Freude nach den Schmerzen der Geburt.

Predigt über Micha 5,1-4

Liebe Gemeinde!

Auf der Postkarte (siehe Link: https://www.gottesdienstinstitut.org/catalog/images/Weihnachtskarte%202004.jpg?osCsid=62c2f4c80a8dc00f322c6fe2fd2b2015)

sehen wir den Stall und die Krippe in etwas moderner Gestalt. Der Künstler Siger Köder, der selbst lange als Pfarrer gearbeitet hat, hat diese Geburtsszene in ein Altarbild eingefügt. In der Mitte ist Maria mit dem neugeborenen Kind. Sie drückt es an sich und gibt ihm einen Kuss. Ich denke, dass ist eine ganz natürliche Reaktion, ein Zeichen der Freude über die Geburt dieses Kindes. Josef scheint die Geburt ebenfalls ein wenig angestrengt zu habe, denn er schläft. In einer Geburt ist immer beides da: Die Freude über das neugeborene Leben eines Menschen, und die Erschöpfung nach der Anstrengungen und den Schmerzen in den Wehen. Erst kommen die Wehen, dann wird Leben neu geboren. Im Leben eines Menschen ist es vielleicht immer so ähnlich: Nach Trauer und Schmerz kann es wieder Freude und Glück geben. Oder anders gesagt: Es gibt eine Zeit der Not, aber auch eine zeit des Glücks und der Freude. Dies wurde schon in alter Zeit auf die Geburt und die Schmerzen der Wehen bezogen. Dazu lese ich den für heute vorgeschlagenen Predigttext

Micha 5,1-4:

1 Doch dir, Betlehem im Gebiet der Sippe Efrat, läßt der HERR sagen:

»So klein du bist unter den Städten in Juda, aus dir wird der künftige Herrscher über mein Volk Israel kommen.

Sein Ursprung liegt in ferner Vergangenheit, in den Tagen der Urzeit.«

2 Der HERR gibt sein Volk den Feinden preis,

bis eine Frau den erwarteten Sohn zur Welt bringt.

Dann werden die Verschleppten, die noch am Leben sind,

zu den anderen Israeliten zurückkehren.

3 Im höchsten Auftrag des HERRN, seines Gottes,

und mit der Kraft, die der HERR ihm gibt,

wird er die Leute von Israel schützen und leiten.

Sie werden in Sicherheit leben können,

weil alle Völker der Erde seine Macht anerkennen.

4 Er wird Frieden bringen.

Liebe Gemeinde,

es ist schon etwas eigenartig, heute am 1. Weihnachtstag auf ein Wort aus dem Alten Testament zu hören. Wir möchten zu recht etwas mehr über die Geburt Jesu Christi erfahren, und davon steht nun einmal im alten Testament nichts. Wenn wir andererseits die Geschichten um Jesu Geburt aus den Evangelien des Matthäus und Lukas hören, begegnen uns wiederum manche solcher Texte, die einfach zitiert werden. Der Evangelist Matthäus schreibt dann einfach: Dies ist geschehen, damit erfüllt werde, was geschrieben steht. Und dann kommt ein solches Zitat aus dem Alten Testament. Die Evangelien selbst zeigen also immer einen engen Zusammenhang zwischen der Botschaft von Jesus und dem Alten Testament auf. Nur auf dem Hintergrund dessen, was wir von daher über Gott und die Geschichte des Bundes Gottes wissen, können wir Jesus Christus richtig verstehen.

Die Evangelien sind sich mit Paulus darin einig, dass Jesus von der Abstammung her aus der Nachkommenschaft Davids stammt. David war der König, der aus einem Stämmebund ein einheitliches Staatswesen gemacht hat.

Zur Zeit Jesu war dies alles längst Vergangenheit. Unser Text bezieht sich auf die Familie Davids. Die es eigentlich nicht mehr gab. Doch dieses Michawort greift auf den Anfang der Geschichte zurück. Der Ursprungsort der davidischen Familie war nicht Jerusalem, sondern die kleine Stadt Bethlehem im judäischen Bergland, die nur ca. acht Kilometer von Jerusalem entfernt ist. Ohne den Namen David zu nennen ist klar, dass in dieser Verheißung bei Micha davon die Rede ist. Für die Geschichte von der Geburt Jesu ist nun dreierlei wichtig: die Nennung Bethlehems als Geburtsort des künftigen Königs, der Bezug auf die Familie Davids und die Erwartungen, die an diesen neuen Herrscher geknüpft werden.

Der erste Vers ist schon der bekannteste, den ich nun bewusst in der Fassung der Lutherbibel zitiere: Micha 5,1 „Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.“ Wir hören: Jerusalem kann die Hoffnung nicht mehr erfüllen, denn diese Stadt ist entweder zerstört oder unbrauchbar geworden. Die Worte der Bibel sind als Bibelworte nicht immer nur auf die Vergangenheit, sondern zugleich auch in die Gegenwart und die Zukunft hinein auszulegen. Daher kann der Inhalt der Verheißung auf Gott selbst bezogen werden. Der Herrscher, der aus Bethlehem kommen wird, ist der Herr, der Vergangenheit und Zukunft umfasst. Gott ergreift sich dafür natürlich einen Menschen. Dies soll nun auch auf einen Nachkommen Davids zutreffen. Die Herrschaft der Davidfamilie in Jerusalem ist vorbei und wird von Bethlehem, dem Ursprungsort aus, neu erstehen.

Hier mag schon eine Anspielung auf die andere Verheißung aus dem Jesajabuch vorliegen, die sicherlich für unsere Ohren bekannter ist: Jesaja 11,1 „Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“ Aus dem Wurzelstumpf der Ursprungsfamilie Davids Isai spießt ein neuer Trieb. Dabei ist Bethlehem ein unbedeutender Ort, mit dem niemand rechnet. Der Prophet, der ja Gottes Wort ausspricht zeigt: Der neue Herrscher ist nun ganz der Herrschaft Gottes verpflichtet. Die Heilsgeschichte Israels, vorerst am Ende, soll ganz neu beginnen. Die Notleidenden des Volkes Israel finden ihre Hoffnung neu. Hierzu muss ergänzt werden, dass diese Verheißung sich so, wie sie gemeint war, nicht erfüllt hat. Es gab keinen neuen König aus der Familie Davids und auch keinen Thronfolger aus Bethlehem in der Geschichte Israels. Unerfüllte Prophetenworte tragen aber eine unerhörte Brisanz in sich. Sie wurden zu noch ausstehenden Verheißungen und kamen immer dann neu ins Bewusstsein, wenn die Notlage des Volkes den damaligen Worten einigermaßen entsprach. Dazu passte nun auch der nächste Vers, der die Ankündigung des neuen Herrschers mit einem Gleichnis verbindet. Eine gebärende Frau ist in den Wehen voller Schmerzen. Wenn die Geburt vollzogen ist, sind die Schmerzen vorbei. Die Rede von der Geburt eines Kindes ist hier nicht gegenständlich gemeint. Es geht einfach nur um den Gegensatz von Schmerz und Freude. Die Gegenwart ist eine Zeit der Schmerzen. Werden diese Schmerzen aber mit einem Geburtsvorgang verglichen, dann kommt eben von einem Moment an der völlige Umschwung. Hier knüpft natürlich auch die Weihnachtsbotschaft an: Christ der Retter ist da. Jetzt ist die Zeit der Freude. Natürlich wurde zur Zeit der Evangelien dieser Vers auch noch als Verheißung gelesen: Das Ende der Not steht bevor. Die Welt liegt in den Wehen und alles wird sich ändern, wenn der Erlöser da ist. Israel wird vereinigt werden. Die vielen Gläubigen aus der Ferne, werden zurückkehren in das heilige Land. Die Beendigung der Not ist die Rückkehr der Brüder und Schwestern aus dem Exil, dem Ende der Verbannung überhaupt. Doch nun kommt der Prophet wieder auf die Ankündigung des neuen Königs zurück:

Der neue Herrscher aus Bethlehem regiert als Hirte. Das Königsamt ist ein Hirtenamt: Er wird sein Volk führen, schützen und versorgen. Der König ordnet sich Jahwe unter und weidet dessen Volk. Hier ist also eigentlich wieder von einem ganz normalen König die Rede, aber wie gesagt, so richtig hatte sich diese Verheißung eigentlich nicht erfüllt, auch nicht bei Herodes. Herodes hat zwar viel für das Land getan, hat den Tempel neu errichtet und die Priester in Jerusalem unterstützt, hat aber nur als Untertan des römischen Kaisers regiert und hat anderseits durch den ständigen Familienzwist das Land mit einem dauerhaften Krieg überzogen. Einen unabhängigen Friedenskönig in Israel, so möchte ich das fast ausweiten, das hat es bis heute nicht mehr gegeben. Denn das Hauptziel dieses Friedens ist für damalige Verhältnisse gesagt: Das Hauptziel besteht in einem Frieden, der dem Volk dauerhaftes Wohnrecht gewährt. Der König wird Frieden bewirken, Schalom. Für mich persönlich gehört dazu aber gerade aus dem Michabuch die wunderbare Verhissung, die in den siebziger Jahren zum dem Wahlspruch „Schwerter zu Pflugscharen“ geführt hat: „Micha 4,3 Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“

Frieden, Schalom, das ist die wirkliche Gabe des Messias, keine neue Gewalt, kein neuer Krieg, keine Zerstörung. Die Verheißung Michas wandelt sich im Verständnis nachfolgender Generationen zur Verheißung des Messias, dessen Ziel es ist, die Feindschaft zwischen Israel und den Völkern in Frieden zu verwandeln.

Ich lese den Text noch einmal in Gestalt eines Gedichts:

Bethlehem (Micha 5, 1 – 4a)

Du Ort, der klein ist in den Ländern

des ganzen Volkes Israel –

Bethlehem, du wirst verändern

die Welt durch Menschen ohne Fehl.

Der Ursprung liegt in alten Zeiten,

im Glauben an den Bund mit Gott.

Ein Mensch daraus wird Heil bereiten,

auch wenn die Wehen voller Not.

Doch erst die Zukunft wird sie einen.

Erst dann sind Not und Leid vorbei.

Erst dann wird er die Welt vereinen,

so fern auch ihre Heimat sei.

Er wird sie sammeln wie ein Hüter

und leiten in der Kraft des Herrn.

Bewahren wird er ihre Güter.

Im Frieden leben sie dann gern.

Hierzu möchte ich auf die ausgeteilte Karte eingehen (Siger Köder. Geburt Jesu. Rosenberger Altar: https://www.gottesdienstinstitut.org/catalog/images/Weihnachtskarte%202004.jpg?osCsid=62c2f4c80a8dc00f322c6fe2fd2b2015):

Die Geburt des Messias wird für Bethlehem verheißen. Die Geburt Jesu in Bethlehem bestätigt die Verheißung. Was nun hinzukommen muss ist der Glaube, dass Jesu auch der Messias, der Christus ist. Es war die Rede von Schwangerschaft und Geburt, davon, dass es immer eine Zeit der Schmerzen und dann auch eine Zeit der Freude gibt. Der Glaube an Jesus ist sowieso keine Erfüllung in Sinn des ursprünglichen Verständnisses. Jesus ist kein israelitischer König und keine Weltherrscher wie Augustus. Jesus ist der Sohn Gottes in der Krippe, der uns zeigt, dass in diesem irdischen Leben das Geschenk der Gnade Gottes verborgen liegt. Gott lässt uns hier auf der Erde als seine Kinder leben. Gott gibt uns seinen Geist und schenkt uns Freude und lässt die Wirklichkeit des Friedens aufscheinen.

Es scheint doch keinen besseren Frieden zu geben, als dort an der Krippe, dort wo Maria und Josef sitzen, dort wo ein Hirtenmädchen das Neugeborene bestaunt. Wer das Geschenk des Lebens ehrfürchtig bestaunt, kann doch nicht gleichzeitig an Krieg und Gewalt denken.

Der Künstler Siger Köder, der dieses Bild gestaltet hat, hat in der Gestaltung des Krippenstalls allerdings auch schon die Strukturen des Kreuzes eingebaut. Dort oben, gleich neben dem Himmelsstern, der auf das Kind deutet. Das Holz der Krippe trägt die Buchstaben INRI. Dieses bezeichnet den Gekreuzigten in den Worten des Pilatus: „Jesus von Nazareth, König der Juden“. In Kreuz und Auferstehung lässt sich der Vergleich des Heils mit den Schmerzen und der Freude einer Geburt wieder entdecken. Die Wahrheit von Weihnachten erschließt sich uns von Ostern her. Der Auferstandene lebt im Geist Gottes unter uns weiter und macht uns Mut, den Worten der Verheißung zu vertrauen. Wer in seinem Leben in den Zeiten des Schmerzes und in den Zeiten der Freude auf die Wahrheit dieser Worte vertraut, wird ihre Wirklichkeit erfahren. Die Erfüllung wiederstrebt oft unserer Vorstellung. Sie ist dann wahr, wenn wir Gott Recht geben. Die Person unter der Krippe, die in weiße Rosen eingebettet ist, lässt wiederum an eines solche Verheißung erinnern. Eingehüllt in den jüdischen Gebetsmantel erscheint der König David, aus dessen Abstammung der Erlöser stammt. Wie ist der Jude Jesus, geboren in Bethlehem der verheißene Messias? Und wie erfüllt Jesus das Wort alter Verheißung? Ich denke, er gibt uns selbst auch als Nichtjuden wieder hinein in die Erwartungsgeschichte dieses Volkes. Auch wir bleiben als Christen Wartende. Der Messias ist gekommen, in dem er als Sohn der Maria in Bethlehem auf die Welt kam. Aber sein Reich war und ist letztlich nicht von dieser Welt. Wir erleben immer wieder auch die Schmerzen der Wehen und spüren: Der Friede der Welt muss kommen und wird kommen. Jesus macht uns aber auch zu Mitwirkenden und Zeugen dieses Friedens. Jesus lehrt uns zu beten zu Gott als seinem und unserem Vater: „Dein Reich komme“.

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