Das Licht von Bethlehem

Liebe Gemeinde!

Im Jahr 1986 entstand im ORF – Landesstudio Oberösterreich eine Idee, die sich inzwischen zu einem guten Weihnachtsbrauch in vielen Teilen Europas ausgebreitet hat. Es war der Gedanke in Bethlehm – am Geburtstort Jesu ein Licht zu entzünden und es den Menschen in der weiten Welt als Symbol des Friedens zu überreichen. So steht auch seit einigen Jahren hier auf unserem Altar das Friedenslicht.

Das Licht ist ein uraltes Symbol, das von den biblischen Erzählungen bis in unsere Zeit hineinragt. „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ (Jes.9.1) – „Ich, der HERR, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden.“(Jes.42,6)

Die Hirten auf dem Feld von Bethlehm erfahren im hellen Lichtschein von der Geburt Jesu und hören die Botschaft. „Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ (Lk 2,9-10)

Die österreichische Aktion „Licht im Dunkel“ wollte Menschen am Rande der Gesellschaft helfen. Sie setzte damit ein Zeichen für die Liebe Gottes, die in der Geburt Jesus genau das im Sinne hatte. Den Menschen Licht und Hilfe zu sein auf ihrem Weg ins Leben, sie neu hinführen ins Licht, zu Gott. Damit wollte diese Aktion ein Zeichen sein gegen die bittere Erfahrung, die Berthold Brecht in seiner Dreigroschenoper so beschreibt. „Man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“ So wird jährlich neu das Licht von Bethlehem weitergereicht als Zeichen der frohen Botschaft. Denn Weihnachten ist mehr als Krippe und Stroh, besinnliche Stunden, leuchtende Kinderaugen, Festtagsbraten, Lichterketten in den Fenstern, um die Türen und Dächern der Häuser. Dieses Mehr macht der heutige Predigttext deutlich:

[TEXT]

1. Jesus Selbstzeugnis

Gottes Licht in der Finsternis unserer Welt zu sein, hören wir als ein Wort, das uns vom Kind in der Krippe entgegenkommt. Ausgerechnet dort, wo unsere Augen die Wehrlosigkeit, die Hilflosigkeit eines Neugeborenen sehen, sollen und dürfen wir die Quelle des Lichts und des Lebens erkennen, dass Hoffnung und Heil für die Welt erscheinen lässt.

Schon immer ist der Kontrast dieser Botschaft aufgefallen zu der Welt, wie wir sie täglich erleben. Ich denke an eine Kohlezeichnung, die Kurt Reuber im Kessel von Stalingrad für seine Kameraden 1942 gezeichnet hat, Die „Madonna von Stalingrad“ hat er umschrieben mit den Worten Licht, Leben, Liebe. Deutlicher kann der Kontrast zu Hass; Finsternis und Tod nicht gezeigt werden. Dieser Kontrast bricht auch heute angesichts der brutalen Weltverhältnisse, in den wir uns nach dem Ende des Kalten Krieges plötzlich wieder vorfinden, schreiend auf. Dort die anbetenden Hirten, und hier die Gewalt gegen Kinder, Missbrauch von Kindern durch Ausbeutung und Vergewaltigung. Dort Friede und Versöhnung, hier der blanke Hass, der sich in immer neuen Terroranschlägen äußert und dem es nur darum zu gehen scheint, so viele Menschen wie möglich in den Tod zu reißen. Dort das Niederknien vor dem Kind, hier nackte Gewalt auf Schulhöfen und in Schulbussen, in Videos und Computerspielen. Und da hinein kommt die unerwartete Botschaft an Weihnachten: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh.3,16)

2. Wie können wir daran Anteil haben?

„Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“, sagt Jesus und lädt uns damit ein, seinem Wort zu vertrauen. Nur wer sich darauf einlässt, erfährt, die Wahrheit dieser Aussage. Vielleicht fangen wir einfach damit an, dass wir es wie die Menschen in den Weihnachtsgeschichten tun. Sie halten inne, sie starren nicht mehr auf die Finsternis, sondern auf das aufscheinende Licht. Sie lassen sich davon anstecken, „Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.“ (Lk 2,17); denn sie hatten verstanden mit Herz und Verstand, wir sind von Gott geliebte und in sein Licht gezogene Menschen. Das war das Wunder von Stalingrad, dass die Soldaten inmitten des Höllenkessels jenes Andere erlebten: Sie waren nicht nur das Kanonenfutter einer menschenverachtenden Ideologie, sie ahnten etwas von der Macht dieses Kindes. Sein Lichtstrahl rührte längst verschüttete und vergessene Seiten ihrer Seelen.

Wo auch wir wieder den Blick auf das Licht von Bethlehem wagen, könnte es unsere Sichtweisen und Maßstäbe verändern. In einer Gesellschaft, in der nur noch zu zählen scheint, was stark und fit, durchsetzungsfähig und selbstbewusst macht und entsprechend auftritt, werden Menschen, die Jesus folgen, zeigen, dass sie auf der anderen Seite stehen,: Sie werden zu ihren eigenen Schwachheiten stehen können und diese nicht krampfhaft kompensieren oder verbergen. Und sie werden dann achten, was schwach und verletzlich, annehmen, was gering und „out“ ist. In diesem Sinne ist die Aktion Friedenslicht aus Bethlehem ein aktueller Hinweis, wie Menschen sich in die Nachfolge rufen lassen. Es wird nicht nur als Symbol und Zeichen weitergegeben. Es wird verbunden mit dem Auftrag, es zu Menschen zu tragen, die im Dunkel stehen, am Rande unserer Gesellschaft. Das kleine Licht – das sich so schnell ausblasen lässt, wird sorgsam gehütet. Indem es weitergereicht wird und im Verschenken sich nicht verzehrt, sondern vergrößert, knüpft dieses Licht an die Verheißung Jesu an, „… der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“. So setzen sich Menschen ein für Frieden, Gerechtigkeit, helfen gegen Unterdrückung und Gewalt, setzen Zeichen von Hoffnung und Freiheit.

3. Im Licht Jesu stehen: „… ich richte niemand“

Das Wort von Jesus „Ich bin das Licht“ hat Rembrandt in einem Gemälde von der Begegnung mit der Ehebrecherin im Tempel 1644 für mich sehr einprägend illustriert.

In einem riesigen, mehremporigen Raum steht links Christus hoch aufgerichtet, die Umstehenden deutlich überragend, in einer Art erhöhtem Altarraum. Vor ihm auf den Stufen, genau in der Mitte des Bildes, kniet mit verweintem, jedenfalls verhärmtem Gesicht eine junge Frau in hellem Kleid. Ihr ist deutlich anzusehen, dass man sie mit Gewalt herbeigeführt hat. Aber sie wehrt sich nicht mehr. Sie wartet nur noch auf ihr Urteil. Rechts neben ihr, sie in einem Halbkreis umstehend, so dass nicht mehr entweichen kann, zehn Männer, Soldaten oder Polizisten und Priester, grinsend die einen, finster und gewichtig dreinschauend die anderen, wieder andere heimlich an der Schönheit der Frau sich erfreuend. Einer der Priester schiebt sich gerade zwischen Jesus und die Frau trägt mit der Hand gestikulierend Jesus den Fall vor. Seine Hand verweist auf die Frau, sein Gesicht wendet sich Jesus zu .verstärkt durch die blicke der anderen Männer, die alle zu fragen scheinen: „Was sagst du dazu?“

Entscheidend an diesem Bild aber sind – wie so oft bei Rembrandt – die Lichtverhältnisse. Während der Tempelraum als ganzer im Halbdunkel versinkt, ist das Gesicht Jesu – woher auch immer –hell ausgeleuchtet. Vo seinem Gesicht aber fällt das Licht in einem kaum sichtbaren Strahl auf die Frau und umgibt sie mit einer Art Lichtkreis. Das Weiß ihres Gewandes wird dadurch noch heller. Das Wunderbare aber ist: Die Gestalt der Frau wirft in dem von Jesus ausgehendem Licht keinen Schatten – ganz im Gegensatz zu den Gestalten der Männer, deren Gesichter auch das Licht reflektieren, hinter ihnen fallen schwere Schlagschatten zu Boden.

So richtet das Licht der Welt. Es hebt ein in Finsternis versunkenes Leben in das Licht des neuen Tages, während die, die sich im Lichte wähnen, zu Repräsentanten der Finsternis werden. „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“ (Joh.3,16)

4. Im Licht Jesu stehen

Noch ein anderes Bild hat sich mir eingeprägt. Es flimmerte im November 1989 über den Bildschirm in vielen Nachrichtensendungen. Ein Bläser auf der Berliner Mauer stimmte den Choral an: „Nun danket alle Gott..:“ Ein kleiner Lichtstrahl unserer Zeit. Es mag sein. Dass viele es gar nicht wahrgenommen haben. Doch er blieb nicht wirkungslos. Für mich ein Zeichen. Jesus, sein Licht geht durch die Zeit. Es brennt heute noch. Lassen wir uns nicht verunsichern, es könnte verlöschen. Wir sicher, wir sind sterbliche Menschen, aber nicht das Licht von Bethlehem. Es bleibt und will, dass uns ein Licht aufgehe.

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