Licht des Kosmos

Liebe Gemeinde,

heute, am 2. Weihnachtstag, wird auch der Tag des Märtyrers Stephanus gefeiert. In anderen Jahren bin ich am 2. Weihnachtstag oft in den katholischen Gottesdienst gegangen, einfach, um mir die Geschichte des Stephanus noch einmal anzuhören. Dieser erste Märtyrer hat mich sehr beeindruckt, daher möchte ich ihn heute auch in die Auslegung mit einbeziehen. In unserer Kirche geht es nicht darum, Heilige als Mittler zwischen uns und Gott einzusetzen, wohl aber kann der Mut eines Menschen wie Stephanus uns ein Stück Gottvertrauen lehren. Er wird, wir haben es in der Epistel gehört, nach einer flammenden Predigt, in der er vom Messias spricht, den die Rechtgläubigen nicht erkannt haben, gesteinigt. Und die letzte Szene, als schon alle auf ihn losstürzen, ist besonders beeindruckend: „Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“

Auch unser heutiger Predigttext rückt uns ein Stück weg von all der Weihnachtsfreude, vom Jubel über das neugeborene Kind. Er macht uns deutlich, wie radikal Jesus in das Glaubensleben seiner Zeit eingedrungen ist. Wir erleben den erwachsenen Jesus, in den letzten Wochen bevor ihm der Prozess gemacht wird, in einem entscheidenden Gespräch mit den Schriftgelehrten.

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„Dein Zeugnis ist nicht wahr, weil du von dir selbst redest“, halten die Schriftgelehrten dem Sohn Gottes entgegen. Versetzen wir uns in die Lage dieser Theologen: Sie, die sich schon für die Erleuchteten halten, stehen da ja wirklich vor einer ungeheuerlichen Herausforderung. Das, was dieser Mann behauptet, erschüttert ihre Theologie in den Grundfesten. Ein hergelaufener Wanderprediger, keiner aus ihren erlauchten Kreisen, hält ihnen vor, dass sie im Dunkeln tappen, dass sie sich so sehr in ihre Gesetze und Lehrmeinungen verstrickt haben, dass sie gar nicht mehr in der Lage sind, Gott selbst zu erkennen. „Ich bin das Licht der Welt“, hat Luther das Jesus-Wort übersetzt. Im griechischen Text steht allerdings das Wort „Kosmos“, was weit umfassender ist. Es bedeutet das ganze Weltall. Martin Luther selbst hat, aus seiner Zeit und ihrem Stand der Himmelskunde heraus, dazu so gepredigt : »Das Gesetz ist das Licht des Mondes, aber Christus die wahrhaftige Sonne. Sein Wort muss man ins Herz scheinen lassen. Es ist die rechte Straße ins ewige Leben. Christus rühmt sich, dass er allein das Licht der Welt sei. Auch wir dürfen uns dessen rühmen, was wir in der Taufe empfangen haben.« (Wochenpredigten am 30. Sept. 1531 und am 7. Okt. 1531).

“Ich bin das Licht des Kosmos, des Weltalls“, dieser Satz ist eigentlich auch für die Menschen heute eine Provokation. Seit Wochen bedrängt mich beispielsweise ein eifriger Kirchenkritiker aus dem Mansfelder Land, ich möge doch endlich aufhören, den Menschen diesen banalen Kinderkram über die Auferstehung zum ewigen Leben zu predigen. Darüber sei die Menschheit in Zeiten der Kernspaltung und –fusion und der Gentechnologie längst hinausgewachsen. Der wirkliche Gott stecke in Forschung und Technik. Uns Christen steinigt heute hier keiner mehr, dazu sind wir weder interessant noch gefährlich genug. Aber eine ganze Menge Menschen hält uns doch für einfältige Narren, die bedauerlicherweise an Märchen glauben und denen nicht mehr zu helfen ist. Der Stern von Betlehem mag ja als astronomisches Phänomen noch einigermaßen von Interesse sein, aber auch dieses Interesse verglüht alle Jahre wieder nach Weihnachten ebenso rasch wie die Engel-Dekorationen aus den Schaufenstern verschwinden. Manchmal empfinde ich diesen Zustand der gelangweilten Duldung, des Nicht-Ernst-Genommen seins, noch schlimmer als wenn noch jemand so ernsthaft mit uns diskutieren würde wie diese Schriftgelehrten damals. Aber manchmal frage ich mich auch, ob wir selbst als Kirche diesen Satz noch vertreten, den Jesus da sagt: „Ich bin das Licht des Weltalls“. Haben wir nicht auch dieses Licht schon aus den Augen verloren, vor einem Dickicht von Kirchenrecht und Ausführungsbestimmungen? Ich denke da nicht nur an uns als evangelische Kirche. Ich denke zum Beispiel an meinen katholischen Theologieprofessor in Saarbrücken, dem gerade kurz vor Weihnachten vom Vatikan das Recht endgültig abgesprochen wurde, Gottesdienste zu feiern. Es wurde ihm mitgeteilt, er habe eine Straftat begangen, indem er mit evangelischen Christen zusammen Abendmahl gefeiert hat. Das sei ein schwerer Missbrauch seines Amtes gewesen, teilte ihm der Papst mit, der sich ja als Stellvertreter Christi auf Erden begreift. Ihr richtet nach dem Fleisch, ich richte niemand, hat Jesus gesagt.

Aber hier richten Menschen in seinem Namen, sie verurteilen, statt das Gesetz Christi zu erfüllen. Ich möchte keine Katholikenschelte betreiben, ich denke, auch wir sitzen im Glashaus und haben keinen Grund, mit Steinen zu werfen. Auch wir bringen es fertig, Menschen auszugrenzen, weil wir den Eindruck haben, beurteilen zu können, wie wahrer Glaube und wie ein gottgefälliges Leben sich zu äußern hat. Unsere Kirchenfenster sind manchmal so verstaubt oder auch so gut abgedichtet, dass selbst das Licht des Kosmos Schwierigkeiten hat, hineinzustrahlen. Wir benehmen uns zuweilen so, wie die Menge, die den Stephanus gesteinigt hat: Wir halten uns die Ohren zu, wenn uns Gottes wort anders nähergebracht wird als wir es haben wollen, wenn uns etwas aus unserem Kirchenschlaf weckt wie etwa der Aufruf, neue Dinge auszuprobieren, die anderen Menschen die Schwellenangst nehmen könnten, die sie oft empfinden vor unseren Gottesdiensten.

Ich denke an Afrika, an Tanzania, wo die Bischöfe zum Beispiel erlaubt haben, dass in den Kirchen die biblischen Geschichten so vorgetragen werden, dass auch diejenigen sie verstehen, die bislang die Stammestänze ihrer Naturreligionen gewöhnt waren. Nun wird seit einigen Jahren in den Gottesdiensten in manchen Dörfern das Evangelium getanzt. Ich habe mir vorgestellt, wie viel leichter manche jungen Leute, die kirchenfremd aufgewachsen sind, die biblischen Texte verstehen könnten, wen sie gerapt würden. Aber ich stelle mir auch vor, welches Missfallen solche Experimente in traditionellen Gemeinden finden würden. Oft höre ich Klagen, dass unsere Konfirmanden zu selten in den Gottesdienst gehen. Aber ich kann sie auch verstehen, denn vom befreienden Charakter der christlichen Botschaft ist ja in so einem Gottesdienst gerade für junge Leute meist wenig zu spüren. Mancher Jugendliche hat sich da am Heiligabend nur deshalb in die Christvesper gequält, weil anders der Familienkrach unausweichlich gewesen wäre. Hat Jesus das gewollt?

Wenn dann aber so ein junger Pfarrer kommt, voller Gnade und Kraft wie dieser Stephanus, und wenn der es auch noch versteht, vielleicht solche in die Kirche zu locken, die gepearct sind, die nicht so aussehen, wie man sich einen Musterjugendlichen vorstellt, dann – das habe ich selbst in Kleinstadtgemeinden erlebt – riskiert der Pfarrer zwar keine Steinigung, aber doch massive Einsprüche im Gemeindekirchenrat. Ich habe erlebt, dass einem Pfarrer und auch mir Vorhaltungen gemacht wurden, dass wir in einer PDS-Jugendkneipe waren – dabei hatten wir dort junge Leute in Gespräche darüber verwickelt, dass es auch einganz anderes Angebot für ihre Zukunft gibt. Dort sollten wir doch bitte unser Licht nicht leuchten lassen, das schädige das Ansehen der Gemeinde, wurde uns beschieden. Ich bin überzeugt, Jesus wäre da auch hingegangen. Der Glaube, zu dem Jesus aufruft, ist keine einfache und glatte Sache. Es gibt nicht ein Schwarzweiß-Schema „So oder so ist es richtig“, es gibt ganz unterschiedliche Zugänge zum „Licht der Welt“ – und dadurch entstehen Spannungen, die es auszuhalten gilt. Spannungen zum Beispiel zwischen Generationen, Spannungen zwischen Menschen, die sich als „bibeltreu“ empfinden und solchen, die gar nicht mit der Bibel aufgewachsen sind, aber auf ihrem Lebensweg plötzlich das „Licht des Weltalles“ spüren konnten.

Es ist mit dem „Licht der Welt“ vielleicht wie mit Wasser: Wenn es kalt ist, sehen wir ein Eiskristall oder auch einen Schneeball, im Sommer Regen- und Tautropfen, in die Badewanne fließt es heiß, in der Sauna erleben wir es als Dampf. Sollen wir nun sagen: „Nur Schneekristalle sind wirkliches Wasser“? Keiner käme auf die Idee. Aber leicht sagen wir: „Das ist doch kein Gottesdienst“, wenn darin vielleicht Gott mit Rockmusik gelobt wird oder wir sind skeptisch, wenn ein Pfarrer sich auf ganz alte liturgische Bräuche rückbesinnt und auch in einer evangelischen Kirche Weihrauch zum Preis des neugeborenen Kindes entzündet wie die Weisen aus dem Morgenland.

Mir persönlich fällt es leichter, in alten liturgischen Formen Gottesdienst zu feiern, ich liebe auch lateinische Messen – aber ich bin mir sicher, dass Gott jede Sprache versteht, in der wir zu ihm oder auch von ihm sprechen. Und das Licht der Welt wird nur dann dunkel, wenn wir ihm keine Luft lassen zum Brennen, wenn wir es unter einen Scheffel stellen, dass es erstickt. Wenn wir aber so von Gott sprechen, dass es spürbar aus unserem vollen Herzen kommt, dann wird das Licht leuchten – und dann wird die Hoffnung und die Sehnsucht wachsen, den Himmel offen zu sehen wie Stephanus, und Jesus zur rechten Gottes, des Vaters, der ihn zu uns gesandt hat in seiner liebenden Gerechtigkeit.

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