Warum?

Warum? Das ist ein ganz kurzes Wort, fünf Buchstaben nur. Warum? Eine quälende Frage kann das sein, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Warum muss ich das erleiden? Warum geschieht mir so großes Unrecht? Warum bekommt eine Mutter von vier Kindern Krebs? Warum wird ein Familienvater von einem Besoffenen überfahren? Warum ist der Ehrliche der Dumme, und wer lügt, hat Erfolg? Warum haben es gute Menschen in dieser Welt so schwer, und gemeinen Egoisten gelingt einfach alles?

Unermüdlich und ganz automatisch fragen wir so, wenn wir Leid erfahren, wenn wir schweres durchmachen: Warum ist das so? Diese Suche nach dem Grund, nach der Ursache ist ganz tief in uns verwurzelt. Denn wenn ich weiß, warum, dann kann ich vieles ertragen. Das Wissen um den Grund, um den Sinn gibt mir Kraft.

Und so suchen wir und suchen nach einem Grund, einer Ursache – auch da, wo es keinen gibt. Ich habe gestern eine Frau besucht. Vor zwei Jahren habe ich ihre Tochter beerdigt, vor zwei Wochen ihren Mann. Immer wieder stellt sie sich die selbe Frage: Warum muss ich das erleiden? Was habe ich getan, dass ich so gestraft werde, dass ich so ein hartes Schicksal verdiene?

Die Freunde von Hiob haben auch so gedacht: Gott ist gerecht, Hiob leidet – also muss Hiob etwas getan haben, womit der den Zorn Gottes auf sich gezogen hat, er muss etwas getan haben, sich versündigt haben, damit ihn Gott so straft.

Und im Verlauf des Hiob-Buches wird klar gestellt: Nein – so ist es nicht. Das Leiden von Hiob ist keine Folge von dem, was er getan hat, es ist kein Beweis für sein Fehlverhalten. Und so habe ich auch der Frau gesagt: Sie haben nichts falsch gemacht. Ihr Leiden ist keine Strafe Gottes. Es gibt keine einfache Antwort nach dem Warum.

Warum geht es dem Gottlosen so gut und der Gerechte leidet? Immer wieder taucht diese Frage in der Bibel auf. Gott, warum ist das so! Warum belohnst du Güte nicht und warum bestrafst du Böses nicht? Es ist ein empörtes Fragen, das da laut wird. Ein Protest. Das ist doch ungerecht!

Es muss doch gerecht zugehen in der Welt! Auch das ist ganz tief in uns verwurzelt: Diese Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Eigentlich wünschen wir uns tief in uns, dass es in der Welt zugehen soll, wie in einem gut geführtem Kindergarten, in dem die Guten belohnt werden und die Bösen bestraft werden, und Gott ist der allmächtige Kindergärtner. Und weil es ganz offensichtlich in der Welt nicht so zugeht, werden viele in ihrem Glauben an Gott irre, oder kommen zu dem Schluss, dass Gott entweder ein zahnloser, machtloser Schatten ist, oder ein herzloser Sadist und wenden sich enttäuscht von ihm ab.

Zu allen Zeiten haben Menschen, die von diesen Fragen und von der Warum – Frage umgetrieben worden sind, Trost gefunden im Buch Hiob. Obwohl auch in diesem Buch der Bibel nicht erklärt wird, warum es so viel Leiden gibt, gibt es doch einen Halt.

Denn die Grenzen werden abgesteckt, ein Rahmen gezogen, der dem ganzen wirren Bild Ordnung gibt.

Zunächst wird ganz klar festgestellt: Auch in dem Leid, das Hiob widerfährt, ist Gott dabei. Nichts geschieht zufällig, nichts geschieht ohne, dass er es zulässt, nichts geschieht, ohne dass er die Aufsicht, die Kontrolle behält. Und weil das so ist, ist nichts, das uns widerfährt, ohne Sinn – auch wenn wir es vielleicht erst hinterher, vielleicht in dieser Welt nie erfahren werden. Auch Hiob hat von dem Hintergrund, den wir Bibelleser kennen, nichts gewusst. Trotzdem hat er im Glauben trotzig daran festgehalten: Obwohl er mich schlägt, will ich ihm vertrauen. Er kann ihn zwar nicht verstehen, aber er redete nichts Törichtes gegen Gott.

Und zum Zweiten wird festgehalten: Gott will nicht, dass Hiob leidet. Gott will nicht, dass irgend ein Mensch leidet. Gottes Wille heißt: keine Sünde, kein Lüge, keine Krankheit, keine Behinderung. Und dann gibt es das, was Gott zulässt: Sünde, Lüge, Probleme, Falsches und Böses. Er lässt zu, dass das Macht über uns bekommt. Warum das so ist, wissen wir nicht. Es ist so. Es wird auch nicht erklärt. Aber es wird wert darauf gelegt, dass diese Macht begrenzt ist. Gott sagt immer wieder: Bis hierher und nicht weiter! Gott achtet darauf, dass uns nicht mehr zugemutet wird, als wir tragen können. Den glimmenden Docht löscht er nicht aus, und das geknickte Rohr bricht er nicht. Niemals.

Und im Verlauf des Hiobbuches lesen wir, wie Gott das Leiden des Hiob, das er zwar zulässt, aber nicht will, zum Guten benutzt. Denn wer Leid erlebt, wird verändert. Einer, der gelitten hat, hat einmal gesagt: „Warum ich leiden muss? Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich: nach meinem Leiden werde ich ein anderer sein!“ Ein anderer – das kann verschiedenes bedeuten: Ein völlig am Boden zerstörter und zerschlagener Mensch, ohne Lebensmut, ohne Hoffnung, ohne Freude. Oder ein am Leiden gereifter Mensch. Der durch das Leid zum Leben gefunden hat, der das Leben neu, tiefer kennengelernt hat, der Dinge sieht und kennt, die ihm vorher verborgen waren. Ein Mensch, der durch Leiden zur Freude und zum Frieden gefunden hat. Am Ende des Hiob-Buches spricht Hiob davon, wie er in seinem Leiden ganz tief Gott erfahren hat und seine Nähe gespürt hat: Ich kannte dich nur vom Hörensagen, aber nun hat mein Auge dich gesehen, und das macht Hiob reich.

"Die fruchtbaren Wunden

Wer gelitten hat

wird verstehen können

Wer verwundet war

wird heilen können.

Wer geführt ist,

wird weisen können.

Wer getragen ist,

wird tragen können."

(in: Martin Gutl, Der tanzende Hiob)

Mich bewegt es immer wieder neu, wenn ich im Neuen Testament, im Hebräerbrief lese, dass auch Jesus leiden musste, um durch das Leid zu lernen und zu reifen. „Er musste in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde. Denn worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er denen helfen, die versucht werden.“

Und an Jesus sehen wir dann noch deutlicher als im Hiob-Buch: Bei Gott ist das Leid nie das Letzte, sondern immer nur das Vorletzte. Auf Karfreitag folgt der Ostermorgen, auf den Tod die Auferstehung.

Selig sind, die da Leid tragen, denn sie werden getröstet werden. Nicht vielleicht, sondern garantiert.

Hiob ist durch Schweres gegangen und zu der Einstellung gelangt: Ich kann nicht begreifen, warum Gott das alles zugelassen hat. Es tut entsetzlich weh. Und doch will ich mich an ihm festhalten. Denn ich glaube fest: Am Ende wird sich herausstellen, dass er ein Gott der Liebe ist und ein Gott der Gerechtigkeit und ein Gott der Wahrheit. Und am Ende des Hiobbuches lesen wir, wie sein Glaube belohnt wurde.

Das sei auch unser Glaube, in guten und in schlechten Zeiten. Dazu helfe uns der gnädige Gott.

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