Weitab von den Schalthebeln der Macht

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

eine Reise zu den Schalthebeln der Macht, wo würde sie uns wohl hinführen? Geschichte wird in den Hauptstädten geschrieben, Entscheidungen über Krieg und Frieden werden bei den Supermächten, in den vertraulichen Gesprächen mit Beratern oder hinter verschlossenen Türen des Sicherheitsrates getroffen. In den Palästen der selbst gewählten Herrscher bestimmt sich Wohl und Wehe eines Volkes. Das ist der normale Lauf der Dinge, in dem es heißt: „Und du, Moskau und Washington, Jerusalem und Kairo, Kabul und Bagdad, groß ist der Schrecken und schmerzhaft die Erfahrungen, die Menschen mit den Entscheidungen eurer mächtigen Herrscher verbinden. Und du, Washington, London und Madrid, Sicherheit habt ihr versprochen, für Freiheit und Demokratie wolltet ihr eintreten, aber bis heute leben die Menschen nicht sicher in ihren Städten und Dörfern, können sie nicht in Frieden ihre Felder bestellen und die Kinder heranwachsen sehen. Bis heute strotzt die Ruhe in Kabul und Bagdad nur so vor Waffengewalt. Bis heute ziehen Menschen verblendet im Glauben umher und töten im Namen Gottes“.

Eine Reise zu den Schalthebeln der Macht, wie viel Heil und Hoffnung auf eine bessere und sichere Zukunft kann sie uns eigentlich geben? Das Jahresende ist die Zeit der Prognosen und der Meinungsumfragen und die Menschen sind pessimistisch. Sie erwarten nicht viel, jedenfalls nichts Gutes! Weihnachten ist da wie ein kurzer Lichtblick, wie ein Ort zum Ausruhen und Durchatmen mitten auf der anstrengenden Reise. Aber dann holt einen meist die Realität auch schon wieder ein. Kritiker würden sagen: Weihnachten ist mehr ein Strohfeuer als ein Lichtblick.

Der Prophet, der sich im Buch Micha verbirgt und zugleich öffnet, dem wir heute am Morgen nach dem Heiligen Abend noch einmal mit seiner wunderschönen Weissagung begegnen, kennt dieses Gefühl wieder in der Realität angekommen zu sein, kaum das die Lieder verstummt sind. Er kennt den Wunsch nach sicheren Grenzen und Frieden in den Straßen und Häusern, aber er kennt auch die Mächtigen im Palast in Jerusalem und hat seine Erfahrungen mit den Herrschern in Babel. Er ist das, was man einen Realisten nennt. Das Land ist verwüstet, die Stadt Jerusalem zerstört, von denen die noch den Namen des großen Königs David tragen, ist nichts zu erwarten. Aber er gehört nicht zu denen, die nichts Gutes mehr von der Zukunft erwarten. Er erwartet ganz anders als zu erwarten gewesen wäre.

„Und du, Bethlehem, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei.“ Also: Streckt euch nicht nach den Schalthebeln der Macht, in ihnen liegt nicht das Heil der Welt begründet, lediglich eine große Verantwortung für die nachfolgenden Generationen, auch noch etwas gestalten und verwalten zu können. Vertraut nicht allein auf die Konferenzen und Gipfel, die versprechen globale Lösungen für alle Probleme zu finden. Schaut lieber auf die Orte, wo Gott Geschichte macht.

Zugegeben das sind oft keine großen, attraktiven Städte und Orte, die immer und überall Tagesgespräch und medienwirksam sind. Gott macht oft Geschichte mit Menschen, auf die keiner gesetzt hätte. Gerade Bethlehem ist dafür ein guter, beinahe schon programmatischer Ort – Haus des Brotes – also: Haus des Lebens – Haus des Friedens – Ort an dem Lebenshunger gestillt werden soll. Bethlehem, das ist der Ort, an den Ruth ihrer Schwiegermutter Naemi folgt, verwitwet, mit einem Leben, dem der Tod mehr als einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Bethlehem, das ist der Ort, an dem Ruth als Fremde in einem fremden Land sicher leben und satt werden darf. “Wo du hingehst, da will auch ich hingehen, wo du bleibst, da bleibe auch ich.“ Ruths Versprechen ist sprichwörtlich geworden und hat sich in einem tiefen Sinn erfüllt. Sie ist in Bethlehem geblieben, hat dort Heimat gefunden. Welch ein Geschenk in einem jeden Leben!

Bethlehem ist aber auch der Ort, an dem der Prophet Samuel den neuen König Israels suchen soll, als Sauls Stern am Sinken war und er fand ihn entgegen allen Erwartungen in der Gestalt des jüngsten von 8 Söhnen, schmächtig und im Vergleich zu seinen stattlichen Brüdern eher unscheinbar. Ein Hirtenjunge, mit dem nach Meinung seines Vaters kein Staat zu machen war und der erst von seiner Herde geholt werden musste. Später wird er Goliath besiegen und seine Zeit wird die Zeit sein, die der Prophet „vormals“ „am Anfang“ nennt, eine verklärte zeit, ein goldenes Zeitalter. David wird Urbild des Retters, des Heilands werden. Auf den Sohn Davids richten sich alle Hoffnungen. Aber David erinnert vor allem daran, dass Gott nicht nach dem schaut, was vor Augen ist. Er misst nicht nach Größe und Erfolg, nach Schönheit und nach Reichtum, nach Listigkeit und Durchsetzungsvermögen. Wenn er mit dem Hirtenjunge schon Großes vor hatte, dann kann er auch mit meinem und deinem Leben ganz entscheidendes und wichtiges vorhaben.

Bethlehem ist der Ort, wo wir miteinander entdecken dürfen, dass Gott eben anders plant und handelt, als wir Menschen es gemeinhin gewohnt sind und miteinander halten.

Zuguterletzt rückt Bethlehem dann noch einmal in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Diesmal nicht mehr, weil sich mit diesem Ort die große Hoffnung verbindet, dass Gott einmal einen neuen Anfang machen wird, sondern weil mit einem Mal mitten in der Nacht Menschen bekennen, dass sie diesen Neuanfang erlebt haben, mit eigenen Ohren gehört und mit eigenen Augen gesehen., wie der Engel es ihnen verkündet hat: „siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr in der Stadt Davids.“ Wieder ist es ganz anders als man es erwarten durfte: eine junge Familie ist Spielball der Mächtigen der Welt, eine Stadt, die keine Zuflucht bot, keinen anderen Raum als Herberge kannte als nur eine Viehhöhle mit einem Futtertrog ist der Schauplatz und die Hirten sind die Zuschauer dieses Ereignisses. Unter unseren Bedingungen hätte davon keiner Notiz genommen: Flüchtlingskinder oder Kinder ohne Dach über dem Kopf, die Opfer staatlicher Willkür sind, gibt es unzählige. Es hat keinen Nachrichtenwert, gerade davon und dann auch noch von Einzelschicksalen zu berichten.

Aber bei Gott ist das eben ganz anders: da zählt der Einzelne mit seinem Schicksal und seinem Los. Da geht es nicht nur um die große und manchmal eben auch grobe Linie, sondern um dich und um mich. Vielleicht ist das die tröstlichste Botschaft dieses Tages.

Weihnachten ist jetzt auf seinem Höhepunkt, für manche auch schon wieder im Abklingen. Da sind die beiden Feiertage dann noch wie ein Nachschlag, ehe das nächste Großereignis kommt. Aber Gottes Geschichte ist noch nicht zu Ende. Der Anfang ist gemacht.

Da ist dieses Kind, da ist dieses Leben, in dem so viel von Frieden und Ermutigung, von Respekt und Heilung an Leib und Seele zu spüren sein wird. Das Evangelium fängt gewissermaßen erst an. Aber da wird auch die Gewalt der Mächtigen zuschlagen und diese Hoffnung und Sehnsucht ans Kreuz nageln. Da ist das leere Grab und wieder die Ermunterung „Fürchtet euch nicht, das Leben hat gesiegt“ und die Erfahrung der Zurückgebliebenen bis auf den heutigen Tag, dass der Tod noch nicht aufgehört hat, seine eigenen Geschichten zu schreiben. Es ist wie zwischen den Zeiten: Das Neue ist da. Es muss und wird sich noch durchsetzen. Es ist die Zeit der Wehen: schon heute und doch noch nicht endgültig ist wirklich geworden, was Micha gesagt hat.

Aber wir haben dieses wunderbare Fest Weihnachten als Unterpfand: Gottes Geschichte mit uns hat ein gutes Ende. Gottes Geschichte umfasst in diesem Kind alle Menschen. Gottes Ziel ist Frieden. Gott schreibt seine Geschichte nicht nur mit den Großen, er sucht sich Menschen, auf die keiner gekommen wäre, an Orten, an denen keiner gesucht hätte. An solchen Orten wie Bethlehem oder mitten unter uns.

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