Fürchtet euch nicht

… und sie fürchteten sich sehr.

Liebe Gemeinde,

ich habe mich in diesem Jahr beim Lesen der Weihnachtsgeschichte den Hirten besonders nahe gefühlt. „Und sie fürchteten sich sehr.“ In den vergangenen Wochen und Monaten habe ich viel Angst um mich herum und auch in mir gespürt. Da waren die Nachrichten von Terror und politischen Morden. Da waren die plötzlichen und tragischen Todesfälle in unserer Kirchengemeinde und auch in meinem Freundeskreis – Verluste, die nicht nur große Trauer hervorgerufen haben, sondern auch die bange Frage: Wie soll es weitergehen? Da ist viel Angst vor der Zukunft bei Menschen, die auf einmal, nach jahrelang geregelter Arbeit, befürchten müssen, in die Sozialhilfe abzurutschen. Der Besuch beim Arzt, lange herausgeschoben, und dann doch: Sie haben da einen Knoten, das müssen wir genauer untersuchen.

… und sie fürchteten sich sehr.

Wir haben Grund, zu bangen und uns zu ängstigen. Jeder von uns, ich will das gar nicht weiter ausmalen und vertiefen, ich will ja auch niemanden die freudige und erwartungsvolle Weihnachtsstimmung verderben. Aber wir müssen uns schon einen Moment lang Zeit nehmen, diesen Teil unseres Lebens wahrzunehmen, damit wir die Botschaft dieses Abends wirklich hören können: „Und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht“.

Fürchtet euch nicht – Liebe Gemeinde, hat der Engel die Hirten getäuscht? Hat er uns allen zuviel versprochen? Ist es nicht so, dass wir auch heute, trotz und viele viele Jahr nach der Geburt des Heilands viel Grund zur Furcht haben? „Fürchtet euch nicht“ Können diese Worte des Engels etwas bewirken, heute, für uns? Wie soll das möglich sein?

Ich habe mir überlegt, was mir die Angst austreibt. Und als erstes und allerwichtigstes ist mir eingefallen: wenn ich nicht mehr allein mit ihr bin. Angst macht eng, sie nimmt die Luft und den freien Blick. Wenn ich allein in ihr bin, dann wird es immer enger und ich sehe keinen Ausweg mehr. Aber wie anders ist es, wenn da jemand ist, der sagt: „Hab keine Angst, wir schaffen das zusammen.“ Oder: „Ich verstehe dich, ich habe auch Angst. Aber irgendein Weg wird sich finden.“ Oder: „Lass uns noch mal überlegen, was wir tun können.“

Die Situation ist nicht anders als vorher: aber die Nähe eines Menschen tröstet und wärmt, und die Worte eröffnen einen neuen Horizont. Ist das nicht genau das, was der Engel mit den Hirten gemacht hat. Er hat ihnen durch sein tröstendes Wort die Angst genommen und ihnen die Weite des Himmels gezeigt. Und es hat funktioniert. Gestärkt und ermutigt haben die Hirten sich auf den Weg gemacht, um „zu sehen, was da geschehen ist.“ Und sie fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.“

Nein, der Engel hat nicht gelogen. Das was die Hirten dort sehen, dieses neugeborene Kind, ist Gottes Art uns zu sagen: Ich liebe dich, ich will dir nahe sein, dich begleiten auch in deinem Zittern und Zagen.

Eindrücklicher hätte Gott das wohl kaum tun können. So eindrücklich ist dieses Bild in unser Herz gemalt, dass es jedes Jahr wieder die Menschen in die Kirchen zieht: auch die, die sonst nur ausnahmsweise oder gar nie kommen. Auch bei uns heute in Wittlohe sind es wohl wieder mehr als 1000 Menschen, die gekommen sind. Sie sind gekommen, um dieses Bild, dass sie doch sowieso schon in ihrem Herzen tragen, vor Augen zu haben: Das Kind in der Krippe, auf Heu und auf Stroh. Gott begegnet uns in diesem Kind, lässt alle Macht- und Drohgebärde außen vor und kommt uns ganz nah; er macht uns keine Angst, sondern zeigt uns seine grenzenlose Liebe. Die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus – so heißt es im 1. Johannesbrief.

Diese vollkommene Liebe feiern wir heute: Gott, der die Liebe ist, begegnet uns im Kind, teilt unseren Schmerz, unsere Endlichkeit, unser Hoffen und Sehnen, nur um es uns als Wahrheit zu zeigen: Fürchte dich nicht. Du bist nicht allein und Dein Leben hat ein gutes Ziel.

Sicherlich: solange wir in dieser Welt leben, haben wir immer noch viele Gründe zur Angst: Angst vor Versagen, Angst um die Existenz, Angst vor Krankheit und Gewalt. All das ist unverändert geblieben. Nur eins hat sich seit der Heiligen Nacht verändert. Ich weiß jetzt, dass ich geliebt und gerettet bin, und das kann meine Angst in die Schranken weisen oder sogar vertreiben.

Was, Sie meinen solch ein Wissen ist nutzlos, kann nicht wirklich etwas verändern? Nur Taten können das? Dann hören Sie sich mal diese kleine Geschichte von Peter Bichsel an, es geht um eine Frau, die ihre Lieblingsbluse trägt:

„Tragen

Ihres Charmes bewusst bewegte sie sich den ganzen Tag in ihrer Lieblingsbluse, der bläulichen mit dem Rundkragen, schlug ein Bein übers andere, den Notizblock auf dem Knie, und stellte sich vor, wie der Rundkragen über das Deux Piece in Anthrazit fällt.

Abends erschrak sie vor dem Spiegel, als sie sah, dass sie den ganzen Tag die weiße getragen hatte mit den Spitzen und dem großen Auslegekragen.

Da lacht sie.

Auch wenn es ihr kein Trost war, dass sicher niemand bemerkt hatte, dass sie sich einen ganzen Tag falsch bewegt.“

(aus: Peter Bichsel, Zur Stadt Paris)

Eine verrückte Geschichte. Die Frau hat sich den ganzen Tag sicher und attraktiv gefühlt, einfach nur, weil sie davon überzeugt war, dass sie ihre Lieblingsbluse trägt. Kennen Sie das auch, wie sich das Gefühl verändern kann durch ein Kleidungsstück? Da ist mein schickes rotes Kleid, das die überflüssigen Pfunde kaschiert da fühle ich mich gleich fünf Kilo leichter und attraktiver. Oder der neue Anzug mit dem Schlips, der so gut zur Augenfarbe passt: In diesem Outfit tritt er sehr weltmännisch und sicher auf.

Wie wär’s, liebe Gemeinde, wenn wir – um im Bild zu bleiben – in unserem Leben die Weihnachtsbotschaft anzögen? Dieses: „Fürchtet euch nicht. Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird: Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus.“

Wir könnten diese Botschaft der Liebe anziehen, indem wir sie in unserem Herzen und in unserem Denken mittragen. Und ich glaube, allein das wird uns verändern: der Gang wird leichter, luftiger. Der Blick geht auch mal in die Weite, nicht nur auf die alltäglichen kleinen Nöte. In aller Beanspruchung und Sorge fühle ich ein Stück Gelassenheit, weil ein Wunder mich begleitet: das Wunder der Liebe Gottes. Wir werden merken und ausstrahlen, dass der Engel uns nicht getäuscht hat, sondern uns stärkt und froh macht – ja, und die anderen Menschen werden es uns auch anmerken, davon bin ich überzeugt: „Guck mal, der da weiß, dass er in seinem Leben nicht allein ist. Guck mal, die da strahlt Freude und Gelassenheit aus!“

Lassen wir uns vom Engel locken und ziehen die frohe Botschaft an – in unserem Leben. Sie wird uns verändern.

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