Die Wahrheit muss ausgesprochen werden

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

es gab dieses Jahr im kleinen Familienkreis ein adventliches Unwort, das uns auf Schritt und Tritt verfolgte. Selbst der Getränkebon vom vorweihnachtlichen Einkauf wünschte uns noch besinnliche Weihnachtstage. Und in fast jedem der vielen Briefe, die wir erhalten haben, hieß es: Besinnliche Tage – eine besinnliche Zeit. Wie geht es ihnen mit diesem Wunsch? Vielleicht ist er ja auch ihnen – gut gemeint – über die Lippen gekommen. Und gegen das, was damit gemeint sein könnte, ist wohl auch nichts einzuwenden.

Zur Besinnung kommen, heißt ja umgangssprachlich endlich einmal den Kopf klar bekommen, durchblicken, vernünftig werden, sehen und tun, was notwendig ist. Wenn das in der Weihnachtszeit erreicht wurde, kann ich nur sagen: Gott sei Dank! Für manche – und vielleicht haben wir deshalb innerfamiliär so empfindlich auf den immer wiederkehrenden Wunsch reagiert – für manche beschränkt sich Besinnlichkeit aber auf eine Gemütsverfassung. Es soll gemütlich, stimmungs- und salbungsvoll zugehen, um sich rundum wohlzufühlen bei Kerzenschein und Weihnachtsduft. Beides muss sich nicht unbedingt widersprechen. Der äußere Rahmen hilft oft, den Blick für das Wesentliche frei zu bekommen. Aber die Muße allein ist noch nicht die rechte Besinnung.

Heute verabschieden wir nun wieder einmal ein Jahr. Auch das ein willkommener Anlass zur Besinnung. An solchen Wendepunkten, auch wenn sie von Menschen recht willkürlich gesetzt wurden, geht uns vieles auf. Die Vergangenheit mit ihren guten und schlechten Erinnerungen kommt einem noch einmal nahe, die Gegenwart verdichtet sich auf einen sehr bewusst erlebten Augenblick, mit dem ein Jahr geht und ein neues Jahr kommt. Und die Zukunft liegt wie ein offenes und unbeschriebenes Buch vor uns und wartet darauf gefüllt zu werden.

Das wir Gottesdienst und Abendmahl miteinander feiern soll deutlich machen, dass es uns ernst damit ist vom äußeren Rahmen zur wahren Besinnung durchzudringen.

Der Prophet Jesaja hätte es sich auch gewünscht, dass sein Auftreten und sein Predigen die Menschen zur Besinnung bringt. Jahr aus Jahr ein ist er unterwegs gewesen, im Namen Gottes zu reden und Wege in die Zukunft aufzuzeigen. Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft, die Benachteiligung von Witwen und Waisen hat er angeprangert, den Schutz der Fremden eingefordert. Die Reichen hat er an ihre Verantwortung erinnert, dem Volk hat er Gott immer wieder lebendig vor Augen gehalten, an Gottes Rettungstaten erinnert. Den entleerten, sich selbst genügenden Gottesdienst hat er scharf kritisiert.

In politische Diskussionen hat er sich eingemischt, vor falschen Allianzen gewarnt und trügerische Sicherheiten angeprangert. Und ich habe das Gefühl, er könnte heute am Ende des Jahres 2004 auch unter uns viel von dem wiederholen, was er damals den Kindern Israels ins Stammbuch geschrieben hat.

Hartz IV hat unsere Gemüter erhitzt. Immer mehr Menschen ahnen und akzeptieren, dass umfangreiche Veränderungen in unserer Gesellschaft nötig sind. Immer deutlicher wird, dass Jahrzehnte lang die Augen vor den notwendigen Veränderungen verschlossen und so Chancen verpasst wurden. Es hat keiner gewagt, prophetisch klar auszusprechen und umzusetzen, was gesagt und getan werden musste. Dafür stehen wir jetzt alle zusammen vor der schwierigen Aufgabe, Veränderungen zu begleiten und auf die soziale Gerechtigkeit und die gemeinsame Verantwortung jedes einzelnen und der Gesellschaft zu achten.

Der Irakkrieg sollte zu Ende sein, so wurde Anfang des Jahres verkündet, aber die Spirale der Gewalt reißt nicht ab, die Zahl der Toten und die Radikalisierung bestimmter religiöser Gruppen nimmt ständig zu. Die Allianz gegen die Achse des Bösen hat nicht mehr Sicherheit und mehr Frieden gebracht. Auf die mahnenden Stimmen wurde nicht gehört. Geschichte wiederholt sich auch über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg.

Zur Besinnung kommen heißt, diese Wahrheiten des Jahres 2004 auszusprechen. Ohne diese Wahrheiten kann auch keine Suche nach Auswegen beginnen.

Auch innerkirchlich versuchen wir uns gerade darin, der Wahrheit offen zu begegnen. Unsere Kirche verändert sich. Die Gemeinden werden kleiner, die Zahl der konfessionslosen Menschen wächst in Ost und West. Wir verlieren materielle Mittel und gesellschaftlichen Einfluss. Jahrzehntelang beobachten wir dies und haben dennoch so gelebt, als würde es dennoch immer in den vertrauten Bahnen weitergehen. Damit ist jetzt Schluss.

Es heißt zur Besinnung kommen. Es heißt aber nicht resignieren und den Mut oder die Hoffnung zu verlieren.

Gerade die Tragödie, die sich im indischen Ozean mit zehntausenden Toten zugetragen hat relativiert,was wir an Problemen mit uns herum tragen und zeigt , welche Nöte wirklich kaum zu bewältigen sind, welchen Schmerz Menschen jetzt tragen müssen, wo es um wirklich um Leben und Tod geht. Sie bringt uns buchstäblich zur Besinnung. Und in der Stille ahnen wir: wie hier sind noch einmal davon gekommen. Was für eine Tragödie für die, die diese Chance nicht hatten.

Überall da, wo Leben möglich ist, wo Zukunft noch vor einem liegt, wo ein neuer Tag und ein neues Jahr auch neue Chancen bedeuten, da ist Veränderung möglich. Deshalb spricht der Prophet nicht einfach nur Wahrheiten aus, die endlich gesagt werden müssen, sondern er zeigt auch Alternativen auf: „Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen. Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.“

Das liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder ist „Besinnung“. Stille ist nicht einfach nur das Schweigen der unzähligen menschlichen Worte, sondern das ist in unserem Alltag der Raum für Worte Gottes, die unsrem Leben eine andere Richtung geben können, ist Raum für das eine entscheidende Wort Gottes, nämlich Jesus Christus. Sein Leben und sein Weg sind genauso beredsam wie seine Worte, die unter uns getan werden wollen.

Stille ist nicht nur Meditation und Spiritualität. Stille ist ein Leben, das sich ganz und gar an Gott orientiert und auf ihn ausgerichtet ist. Stille und Hoffnung sind die Gewissheit, dass es auch anders geht. Deshalb kann ich durchaus nüchtern die Dinge beim Namen nennen, die wir im alten Jahr zurücklassen und dennoch als Problem auch mit in das neue Jahr nehmen. Weil ich heute aus berufenem Mund auch Worte höre, dass Gott mit uns als Christenmenschen und als Kirche in dieser Gesellschaft durchaus noch etwas vorhat und dass seine Liebe größer und weiter reicht als unsre ungelösten Probleme.

Diese Liebe ist uns gewiss: heute und an jedem neuen Tag auch 2005. Mögen wir uns immer wieder die Stille, den Raum gönnen, diese Worte zu hören, die Hoffnung in uns stark werden zu lassen, um dann die Aufgaben anzugehen. Gott segne unser Gehen und Kommen im alten und im neuen Jahr.

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