Heilige Nacht – billige Nacht

Liebe Gottesdienstgemeinde am Heiligen Abend!

Mitten in der Adventszeit brachte das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” eine Titelseite der besonderen Art. Es zeigte den Stall von Bethlehem, mit der Heiligen Familie und Krippe. So wir es von vielen Darstellungen gewohnt sind.

Das heißt: Nicht ganz. Durch das zerbrochene Dach des ärmlichen Stalles schien nicht der Stern der Heiligen Nacht. Sondern ein Prozentzeichen stand wie ein Sternenbild am nächtlichen Himmel. Unter dem Bild standen die Anfangsworte des bekannten Weihnachtsliedes: “Stille Nacht, heilige Nacht”. Nur war das Wort “stille” durchgestrichen und durch das Wort “billige” ersetzt: “Billige Nacht, heilige Nacht”. Und was mich am meisten schockierte an diesem verfremdeten Weihnachtsbild war: Die Krippe war leer! Kein Jesuskind darin. Kein Kind, keine Familie. Das gab der ganzen Szene eine Stimmung der Kälte, der Leere und der Verlorenheit.

Sollte denn das Weihnachtsfest in diesem Jahr so ganz unter dem Stern der Schnäppchenjagd, der Sonderangebote und der Rabatte stehen? So wie das Wort dieses Jahres schon hätte heißen können: ”Geiz ist geil!”??? Aber: wer hat je einmal laut danach gefragt, was denn hinter diesem Werbespruch steht? Die Notwendigkeit vieler Menschen, sich angesichts der Arbeitslosigkeit, Harz IV und gestrichener Weihnachtsgelder sich und ihren Familien zu diesem Weihnachtsfest manchen Herzenswunsch versagen müssen. Der Überlebenskampf vieler kleiner Geschäfte, die gegen die großen Unternehmen und Handelsketten nicht standhalten können. “Geiz ist geil” nur für die, die noch kaufen und verkaufen können. Für die vielen anderen ist das ein Werbespruch, der von Geiz redet, aber Sparsamkeit und Geldsorgen trifft.

Weihnachten unter einem neuen Stern, der auf eine leere Krippe scheint? Ein Weihnachten, das uns nicht mehr bieten kann als Sonderangebote und Preisnachlässe, während uns das Eigentliche verloren geht?

Da ist es gut, dass sich der Predigttext für unseren Gottesdienst heute dagegenstemmt, wenn es im Evangelium nach Johannes heißt: “Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben”.

Die wichtigsten Gegenstände in meiner Wohnung sind mir ein paar Bilder, eine Schale und ein paar andere Gegenstände. Mein Sohn hat sie gemalt und gebastelt. Auf einigen steht: “Für Mama”. Ich halte sie in Ehren. Denn sie sind von seiner Hand gemacht. Seine ganze Liebe und Kunstfertigkeit hat er in sie hineingelegt. Jedes Bild, jedes Stück ist einmalig und unwiederbringlich. Weil er mit jedem dieser Geschenke mir etwas von sich selbst gegeben hat. Und weil er mir mit jedem einzelnen Geschenk gesagt hat, wie sehr er mich liebt, sodass ich sie auch nach Jahren nicht ohne innere Bewegung und Wärme anschauen kann. Wer will den Wert dieser Geschenke ermessen? Sie sind nicht mit Geld zu bezahlen. In diesen Dingen ist und bleibt lebendig, was den Wert eines Geschenkes ausmacht: die Liebe, aus der es entstanden ist und überreicht wird.

“So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab”. So sehr liebt Gott uns und die Welt, in der wir leben, dass er sich selbst schenkt. Er verlässt seine Verborgenheit, die ihn unnahbar und unverletzbar sein ließ. Er liefert sich uns aus in dem Angewiesensein eines kleinen Kindes auf Liebe, Schutz und Fürsorge. Er tauscht seine Macht und Herrlichkeit gegen die Armut und Obdachlosigkeit eines jungen Paares und seiner Gefährten dieser Nacht, die Hirten. Und so wird er es weiter halten. Er wird die Nähe derer suchen, die in Dunkelheit, Kälte und Bedürftigkeit leben. Er wird auf die zugehen auf die, die in Schuld, Not und Krankheit gefangen sind. An sie wird er sich verschenken. Und seine Liebe wird sie trösten und heilen, wird das Licht ihres Lebens sein.

Er wird ihr Leiden auf sich nehmen und selbst schmecken bis zum Sterben am Kreuz.

So sehr hat Gott die Welt geliebt, diese zerrissene, von Gewalt und Ungerechtigkeit entstellte, friedlose Welt, dass er sich ihr preisgab, damit endlich Frieden auf Erden werde.

Ein Geschenk, das immer wieder neu wird, das ich immer wieder empfangen kann, mich immer wieder seine Liebe spüren lässt, wenn ich es betrachte. So wie in den Augenblicke, wenn ich die selbstgemachten Geschenke meines Sohnes zur Hand nehme. Genauso schenkt er sich uns heute neu, genau wie damals in der ersten Heiligen Nacht im Stall von Bethlehem. Er schenkt sich uns und wir dürfen dieses große Geschenk mit Freude, Dankbarkeit und Zuversicht annehmen. Die Krippe ist auch in dieser Heiligen Nacht nicht leer. Und kein neuer Stern scheint durch das ärmliche Dach. Nicht Geiz ist angesagt. Sondern Liebe, großzügig bis zum Übermaß. Das soll uns zum Leitwort dienen für ein neues Jahr. Auch wenn es für viele ein schwieriges Jahr wird. Es ist stille, heilige Nacht, in der wir uns zu Maria, Josef, den Hirten und den Tieren an die Krippe stellen, mit leeren Händen, aber mit offenen Herzen und Sinnen. Und er wird bei uns bleiben. Heute. Morgen. Und in Ewigkeit.

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