Unter uns

„Jetzt sind wir wieder unter uns“, sagte im letzten Jahr jemand zu mir beim Gottesdienst am ersten Weihnachtstag, und es klang zwar ein bisschen bedauernd, aber auch so, als hätten die vielen, die vor nicht einmal 24 Stunden die Kirche gefüllt hatten, eigentlich da nichts zu suchen. So, als habe man sich damit abgefunden, dass hierzulande die Kirchen leer sind außer an dem einen einzigen 24. Dezember. Und ich selbst ertappe mich dabei, dass ich jedes Jahr nach Heiligabend auf ein Wunder warte, darauf nämlich, dass Fremde am anderen Morgen wiederkommen. Oder neue Fremde kommen, weil diejenigen, die da waren, es gemacht haben wie die Hirten: Sie priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten. Andererseits wird uns auch nichts darüber berichtet, was mit diesen Hirten weiter geschehen ist. Ob sich ihr Leben verändert hat und sie von nun an jeden Sabbat in die Synagoge eilten? Es ist eigentlich kaum anzunehmen.

Auch der Prophet Micha von Moreschet, der eigentlich in unseren Leseordnungen fast nur Weihnachten zu Wort kommt, war möglicherweise ein Hirte. Und er erlebte das „Haus und Geschlecht Davids rund 700 Jahre vor Christi Geburt in einem besorgniserregenden Zustand: Die Könige, deren Wurzeln in Betlehem lagen, hatten Israel und Juda heruntergewirtschaftet. Der Text, den wir heute betrachten, wird allerdings wohl dem Micha nur zugeschrieben, vieles deutet darauf hin, dass diese Trostsprüche zur Zeit der Zerstörung Jerusalems (um 587) in die Sammlung eingefügt wurde.

[TEXT]

Das Volk Israel steht vor Scherben. Verschleppung und Zerstörung haben die Hörer der hoffnungsträchtigen Worte vor Augen. Micha verheißt einen neuen Anfang.

Das mag für die Zuhörer noch unwahrscheinlicher geklungen haben als folgendes: Wenn Ihnen hier jemand sagen würde, in Sylda, Alterode oder Bräunrode würden blühende Gemeinden entstehen, von denen eine solche Ausstrahlung über das ganze Land ausginge, dass die Menschen es wieder angebracht finden, in die Kirchen zu kommen. Oder noch unwahrscheinlicher: Jemand gibt Ihnen die Zusicherung, dass hier etwas Neues entsteht, etwas, was allen eine Arbeit bringt, die Freude macht und was ihnen Mut macht, hier zu bleiben oder gar andere ermuntert, hierher zu ziehen.

Vielleicht, so träume ich mal einen Weihnachtstraum, gehört ja beides zusammen. Vielleicht müssen die Menschen hier erst einmal Gott neu entdecken, um dann Wege zu sehen, wie ein Neuanfang auf anderen Ebenen möglich sein könnte. Vielleicht auch ist es nötig, erst einmal seinen Schmerz, seine Verbitterung offen zu legen und zu klagen. Das haben Propheten wie Jeremia auch getan. Sie haben ihre Enttäuschung vor Gott und den Menschen offen gemacht, haben sich nicht verkrochen oder anderen heile Welt vorgespielt. Und dann haben sie gebetet.

Ich weiß nicht, ob und welcher persönlichen Schmerz, welche schlimme Erfahrung oder auch welche Sorgen Sie in diesem Jahr zu Weihnachten im Einzelnen bewegen. Ich weiß aber, dass bei weitem nicht in allen Familien Frieden herrscht an den Feiertagen. Da kommt mancher Groll wieder hoch, zum Beispiel über Verletzungen, die man sich im Lauf des Jahres zugefügt hat. Da werden manchmal auch unversehens alte Geschichten wieder ausgepackt: „Hättest du doch damals …, dann wäre jetzt nicht …, dann könnte alles ganz anders und ganz harmonisch und viel schöner sein“. Oder auch Selbstvorwürfe: „Wäre ich doch nicht so hart gewesen, hätte ich doch, dann …“

"Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, daß die, welche gebären soll, geboren hat", sagt der Prophet im Alten Testament. Und damit ist uns gesagt: Bei Gott ist ein Neuanfang möglich, manchmal auch nach langer Zeit und auch dort, wo wir denken, es ist zu spät. 600 Jahre hat es gedauert, bis die Prophezeihung des Propheten sich erfüllte. Aber seitdem haben wir jeden Tag die Chance zu einem Neuanfang. Aus Betlehem, dem kleinen und unbedeutenden Ort, ist der gekommen, der alles verändert hat. Gott eröffnet eine ganz neue, ungewohnte Perspektive. Die neue Hoffnung kommt vom Lande, aus dem kleinen Nest. Bethlehem ist die Heimatstadt Davids. Sie erinnern sich vielleicht an die Geschichte, in der David zum König gesalbt werden soll. Diese Geschichte spielt in Bethlehem im Hause Isais. Seine Söhne werden vorgeführt, einer nach dem anderen. Aber keiner ist der, den Gott ausgesucht hat. Der letzte der Söhne Isais, der Jüngste und Kleinste ist es: David. Ihn wählt Gott zum König aus.

Und nun schon wieder: Nicht etwa aus der berühmten Residenz selbst wird der neue Herrscher erwartet. Er wird aus dem kleinen unbedeutenden Nest, dem Heimatdorf Davids kommen. Als Herrscher aus dem Stamme Davids, des Sohnes Isai: "Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen", so können wir es morgen in der alttestamentlichen Lesung aus dem Buch Jesaja hören und so wurde es gestern in den Weissagungen in vielen Gottesdiensten gelesen. Das beliebte Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ hat darin seinen Ursprung, es heißt eigentlich „Es ist ein Reis entsprungen“, ein Reis aus der Wurzel Jesse – im Altarbild von Welbsleben sehen wir das bildhaft. Gott geht Wege, die keiner vermutet hätte.

„Und sie werden sicher wohnen. Und es wird Friede sein“ – Ich finde, gemessen an dem, was wir so in unseren Tagen an Bildern aus anderen Teilen der Welt sehen und auch gemessen an dem, was sich dem Propheten und seinen Zuhörern präsentierte, haben wir Grund zur Dankbarkeit. Denn relativ sicher und friedlich wohnen wir allemal. Gewiss, da ist doch dieser Streit mit dem unangenehmen Nachbarn, der Ärger mit dem Vermieter, da sind die Abwassergebühren, die viele Menschen hier empfindlich getroffen haben. Aber was ist das, gemessen an Zerstörung und Vernichtung, Bomben und Attentaten?

Es wird Friede sein – die Schulkinder, die ich in Religion unterrichte, haben kürzlich ihre persönliche Pinwand gestaltet. Da war auch ein Zettel „Mein größter Wunsch“ dabei. Ich hätte mit Weihnachtswünschen gerechnet wie Computerspiele oder Inline-Skater, aber ein Mädchen schrieb: "Kein Krieg", ein anderes "Friede".

Wie kommen Kinder zu solchen Wünschen? Wo wir Erwachsenen doch geneigt sind, einen Hauptgewinn im Lotto oder ewige Jugend und Gesundheit einzusetzen an solcher Stelle.

Ich glaube, Kinder haben ein ganz feines Gespür für Streit und auch für Unsicherheit. Viele meiner Schüler kommen aus Familien, in denen eben kein Friede herrscht, in denen es manchmal recht laut wird oder in denen sich die Eltern gerade trennen. Da rutscht der Boden unter den Füßen weg, da kann ein Kind nicht mehr "sicher wohnen". Da können seelische Verwundungen und Verletzungen entstehen, die subjektiv genau so schwerwiegend sind wie die, die zurückbleiben, wenn ein Krieg mit Verschleppung und Zerstörung über ein Volk hinweggegangen ist. Da kann das Grundvertrauen verloren gehen, dass eine heile Welt überhaupt möglich ist. Friede ist also etwas ganz persönliches, etwas, was in uns da ist oder auch nicht. Friede ist empfindlich und zerbrechlich und hat manchmal recht wenig mit dem zu tun, was Politiker im Licht der Öffentlichkeit an Verträgen unterzeichnen. Friede ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Friede ist etwas, was allein zu finden wir Menschen kaum in der Lage sind. Friede bedeutet gut, ohne Schaden, ganz und gar, heil zu leben. Im biblischen Sinn ist das Gegenteil von Friede Unvollkommenheit und Unheil.

Aber gerade das feiern wir mit der Geburt des Kindes in Betlehem, dass Friede, also Leben in Vollkommenheit möglich ist, ja, dass dieser Friede Person geworden ist: „Er wird der Friede sein“, sagt Micha. Und wenn es heißt, dass wir aufgerufen sind, dem Frieden „nachzujagen“, wie Paulus einmal schrieb, dann bedeutet das etwas, was ganz einfach und unendlich schwierig zugleich ist: Es bedeutet, dass wir diesem Kind in der Krippe zutrauen, dass es unser Friede ist, dass wir uns auf dieses Kind verlassen. Wir dürfen unsere Sorgen auf ihn werfen, dieses kleine Kind ist unsere Stärke. Gerade jetzt, zu Weihnachten können wir diesen kleinen, ersten, vielleicht zögernden Schritt zur Krippe wagen. Wer müsste sich schon vor einem kleinen Kind fürchten? Und wie das Kind heranwächst, wie es gewinnt an Weisheit und Reife, so kann unser Glaube mit wachsen. Wir werden sicher wohnen, wenn wir uns nahe bei Gott wissen. Wenn wir es zulassen, dass mit Jesus Friede in unser Herz einzieht. Und wenn wir diesen inneren Frieden ausstrahlen, können wir ihn auch weitergeben. Menschen in unserer Nähe können mit uns zusammen zur Ruhe kommen, auch wenn sie aufgewühlt und sorgenvoll sind.

Das ist dann Gemeinde, das ist Gemeinde, die wachsen kann: Offen für Suchende, keine „geschlossene Gesellschaft“, sondern Gemeinde, die Leuchtkraft hat und gar nicht unter sich bleiben kann, weil sie einladend wirkt. So etwas ist möglich, auch in einem kleinen Nest – wenn wir uns immer bewusst sind, wo unsere Mitte ist: In Jesus Christus, dem Menschen und Gott, der unser Bruder ist. Wenn unsere Gemeinde, ja wenn wir selbst so einladend und ausstrahlend werden wollen wie dieser armselige Stall von Betlehem, dann müssen wir unsere Herzen immer wieder zu diesem Kind zurückbringen, von dem wir wissen, dass es das Licht des ganzen Weltalles ist.

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