ – haben sie nicht sogar den Christen Paulus auf ihrer Seite? Nein, auf keinen Fall. Denn Selbstmord ist nicht gut, und Leute in die Luft sprengen schon gleich gar nicht. Und mit dem Gebot der Nächsten- und Feindesliebe geht das überhaupt nicht zusammen. Nein – auf Paulus oder auf Gott können sich Selbstmordattentäter nicht berufen.

Aber zurück zum Paulus. Er geht ganz schön in die Vollen, finde ich. Halbe Sachen macht er wirklich nicht. Ganz oder gar nicht, das ist seine Devise. Und er fährt die Römer ganz schön scharf an: Ich ermahne euch. Ich sehe da so richtig den schulmeisterlich erhobenen Zeigefinger und ich stelle fest: Das gefällt mir nicht. Und so habe ich mein griechisches Neues Testament vorgeholt und siehe da – das kann man auch ganz anders übersetzen als es Luther gemacht hat, nämlich so:

Liebe Geschwister im Glauben! Weil ihr erlebt habt, wie barmherzig Gott ist, ermutige ich euch, mit eurem ganzen Leben, mit Leib und Seele für Gott zu leben. So vollzieht ihr einen Dank-Gottesdienst, der ihm angemessen ist. Passt euch nicht dem Zeitgeist an, lasst euch vielmehr verändern durch die Erneuerung eures kritischen Unterscheidungsvermögens. Dann könnt ihr prüfen, was Gottes Wille ist, was vor ihm als gut, wohlgefällig und vollkommen gilt. Ich rede nämlich kraft der Gnade, die mir verliehen ist, zu einem jeden unter euch: Schätzt euch nicht höher ein, als euch zukommt, sondern besinnt euch auf die Gabe, die Gott euch zugeteilt hat.

Das klingt doch schon irgendwie anders, einladender finde ich. Es hört sich vielleicht ungewöhnlich an: Aber wir dürfen zur Vernunft kommen , weil Gott sich schon längst und immer wieder über uns erbarmt hat. Wir wissen es: Vieles was wir tun und manches, wie wir es tun, ist ganz und gar nicht vernünftig. Wir schaden manchmal uns selbst; wir belasten die Umwelt; wir denken, reden und handeln uns und anderen Menschen gegenüber oft genug unbarmherzig. Aber Gott ist barmherzig. Auf dieser Grundlage ermutigt Paulus die Gemeinde zu Rom.

Und er sagt: Gott ist überhaupt nicht daran interessiert, dass wir für ihn irgendwelche Tiere schlachten oder sonst irgendwelche Opfer bringen. Das ist ihm nämlich erstens zu blöd, weil niemand davon irgendeinen Nutzen hat und zweitens viel zu wenig. Gott will nicht irgendwelche Opfergaben, weder kleine noch große, teure oder preisgünstige, lebendige oder tote. Gott will mich. Mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele. Er hat ein Recht darauf, denn er hat uns schließlich auch gekauft. Ja, ihr habt richtig gehört: Gott hat uns gekauft. Er hat uns dem Tod abgekauft, und der Preis, den er gezahlt hat, war sein Sohn Jesus Christus.

Und dann ist es eigentlich ganz logisch: Wenn wir ihm gehören, dann sollten wir auch für ihn leben. Alles andere wäre Diebstahl.

Das heißt ganz konkret: Es gibt jetzt keinen Bereich mehr in unserem Leben mehr, in dem wir schalten und walten können, wie wir wollen. Glaube ist nichts, was sich nur im Kopf oder in den Gefühlen abspielt, sondern hat Hand und Fuß. Es gibt keinen Bereich in unserem Leben, vor den wir das Schild stellen können: Privat! Zutritt für Gott verboten! Wobei – das stimmt nicht ganz. Wenn wir für Gott so ein Verbotsschild aufstellen, dann wird er diesen Bereich auch nicht betreten, denn Gott ist kein Gewaltherrscher, sondern ziemlich sanft und geduldig. Barmherzig eben. Und so wartet er lieber geduldig darauf, dass wir von selber einsehen, dass wir uns keinen Gefallen damit tun, ihn aus Bereichen unseres Lebens herauszuhalten, sondern dass wir uns selber damit schaden.

Nach dem zuvor Gesagten ist eigentlich auch klar: Wer meint, es langt, für Gott ab und zu am Sonntag eine Stunde zu opfern, ist total auf dem Holzweg. Unser Gottesdienst findet nicht am Sonntag in der Kirche statt, sondern jeden Tag und überall.

Und unser Gottesdienst schaut nicht so aus, dass wir uns hinsetzten und berieseln lassen, sondern dass wir unser Leben ganz aktiv gestalten, und zwar so, dass es Gott gefällt.

Und die Hauptprogrammpunkte sind: Nächstenliebe und Feindesliebe.

Wer so lebt, der wird ziemlich bald feststellen: Ich bin ziemlich in der Minderheit mit meinem Lebensstil, mit meinen Ansichten und Überzeugungen. Ich muss ganz schön gegen den Strom der Masse schwimmen. Und deshalb sagt Paulus:

Stellt euch nicht dieser Welt gleich. Passt euch nicht an an die Werte und Denkmuster und Ziele des Zeitgeistes. Lasst euch nicht in ein Allerweltsschema pressen. Stellt euch nicht dieser Welt gleich, passt euch nicht an sie an:

Das haben manche schon immer so verstanden: Geht auf Abstand zu dieser Welt! Zieht euch zurück, haltet Distanz. So nach dem Prinzip: Die Menschen in der Welt gehen tanzen – also ihr nicht. Die Menschen in der Welt trinken Bier – also ihr nicht. Die Menschen in der Welt gehen in Vereine – also ihr nicht. Die Menschen in der Welt spielen Fußball – also ihr nicht. Das hat Paulus sicher nicht gemeint. Er meint wichtigere Denkmuster und Einstellungen, die wir nicht übernehmen sollen. Wenn die Welt denkt und lebt: Jeder muss sich erst einmal um sich selber kümmern, dann sagt Paulus: Nein, ihr seid dazu befreit, für andere mitzusorgen. Wenn die Welt denkt und lebt: Für mehr Geld tu ich alles, dann sagt Paulus: Nein, das Geld ist ein Gott, der viel verspricht aber wenig hält und dich ganz fordert. Wenn die Welt denkt und lebt: Alte und Behinderte sind nutzlos, sind Ballast, dann sagt Paulus: Nein, sie sind Königskinder und einmalig und wertvoll. Wenn die Welt denkt; Gönn dir etwas! Kauf dir alles, was du dir leisten kannst! Dann sagt Paulus: Gewöhn dir lieber einen einfacheren Lebensstil an, dann kannst du mehr mit echt Not leidenden teilen. Außerdem musst du dann nicht so viel Krempel abstauben und wirst nicht so fett. Wenn die Welt denkt: Was geht es mich an, wenn im Pazifik Inseln im Meer versinken, dann sagt Paulus: Nein, wir alle sind mit dafür verantwortlich, weil wir die Abgase produzieren, die die Welt erwärmen und das Meer steigen lassen. Nächstenliebe statt Eigenliebe, Weltverantwortung statt Weltflucht, so könnte man sagen.

Vielleicht denkt ihr jetzt auch: Um Himmels willen, aber das Leben ist so kompliziert und komplex, wie soll ich da immer den Durchblick haben, was jetzt gerade das richtige ist, was Gott jetzt gerade von mir erwartet?

Wir Menschen hätten manchmal so gerne eine Art Checkliste, auf der haarklein und für alle Einzelfälle aufgelistet ist, was jetzt gerade Gottes Wille ist, was hier in diesem speziellen Fall in Gottes Augen gut und richtig und wohlgefällig und vollkommen ist. Gott hat uns aber keine solche Checkliste gegeben. Paulus sagt: Das geht nämlich ganz anders. Weil das Christentum kein Prinzip ist, sondern etwas lebendiges. Als erstes sollen wir unser Denken erneuern. Wir sollen es erneuern, indem wir alles in uns aufsaugen, was wir vom Denken Gottes erkennen. Das geht zum Beispiel indem wir aufmerksam lesen, wie Jesus gedacht und gesprochen hat. Wir sollen das aufsaugen und davon lernen. Und wir sollen uns öffnen für den Geist Gottes. Aufmerksam sein für seine leisen Einflüsterungen. Und dann, sagt Paulus, dann könnt ihr selber erkennen und beurteilen und entscheiden, was jetzt gut und richtig ist. Wichtig ist: Er sagt ihr, ihr alle zusammen. Nicht ihr, jeder einzeln für sich. Und schon gar nicht: Euer Pfarrer für euch. Für Paulus ist die Gemeinschaft der Glaubenden ganz wichtig, die miteinander redet und darum ringt, zu erkennen, was Gott jetzt gerade will. Wir begegnen im Alltag der Woche vielen Argumenten und Urteilen, vielen Behauptungen und Anweisungen. Gott möchte, dass wir kritisch sind und kritisch bleiben. Gott möchte, dass wir die Dinge in seinem Lichte beurteilen und prüfen. Und wenn wir gemeinsam prüfen, sind wir in unserem Urteil sicherer. Und trotzdem wird es vorkommen, dass wir uns täuschen. Dass wir völlig auf dem Holzweg sind. Aber das macht nichts – solange wir nicht verlernen, Fehler einzusehen und umzukehren.

Wir müssen nicht vollkommen sein – es langt völlig, dass Gott vollkommen ist.

Und wir müssen uns nicht überfordern. Niemand soll mehr von sich halten, als er ist. Manche Menschen haben das Talent, die Probleme und Nöte anderer Menschen ganz auf sich zu nehmen – bis sie darunter zusammenbrechen. Wir sollen das nicht tun. Keiner von uns ist der Retter der Welt. Wir sollen nicht mehr von uns halten und erwarten, als Gott uns gegeben hat.

Aber auch nicht weniger. Oder positiv gesagt: Jeder und jede von uns hat von Gott etwas bekommen. Eine besondere Gabe, eine Fähigkeit. Jeder und jede kann etwas für Gott und seine Menschen tun. Keiner ist nutzlos, keiner kann nichts.

Es ist spannend, die Gabe zu entdecken, die Gott mir gegeben hat. Und Paulus ermuntert uns, er macht uns Mut: Trau dich! Du kannst etwas für Gott tun! Auch du kannst dabei mithelfen, diese Welt heller und besser und hoffnungsvoller zu machen! Du kannst es! Entdecke, was in dir steckt, weil Gott es da hineingelegt hat. Weil Gott es gut meint mit dir. Weil Gott barmherzig ist.

Darum nimmt er dich so an, wie du bist. Du musst ihn nicht erst durch Gut-Sein für dich einnehmen und von deinem Wert überzeugen. Er hat dich auch so eingekauft und ermutigt dich, zusammen mit ihm das Böse in der Welt zurückzudrängen. Und auch eine ganz kleine Tat dabei ist etwas ganz Großes. Nur Mut!

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