Das Weihnachtsplätzchen

Liebe Festgemeinde am Heiligen Abend!

Dem heutigen Gottesdienstblatt liegt der neue Gemeindebrief bei. Ein Exemplar davon gab ich vor einigen Tagen einer Familie von außerhalb Bremens mit, die gerade im Gemeindehaus waren. Interessiert schauten sie sich die Titelseite an mit dem Bild vom Jesuskind im Stall. Ihr Kommentar: „Das ist ja schön, das Weihnachtsmärchen!“

Also zum Märchenerzähler möchte ich heute nicht werden. Die Geschichte von der Geburt des Heilands haben nicht die Gebrüder Grimm, sondern der Evangelist Lukas aufgezeichnet. Dieser Bericht beginnt bezeichnenderweise nicht geheimnisvoll mit den Worten: Es war einmal vor langer langer Zeit, sondern er beginnt sehr konkret mit einer Reformmaßnahme des röm. Kaisers Augustus. Und schon sind wir mitten drin. Und können nachempfinden, wie es den Leute damals ging. Denn diese Maßnahme war eine Steuerreform. Ein Sparprogramm. Heute würde man dieses Programm Agenda Null nennen, damals hieß sie: Der Zensus. Schätzung, übersetzt Luther, klingt wie Steuerschätzung, Wachstumsprognose, aber hier ging es nicht um Hoffnungen und Wünsche, sondern um harte Fakten. Alles musste auf den Tisch: Die Größe des Grundbesitzes, Angaben über eigenes Vermögen, Herkunft usw. Für normales Volk, das damals sicher nicht rechnen und schreiben konnte, bestimmt genauso mühsam wie einen 14seitigen Hartz IV Bogen ausfüllen. Nur: Während heute von der zum Jahreswechsel anstehenden Steuerreform beim Arbeitslosengeld und bei der Autobahngebühr nur ein Teil des Volkes betroffen ist: Die Arbeitslosen und die Fuhrunternehmen. Man könnte noch hinzufügen: Wegen der 3. Stufe der Steuerreform auch die Kirchen mit Einnahmenrückgang. Aber immer ist ein Teil betroffen. Damals waren es alle. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe.

Einer von ihnen war Josef. Wer ist Josef? Dumme Frage? Gute Frage! Vorgestern beim Aufbauen der Krippe hatten die freiwilligen Helfer damit ein Problem. Unser früherer Küster Thomas Hallmen konnte natürlich die Figuren im und vorm Stall mit schlafwandlerischer Sicherheit korrekt postieren. Aber nun war er nicht greifbar. Ich muss mal herunter kommen, damit wir sehen, wovon die Rede ist. Also diese Figuren sind die Weisen. Vornehme Gestalten, sie bringen reiche Geschenke, sie ragen heraus. Dann die anderen Figuren in braunen Farben. Die sehen einander ähnlicher. Wer davon ist Josef? Die Helfer mussten sich hineindenken in die Geschichte und in die Rolle, in den Rang der Beteiligten. Die Hirten stehen andächtig da, aber doch scheu. Der kleine hat ein Schäfchen im Arm, auch klar, das kann nicht Josef sein. Bleibt nur dieser Mann, schon etwas älter. Er kniet vor der Krippe. Sonderbar. Mancher Vater würde den gerade Geborenen doch stolz den Gästen präsentieren. Seht her! Ein gesundes Kind, alles ist wunderbar glatt gegangen, die Sorgen verflogen. Aber nichts davon. Dieser Josef kniet still vor dem Kind. Er sinnt dem Geheimnis Gottes, das sich da ankündigt, nach.

Aber wie war das Kind an diesen Ort gekommen? Hätte sich kein besserer Platz finden lassen? Hat es wirklich keine Alternative gegeben zu einem zugigen Stall oder einer dunklen Grotte? Als Schuldiger dafür ist in vielen Krippenspielen ein hartherziger oder zumindest überforderter Herbergswirt ausgemacht, der die heilige Familie abweist. Wahrscheinlicher scheint mir, dass wegen allgemeiner Überfüllung improvisiert werden musste. So wie es auch manchem heutzutage passieren kann, wenn ein Fernzug in Stoßzeiten oder am Wochenende hoffnungslos überfüllt ist und man muss sich dann im Gang oder in irgendeiner Ecke ein halbwegs erträgliches Plätzchen verschaffen.

Nehmen wir aber mal an, es hätte wirklich einen Herbergswirt gegeben, und später hätte ihn jemand wie in der Beckmann Spätsendung über sein Verhalten zur Rede gestellt. Vielleicht hätte sich das so angehört:

– Sagen Sie mal, Herbergswirt, schämen Sie sich gar nicht, eine schwangere Frau abzuweisen?

– Entschuldigung, aber sämtliche Zimmer meiner Herberge waren bereits belegt. Ich war komplett ausgebucht!

– Trotzdem! Irgendein Bett hätten Sie doch für die junge Frau aufstellen können. Es hätte ja auch in Ihrem Wohnzimmer sein können oder in einer Abstellkammer.

– An dem Abend war ich einfach total ausgepowert. Dauernd neue Gäste. Ich lief zwischen Rezeption und Küche hin und her. Auch meine Kraft hat Grenzen.

– Ihr Mitleid anscheinend auch.

– Hören Sie, ich führe einen Gasthof, kein Mütter und Säuglingsheime und keine Sozialstation. Wer schwanger ist, sollte sich rechtzeitig eine Unterkunft suchen.

– Den Zeitpunkt kann man halt nicht immer genau vorherbestimmen. Haben Sie Ihre Abweisung im Nachhinein gar nicht bereut?

– Als ich erfahren habe, wer da am Abend in dem Stall geboren wurde, schon. Das wäre natürlich beste PR gewesen für meine Pension. Ich hätte an der Tür ein Schild aufhängen können: Hier wurde der Heiland geboren. Chance vertan, ärgerlich!

– Ist das das einzige, was ihnen leid tut?

Schon, ja. Ich ärgere mich noch heute. Wäre ich hellwach gewesen und nicht hundemüde in jener Nacht, ich hätte für das junge Paar schon noch ein Zimmer freigemacht. Am Ende wäre ich dann sogar in der Bibel erwähnt worden. In jeder christlichen Wohnstube würde bis heute am Heiligen Abend nicht ein Stall mit Krippe, sondern ein Abbild meines Hauses stehen.

– Ist das alles, was Ihnen rückblickend leid tut?

Schon, ja. Ich hatte mir noch ausgerechnet, es könnten im Sog des Jesusglaubens viele Pilger in unsere Gegend kommen. Aber es kam keiner. Nur eine Gruppe von Weisen aus dem Morgenland, die sich für eine Nacht einquartiert haben.

– Führen Sie immer noch Ihren Gasthof?

– Nein, ich habe das Geschäft schon lange meinem Sohn übergeben. Nachdem Jesus später berühmt wurde, erst recht nach seinem Tod und Auferstehung und den Anfängen der Kirche besannen sich die Christen langsam auf seinen Geburtsort. Aber auch davon haben wir nicht profitiert. Die Touristen fragen nach der Geburtskirche und meiden die Herberge eines herzlosen Wirtes.

Wären wir eigentlich damals aufnahmebereiter gewesen für ein fremdes junges Paar in Nöten? Ich musste daran denken, als vor einigen Wochen zwei Ausländer um Unterstützung baten. Die mussten auch einen weite Strecke auf sich nehmen wegen der Auflage der Bürokratie. Das Visum für die Tochter lief ab. Sie mussten die beantragte Aufenthaltsverlängerung unterzeichnen. Dazu mussten beide Eltern persönlich in der Botschaft in Berlin erscheinen. Das Geld fürs Wochenendticket hatten sie zusammen, den Betrag für die Visagebühr. Nun kommen bei mir im Pfarrhaus oft unangemeldete Bittsteller zu Gast, darunter auch Ausländer. Jeder erzählt eine Geschichte und fast jeder möchte Geld. Da muss man schon kritisch zuhören und taxieren, wer eine Konserve aufmacht, die er überall auftischt und wo echte Not ist. In diesem Fall habe ich ihnen den Betrag für die Gebühr gegeben. Wovon? Von dem Geld, das Sie, liebe Hastedter, ob Kirchenmitglieder oder nicht, unserer Gemeinde anvertraut haben. An einem der Adventssonntage erschien vor Gottesdienstbeginn, während des Glockläutens eine mir fremde Person und drückte mir einen Schein in die Hand. Den gebe ich Ihnen, Sie wissen am besten wo es nötig ist. Ich steckte den Schein ins Jakket, konnte mich gerade noch bedanken, schon war der Fremde verschwunden. Vielleicht hatte er keine Zeit, vielleicht fühlte er sich unsicher unter den anderen Gläubigen. Erst am Mittag kam ich dazu, seine Gabe zu betrachten, es war ein dicker Schein. So geht es eigentlich das ganze Jahr, sonst unspektakulärer. Hier Bedürftige, dort Spenden, ein Nehmen und Geben. Den Namen, den dieses bosnischen Paares unter die Quittung setzte, konnte ich nicht entziffern, so habe ich dazu geschrieben: Maria und Josef.

So ist die Herbergssuche der heiligen Familie immer aktuell. Das Kommen Jesu kündigt sich an und er sucht einen Platz. Bei dir. Aber uns geht es wie dem Wirt. Zu dumm, alles schon besetzt. Das Haus unseres Lebens ist vollgestopft mit Dingen, mit Sorgen, mit Aktivitäten, das wir uns nicht groß Gedanken um Jesus machen können. Viele Herrschaften haben sich bei uns bereits einquartiert und sie ziehen nicht mehr aus. Da ist die Sorge, wie weit das Gehalt oder die Rente oder die Stütze aufgefressen wird von Abgaben aller Art. Da ist die Sorge um die Gesundheit. Da ist die Ungewissheit, was aus den vielen Bewerbungen wird. Ob sich eine weitere Umschulung oder Wechsel der Ausbildung noch lohnt. Da ist die Liebe zur Freundin, der Schmerz über den verstorbenen Partner, die Verpflichtungen der nächsten Tage und Wochen. Diese Herrschaften haben unser Lebenshaus in Beschlag genommen. Da bleibt kein Platz mehr für die Herrschaft Gottes. Leider, umständehalber, gezwungenermaßen. Trotzdem bleibt Jesus, dieser Gast der einen Platz sucht, auf der Matte stehen. Er lässt sich nicht so leicht abwimmeln. Er weiß, dass wir mit diesen anderen Herrschaften nicht glücklich werden. Deshalb drängt er sich herein, macht ihnen Konkurrenz. Mitten in Angst und Sorge und Unruhe hinein will Jesus geboren werden.

Und so lässt sich der Wirt von der Not der Quartiersuchenden erweichen und weist ihnen ein Eckchen zu. Ein Weihnachtsplätzchen. Dieser Wirt hat gelernt, dass man Gäste nicht im Regen stehen lässt. Darum will er keinen von der Türe weisen, aber aufnehmen kann er auch niemand. Er will sich keinen Vorwurf einhandeln, aber das eigene Bett räumt er auch nicht. Er will nicht Nein sagen, aber das Ja geht auch nicht. Was soll er tun? Er schafft Platz im Stall.

So geht es Jesus oft, dass die Menschen ihm das Hinterhaus ihres Lebens zuweisen. Wir sind nicht ablehnend, ungläubig oder gar gottlos. Deshalb wollen wir Jesus nicht hinaus werfen, aber herein bitten mögen wir ihn auch nicht. Weil es bei uns nur zu einem Jein reicht, campiert dieser Herr in der Rumpelkammer. Damit hat er ein Dach überm Kopf und wir ein gutes Gewissen. Wer Jesus im Hinterhaus bzw. in der Hinterhand hat, kann sich notfalls auf ihn berufen. Aber Gott schickt seinen Sohn nicht als Rettungswagen für seltene, hoffentlich nie eintretende Notfälle. Er schickt seinen Sohn als den Retter für deinen Alltag. Im Arbeitszimmer will er geboren werden, wo uns die Fehlbilanz eines Jahres belastet. Am Esstisch will er Platz nehmen, wo so oft der Streit mit den Kindern auf den Magen schlägt. Im Krankenzimmer soll es Weihnachten werden, wo menschliche Therapie am Ende ist. In allen Zimmern unseres Lebens soll es zu hören sein: „Freude, Freude über Freude, Christus wehret allem Leid. Wonne, Wonne über Wonne, Christus ist die Gnadensonne.“

Bei unserem Wirt war nichts zu hören, sein Haus war ja besetzt. Und er war so beschäftigt. Er hatte sich um das Wohl seiner Gäste zu kümmern, da war für Jesus keine Zeit. Der Kunde ist König und nicht dieses Kind. Der Weg zur Krippe, die so nah war wie für viele in Hastedt der Kirchturm, der war zu weit. Für die Hirten vom Felde nicht, die gingen ihn selbst bei Nacht. Für die Weisen aus dem Morgenland auch nicht, die waren Wochen unterwegs. Unzählige, die Gott gesucht haben, kamen auf diesem Weg zum Ziel. Sie sind bei Jesus fündig geworden. Sie haben ihm Platz gegeben haben in ihrem Herzen. In ihrem Leben.

So darf es auch bei uns sein. Kein Plätzchen, sondern ein Platz, wo er sich ausbreiten darf und unser Leben verändern und bereichern. Anfüllen, überhäufen mit Glück und Freude und Gewissheit, inmitten von dem, was an Aufgaben und Nöten uns umgibt. Christ, der Retter ist da.

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