Friede!

Ein Text voller Sehnsucht. Sehnsucht nach einem echten Herrscher, beeindruckend, souverän. Einer bei dem man aufhorcht. Der nicht nur etwas sagt, der etwas tut, der im Auftrag Gottes handelt. In dessen Herrschaftsbereich man sicher leben, wohnen und arbeiten kann.

Sehnsucht nach einem Herrn von G o t t e s Gnaden, nicht von Menschen Wahl, ein Herr nicht nach den Interessen von Verbänden und Parteien.

Sehnsucht nach einem Herrn, der mit überzeugender Autorität mit der Macht Gottes regiert. Und die Vision, dass dieser Herr kommt.

Heute am zweiten Feiertag eine politische Predigt? Der Prediger ist geneigt, die Vision des Propheten und seine Sehnsucht sich zu eigen zu machen und von einer kommenden neuen Zeit zu schwärmen. Aber es geht um mehr.

Zur Zeit des Propheten war die Grundlage der Staatsführung das Mosaische Gesetz und die Thora. Heute sind Staat und Kirche strikt getrennt. Martin Luther unterscheidet zwischen einem weltlichen Reich und einem göttlichen Reich. Bei beiden gibt es eine sozialethische Komponente. Denn die staatlichen Grundprinzipien orientieren sich an den zehn Geboten. Unser Grundgesetz hat eine biblische Grundlage! Und jeder Bürger hat tut gut daran, das zu akzeptieren. Arbeiter und Angestellte genauso wie Politiker, Manager oder Studenten. Das Problem, das uns die Medien immer wieder vorlegen ist: Ethisch-moralische Grundsätze sind kein Garant gegen Ungerechtigkeit, Korruption und Lüge!

Das war auch im alten Bundesvolk Israel so. Die Aufgabe der Propheten war es deshalb, diesen Missstand anzuprangern und das Einhalten der göttlichen Ordnungen einklagen. Religiöser Kultus und Staatsführung waren damals so eng verknüpft wie heute im Islam. Der Hohe Rat war so etwas wie ein Parlament und stand unter der Leitung eines Hohenpriesters, der das Einhalten der Gesetze überwachte und auch den König einsetzte. Eigentlich war alles geordnet. Doch warum sehnt sich unser Prophet nach einem anderen Herrn? Warum verheißt er einen, der in der Kraft Gottes regiert und dessen Herrschaft ewig dauert? Weil eben nicht alles in Ordnung war.

Im Kapitel 3 grenzt er sich von bezahlten Berufspropheten ab. Er verspottet die, die auf solche Ratgeber hören, die für gutes Essen predigen und Wahrsagerei gegen Geld treiben. Er bezeichnet sich als einen, der vom Geist Gottes inspiriert ist und in mit Vollmacht predigt. Er ist autorisiert, dem Volk und dessen Oberen die Übertretungen der Ordnungen Gottes vorhalten zu dürfen. Micha sieht soziale Ungerechtigkeit, er sieht drohendes Unheil und einen verschwenderischen selbstherrlichen König, dem Machterhalt und kriegerische Auseinandersetzungen wichtiger sind, als das Wohlbefinden seiner Untertanen.

Liebe Gemeinde, im Rückblick auf gescheiterte und untergegangene Reiche und Dynastien muss nüchtern festgestellt werden, dass die Zustände nicht wesentlich anders waren, als zur Zeit des Propheten. Daraus ist zu schließen: Wer Gottes Ordnungen nicht achtet, wer Kritik besserwisserisch übersieht, wer das Recht aushöhlt, wer die schleichend einhergehende Armut von Millionen seiner Bürger nicht ernst nimmt, wer mehr Geld für teure Waffensysteme investiert als für die Zukunft seiner Kinder, wer Staatsverschuldungen in unverantwortliche Höhen treibt, der wird auch scheitern.

Micha der Prophet hat das Ende seines Königs Hiskia vorausgesehen und traut keinem irdischen Machthaber mehr. Er sehnt sich nach einem Herrscher, der, vom göttlichen Geist erfüllt, endlich Frieden schafft. Er schwärmt von dieser neuen Zeit:

– Die Kriege gehen zu Ende,

– Streit wird geschlichtet,

– Recht wird Recht bleiben,

– kein Volk wird mehr ein anderes angreifen,

– Schwerter werden zu Pflugscharen,

– keiner muss sich mehr fürchten!

(So in Kapitel 4) Seine Predigt gipfelt in dem von großer Ergriffenheit geprägtem Satz: „Er wird der Friede sein“.

Micha hat offenbar nicht vergeblich gepredigt. Vom König Hiskia wird berichtet, dass er Buße tat. Freilich wird auch das das nicht verschwiegen: Einige Zeit später wurde er wieder von seinen Machtgelüsten oder den Intrigen um ihn herum übermannt. Er schwankte zwischen den Großmächten Ägypten und Assyrien hin und her.

Aber wir haben ja hier keinen jüdischen Geschichtsunterricht. Zurück zu hier und jetzt, zurück zur Botschaft des Propheten. Was ist für uns heutigen drin?

Die Sehnsucht nach Frieden. Die teilen wir mit dem Propheten. „So weit die Welt ist“, prophezeit er, „wird er herrlich sein“. Etwas Schönes, Edles, Feines, löst bei uns den Ruf „herrlich“ aus. Im Wort herrlich steckt aber auch "Herrschaft". Herrschaften wiederum glänzen mit Prunk und großem Gefolge, Edel das Gewand, prächtig das Domizil, teuer der Fuhrpark. Die Bibel selbst tut das, wenn sie zum Beispiel die Herrlichkeit eines Königs Salomos beschreibt. Ich meine aber aus dem Wort „er wird herrlich werden, soweit die Welt ist“ noch etwas anderes herauszuhören: Wo der Friedensbringer auftritt, wird es gut, schön, wunderbar sein. Also:

– Herrlich, wenn niemand mehr schimpft!

– Herrlich, wenn Menschen nicht mehr streiten!

– Herrlich, wenn es keine Besserwisser mehr gibt.

– Herrlich, wenn über einen Fehler hinweggesehen wird und man sich nicht gegenseitig Vorhaltungen macht.

– Herrlich, sich ungeteilt freuen zu können.

– Herrlich zu wissen, dass es keine Tränen, keinen Hunger, kein Mord und Totschlag mehr gibt.

– Herrlich, dass das ist nicht nur hier so, sondern soweit die Welt reicht!

Friede auf Erden!

Die Vision ist eine Ausnahme. Denn soweit die Reden des Propheten aufgezeichnet wurden, sind es durchwegs Weherufe gegen und Klagen über seine Volksgenossen. Von Micha stammt auch das bekannte Wort: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Wochenspruch zum 20. Sonntag nach Trinitatis). Ein beschwörender Appell des Propheten an seine Hörer, sich an die guten Ordnungen Gottes zu erinnern, die einzuhalten eine unverzichtbare Voraussetzung zum Frieden ist. Die Botschaft wurde vor Christi Geburt gepredigt. Heute, nach Christi Geburt, ist folgendes festzustellen:

Der Engel hat gesagt: Es i s t Friede! Euch ist heute der Heiland geboren. Heiland steht für Retter. Im AT ein Ehrenname für Jahwe. (z.B. Psalm 17,7) Aber die Botschaft des Engels verbindet den Heiland mit den Gesalbten Gottes = Christus, und nennt ihn gleichzeitig den Herrn in der Stadt Davids, also Nachfolger des großen Königs David. Und damit Anwärter auf den Königsthron. Drei Titel für das Kindlein in der Krippe. Unübersehbar und deutlich vernehmbar: Dieser ist es. Das Warten ist zu Ende. Er ist da. Mit Jesu Geburt ist der der von Gott verheißene und vom Micha prophezeite Frieden-Bringer, der Retter der Menschheit gekommen. „Jesus Christus, König und Herr, sein ist das Reich, die Macht, die Ehr“ nennt ihn die christliche Gemeinde.

Der Prophet schreibt: Er wird der Friede sein und im Epheserbrief lesen wir: Er ist unser Friede! Der Predigttext heute war bei der Christmette Teil der alttestamentlichen Lesungen und stand im Zusammenhang mit der Weihnachtsgeschichte des Lukas. Daraus ist die Weihnachtsbotschaft heute etwa so zu formulieren:

1. Der Friede Gottes kommt mit Jesus Christus zu uns – in die Welt.

2. Der Friede kommt zu denen, die diesen Friedensbringer Jesus Christus im Glauben annehmen, sich auf die Seite der Herrschaft Gottes stellen. Paulus: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus. (Römer 5,1)

3. Ohne Frieden mit Gott gibt es keinen Frieden in der Welt.

Diese Botschaft muss – darf – heute verkündigt werden. Sie gehört zum Vollzug des Tauf- oder Missionsbefehls des Herrn der Kirche. Die Botschaft stößt auf zunehmende Ablehnung in Europa. Aus verständlichen Gründen. Die Herren der Welt ahnen oder wissen, dass sie einem Höheren verantwortlich sind. Aber zu allen Zeiten haben die Herren der Welt entweder Gott geleugnet oder sich als ausführendes göttliches Organ verstanden, wenn es um Recht und Unrecht ging. Die Vision des Propheten Micha hat sich erfüllt. Gott möge es schenken, dass die Verantwortlichen in den Regierungen ganz Europas sich daran erinnern lassen, dass Gott mit dem Kind in Bethlehem einen souveränen Anspruch darauf hat selbst der Friede zu sein. Und alle politischen Friedensbemühungen nicht an ihm, nicht an Jesus Christus vorbeikommen.

Die Botschaft erreicht aber zuerst die Hirten. Die einfachen Leute waren Gott wichtiger als die gelehrten Herren. Hätten die Hirten die Botschaft gehört, ihr aber nicht geglaubt, wäre die Botschaft zwar auch da gewesen, aber sie wäre an ihnen vorübergegangen. Nur weil sie sich aufmachten, fanden sie das Jesuskind und die vom Engel verheißene Freude über den Friedensbringer ergriff sie. „Und sie breiteten das Wort aus“ wird berichtet. Sie erzählten weiter, was sie gesehen und gehört hatten. So zog die Weihnachtsbotschaft Kreise. Sie tut das heute noch.

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