Michael legt sein Schwert nieder

Liebe Gemeinde,

ausgehend von unserem Predigttext lassen wir uns heute in die Welt der Engel entführen. Und hoffentlich haben Sie ein bisschen weihnachtliche Lust auf eine dramatische Geschichte mitgebracht, die sich im Himmel abspielt. In der Welt der Engel eben.

Eines muss ich aber noch vorausschicken. Die Welt der Engel ist die Ewigkeit. Und dort fällt in eins, was wir mit unserer beschränkten Endlichkeit nur nacheinander erfassen können, nämlich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Bedenken Sie dies bitte, und zweifeln Sie nicht allzu sehr an meiner Fähigkeit grammatikalischer Korrektheit.

Da steht, da stand, da wird Michael stehen …. sehen Sie, es fängt schon an … also, da steht er im Himmel und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Das darf doch nicht wahr sein,“ ruft er so laut, dass die kleinen Engel sich erschreckt umdrehen. Wann immer Michael laut wird, droht selbst dem Himmel Gefahr!

„Das glaub ich nicht“, ruft er, „schaut ihr Freunde im Himmel, was man in Deutschlands Zeitungen lesen kann. Da glauben die Menschen an uns Engel leichter und lieber als an IHN. IHM, IHM wollen sie die Ehre verweigern aber uns spielen Sie in ihren Filmchen nach …“

Und Michael ahnt es. Da flog sie ihm wieder vor die Füße. Die schwarz-rot-goldene Zipfelmütze. „Geh schlafen, deutscher Michel“, rufen die Engel mit verstellter Stimme. Seitdem die Deutschen sich den Erzengel Michael als ihren Schutzheiligen ausgesucht hatten, muss Michael dort droben Spott über Spott ertragen. Aber das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen. Erzählen wollte ich vom Platz zur Rechten Gottes. Im Augenblick der Schöpfung war jener Platz entstanden. Zur Rechten Gottes darf derjenige sitzen, der dem Herrn gleich ist und ebenbürtig an Macht.. Zur Rechten Gottes saß der, auf dessen Wort ER hören wird. Zur Rechten sitzt das, was Gottes Wesen war. Zur Rechten Gottes wird die Wahrheit sein, wie sie gewesen ist.

Michael kennt keine Zeit. Er empfindet Befehle in sich, die er ausführt. Er weiß um den leeren Stuhl neben dem Thron des Herrn. „Wer wird sich darauf niederlassen,“ fragt er sich. Der Stuhl neben Gottes Herrlichkeit ist das einzige, was Michael im Himmel von Gott zu sehen bekommt. Er weiß es von Anbeginn seiner Existenz, dass er niemals sein Haupt erheben darf, um das Antlitz Gottes zu erblicken. Einer der Engel hatte es dennoch getan. Und indem er es tat, stürzt er aus der Ewigkeit und wird im Nichts versinken jenseits des Sphäre des Lebens. Und weil der gefallene Engel dorthin einen Teil von Gottes Kraft gerissen hatte, muss Michael nun in besonderer Weise auf ihn achten. Denn der gefallene Engel weiß auch um den leeren Platz an Gottes Seite und er wird es nicht unversucht lassen, diesen Platz zu erobern, um so in das Dasein zurückkehren zu können.

Michael aber wusste und weiß um die Kraft seiner Waffe. Auf den lieblichen Bildern unserer mittelalterlichen Kunst sehen wir den Erzengel mit einem Schwert in der Hand. Er wird eines dieser Bilder sehen und sich krümmen vor lachen, wie harmlos die Menschen ihn gesehen hatten. „Aber vielleicht ist es besser so“, denkt er sich, „ die Menschen glauben zu lassen, ich kämpfte mit einem Schwert. Als könnte man mit einem Teelöffel die Sintflut verhindern.“ Selbst die schlimmsten Bomben der Menschen sind harmloses Kinderspielzeug im Vergleich zu Michaels Kraft.

Und so weiß Michael den leeren Platz neben Gottes Herrlichkeit in gutem Schutz. Und doch ahnte er, spürt er, wird er um die Gedanken Gottes wissen.

„Menschen“, denkt Michael sich oft, „warum hat ER nur Menschen erschaffen. Hat er denn nicht gespürt, hat er denn nicht gewusst, dass er sich in sie verliert, verlieren muss, wenn er ihnen so viel seiner Kraft und seines Lebens Atem gibt und geben wird?“

Einer der ersten Menschen, denen Michael tatsächlich begegnet, ist Abraham gewesen. Schon damals fiel Michael diese seltsame Eigenart der Menschen auf, zugleich heilig und höllig – wie er es nannte- zu sein. Aus Abrahams erwuchs das Volk Gottes im Glauben und der gleiche Abraham war feig wie ein Hase und entsprechend war das Volk Gottes und ist und wird es sein.

Und dann Moses. Ihm musste Michael im brennenden Dornbusch begegnen. Verwundert nimmt er wahr, dass Gott abermals einen recht zwielichtigen Menschen ausgewählt hatte. Und trotz aller Fehler und Schwäche ist Moses ein gutes Werkzeug Gottes. Immerhin wird er die „Zehn Gebote“ vom Sinai ins Tal der Menschheitsgeschichte schleppen.

Aber noch immer ist der Stuhle leer. Mit leichtem Zucken seiner Wimpern entfernte Michael einen nach dem andern von denen, die meinten, neben Gott sitzen müssen zu dürfen. Seltsam, es waren immer Menschen, Männer mit Namen wie Alexander, Hannibal, Caesar, Nero, Karl, Attila, Napoleon, Stalin, Hittler und viele andere mehr. Wann würde ER endlich einsehen, dass auf Menschen kein Verlass ist. Frieden ist nur dort, wo Michaels „Schwert“, wenn wir denn seine furchtbare Kraft so lieblich nennen wollen, über uns waltet.

Und dann wird dieser Tag kommen und ist gewesen und bleibt gegenwärtig: Die Geburt des Sohnes. Michaal sieht ihn auf sich zukommen. Und weil er aus Gott seinen Willen empfängt, erkennt er in Jesus den Erben. Niemals darf Michael sein Haupt erheben, um Gottes Wesen zu erkennen. Doch indem er nun kniet erscheint unter seinem gesenkten Haupt das Bild der Krippe. Ein Kind. Das Leben. Und Michael wird das Leben Jesu sehen und darin Gott erkennen und sich und er wird sein. Er sieht ihn auf verlorene Menschen zugehen und er wird spüren, dass Christus die Kraft Gottes gegen den gefallenen Engel war ist und wird.. Er hört ihn reden in Wahrheit und vernimmt das „Amen, Amen“ des im Glauben wachsenden Gottesvolks. Und er hat geschaut, hat schauen müssen und wird schauen täglich neu das Kreuz, das Leid, die Gewalt, den Hass. Und Michael hat geweint und weint und wird schluchzen bis zum letzten Tag, denn er hat in sich gespürt, was Wesen der Welt, was Wesen Gottes, was Wesen der Ewigkeit war, ist und sein wird: die Liebe – voll Schmerz.

Er legt das Schwert aus der Hand, kniet nieder und spürt zum ersten Mal in seiner englischen Existenz das Gefühl von Angst und Freiheit zugleich. Und so faltet Michael seine Hände im Himmel zum Gebet. Er weiß, dass nun sein härtester, sein längster Kampf um das Reich seines Herrn begonnen hat, beginnt, beginnen wird. Ihm schaudert, als der Sohn sich zur Rechten Gottes niederlässt.

Und aus der Redaktion der Bibel reicht man dem alten Engel diesen Text: Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welt gemacht hat. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe und ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name. Denn zu welchem Engel hat Gott jemals gesagt (Psalm 2,7): »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt«? Und wiederum (2. Samuel 7,14): »Ich werde sein Vater sein, und er wird mein Sohn sein«? Und wenn er den Erstgeborenen wieder einführt in die Welt, spricht er (Psalm 97,7): »Und es sollen ihn alle Engel Gottes anbeten.« „Ja, Amen“, spricht Michael,“ lasst es uns so drucken bis ans Ende der Zeit“.

Und im gleichen Augenblick lässt er endgültig sein Schwert fallen in die Tiefe des Nichts. Ihm wurde gewahr, ihm leuchtet auf, er wird einsehen, dass Liebe die Kraft Gottes ist. Und er weiß, dass nun sein härtester Kampf vor ihm stand und stehen wird.

Und Michael kniet nieder. Haben wir das auch getan? Tun wir es? Werden wir es tun? „Lieber Gott“, betet Michael, „gib dem deutschen Volk doch endlich Verstand, dass es zu dir und nicht zu deinem Werkzeug betet. „Vergiss es“, brüllt der Chor der Engel mit verstellter Stimme, „über Deutschland wehen andere Fahnen als die von Gott.“ Und irgendein Scherzbold warf ihm wieder eine Zipfelmütze vor die Füße.

drucken