Reich beschenkt

Liebe Gemeinde!

Über unseren heutigen Predigttext sagt Martin Luther in einer Predigt aus dem Jahr 1534: „Das ist eines der herrlichsten Evangelien im Neuen Testament. Wenn es sein könnte, wäre es billig, daß man‘s mit goldenen Buchstaben ins Herz schriebe, und jeder Christ sollte sich solche Worte geläufig machen und täglich wenigstens einmal sich im Herzen vorsprechen, so daß man sie auswendig könnte. Denn da hört man Worte, die aus einem Traurigen einen Fröhlichen, aus einem Toten einen Lebendigen machen, wenn man nur daran glaubt“.

In der Tat, liebe Schwestern und Brüder, damit wäre fast schon genug gesagt an diesem Weihnachtsabend über die Verse aus dem Johannesevangelium, die zusammenfassen, was Gott uns heute Abend schenkt. So lese ich bei Johannes im 3. Kapitel

[TEXT]16 Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn gerettet werde.[TEXT]

„Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ … eine andere Weihnachtsgeschichte ist das, ohne Krippe. Ein Heiliger Abend ohne Stall und ohne Hirten, die Christnacht auf ihr Wesentlichstes beschränkt.

Ich möchte mit Ihnen den Text ein wenig entlang gegen. Ein paar Schritte gehen.

„Also hat Gott die Welt geliebt“ …

Drei hohe Worte in einem Satz: Gott, Welt und Liebe. Und scheinbar driften sie immer weiter aus einander. Das Gebet zu Gott soll in der Schule die christlich-abendländische Leitkultur fördern. Ein Gebet als Erziehungsinstrument in einer Welt, die sich scheinbar immer weiter von Gott entfernt. Und Liebe? Hören sie mir doch auf, Herr Pfarrer, mit der Liebe. Gibt’s ja heutzutage immer weniger. Oder doch nicht?

Ich denke, das Schönste, was man einem Menschen wünschen kann, erst Recht heute Abend, ist geliebt zu werden. Hoffentlich bekommen Sie dieses Geschenk, können es empfangen und spüren. Einen Menschen zu haben, der einen so mag, wie man ist. Unverstellt und ohne Vorleistung, nicht um zu oder als ob, einfach so.

Wahrscheinlich machen sich heute viele Menschen unter dem Christbaum die größten Mühen um eben dies zu zeigen, die Liebe zum anderen. Die Liebe durch Geschenke, die Liebe, die durch den Magen geht, liebe Gedichte, liebe Gesten, Liebe, Liebe, Liebe.

Weihnachten als „Fest der Liebe“ ist richtig beschrieben, wenn auch die Liebe am Fest manchmal mehr zum Umstand und Pflichtteil gerät, als sie gemeint ist. Ich denke, jeder bemüht sich heute Abend um Liebe, oder mindestens um Harmonie, die dressierte Form des liebevollen Miteinanders.

Lieben und geliebt zu werden ist ein Gefühl, und Gott ist hier zu fühlen, zu spüren. So hat Gott die Welt geliebt, so groß, so umfassend, so umwerfend schön. Geliebte bei Gott sind wir!

Und Gott liebt die Welt. Dieser Bezug ernüchtert einen mit einem Schlag. „Das ist jetzt nicht dein Ernst, Gott, dass du die Welt liebst?“ möchte man ihn fragen. Sieht man Gott, der die Welt liebt, dann kommt man sich vor wie ein besorgter Vater oder eine ängstliche Mutter in dem Moment, als die Tochter mit einem langhaarigen Bombenleger in der Wohnungstür steht und sagt: „Mami, Papi, das ist mein neuer Freund!“

Das is’ jetzt nicht dein Ernst, Kind, oder doch?

So hat Gott die Welt geliebt. Wenn sie in den vergangenen Tagen und Wochen einen der immer früher stattfindenden Jahres Rückblicke angesehen haben – bin ja gespannt, wann sie die schon im Hochsommer senden – dann war je allein in diesem Jahr genug Stoff da, um diese Welt nicht zu lieben. Irak, Ukraine, Beslan, USA, Israel … die Narben im Angesicht der Welt sind unübersehbar. Kann man diese Welt lieben?

Gott tut es.

„So höre auch, und lerne, was die Welt sey: nämlich ein großer Haufe Leute, die gar nichts glauben, und Gott in seinem Wort Lügen strafen, ja die Gottes Namen und Wort lästern, schmähen und verfolgen. Darnach, die Vater und Mutter ungehorsam, Mörder Ehebreche, Verräter, Diebe und Schälke sind, und sofort an, wie wir leider täglich sehen und erfahren, dass die Welt voll Untreu und Gotteslästerung ist. Derselben lieben Braut, der güldnenen Tochter, das ist dem größten Gottes-Feind und Lästerer, schenkt Gott seinen Sohn aus lauter Liebe“. So beschreibt Martin Luther die Welt und das Geschenk an sie.

In dieser Beschreibung kann man sich, liebe Gemeinde, wieder finden. Nicht weil die Zahl der Ehebrecher und Diebe in einer Christvesper besonders hoch ist. Nein, Luther fügt alle Schlechtigkeiten und menschlichen Fehltritte zusammen, wenn er die Welt beschreibt. Und so ist in dieser Welt für jeden und jede von uns Platz. Die Welt, das sind wir. So gut oder schlecht wie die Welt sind wir auch. Vielleicht nicht immer und lieber nicht so oft.

Doch im Grunde seines Herzens kennt Gott seine Pappenheimer: ein großer Haufe Leute, die gar nichts glauben, und Gott in seinem Wort Lügen strafen … Ich bin das und sie und die vielen Menschen, die auf Erden leben. Die sooft wenig Glauben haben und wenig auf Gott vertrauen. Eigene Wege gehen, uns liebt Gott.

… so, dass er seinen eingeborenen Sohn gab. Das ist das Geschenk Gottes.

Ich weiß nicht, was sie heute Abend alles unterm Christbaum als Geschenk vorfinden. Neulich sah ich in den Fernseh-Nachrichten einen Sprecher eines Elektromarkes, der mich nicht verarschen wollte, als er sagte: „Es ist schön dieses Jahr, die Leute kaufen einfach alles!“ Ich hoffe, er meine Sie nicht damit und Ihre Geschenke zu Weihnachten.

Als ich gestern von einer lieben Ehrenamtlichen einen kleinen Kuchen zu Weihnachten bekam, reagierte ich instinktiv falsch: „Och Mensch, jetzt habe ich gar nichts für dich!“

Ich habe mich selbst ertappt beim Nicht-Beschenkt-werden-können. Beschenkt werden ist nämlich gar nicht so einfach. „Ach, das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen.“ Sagen wir und nichts scheint schwerer als sich ein unerwartetes Präsent oder ein lang ersehntes Geschenk gefallen zu lassen, erstaunt und mit klopfendem Herzen „Danke“ zu sagen.

„Also will es die Art edler Seelen: sie wollen Nichts umsonst haben, am wenigsten das Leben.“ lässt Friedrich Nietzsche seinen Zarathustra sagen. Und Martin Luther predigt: „Daraus erseht ihr, daß die ganze Welt toll und tüncht und vom Teufel besessen ist. Sie kann sich der Gabe nicht freuen. Sie ertragen es nicht, dass sie nur Nehmende sind.“

Wenn Gott uns seinen Sohn schenkt, dann verbirgt sich hinter diesem Geschenk keine Schenkpolitik. Nicht so wie bei uns: Ein Fahrrad für gute Mathenoten. Abenteuerbücher für Lesemuffel. Das Klavier, weil die Mutter selbst so gerne spielen würde. Bei uns ist Schenken und Beschenktwerden erwartungsintensiv und enttäuschungsanfällig. Das Gedicht zu zweideutig, das Dessous zu aufdringlich, der Sprachkurs zu pädagogisch, die Pralinen zu einfallslos, der Porsche zu erpresserisch. Geschenke werden zu Bestechungen und Korruption – mafiöse Praktiken findet man ja auch im feierlich geschmückten Wohnzimmer.

Gott gibt seinen Sohn. Und nichts können, könnten und sollten wir als Gegengeschenk bringen. Nur annehmen sollen wir es können, aus Gottes Hand annehmen und uns davon anrühren, bewegen, finden und retten lassen.

Können wir es annehmen?

Wieder ein Zitat von Martin Luther: „Aber rate, wie heißen die Leute, von denen man sagt: Gegen seinen Willen schenkt man niemand etwas? Angenommen, da wäre ein freigebiger Fürst; der böte einem Armen, der nichts zum Leben und nichts zum Anziehen hätte, umsonst ein Schloß an, das ihm jährlich 1000 Gulden einbrächte; dieser aber würde antworten: Ich will‘s nicht haben. Da würde die Welt schreien: Einen verrückteren Menschen habe ich nie gesehen noch gehört; das ist kein Mensch mehr!“

Es entlastet, wenn wir vorhin gehört haben, dass die Welt ein Haufen Leute ist, die an nichts glauben kann, erst Recht nicht an Gott. Denn wie verrückt sind wir, wie sehr zur Welt gehörig, Jeder von uns weiß das – so denke ich – ganz genau. Gelingt es uns, uns von Gott einfach beschenken zu lassen? Ohne das passende Gegengeschenk in der Tasche.

Vielleicht ist Weihnachten das falsche Fest, um darüber nachzudenken. Vielleicht sollten wir uns alle an Ostern wieder hier versammeln, oder am ErnteDankFest. Wenn wir weniger beschäftigt sind mit der geschenke-technischen Außenhandelsbilanz, empfänglicher sind für Gottes Gaben.

Denn eigentlich will Gott ja nur, dass wir glücklich werden. Ich zitiere wiederum Luther: „Nicht gibt er’s dazu, dass wir davon essen, trinken, uns kleiden oder nähren sollen; vielweniger dazu, dass es uns soll schädlich oder ein Gift sein. Sondern es soll dazu dienen und geschenkt seyn, dass alle, die daran glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Und daran zu glauben heißt, das eigene Leben zum Schatzkästlein werden zu lassen, das dieses Geschenk bergen kann.

Ist kein Haken daran? Nein, uns wenn sie sich an die Drohung des Pfarrers von der Kanzel erinnern, der seinen Schäflein droht: „Wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr alle verloren sein!“ – streichen sie diesen Satz aus ihrem Gedächtnis.

Vielleicht muss das Kirche, egal ob evangelische oder katholische wieder neu lernen. Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn gerettet werde. Angesichts dieses Geschenks ist jedes haarspalterische Umdrehen nutzlos und nichtig.

Stehen wir doch lieber da wie beschenkte Kinder, die mit leuchtenden Augen und vollen Armen nicht wissen, was sie sagen sollen. Denen der Mund offen steht und das Herz bebt, weil das Geschenkte ihren Verstand übersteigt.

Mehr kann Weihnachten nicht sein, weniger auch nicht und dann, liebe Schwestern und Brüder finden wir Gott, der so die Welt und uns in ihr liebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

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