Das Geschenk Gottes

Alle Jahre wieder dasselbe Problem: Meine Güte – was verschenke ich diesmal? Geht’s euch auch so? Das mit dem Schenken ist nämlich gar nicht so einfach. Es soll Freude machen, es soll zum Beschenkten passen, es soll persönlich sein, es soll möglichst originell sein und finanzierbar soll es auch noch sein. Da muss man sich schon ganz schön viel Gedanken machen. Nein – einfach ist das nicht. Aber es lohnt sich. So dieser Moment: Jemand packt vor meinen Augen sein Geschenk aus, das ich mir für ihn ausgedacht hat, dann ist die Verpackung weg und die Augen leuchten und jemand freut sich ganz toll, so ganz von innen heraus. Es macht Spaß, so gelungene Geschenke zu machen. Mir geht es dann oft so, dass ich mich fast noch mehr freue als der Beschenkte. Leider gibt es auch das Gegenteil: Dass ein Geschenk überhaupt nicht ankommt. Es wird ausgepackt, hin und her gedreht, fast verlegen in der Hand gehalten, wie ein toter Frosch – „Ja, dankeschön“ wird gesagt und dann wird es achtlos beiseite gelegt. Und ich spüre: Na ja. War wohl nix. Und wenn ich selber weiß: Das war ja auch ein Verlegenheitsgeschenk und ich hab mir ja auch ehrlich gesagt keine Mühe gemacht, dann kann ich damit leben. Oder wenn es nur ein Geschenk ist für den Onkel Herbert, den ich eh nicht leiden kann. Aber ganz anders geht es mir, wenn es ein Geschenk ist für jemanden, der mir echt wichtig ist. Und wenn es ein Geschenk ist, mit dem ich mir große Mühe gemacht hat. Wo ich viele Gedanken rein gesteckt habe. Wo ich mein Herzblut investiert habe. Ein liebevolles Geschenk, in dem ganz viel von mir selber mit drinsteckt. Und wenn so ein Geschenk dann nicht ankommt – achtlos beiseite gelegt wird. Dann ist die Enttäuschung groß. Denn das tut weh. Sehr weh.

Keine Angst – ich mach jetzt keine Umfrage, wer das schon mal so erlebt hat, denn das könnte unangenehm werden. Aber ich glaube: Wer so etwas schon einmal erlebt hat, der kann besser nachspüren, wie es Gott wohl oft mit uns Menschen geht. Er macht uns ein tolles Geschenk – und muss zusehen, wie es unbeachtet und unbenutzt in irgendeinem Winkel vor sich hin schimmelt. Mehr noch: Er verschenkt sich selber – und erlebt oft: Danke, kein Bedarf, brauch ich nicht. Ich will jetzt hier kein Mitleid erregen für den armen, lieben Gott, dem es ja so schlecht geht. Gott braucht kein Mitleid – nicht im geringsten. Ja, es tut ihm schon weh, keine Frage. Aber Gott hält das locker aus. Darum geht es überhaupt nicht. Sondern es geht um uns, die wir uns mit dem Geschenk Gottes so schwer tun.
Vielleicht wird das klarer, wenn ich ein Stück aus dem Johannes-Evangelium lese. Dort heißt es:

[TEXT]

An Weihnachten geht es nicht um Hirtenromantik und Kerzenschein, nicht um Engelchen und „holder Knabe im lockigen Haar.“ An Weihnachten geht es um mehr, um grundsätzlicheres. Es geht darum, wie sehr Gott uns Menschen liebt, und was er alles bereit ist, für uns zu tun. Es geht um Rettung aus Verlorenheit, es geht darum, dass wir aus unserer dem Tod verfallenen Welt den rettenden Ausweg zur Quelle des Lebens finden, damit nicht auch wir zugrunde gehen, verloren gehen. Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe von der Erde bis hinauf in den Himmel, hat Martin Luther einmal gesagt. Gott ist Liebe, schreibt Johannes in der Bibel. Und Liebe ist nicht ein Gefühl, wie wir oft denken, sondern Liebe, das ist vor allem eine Entscheidung: Ich bin jemandem anders von Herzen wohl gesinnt. Und ich verpflichte mich mit jeder Faser meines Körpers seinem Wohl, seinem Besten. Und Liebe zeigt sich in Worten und vor allem: In Taten. Wenn ich meiner Frau gesagt habe: Ich liebe dich! – dann habe ich oft genug als Antwort bekommen: Spar dir deine Worte – ich will Taten sehen! Und Gott tut was. Wer in diesem Jahr den Film „Die Passion Christi“ gesehen hat, der hat eine Ahnung davon bekommen, was Gott aus Liebe zu uns in letzter Konsequenz bereit ist, zu tun und auf sich zu nehmen.

Keiner von uns ist Gott egal. Jeder und jede von uns ist ihm unendlich wichtig und wertvoll. Und er sucht uns. Er geht uns nach. Jedem einzelnen von uns. Ich bin mir sicher, dass die meisten von uns das auch schon einmal gespürt haben: Wie Gott ganz leise, zärtlich anklopft. Wie er Kontakt aufnehmen will mit dir. Wie er dir etwas sagen will, dir etwas zeigen will. Gott geht uns Menschen nach. Mir und auch dir.

Und nicht um zu richten ist Jesus in die Welt gekommen, sondern um zu retten. Zu retten aus der Verlorenheit der Welt. Dass es um die Welt schlecht bestellt ist, das sagt uns jeden Tag die Zeitung, das hält uns jeden Abend die Tageschau vor Augen.

Dass wir uns auch verloren haben, das zuzugeben fällt uns meistens nicht so leicht. Ich habe da im Moment Menschen vor Augen, für die die Welt gerade verloren geht – und das mit aller Macht und Unausweichlichkeit. Der persönliche Weltuntergang hat viele Gesichter: das Begleiten eines sterbenden Menschen, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Einsamkeit, eine bedrohte Existenz. Da ist die Verlorenheit mit Händen zu greifen.

Aber manchmal spüren auch wir, dass wir weit weg sind von dem, was die Bibel Leben nennt. Wenn wir spüren, wie wir unser Leben nur nach dem ausrichten, was andere von uns erwarten. Wenn wir spüren, wie wir uns in Lügengespinste ausweglos verstrickt haben. Wenn wir spüren, wie wir unsere Hoffnungslosigkeit mit Aktion zu verdrängen versuchen. Wenn wir spüren, dass wir rastlos auf der Suche sind nach mehr – und es doch nicht finden und wir uns darum betäuben und ablenken. Wenn wir uns ganz woanders hinwünschen, weil mich niemand versteht, mich niemand beachtet, wir aneinander vorbei reden und wir uns immer wieder streiten. Wenn wir vor uns selber davon laufen. Wenn uns das Leben wie ein Minenfeld vorkommt, voller Tabuthemen, die ich ja nicht berühren darf, ja nicht ansprechen darf. Wenn wir die Musik so laut aufdrehen, dass wie unsere Gedanken nicht mehr hören müssen. Wenn die Angst uns lähmt. Wenn wir spüren, dass wir uns Christen nennen, aber Gott weit weg ist, mit meinem Leben nichts zu tun hat und er mir fremd geblieben ist.

Das alles nennt die Bibel: Verloren sein. Und wir gehen daran zugrunde.

Gott hat sich mit der Verlorenheit der Welt nicht abgefunden und er findet sich damit nicht ab. Gott schenkt sich uns. Er gibt seinen Sohn. Gott wird Mensch. In die verlorene Welt hinein ereignet sich Weihnachten. In die verlorene Welt erschallt die frohe Botschaft der Engel. In die Finsternis hinein scheint das Licht des Lebens.

Und dann geschieht – leider viel zu oft – das tragische: Die Menschen – wir – lieben die Finsternis mehr als das Licht.

Denn wir haben Angst vor dem, was alles aufgedeckt werden könnte. Denn wir haben Angst vor dem Dreck und dem Unaufgeräumten und dem Gerümpel, der unter den Teppich gekehrt worden ist. Wir haben Angst vor den Leichen im Keller, die wir alle haben. Und wir haben Angst vor der Veränderung. Und vielleicht sind wir einfach auch zu stolz, um Fehler zuzugeben. Zu stolz um zuzugeben: Ich werde mit mir und meinem Leben alleine nicht fertig. Ich brauche Hilfe. Und zu stolz, um um Vergebung zu bitten.

Gott weiß das alles, denn er kennt uns durch und durch – besser, als wir selber uns kennen. Und weil er uns so sehr liebt, kommt er uns so sehr entgegen: In dem kleinen, schwachen Jesuskind kommt der große Gott zu uns Menschen, so dass wir es begreifen können: Vor Gott brauche ich keine Angst zu haben. Ich kann mich ihm anvertrauen. Er will mir nichts Böses, er will mein Heil.

Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer sich ihm anvertraut, wird nicht gerichtet; wer ihm nicht vertraut, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat. Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht …

Gott will uns retten. Und dennoch findet das Gericht statt. Aber nicht am Jüngsten Tag, sondern jetzt. Und nicht er richtet uns, sondern wir richten uns. Das ist sein Schmerz, dass wir uns gegen ihn entscheiden können. Wer Jesus nicht glaubt, ist schon gerichtet, sagt Johannes. Wer ihm nicht vertraut, schließt ihn aus. Der will mit ihm nichts zu tun haben. Und damit schädigt er sich selbst. Beschädigt sein Leben. Denn er verzichtet auf die Geborgenheit, die Gottes Liebe schenkt. Er verzichtet auf die Hoffnung, dass sein Leben von Gott gewollt ist – und deshalb auf ewig bewahrt bleibt. Er verzichtet darauf, das Gute in seinem Leben zu sehen und festzuhalten. Das Kind in der Krippe zeigt: Gottes Liebe zwingt uns nicht; nicht zum Glauben, nicht zum Heil. Doch er kommt liebend auf uns zu.

Gott ist gekommen – er ist da, in dieser Welt, die oft so kalt und hässlich ist. Er ist in diesem Geschenk, das wir gar nicht zu brauchen meinten: Er schenkt sich selber. Er hilft uns damit, zu entdecken, wie wir Weihnachten in unserem Leben ankommen lassen: Wenn wir heute die Ahnung des wahren Lebens spüren, dann ist die Finsternis nicht mehr undurchdringlich, die Klage nicht mehr endlos, dann kann sich Angst in Freiheit wandeln, und der Tod durch das Leben besiegt werden. Nur eins ist dafür nötig: Dass wir erkennen, wie nötig wir dieses Geschenk brauchen und es annehmen. Dass wir darauf vertrauen, dass Gott uns besser kennt als wir selber und uns helfen, retten will – nicht nur heute, sondern an jedem Tag unseres Lebens. Was das heißen könnte?

Jedes Mal, wenn zwei Menschen einander verzeihen, ist Weihnachten. Jedes Mal, wenn ihr Verständnis zeigt für eure Kinder, ist Weihnachten. Jedes Mal, wenn ihr einem Menschen helft, ist Weihnachten. Jedes Mal, wenn jemand beschließt, ehrlich zu leben, ist Weihnachten. Jedes Mal, wenn du Gott hineinlässt in dein Leben, ist Weihnachten. Jedes Mal, wenn du versuchst, deinem Leben einen neuen Sinn zu geben, ist Weihnachten. Jedes Mal, wenn ihr einander anseht, mit den Augen des Herzens, mit einem Lächeln auf den Lippen, ist Weihnachten. Denn es ist geboren die Liebe. Denn es ist geboren der Friede. Denn es ist geboren die Gerechtigkeit. Denn es ist geboren die Hoffnung. Denn es ist geboren die Freude. Denn es ist geboren Christus, der Herr.

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