An Gott glauben heißt dem Schrecken ein Ende setzen

Liebe Gemeinde,

das alte Jahr hat sich mit den Schreckensmeldungen von tausenden von Opfern als Folge des Meeresbebens verabschiedet. Von der größten Naturkatastrophe seit Menschen gedenken ist die Rede.

Euer Herz erschrecke nicht! Das Bibelwort klingt wie ein trotziges Aufbegehren gegen die Wirklichkeit.

Mit einem Mal zerrinnt alles was Menschen aufgebaut haben zwischen den Fingern, mit einem Mal verlieren Menschen Hab und Gut und das ist manchmal nicht einmal das Schlimmste.

Das Jahr 2005 wird für uns ein Jahr werden, wo uns die Schrecken wieder und wieder vor Augen stehen, schmerzlich vor Augen stehen werden.

Denn das Jahr 2005 mit seinen zahlreichen Gedenktagen sowohl in Nürnberg als auch in ganz Deutschland wird uns immer wieder an die Schrecken vor 60 Jahren erinnern.

Euer Herz erschrecke nicht! Das Bibelwort klingt wie ein trotziges Aufbegehren gegen die Vergangenheit.

Euer Herz erschrecke nicht! Ist das auch ein trotziges Aufbegehren, wenn wir nach vorne blicken?

Denn heute am 1. Januar blicken wir unweigerlich nach Vorne. Das neue Jahr ist knapp einen halben Tag alt und auch wenn wir nicht sagen können, was es bringen wird, so gehen wir doch nicht unbeschwert und unbelastet in dieses Jahr. Das neue Jahr ist kein unbeschriebenes Blatt.

Mancher hat vielleicht schon den Terminkalender voll. Andere haben schon den Jahresurlaub geplant. Manche erwartet eine wichtige berufliche Entscheidung, andere wissen noch nicht was das Studium bringt. Vielleicht stehen auch weitreichende Entscheidungen an, ein Umzug, ein Auszug, eine Operation, wer weiß noch alles.

Euer Herz erschrecke nicht! Ein Wort das trägt, auch im neuen Jahr?

Jesus hat dieses Wort zu seinen Jüngern in einer sehr beklemmenden Situation gesprochen.

Der Evangelist Johannes berichtet im vorausgehenden Kapitel erst von der Fußwaschung und dem anschließenden Verrat des Judas. Danach wird zu allem Überfluss Petrus, der Fels, vor allen in seine Schranken gewiesen, als Jesus ihm ins Gesicht sagt, dass er ihn verleugnen wird.

Eine beklemmende Stimmung befällt den Bibelleser an dieser Stelle.

Von Abschied ist die Rede, von Verrat und Verleugnung.

Ja man spürt, wie für die Jünger eine Welt zusammenbricht, wie Träume zerplatzen, wie Fundamente auf denen sie bisher sicher standen ins Schwanken geraten.

Und dann – fast wie eine Erlösung kommt das Wort Jesu: „Euer Herz erschrecke nicht!“

Das Bibelwort lädt ein, darüber nachzudenken, was uns am meisten Angst macht, wenn wir an die Zukunft denken.

Je nachdem wo jeder steht, sind die Ängste unterschiedlich, aber sie sind da.

Euer Herz erschrecke nicht!

Liebe Gemeinde, die Worte Jesu sind für mich wie ein Weckruf – nicht im Schrecken zu verharren.

Nicht wie das Kaninchen vor der Schlange erstarren und damit erst Recht zum Opfer zu werden.

Euer Herz erschrecke nicht!

Natürlich gibt es Schrecken, die über uns hereinbrechen und die man nicht verhindern kann. Hier ist es unsere Aufgabe den Menschen in der Not beizustehen und sie lindern, wo es geht.

Doch viele Schrecken der Menschheit sind hausgemacht und fallen nicht vom Himmel.

Auch der Bombenhagel über Nürnberg, dem Morgen mit Glockengeläut gedacht werden soll, fiel zwar vom Himmel, aber er kam nicht aus heiterem Himmel, sondern war die Folge für Kriegsverbrechen die vorher stattfanden.

Euer Herz erschrecke nicht! Ist für mich auch ein Ruf in die Nachfolge Jesu, die aus christlicher Überzeugung versucht, dem Schrecken Einhalt zu gebieten.

Unsere Welt wäre viel weniger zum Erschrecken, wenn Christinnen und Christen dort tätig werden würden, wo es möglich, ist Schrecken zu verhindern.

Ein sehr eindrückliches Beispiel, das auch schon fast 60 Jahre zurück liegt, habe ich vor drei Wochen bei der Verleihung des Deutschen Menschenrechtsfilmpreises in Nürnberg auf Leinwand sehen können.

Die Lebensgeschichte zweier junger verliebter Christen zur Zeit des Nationalsozialismus. Sie eine Holländerin er ein Deutscher. Diet und Hein kommen aus christlichen Elternhäusern und erleben hautnah was der Bevölkerung jüdischer Herkunft in Holland angetan wird.

Sie gründen die Gruppe „Helft einander in Not“, verstecken Menschen auf dem Land und fälsche Pässe für die von Deportation bedrohten Jüdinnen und Juden.

Auch Überfälle auf Büros der kommunalen Verwaltung organisieren sie, in denen sie die dringend benötigten Lebensmittelmarken stahlen, zuvor aber versammelten sie sich in innigster Gebetsgemeinschaft, um Gottes Segen für ihr Handeln zu erbeten.

Die Lebensgeschichte von Diet und Hein hat kein Happy-End, und vielleicht hat mich deshalb die Geschichte so angerührt. Hein wird bei einer Routinekontrolle durch die Nazis verhaftet und stirbt später im KZ Dachau.

Diet wird auch verhaftet, überlebt das Konzentrationslager durch Glück und wandert später in die USA aus.

Unsere Welt wäre viel weniger zum Erschrecken, wenn Christinnen und Christen dort tätig werden, wo es möglich ist, Schrecken zu verhindern.

An Gott glaube heißt dem Schrecken ein Ende setzen!

Sicher geht es uns damit oft wie Thomas in unserem Bibelwort der sagt: “Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?“

Wir zweifeln oft, ob und wie sich unser Glaube im Alltag konkret zeigen soll. Wer weiß schon immer was richtig ist. Aber letztlich ist das wie und wo gar nicht so wichtig, wenn wir nur grundsätzlich es dem Evangelium zutrauen, dass es Menschen bewegen kann und die Welt verändert.

Sein Evangelium ist er der Weg, die Wahrheit und ein Leben ohne Schrecken.

Wer es der Botschaft Jesu zutraut dem Schrecken in der Welt ein Ende zu setzten, der wird auch für sich den Ort finden, wo er dazu seinen Beitrag leisten kann.

Das muss dann nicht für jeden der Kampf gegen ein totalitäres System sein, wie bei Diet und Hein.

Es gibt genügend Situationen aus dem gesellschaftlichen oder privaten Umfeld wo ein mutiges Auftreten notwendig ist. Und vieles geschieht ja auch schon, oftmals im Verborgenen.

Euer Herz erschrecke nicht! Für mich ist es ein Wort das mich trägt und mir Mut macht auch im neuen Jahr dem Evangelium zu trauen.

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