Die Wahrheit und der Alltag

Liebe Gemeinde,

das Fest des Lichtes – die Geburt Jesu Christi – steht uns noch klar vor Augen. Mit ihm glauben wir das Licht in die Welt gekommen, das unsere Finsternis und unsere Nacht der Angst und des Todes endgültig besiegt hat. Wenn wir ihm nachfolgen, dann werden auch wir in die Lage versetzt, den Tod zu überwinden und das ewige Leben erhalten. Das ist die große Zusage, die über unserem Leben als Christen steht: wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden: so fassen wir es zu Beginn eines jeden Gottesdienstes zusammen.

Aber die Nachfolge Jesu ist so einfach nicht. Wir treten nach den großen Festlichkeiten, auf die wir schon seit mindestens fünf Wochen eingestimmt worden sind, wieder in den Alltag zurück: viele von uns müssen morgen wieder auf die Arbeit gehen, die Geschäfte werden wieder geöffnet haben und Sie werden sehen, dass Weihnachten fast ganz verschwunden ist – schließlich muss der Handel seine Waren für den Jahreswechsel anbieten: der Alltag hat uns wieder. Manchmal stelle ich mir die Nachfolge zu Jesu Zeiten einfacher vor. Warum, werden Sie fragen? Vielleicht war sie einfacher, weil alles radikaler war: da kommt ein Mensch, dessen Heil- und Predigtkraft umwerfend gewesen sein muss. Dessen Hand und dessen Wort in der Lage sind, sichtbar den Tod zu bannen, ja sogar Tote wieder lebendig werden zu lassen. Und dieser Mensch spricht: folge mir nach und in voller Begeisterung gehen die Jünger mit ihm, getragen von seiner Ausstrahlung und seinen Taten. Klar: sie haben sehr viel mehr zurückgelassen, als wir es heute äußerlich tun: Beruf, Familie, Ansehen usw., aber hatten sie nicht Jesus sicht- und fühlbar um sich? Vielleicht tue ich aber auch den damaligen Jüngern Unrecht und verkläre ihre Zeit aus der Distanz von knapp 2000 Jahren. Die Wirklichkeit für uns ist auf jeden Fall die, dass wir immer noch warten auf die Rückkehr des Sohnes Gottes und dass wir ja beides tun sollen: leben, als könnte er jederzeit wiederkehren und deswegen sich nicht allzu sehr einrichten in dieser Welt, aber dennoch leben hier in dieser Welt im Bewusstsein, dass wir unser ganzes Leben bis zum Tode vor Augen haben müssen, mit allem, was dazu gehört: Absicherung im Alter, Großziehen der Kinder, Sorge um den Beruf und um die Familie. Wenig Spektakuläres, wenig Radikales, dafür umso mehr Alltägliches. Der Alltag hat uns also wieder. Unser heutiges Predigtwort hat dies auf seine Weise thematisiert: Jesus spricht sein bekanntes Ich-bin-Wort vom Licht, das wir alle aus den Taufen kennen, die wir bereits miterlebt haben. Ein erhabenes Wort, will ich meinen: so klar und deutlich, so radikal und darin so einfach. Dann aber kommt der Alltag hinzu in der Gestalt der Frommen und Gläubigen seiner Zeit: in Gestalt der Pharisäer. So werden wir Zeuge eines kurzen Gesprächs zwischen diesen beiden Gruppen. Wir lesen unser Predigtwort aus dem Evangelium des Johannes im achten Kapitel, die Verse zwölf bis 16:

[TEXT]

Die Pharisäer, liebe Gemeinde, sind vielleicht am ehesten zu vergleichen mit den Menschen unter uns, die sich bemühen, Gottes Weisungen zu befolgen und ihr Leben nach ihm auszurichten. Sie haben das schon verinnerlicht, was ich anfangs versuchte, zu beschreiben: sie warten auf den Messias und hoffen auf ihn, aber sie müssen sich einrichten in dieser Welt und tun dies, indem sie um die Gesetze Gottes ein Regelwerk geschaffen haben, das in sich völlig logisch und anerkennenswert ist, aber sie haben damit den Glauben veralltäglicht, weil er den Gesetzen der Welt folgen muss. So sprechen sie, wie wir auch heute wohl sprechen würden: "Moment mal: du stellst dir selbst dein Zeugnis aus: so geht das aber nicht – da braucht es schon jemand anderen, der das für dich tut." Völlig klar: so funktioniert das in der Welt: am Arbeitsplatz genauso wie in der Schule: ein Zeugnis kann nur gültig sein, wenn es ein Außenstehender verfasst. Vielleicht merken Sie es, liebe Gemeinde, da hat uns der Alltag schon wieder erwischt und die Pharisäer von damals auch: sie verwechseln nämlich "gültig" mit "wahr" – nur weil bei uns ein Zeugnis erst dann gültig ist, wenn es ein Außenstehender verfasst hat, muss es noch lange nicht wahr sein. Als Lehrer, der ich ja auch bin, geht mir dieses Dilemma oft recht nah: ich weiß, dass die Noten, die ich manchmal zu geben habe, nur einen äußerst kleinen Bruchteil über die Person, die mir da gegenübersteht aussagen können, aber dennoch haben diese Noten ihre Gültigkeit gemessen an der Bewertungsskala z.B. einer Stegreifaufgabe. Aber die Wahrheit können sie niemals aussagen! Niemals kann ich mit einem Bewertungssystem, wenn ich in dem Beispiel bleiben darf, die Wahrheit über einen Menschen definieren und sei das System der Bewertung noch so ausführlich, noch so durchdacht. Wenn ich Jugendmitarbeitern aus der Gemeinde, deren Arbeit ich sehr hoch schätze in der Schule auf eine Stegreifaufgabe die fünf geben muss, dann wird es mir so bewusst, wie wenig diese Zahl über die Wahrheit, die hinter der Person steht, aussagen kann.

Vielleicht ist es das: die Wahrheit, die hinter einer Person steht und sie ausmacht, ja sie trägt und durchdringt. Wie antwortet Jesus auf die Alltagsanfrage der Pharisäer: "Mein Zeugnis ist wahr, denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe." Das ist das Entscheidende: die Fragen nach dem Woher und Wohin sind in Jesus beantwortet. Der Alltag aber kann sich darum nicht kümmern, denn er ist beständig bemüht, sich mit dem schwierigen Jetzt auseinander zu setzen. Jesus setzt noch eines dazu: "Ihr richtet nach dem Fleisch, ich richte niemanden." Das als ein weiteres Zeichen des Alltags: er scheint nur nach dem Äußerlichen beurteilen und richten zu können, vielleicht besser: nach dem, was uns ansichtig ist. Dazu zählt natürlich heutzutage auch die Psyche eines Menschen, soweit wir sie verstehen. Aber es muss uns verständlich, regelbar, einsichtig werden, ansonsten droht uns der Kontrollverlust im Alltag. Die Pharisäer konnten sich Jesus nicht anschließen, nicht etwa deswegen, weil sie weit weg vom Reiche Gottes gewesen wären – in Wirklichkeit waren sie ganz nahe dran, viel näher als die Zöller, die Huren und die anderen, die Jesus während seiner Wanderschaft aufsucht. Aber sie haben die Überschreitung des Alltags nicht zulassen können: und darin sind sie uns sehr ähnlich. Dass etwas in diese Welt gekommen ist, was sie durchbricht und verstört – etwas, das sich nicht orientiert an dem Erklärbaren, an dem Sichtbaren, an dem Fleisch, sondern das etwas anderes zur Grundlage gelegt hat: nämlich die Wahrheit, wie sie von Gott-Vater herkommt und wie sie zu Gott-Vater wieder zurückkehrt: dass so etwas gekommen ist, übersteigt die Fähigkeiten der Pharisäer.

Dennoch kehren wir spätestens ab morgen wieder in unseren Alltag zurück, in unsere Alltagssorgen, die uns nicht loslassen wollen, in unser Alltagsgeschäft, das die meiste Zeit des Tages ausfüllt. Aber, liebe Gemeinde, unser Predigtwort erinnert uns daran: der Glaube an Gott, die Nachfolge Jesu Christi hat trotz alledem nichts von ihrer Radikalität verloren. Sie blitzt dort auf, wo sie an die Ränder unseres normalen Lebens kommt, wo sie uns an Entscheidungen führt, die der Pharisäer anders beantworten würde als der Christ, der Jesus nachfolgt. Und dabei gibt es kein Regelbuch, kein Nachschlagewerk, aus dem wir schöpfen könnten, wenn wir in unserer Welt uns orientieren wollen. Das Regeln-wollen bleibt das Denken der Pharisäer in uns und wir werden es nie ganz besiegen können, solange wir in dieser Welt leben. Aber dennoch glaube ich an die Kraft, die uns ab und an erreicht, wenn wir konkret handeln – jeder in seiner eigenen Situation und Lage, die so unvergleichlich anders ist, als die von anderen Menschen. Ich glaube daran, dass dort etwas durchbrechen kann von diesem Geiste Jesu, der spricht: "Ich bin das Licht der Welt" – und dass in diesem Handeln etwas von der Menschlichkeit Gottes, der uns ein Kind zu Weihnachten geworden ist durchscheinen kann und zwar egal, welche Regeln und Sicherheiten man damit gerade verletzt.

Beispiele dafür gibt es in der Heiligen Schrift genug: die Geschichte, in der Jesus die Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrt, findet sich direkt vor unserem Predigtwort. Die anderen Geschichten, in denen Jesus die Regeln seiner Zeit durchbricht, weil er von dem Gotte redet, der den Menschen nahe sein will, kennen wir ebenfalls zur Genüge. Fast schon so gut, dass wir bereits dabei sind, sie in unser Alltagsdenken einzuordnen. Wie aber die konkrete Situation sein wird, in der Sie selbst, liebe Gemeinde, gefordert sind, Jesu nachzufolgen und den Alltag zu durchbrechen, eben weil auch Sie mit Jesus gelernt haben, woher sie kommen und wohin sie gehen: diese konkrete Situation kann Ihnen niemand anderes von außen sagen, sondern die Wahrheit Gottes wird sie anrühren in diesen Momenten und Sie werden vor Ihre eigene Entscheidung gestellt sein. Kurz nach unserem Predigtwort erläutert Jesus sein Verständnis von dieser Wahrheit Gottes noch etwas konkreter: "Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen."

Die Wahrheit ist das, was wir Menschen, die Jesus nachzufolgen versuchen, bekennen und erkennen sollen, nicht die Alltagstauglichkeit unseres Daseins, denn Jesus spricht: "Ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe." Wenn wir Weihnachten weiterhin in unserem Herzen tragen, der Glaube, dass das Licht der Welt in unser Leben kam, dann bin ich überzeugt, dass wir dieses Licht spüren werden, wenn wir in unserem Alltag herausgefordert sind. Und dass wir bewahrt werden, über dem "Jetzt" das "Woher und Wohin" zu vergessen.

drucken