Engel

<i>[Das im Gottesdienst verwendete Bild stammt aus dem Perikopenbuch Heinrich II., gemalt von den Reichenauer Benediktiner-Mönchen um 1010.]</i>Liebe Gemeinde!

1. „Du bist wirklich ein Engel!“ – das sagt z.B. Vater zum Sohn, wenn der seinen Gameboy liegen lässt und mit anpackt … – beim Tischdecken oder beim lästigen Einräumen der Spülmaschine …

„Lacht der nicht wie ein Engel!“ – das meint z.B. verzückt die Oma, als sie den kleinen Enkel zum ersten Mal im Kinderwagen ausfährt und ihn dabei stolz einer Nachbarin präsentiert …

„Mensch, da hast Du aber wirklich einen Schutzengel gehabt!“ – so seufzen erleichtert die Eltern, als sie hören: Ihr klettersüchtiger Sprössling ist mal wieder den Apfelbaum ’runter gefallen – und mit ein paar Kratzern davongekommen.

Ich glaube, wir alle kennen solche Redewendungen, Formulierungen aus unserer Alltagssprache, … in denen es vor allem um eines geht: Um Engel.

Engel – sie sind also hilfsbereit und freundlich, unbedingt friedlich, … ja geradezu umwerfend lieb, … sie schützen und leiten, sie begleiten uns Menschen. –

Das sind doch so ein paar der gängigsten Vorstellungen, die wir haben, nicht wahr?

Und völlig klar: Menschen, die sich genauso verhalten, die sind eben wie ein Engel … und all die anderen – die bekommen halt ein „B“ davor (die sind eher „Bengel“ als „Engel“).

2. In unserer säkularen Gegenwartskultur begegnen uns halt immer wieder Engelgestalten – oder besser gesagt: ganz verschiedene, auch durchaus einander widersprechende Vorstellungen über Engel:

Für die einen sind sie geheimnisvolle Lichterwesen, kaum zu greifen, geschweige denn zu begreifen … für andere dagegen sind sie höchst real, bei einer Autopanne etwa – als Gelbe Engel mit Warndreieck und Schraubenschlüssel.

Für manche besitzen Engel eine quasigöttliche Heilsvollmacht … und für andere taugen sie dagegen grad’ mal als pausbäckiger Tannenbaumschmuck mit Stummelflügeln …

Wie dem auch sei … Es gibt so viele Bilder, so viele verschiedene Vorstellungen, die wir mit Engeln verbinden!

Und die bringen wir alle mit … wenn wir, wie gerade geschehen, das Weihnachtsevangelium hören … von dem Engel, der zu den Hirten spricht.

Und es ist, glaube ich jedenfalls, … manchmal gar nicht so einfach, … all die verschiedenen Engelsbilder und Traditionen und Vorstellungen zu unterscheiden – oder auch zu trennen! – von dem, was im biblischen Zeugnis berichtet und bekannt wird.

3. Denn … genau genommen werden die Engel im Weihnachtsevangelium bei Lukas ja grad’ mal mit einem knappen Halbsatz beschrieben … Mit einem knappen Halbsatz!

Ich weiß nicht, ob Ihnen das beim Hören vorhin überhaupt aufgefallen ist … oder ob die eigenen Bilder und Vorstellungen die kurzen dürren Worte sofort – gleichsam automatisch -überlagern und ausschmücken. Hören Sie mal genau hin:

Der Engel des Herrn "trat" zu den Hirten, heißt es bei Lukas … Nun, wer "treten" kann, der muss ja wohl Füße haben, … denkt nun vielleicht der eine oder andere. Aber darauf kommt es gar nicht an.

Entscheidend sind wohl eher die nächsten Worte: (Ich zitiere) "und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie".

Mehr steht da gar nicht … Flügel oder keine Flügel … menschliche oder himmlische Gestalt … oder was auch immer … das spielt eigentlich alles keine Rolle …

„Die Klarheit des Herrn leuchtete um die Engel“ … Das ist das einzige … Das ist das entscheidende.

Wo Gott gegenwärtig ist, … da leuchtet Klarheit auf … da wird alles klar und deutlich, wirklich licht und eindeutig.

Will sagen: Bei Gott und mit Gott finden wir Orientierung … damit wir uns in den Dunkelheiten der Welt und im Zwielicht unseres eigenen Lebens nicht verlaufen.

Genauso etwas wünschen wir uns doch – für unser Leben – immer wieder … nicht nur zu Weihnachten: Klarheit und Eindeutigkeit,… oder zumindest eine Richtung, Orientierung.

Und genau dafür, …für diese leuchtende Klarheit, … für diese Eindeutigkeit, mit der uns Gott sozusagen entgegenstrahlt …, einfach weil er Gott ist! Genau dafür sind die Engel ein Zeichen.

Ein Zeichen … nicht mehr und nicht weniger …

Denn das Licht, von dem unser Bibeltext spricht … das Licht der Klarheit, … das geht ja keineswegs von den Engeln aus …

Die Engel – sie sind umleuchtet, durchleuchtet …

Sie sind sozusagen die Transparentfolie für die Gegenwart Gottes. Mehr nicht. Sie sind Hilfsmittel – mmmh, nein, das hört sich vielleicht zu neutral an. Die Engel sind Boten.

Gottesboten – Im besten Sinne des Wortes …

Und damit die Klarheit … damit das Licht der Gegenwart Gottes,… das die Engel umstrahlt,… damit dieses Licht wirklich eindeutig wird

und verstehbar – selbst für uns vernunftbegabte Menschen – kommt das Wort hinzu. Die Nachricht, die der Engel übermittelt.

Der Caspar-Olevian-Chor hat die Worte des Engels vorhin gesungen, besungen … singend und musizierend in einer wunderschönen Art und Weise interpretiert …

Und die Vielfalt der Gedanken, der Akzente, die wir gehört haben: Ihr braucht euch nicht zu fürchten … Ihr könnt euch freuen … Alle Menschen, wirklich alle haben Grund zur Freude … Denn der Heiland ist geboren … Der Retter, Christus, Gottes Sohn, …

Alle diese Sätze, die wie Leuchtfeuer in die Dunkelheit hineinstrahlen … sie sagen im Grunde genommen alle das gleiche:

Gott wird Mensch in Jesus Christus … wirklich Mensch mit allem, was dazugehört … So radikal und konsequent wendet sich Gott dieser Welt zu. Und jedem Menschen, wirklich: jedem einzelnen.

Eigentlich ist das kaum zu glauben … mit dem Verstand allein nicht nachvollziehbar. Aber doch – es ist wahr.

Das Versprechen von Gottes liebevoller Nähe …

es bekommt im wahrsten Sinne des Wortes Fleisch und Blut.

Das ist die Botschaft, die der Engel weitersagt … Das ist das Evangelium, das diesen Engel leuchten, ja beinahe glühen lässt … und uns Klarheit schenkt, wer Gott ist – und wie Gott ist.

Gott ist uns Menschen – klar und eindeutig -zugewandt. Genau das wird in der Geburt Jesu deutlich. Genau das ist die Botschaft des Engels. Und genau das feiern wir heute. (Gott ist uns Menschen zugewandt – klar und eindeutig …) –

4. Wie Engel nun aussehen … oder wie sie abgebildet werden … oder wie wir uns Engel vorstellen,… ich meine, das alles spielt nicht wirklich eine Rolle … solange wir Engel verstehen als das, was sie sind nach dem Zeugnis der Bibel: Botschafter Gottes. Botschafter des Gottes, der sich uns in Jesus Christus zugewandt hat – klar und eindeutig. Ein für alle mal.

Auf dem Bild hier vorne auf unserem Liedblatt, da erkenne ich so einen Engel … einen Botschafter Gottes … vielleicht empfinden Sie das auch so …

Sein strahlendweißes Gewand … ich meine, das macht wirklich sichtbar: Dieser Engel ist von der Gegenwart, von der Klarheit Gottes regelrecht umleuchtet …

Und seine ganze Körperhaltung … die leicht gebückte Bewegung … das offene friedliche Gesicht, das sich dem Hirten im wahrsten Sinne des Wortes zuneigt … die Hand, die mit einem Segensgestus dem Hirten entgegengestreckt wird, … die ganze Körperhaltung dieses Engels drückt (meine ich) seine Botschaft aus: Gott hat sich Dir zugewandt – ohne wenn und aber, völlig klar und eindeutig.

Ja, und der Hirte, der diese Zuwendung, der diese Zuneigung erfährt? Der macht sich auf den Weg … Noch im Hören geht er los … Und sein Gewand, … es hat … oder besser gesagt: es erhält … die gleiche leuchtende Farbe wie das des Engels. Und so wird er selbst zum Boten …

zum Botschafter Gottes … wird er selbst zum Engel.

5. Das gefällt mir eigentlich am besten an diesem Bild. Denn so wie die Hirten damals können auch wir heute die Botschaft des Engels hören – und uns verwandeln lassen …

Selbst zu Engeln werden – zu Botschaftern Gottes. Indem wir die Frohe Botschaft von Weihnachten weitererzählen: Gott hat sich uns Menschen zugewandt – völlig klar und eindeutig. An dem Baby im Stall von Bethlehem können wir es erkennen: Gott schenkt uns seinen Frieden. Und so können wir unseren Frieden machen – mit Gott, mit anderen Menschen – und auch mit uns selbst.

Auch für uns gilt: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Lassen Sie uns einstimmen in den Lobgesang der Engel – vielleicht mit dem nächsten Lied.

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