Was klein ist, übersieht man

Liebe Gemeinde am 1. Weihnachtsmorgen,

der Zauber der Heiligen Nacht, er ist verflogen, vielleicht hängt noch ein wenig von seinem Zauber in den Gemäuern unserer Kirche. Vielleicht haben wir uns auch deswegen so früh auf den Weg gemacht, den Glanz, den Zauber der Hl. Nacht wenigstens ein bisschen wieder aufzufrischen. Aber das ist schwer, am Morgen danach. Die ersten Kerzen der Weihnachtsbäume sind heruntergebrannt, die Geschenke ausgepackt, der Glanz in den Augen der Kinder ist ihrer Geschäftigkeit mit dem neuen Spielzeug gewichen – wenn es gut gegangen ist – wenn nicht, hocken sie schon wieder vor dem Fernseher und sehen die scheinbar endlosen Weihnachtscomics. Die Lieblingslieder gesungen… Stille Nacht, heilige Nacht, das lässt sich am Morgen danach einfach nicht mehr singen. Die Freude ist verblasst – vielleicht sogar auch Enttäuschung der vergangenen heiligen Nacht mühsam heruntergekämpft. Schlicht gesagt: Ernüchterung macht sich breit. Unser Predigttext heute morgen – kann er den Zauber der hl. Nacht zurückholen – oder ist auch er nur eine weitere Ernüchterung? Immerhin: es ist einer der beiden Weissagungstexte die auch in der hl. Nacht verlesen werden:

[TEXT]

Was klein ist, übersieht man. Ich kann mich noch gut erinnern: Einkaufen sollte ich, drei Teile: Brot, Milch und Butter. Das Geld fest in der zur Faust geballten Hand… beschwor ich diese den ganzen Weg bis zum Kaufmann: Brot, Milch, Butter. Brot Milch Butter. Brot, Milch, Butter. Aber beim Kaufmann angekommen, reichte ich noch lange nicht bis nach oben hinauf zum Tresen. Die Erwachsenen haben mich einfach übersehen. Da half es auch nichts, dass ich mich zur vollen Größe auf die Zehenspitzen stellte. Meine beschwörenden Worte: Brot Milch, Butter, wichen meiner Enttäuschung und der Verärgerung gegenüber den Erwachsenen. Als dann endlich kein Erwachsener mehr da war, der sich noch hätte vordrängeln können, und die Kaufmannsfrau mich fragte, was ich denn heute zu besorgen hätte, war meine Beschwörungsformel dahin, mir schossen die Tränen in die Augen und ich drehte mich um und lief fort. Nur raus aus dem Laden. Auf dem Weg nach Hause liefen mir die Tränen weiter das Gesicht herunter. Die Enttäuschung der Mutter, dass sie nun den Weg doch selbst machen musste, obwohl sie so viel um die Ohren hatte, verbesserte meine Situation nicht wirklich. Was klein ist, übersieht man. Du, Bethlehem Efratá, die du klein bist unter den Städten in Juda, … Das ist Revolution!

Warum um alles in der Welt muss es dieses kleine Nest Bethlehem sein? Da gibt es doch – auch oder grade zu der Zeit – andere Städte groß und prächtig. Jerusalem mit seinem Tempel zum Beispiel. Und dann noch diese Leute! Aus dem Stamm Benjamin – übersetzt: der Kleine. Josef ein Zimmermann, Maria ein kleines Mädchen – noch nicht mal verheiratet. Auf Reisen. Nichts haben sie. Und was sich dann zu ihnen gesellt: Hirten. Außenseiter, die Ärmsten der Armen, dunkle Gesellen. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen: Die Geburt in einem Stall. Nach Mist riecht es, nach Vieh, keine Wiege fürs Kind, ein oller Futtertrog. Musste das so sein?! Ging das wirklich nicht anders? Nicht gleich herrschaftlich, aber wenigstens menschenwürdig? — was klein ist, übersieht man — Du, Bethlehem Efratá, die du klein bist unter den Städten in Juda, …

Doch: so war es, so ist es von Gott gewollt. Genauso und nicht anders. Nur wir, wir halten das nicht aus … Haben das noch nie ausgehalten. Machen wir einen Ausflug in die bildenden Künste: Lassen Sie vor Ihrem geistigen Auge die Darstellungen der Krippe vorbeiziehen: Gut, am Stall kamen sie nicht vorbei, die Künstler der Jahrhunderte; daraus wurde kein Palast, nicht mal ein festes Haus. Mit dem Interieur ist das schon etwas anders: Die Tiere – vor Sauberkeit blitzend – schauen sie nicht verzückt auf das Kind? – ein Gedanke an Kuhmist kommt nicht auf. Der olle Futtertrog, die Krippe … sieht sie nicht schon fast vornehm, ja gradezu einladend aus? Und Maria. Dem armen Mädchen, nicht verheiratet, ohne Aussteuer, anstatt zweckmäßiger Reisekleidung hängt man ihr den blauen Mantel um, den Mantel, der sie mit der Königswürde auszeichnet. Andere Künstler neigten auch zu kostbarem Brokat und seidenem Gewand. Seltener – aber doch sieht man sie in Purpur gekleidet. Aus den Sterndeutern werden Könige, die das Kind angemessen mit Gold, Weihrauch und Myrre beschenken. Die Hirten, mit den warmen Lichtern, den Lämmlein in den Armen werden auch gleich befördert. Dass sie Hungerleider, Habenichtse, die Letzten in der Gesellschaft sind, ach, das ist ihnen nicht anzusehen … Verlassen wir die Maler und Bildhauer und hören die Musik. Das Magnifikat, der Lobgesang der Maria, zum Beispiel ist unzählige Male vertont worden, das berühmteste Werk ist von J.S.Bach, Johann Adolf Hasse komponiert „Salve Regina“ gegrüßet seist du Königin. Traumhaft schöne, großartige Werke. Die sich allesamt mit Stallmist und Futtertrog nicht in Verbindung bringen lassen. Doch nicht nur die Künstler haben die Tendenz „gnadenlos“ zu beschönigen. Auch unsere Wohnzimmer singen lange Lieder des Beschönigens, gleichen in keiner Weise einem Stall, festlich geschmückt, wohlriechend nach Tannenduft und Honigkerzen, mit gutem Essen. Mit Plätzchen und Weihnachtsgans, mit unseren Geschenken – jedes 4. auf Kreditbasis gekauft, wie wir in den Nachrichten hören – schlagen wir Gottes Revolte nieder – na ja, oder höhlen sie zumindest freundlich aber doch gründlich aus. Du, Bethlehem Efratá, die du klein bist unter den Städten in Juda, … , aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei!" Das ist Gottes Revolte!

Gott will nicht beschönigen. Gott will das Kleine. Er will das Kleine damit er es groß machen kann. Beispiele dafür gibt es in der Bibel genug: Aus dem kleinsten Stamm Israels beruft er den ersten König, Saul. Den Propheten Jeremia, der sich für zu jung und ungeeignet hält, sendet er aus. Beim kleinen Zöllner Zachäus, der auf einen Baum steigen muss, um den Herrn zu sehen, kehrt er ein. Dem Petrus, der seinen Meister verleugnet, gibt er den Auftrag: Weide meine Lämmer! Den Verfolger der Gemeinde, Paulus, schickt er als Missionar in die Welt. Und immer so weiter. Immer derselbe Hang Gottes zum Kleinen, zum Elenden und Geringen. Und sein Kind wollen wir in eine Wiege aus Gold legen? Die liederlichen Hirten davonjagen, Ochs und Esel dazu? So kann schon am „Morgen danach“ die Heilsbotschaft weder befreien noch froh machen. So greift die Ernüchterung mit Macht nach uns. Mit dem verlöschen der Kerzen am Weihnachtsbaum schleichen sie sich wieder ein, die Sorgen, um die Existenz mit Hartz IV, um den Arbeitsplatz, die Alterssicherung, die Gesundheit. Auch wo wir gefehlt haben, unser schlechtes Gewissen kriecht hinterhältig aus dem letzten Winkel und lächelt uns gradezu heimtückisch an. Gewiss, wir sind Kinder Gottes in dieser Welt. Als solche sollen und müssen wir Leben und zurechtkommen. Aber in seinem Kind greif Gott nach der Herrschaft über unsere Gedanken und Herzen. Und wenn er sie erobert hat, dann kann es nicht so bleiben, wie es ist. Dann beginnen wir, uns zu verändern. Und mit uns ändern sich die Verhältnisse, die Bedingungen unseres Lebens. Wo Streit, Rachsucht und Neid regieren, kehren Versöhnung und Frieden ein. Menschen, die unterdrückt werden, sollen befreit werden. Und denen, die leiden, soll geholfen werden. Da, wo Gottes Herrschaft sich Bahn bricht, gewinnt das Leben Raum. Da bekommen wir nicht, was uns zusteht, sondern das, was wir zum Leben brauchen. Wie das aussehen kann, hat Jesus uns in seinem Tun und Reden vor Augen geführt. Schuldigen hat er vergeben. Kranke hat er geheilt. Ausgestoßene und Verachtete zu seinen Tischgenossen und Weggefährten gemacht. Gesetze und Tabus hat er durchbrochen um der Liebe willen.

Dieses Kind in dem ollen Futtertrog, zwischen Ochs und Esel geboren, von einem armen, kleinen ledigen Mädchen, aufgenommen von den Ärmsten der Armen…es wird alle unsere Sorge … auch unsere Schuld an das Kreuz tragen. — was klein ist – er wird es groß machen. Und er wird der Friede sein.

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