Er wird der Friede sein

„Und er wird der Friede sein.“ Friede – ein Wort, mit dem große Sehnsüchte verbunden sind. Friede – wer wünscht sich das nicht? Friede – ein Begriff, der wie kaum ein anderer mit dem Weihnachtsfest verbunden ist. Doch wenn ich mich umschaue, dann sehe ich eher das Gegenteil. Unfriede statt Friede. Im Großen wie im Kleinen, um uns herum und auch in uns: Unfriede. Gestern laß ich in der Zeitung: „Alle Jahre wieder krachts. Pünktlich zu Weihnachten brechen in den Familien alte Konflikte auf.“ Und wieviel Krieg in der Welt ist, das brauche ich Ihnen nicht zu erzählen.

In unserem Predigttext wird das Kommen von Einem verheißen, der Friede bringen wird. Die Christenheit hat seit je her diesen Text so verstanden, dass damit Jesus von Nazareth gemeint ist.

Wo ist dann aber nun der Friede, den der Friedefürst bringen sollte? Wo ist die Veränderung in der Welt? Ich sehe sie nicht. Heißt das, dass wir uns getäuscht haben?

Ich glaube das nicht. Ich glaube eher, dass unser Problem immer wieder ist, dass unser Denken Gott nicht angemessen ist. Unsere Vorstellungen, Erwartungen und Meinungen die wir haben, die nehmen uns so gefangen, dass es uns immer wieder schwerfällt hinzuhören und hinzusehen und zu erkennen, wie Gott ist und was er tut.

Im Römerbrief redet Paulus auch davon: Eindringlich ermahnt er seine Leser, ihr Denken zu ändern. Wir Menschen denken oft zu menschlich, was ja nur zu menschlich ist, aber es wird Gott nicht gerecht.

Ich glaube, das kann man an dieser Verheißung des Propheten Micha auch erkennen und ein wenig lernen. Ich will versuchen, das an vier Punkten deutlich zu machen.

1. Was vor Menschen groß und wichtig ist, ist bei Gott nichtig und klein. Statt dessen liebt er das Kleine, das Unscheinbare.
Als er beschließt, selbst in diese Welt zu kommen, macht er dies nicht in einer Zeit mit globalen Kommunikationsmöglichkeiten, was ja viel günstiger gewesen wäre, sondern zur Zeit der alten Römer. Und er tut dies nicht im Mittelpunkt der damaligen Welt, sondern ganz am Rand. Und auch da nicht in der Metropole, sondern in einem unscheinbaren, kleinen, unbedeutenden Nest. Ich weiß, das haben wir alle schon oft gehört – doch hat es uns wirklich beeinflusst und unser Denken verändert? Ich bin da skeptisch, denn ich weiß, wie leicht ich mich von großen Namen und Titeln beeinflussen lasse und wie sehr ich mich immer wieder danach sehne, anerkannt zu sein und Geltung zu haben vor Menschen. Ich merke auch immer wieder, wie ich mitmache bei der Jagd nach mehr, nach dem größerem und besseren, und wie oft ich das kleine, unscheinbare geringschätze und übersehe. Und umgekehrt gilt auch: Es fällt mir schwer, unscheinbar und unbeachtet zu sein, auch wenn ich weiß, dass Gott solche Menschen besonders liebt. Ich möchte gerne lernen, klein sein zu können.

2. Wir Menschen werden von der Tagesaktualität in Atem gehalten und bewegt – Gott hat einen ewig langen Atem.
Jetzt sind alle Zeitungen und das Fernsehen voll mit Jahresrückblicken, und dabei fallen mir immer wieder Dinge auf, bei denen ich mich erinnere: Ja, das war ja dieses Jahr und es hat mich tagelang voll beschäftigt – und jetzt kann ich mich kaum noch daran erinnern. Wer denkt heute schon noch an Eschede? Und hier hören wir: Von Anfang (der Welt) und von Ewigkeit her hat Gott beschlossen, seinen Sohn in diese Welt kommen zu lassen. Man könnte sagen: Das Geschehen von Bethlehem war von langer Hand geplant. Was für einen Weitblick und Überblick hat Gott – und ich habe ihn nicht. Ich verstehe nicht viel von dem, was sich um mich herum abspielt, und manchmal gibt mir das ein Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht. Es tröstet mich aber, dass ich weiß, dass mich einer hält und führt, der den Durchblick und Überblick hat, und dem ich mich getrost anvertrauen darf. Ich will lernen, groß zu werden im Vertrauen auf meinen Gott.

3. Wir Menschen haben Erwartungen an Gott – Gott tut aber das Unerwartete.
Die Menschen zur Zeit des Propheten Micha haben von Gott erwartet, dass er sie vor ihren Feinden beschützt. Micha musste ihnen verkündigen: Die Feinde werden Israel erobern und Jerusalem zerstören. Unvorstellbar! Und doch ist es gut 100 Jahre später so gekommen. Die Menschen, die dann in der Gefangenschaft in Babylon lebten erwarteten von Gott, dass er ihnen ihr Land wieder gibt und wieder einen König über ihr Land gibt. Gott verheißt statt dessen einen Messias, einen Herrscher, der groß sein wird bis an den Rand der Welt. Die Menschen zur Zeit Jesu erwarteten dann einen Messias, der die Römer aus dem Land wirft und Israel wieder herrlich machen wird. Und dann kam Jesus, und er warf die Römer nicht aus dem Land, sondern ließ sich von ihnen Kreuzigen. Und so sah seine Herrlichkeit aus: Nicht Prunk und Protz, nicht Pelz und Thriumph, sondern Leiden und Sterben. Er sagt, er hat für uns den Tod überwunden und die Sünde weggetragen, ausgelöscht. So sieht seine, Gottes Herrlichkeit aus. Ich möchte gerne lernen, besser zu erkennen und wertzuschätzen, was vor Gott herrlich ist. Oft merke ich, dass ich Erwartungen an Gott habe, was er in meinem Leben tun soll und was er geschehen lassen soll. Und oft macht mich das ganz blind für das, was Gott tatsächlich tut. Ich möchte lernen, offen zu sein für das Unerwartete, was Gott tun will.

4. Wir Menschen erwarten ein Machtwort vom allmächtigen Gott – und Gott vertraut auf die Macht des Wortes.
„Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des Herrn und in der Macht des Namens des Herrn, seines Gottes“. Er wird weiden – aber seine Schafe nicht zum Fressen zwingen. In der Kraft des Herrn – die unendlich viel Unrecht, Leid und Ablehnung ertragen kann. In der Macht des Namens des Herrn – nicht in Gewalt und Unterdrückung, sondern in gewinnender, fürsorglicher Liebe. Jesus kommt nicht wie ein Gewaltherrscher, der sich alles unterwirft, sondern er will da wohnen, wo man ihn einlässt.

Und mit dem Frieden, da ist es ganz ähnlich. Wer von Jesus erwartet, dass er in dieser Welt Frieden schafft zwischen den Völkern, der wird enttäuscht werden. Er bringt einen ganz anderen Frieden. Es ist ein Friede, der „höher ist als alle Vernunft“, der nicht zu begreifen ist. Friede im Inneren inmitten des Unfriedens der Welt. Mich hat einmal tief beeindruckt, wie ich in einem Brief eines Soldaten im 2. Weltkrieg laß, wie er diesen Frieden erlebte. Mitten im Trommelfeuer der Stalinorgeln, mitten im Sterben und Schreien rings mit ihn herum, da erlebte er eine unbeschreibliche Geborgenheit und einen tiefen Frieden, der ihm half, das alles durchzustehen. Er hatte – so schrieb er – Friede mit Gott gemacht und es erlebt, angenommen zu sein. Ich glaube, dass hier solcher Friede gemeint ist. Unzerstörbarer, geschenkter Friede.

Ich habe eben schon gesagt, dass Jesus nur da wohnt, wo man ihn hereinlässt. Ich glaube, dass der Unfriede in der Welt, um uns herum und auch in uns damit zusammenhängt, dass wir Jesus, den Friedefürst, da gar nicht hineinkommen lassen. In einer Weihnachtspredigt sagte einmal Dietrich Bonhoeffer: „Nur wo man Jesus nicht herrschen lässt, wo menschlicher Eigensinn, Trotz, Hass und Begehrlichkeit sich ungebrochen ausleben dürfen, dort kann kein Friede sein. Wenn heute unsere christlichen Völker zerrissen sind in Krieg und Hass, ja, wenn selbst die christlichen Kirchen nicht zueinanderfinden, dann ist das nicht die Schuld Jesu Christi, sondern Schuld der Menschen, die Jesus Christus nicht herrschen lassen wollen. Dadurch fällt aber die Verheißung nicht hin, dass ‘des Friedens kein Ende’ sein wird. Wo das göttliche Kind über uns herrscht.“ ‘Wo das göttliche Kind über uns herrscht’: Das geht nicht automatisch, sondern ist eine ganz bewusste Entscheidung. Es hat mit Hingabe und mit Nachfolge zu tun. Damit, sich in Frage stellen zu lassen und Veränderung zu riskieren.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen ergangen ist. Ich habe beim Nachdenken über diesen Predigttext wieder einmal gemerkt, wie falsch und vor allem: wie klein mein Denken über Gott ist; wie wenig ich von dem wirklich begreife und erfasse, wie Gott ist und was er tut. Aber ich habe dabei auch ganz tief in mir gespürt, dass er es unendlich gut mir mir und mit uns Menschen meint. Und dass ich ihm vertrauen kann. Mich und mein Leben anvertrauen kann. Auch wenn ich nicht begreife, wohin er mich führt. Mir ist dann noch ein Wort eingefallen, das ich einmal gelesen habe. Es heißt: Mein Vater, ich verstehe dich nicht – aber ich vertraue dir. Ich wünsche uns allen, dass wir das von Herzen unserem Gott sagen können: Mein Vater, ich verstehe dich nicht – aber ich vertraue dir.

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