Stille – das andere Programm zum Leben

Liebe Gemeinde,

was ich hier in der Hand halte, das kennen Sie alle. Richtig: es ist eine Fernbedienung für einen Fernseher. Dieses Ding finde ich ehrlich gesagt ziemlich praktisch. Denn damit kann ich, wenn ich abends müde auf mein Sofa niedersinke, die Programme eines nach dem anderen durch zappen. Und da das Programm heutzutage einen nun wirklich nicht fesselt, zappe ich manchmal den ganzen Abend weiter. Meine Frau schüttelt dann meist mitleidig und genervt ihren Kopf. Trotzdem: ganz schön praktisch, dieses Ding.

Und ab und an schießt mir dazu eine Idee durch den Kopf. Es wäre doch noch praktischer, eine solche Fernbedienung nicht nur für den Fernseher zu haben, sondern auch fürs Leben. Wenn einem das Leben nicht gefällt, ein Druck auf einen anderen Knopf und schon kommt ein besseres Lebensprogramm. Schüler könnten dann in einer langweiligen Mathestunde (oder auch im Konfiunterricht) auf Party umschalten oder Gelangweilte auf Urlaub unter Palmen oder in den Bergen. Eben einfach so, wie es uns gefällt. Das wäre´ doch prima!

Und ja – es gab auch in diesem nun schon beinahe wieder vorüber gegangenen Jahr vieles, was wir hätten „umschalten“ mögen. Manche unter uns haben einen lieben Menschen verloren, manche hatten mit einer Krankheit zu kämpfen, und manche haben ihre Arbeit verloren, um hier nur einiges zu nennen. Und auch im politischen gab es da vieles. Die Sorge um die Zukunft unserer Stadt etwa oder auch die Angst vor dem Terror in der Welt; die vielen Katastrophen, wie jetzt etwas die fürchterliche Flutwelle mit Tausenden von Opfern in Südasien oder auch dieser dumme Krieg im Irak. Da wäre solch ein Umschalter doch oft wünschenswert gewesen.

Aber leider hat so etwas noch niemand erfunden. Oder sollte ich nicht doch besser sagen: Gott sei Dank gibt´s das nicht. Denn was wäre das für ein Leben, in dem man ständig am Umschalten wäre? Irgendwie stelle ich mir das leer und auf Dauer langweilig vor, eben genau wie unser Fernsehprogramm mit seinen vielen Kanälen. Auch da habe ich oft den Kanal voll davon.

Obwohl – manche Zeitgenossen leben ja so, als hätten sie ständig eine Fernbedienung in der Hand. Die hüpfen von Event zu Event und wenn was nicht passt, dröhnen sie sich voll oder lassen es richtig krachen. Heute Abend werden wir das wieder zur Genüge erleben. Doch der Kater am nächsten Morgen kommt bestimmt. Ob diese Menschen letztlich wirklich glücklich und zufrieden sind? Ich mag es eigentlich nicht glauben.

Also, liebe Gemeinde, müssen wir doch das „Lebensprogramm“ nehmen, wie es kommt. Mit allen Höhen und Tiefen haben wir unser Leben anzunehmen und es zu leben. So wie wir dieses Jahr 2004 annehmen und leben mussten, wie es war. Auch wenn wir auf manches lieber verzichtet hätten.

Was uns dabei helfen könnte, hat der Prophet Jesaja einmal in einem Gotteswort zusammengefasst. Und das ist ein etwas anderes Programm, als wir es heute gewohnt sind. Jesaja sagt:

[TEXT]

Das ist wirklich ein anderes Lebensprogramm, liebe Gemeinde, als das, was wir landauf, landab gewohnt sind. Stille gehört nun wahrlich nicht zu dem, was in unserer Gesellschaft zählt. Da sind eher schon die fliegenden Rosse modern, wie es Jesaja nennt. Immer schneller, immer weiter, immer höher hinaus wollen wir modernen Menschen. Doch diesen Wettlauf mit der Zeit können wir ja gar nicht gewinnen, dabei kommen wir auf Dauer unter die Räder. Dieser Wettlauf mit der Zeit bedeutet ja nichts anderes als vor dem Leben zu fliehen. Irgendwann geht einem dann die Puste aus oder der Fernbedienung die Batterie und man steht da wie auf verlorenem Posten. Das Leben selbst wird einem so zum Feind, gegen den man aber niemals gewinnen kann.

Mit der Stille dagegen, liebe Gemeinde, wird das Leben zum Freund. Zum Freund, mit dem man gewinnt; zum Freund, der einem hilft; zum Freund, der einem Hoffnung schenkt. Das Geheimnis der Stille liegt also darin, dass man mit seinem Leben Freundschaft schließen kann und es annehmen, so wie es eben ist. Diese Erfahrung zieht sich übrigens schon quer durch die Menschheitsgeschichte und auch durch alle Religionen hindurch. Es muss also was dran sein, liebe Gemeinde.

Wir bräuchten nur den Mut haben und die Kraft, es – vielleicht ja schon ab morgen im neuen Jahr – auszuprobieren. Lohnen würde es sich ganz bestimmt. Die Zeit wäre auch reif dafür.

Vielleicht ist es Ihnen ja ein Ansporn, wenn ich ein paar eigene Erfahrungen mit der Stille weitergebe. Mir jedenfalls hilft die Stille weiter.

So habe ich zum einen gelernt, wie wichtig für mein Leben das Zuhören ist. Und zwar nicht vor allem wegen meines Berufes als Pfarrer, sondern für mich als Person. Und zuhören kann ich nur, wenn ich still werde, mich auf mein gegenüber konzentriere, eigenes zunächst beiseite stelle. Nur so kann ich den anderen oder das andere wirklich wahrnehmen. Und ohne Wahrnehmung kann ich das wichtige vom unwichtigen, das schwere vom leichten, das gute vom bösen einfach nicht unterscheiden. Und das geht nicht einfach hopplahopp, sondern braucht Zeit und Ruhe, eben Stille. Vielleicht ist ja deshalb unsere schnelllebige Welt so unpersönlich und hart geworden, weil wir verlernt haben, einander zuzuhören. Nur die Stille könnte uns dabei wirklich helfen.

Ebenso durfte ich erfahren, dass ich alleine in der Stille mir ehrlich selbst begegnen kann. Sicher, das mag manchmal peinlich und manchmal schmerzhaft sein. Da begegne ich eben auch all dem unfertigen in mir und all meinen Wunden. Aber wenn ich das nicht tue, kann ich mein Leben nur als ein Abziehbild der Moden und Interessen meiner Welt leben. Nur wenn ich weiß, wer ich bin und wer ich nicht bin, kann mein Leben Richtung bekommen und gelingen. Und dazu brauche ich die entsprechende Muße, eben Stille. Vielleicht gibt es ja deshalb so viele unreife Menschen unter uns, die sich schnell verführen lassen vom Hunger nach Erlebnissen, nach Macht und nach Geld, weil wir es gar nicht mehr zulassen, uns selbst zu begegnen. Nur die Stille kann uns dabei letztlich helfen.

Und ein letztes, liebe Gemeinde. In der Stille erhalte ich Raum: Raum für mich, Raum zu leben, Raum auch für Gott. Unser Gott ist ja keiner der lauten Töne und des großen Geschreis. Sonst wäre er nicht am Rande des kleinen Bethlehem Mensch geworden, sondern im Palast von Jerusalem. Sonst wäre er nicht am Kreuz gestorben, sondern hätte die himmlischen Heerscharen triumphierend angeführt. Sonst hätte auch das Gebet im stillen Kämmerlein nur wenig Sinn, sondern müsste ausschließlich auf dem Marktplatz oder in den Fernsehshows stattfinden. Gott braucht Raum bei uns, und den können wir ihn im Getriebe unserer Welt nur wenig geben. Vielleicht ist unsere Welt zur zeit auch deshalb so trostlos und ohne Hoffnung, weil wir so wenig Raum haben für Gott. Nur die Stille könnte uns dabei aufhelfen.

Ja, liebe Gemeinde, Jesaja hat schon recht, wenn er sagt: durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Dies ist sicherlich ein etwas anderes Programm zum Leben, aber doch stark und gut. Wer still wird und sei es nur ab und an, der verlässt die Oberfläche des Lebens und gewinnt an Tiefe.

Lassen wir, liebe Gemeinde, es heute um Mitternacht etwas weniger krachen und beginnen das neue Jahr einmal stiller und ruhiger, dann ist der Weg frei für ein gutes neues Jahr 2005.

In diesem Sinne Ihnen allen ein gutes Hineinkommen und ein gesegnetes 2005.

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