Neugierig bleiben

Liebe Gemeinde,

ich freue mich sehr, dass es heute Abend endlich so weit ist: der Heilige Abend, Weihnachten ist da! Ich weiß nicht, wie es Ihnen in den letzten Tagen ergangen ist, wie Sie den Advent verbracht haben. Für mich war es wieder einmal eine Zeit mit vielen Terminen, aber in diesem Jahr auch eine besonders schöne Zeit. Wir haben in unserer Gemeinde die Zeit des Wartens auf Weihnachten, den Advent, in diesem Jahr nämlich mit dem lebendigen Adventskalender zu einer besonderen Zeit gemacht. Vielleicht haben Sie es eben gelesen oder schon davon gehört: An jedem Abend im Dezember öffnete sich eine Tür. Entweder eines unserer Gemeindehäuser, vor allem aber Privathäuser, in denen sich dann zwischen 15 und 30 Menschen zusammengesetzt haben, um Advent zu feiern. Wir haben unterschiedliche Geschichten gehört, alte und ganz neue Gedichte, Lieder gesungen – bekannte und unbekannte, haben Sterne, Weihnachtsmäuse und anderes gebastelt, vor allem aber auch beieinander gesessen und uns unterhalten. So war jeden Abend von 18.00 bis 19.00 die Stunde des lebendigen Adventskalenders. Nie hätte ich gedacht, dass so viele andere und vor allem ich selbst es schaffen würde, an so vielen Abenden teilzunehmen, bei all den Terminen, die ich schon im Kalender hatte. Aber ich habe mir so oft es ging Zeit genommen mit meinem Sohn an so einer adventlichen Stunde teilzunehmen. Schon morgens fragte mich mein Sohn „Mama, bei wem ist heute der Lebendige Adventskalender?“ Ich nannte ihm dann jeweils den Namen der gastgebenden Familie oder Gruppe. Viele kannte er nicht. Aber er war neugierig darauf, wie es wohl sein würde, heute Abend. „Was machen wir da? Wer kommt da alles hin? Basteln wir wieder? Spielen wir?“ Ich konnte ihm darauf keine Antworten geben, denn jeder Abend war anders, keiner wusste genau, was ihn erwartete. Und so wurde jeden Abend eine Tür geöffnet hinter der sich eine Überraschung verbarg, die den Weg nach Weihnachten schöner machte.

Sie merken, ich gerate ins Schwärmen. Nicht weil ich denjenigen von Ihnen, die nicht dabei waren, die Nase lang machen möchte, sondern weil ich hoffe, dass sie im nächsten Jahr auch einmal vorbeischauen und entdecken, wie schön es ist, die Zeit bis Weihnachten ganz bewusst mit anderen zum Teil wildfremden Menschen zu verbringen. Sich auf neue, ungewohnte Situationen einzulassen, sich zu trauen, bei einem mir Fremden anzuklingen und um Einlass zu bitten und auf der anderen Seite auch, die Türe zu öffnen und jemand hineinzubitten, von dem ich vorher nicht wusste, dass er auch kommt.

Das waren unsere Erfahrungen beim Lebendigen Adventskalender und sie spiegeln etwas davon wieder, was man den roten Faden der Weihnachtsgeschichte nennen könnte: Sich einlassen auf Neues, Fremdes.

Das fängt schon bei Maria an, die sich als Teenager auf das Wagnis einlässt Mutter zu werden, ohne verheiratet zu sein. Sicher hat sie viele Fragen gehabt. Sicher hat sie nicht sofort mit Begeisterung „Ja!“ gesagt. Sicher sind ihr viele Bedenken, „wenn“ und „Aber“ durch den Kopf gegangen. „Mir glaubt ja eh keiner!“ Doch dann hat sie sich auf dieses große Wagnis eingelassen. Ist schwanger gewesen mit diesem besonderen Kind.

Das geht weiter mit Josef, der Handwerker, der eigentlich eine ganz normale Familie gründen wollte und dann eine Frau heiraten sollte, die schwanger war – und eindeutig nicht von ihm!Sicher hat er an Marias Worten gezweifelt. Sicher war er eifersüchtig. Sicher hat er Sorge vor den scheelen Blicken der Nachbarn gehabt. Sicher hat er sich geschämt. “Was sollen bloß die Leute sagen?“ Doch dann hat er Maria und den Worten des Engels vertraut. Hat sich nichts gemacht aus Gerede der Leute. Hat zu seiner Freundin gestanden. Hat sich eingelassen auf dieses besondere Kind.

So ging es auch den Hirten, die nach getaner Arbeit Abends müde auf dem Feld ums Feuer saßen. Als Plötzlich der Engel seine Nachricht an sie weitergab: Fürchtet euch nicht, siehe ich verkünde euch große Freude, die allem Volk wiederfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids“. Sicher waren sie misstrauisch: Ein Engel? Wieso spricht der mit uns? Sicher haben sie sich gefragt, wieso ausgerechnet sie, die Hirten, mit denen sonst keiner was zu tun haben will diese Nachricht zu hören bekamen. Sicher waren sie verwirrt, denn so etwas hatte noch keiner von ihnen erlebt. Sicher gab es gute Gründe bei den Tieren zu bleiben – Was, wenn die Tiere verloren gingen, während sie sich auf den Weg zum Stall machten?Doch der Wunsch dabei zu sein, zu sehen, was der Engel gesagt hatte, war größer. Sie ließen sich ein auf die Worte des Engels, wollten teilhaben am Wunder im Stall.

Und schließlich die 3 Weisen aus dem Morgenland. Sie folgten einem Stern und suchten Gottes Sohn dort, wo sie ihn vermuteten: im Palast des Königs. Sicher waren sie erstaunt, als ihnen klar wurde, dass der König der Juden ein kleines, schreiendes Baby in einem armen Stall war. Sicher hatten sie damit nun nicht gerechnet. Doch sie ließen sich ein, auf das Kind. Gaben ihm und seinen Eltern ihre Geschenke, erkannten, dass Gottes Sohn den ganz gewöhnlichen Menschen viel näher war, als sie es je für möglich gehalten hatten.

Verschiedene Menschen, die es zunächst schwer fiel, sich auf Neues einzulassen, eine neue Situation anzunehmen. Und obwohl diese Menschen ja schon ewig tot sind, geht es uns doch oft genauso wie jenen. Ihnen allen fiel es zunächst schwer sich auf die Geburt dieses Kindes, auf Weihnachten einzulassen. Sie hatten verschiedene Gründe für ihr Zögern. Gründe wie wir sie kennen, um uns nicht wirklich auf Weihnachten einzulassen.

Da sind z.B die Gestressten unter uns. Diejenigen, die bis 2 Minuten vor Gottesdienstbeginn noch 1000 Dinge zu erledigen haben, deren To-Do-Liste nicht abgearbeitet ist. Die jetzt eigentlich schon auf glühenden Kohlen sitzen, weil noch nicht alle Geschenke gepackt sind oder das Essen nicht so weit wie es sein sollte – und immer noch ist meine Predigt nicht zu Ende! Diejenigen, die schon den ganzen Advent über das Gefühl hatten: mir läuft die Zeit bis Weihnachten davon. Kein Wunder, dass es ihnen besonders schwer fällt sich auf Weihnachten einzulassen. Auf jene ruhige, stille Nacht, auf das Kommen dessen, der auch den inneren Frieden bringt, – wenn es mir gelingt, mich auf ihn einzulassen, ihn anzunehmen.

Da sind die „Zyniker“ unter uns, die mit Weihnachten nichts anfangen können. Diese Völlerei, das zuballern mit Geschenken ist ihnen zuwider. Jede aufkeimende Weihnachtsfreude wird mit ironischen Bemerkungen erstickt. Kein Wunder, dass es ihnen besonders schwer fällt sich auf Weihnachten einzulassen, auf ein Fest, bei dem es um das eine Geschenk an uns geht und nicht um die vielen Geschenke – wenn es gelingt, sich auf das wirkliche Geschenk einzulassen.

Da sind die „Zweifler“ unter uns, die nicht glauben können, dass Gott wirklich Mensch wurde, dass Weihnachten etwas mit ihnen ganz persönlich zu tun hat. Kein Wunder, dass es ihnen schwer fällt, sich auf Weihnachten einzulassen, auf dieses Kind aus Bethlehem, dessen Weg zu den Menschen führte, die am Rand der Gesellschaft standen. Sie fragen sich: was hat der denn mit mir zu tun?

Es ist ja nicht immer einfach zu erkennen, was sich seit jener ersten Weihnacht verändert hat. Da muss man schon richtig hinsehen wollen. Da muss man sich auf das Wunder von Weihnachten einlassen, damit am erkennt: das, was da geschehen ist, hat mit jedem von uns zu tun! Denn Gott ist nicht länger ein ferner, unnahbarer Gott. Gott ist Mensch geworden und kennt darum auch unsere Sorgen und Fragen. Jesus hat sein Leben mit uns geteilt um uns zu sagen: nichts in eurem Leben ist mir fremd. Weil ich wie ihr war, weiß ich, wie es ist, wenn man einsam und verlassen ist. Weil ich wie wir war, kenne ich Angst und Schmerzen. Ich habe mich ganz und gar auf euch Menschen eingelassen, weil ich euch lieb habe. Weil ich euch liebe, nehme ich euch an, mit euren Sorgen, Zweifeln, eurem Zynismus, eurer Angst. Darum lässt er sich auf Menschen ein, die andere verachten. Darum lässt er sich ein auf Gespräche mit Prostituierten, auf Essen mit offensichtlichen Sündern, auf Treffen mit Ausbeuter. Und er eröffnet Ihnen so ein anderes Leben – ein neues Leben mit Gott.

Weihnachten heißt, sich einlassen auf das Neue, heißt alle „Wenn und aber“ zum Schweigen zu bringen! Weihnachten heißt: Sich einlassen auf das Leben, das oft so anders verläuft als wir es planen. Sich einlassen auf ein Leben mit Christus und so dem Leben eine neue Richtung geben. Und ein Leben mit Gott hat immer zur Folge, dass man sich einlässt auf ein Leben mit anderen Menschen und nicht auf ein Leben auf Kosten anderer.

So wie es jenes Ehepaar Zilske aus Hamburg tut, von dem ich vergangene Woche gelesen habe. Die beiden haben 2 Kinder adoptiert. Nichts besonderes eigentlich – doch beide Kinder haben das Down-Syndrom. Ganz bewusst haben sich die Zilskes für 2 Kinder mit einer Behinderung entschieden. Sie haben sich auf ein neues unbekanntes Leben eingelassen und ihnen zunächst fremde, behinderte Kinder angenommen. Ob sie sich das Leben mit ihren Kindern so vorgestellt haben, werden die Zilskes gefragt. „Wir dachten, wir wüssten, was auf uns zukommt“, erzählt Herr Zilske, „aber da hatten wir uns getäuscht!“ Von vielen Schwierigkeiten wird berichtet. Doch zum Schluss sagt die Mutter zur Reporterin: „Jeder, der hier ist, sieht, was für ein wunderbares Leben das ist: das der Kinder und unseres mit den Kindern.“ Weihnachten, das heißt: Neugierig bleiben, auf das, was kommt und sich auf das einlassen was Gott für uns bereit hält und vor allem "Ja" sagen zu Gottes Sohn.

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