Freude und Erschrecken

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext steht im ersten Kapitel des Lukasevangelium. Dort wird erzählt, wie der Erzengel Gabriel die Geburt Johannes des Täufers ankündigt. Und als Elisabeth, die Mutter des Johannes, im sechsten Monat war, kommt Gabriel ein zweites Mal auf die Erde. Ich lese aus Lukas 1 die Verse 26 bis 33 und 38.

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Liebe Gemeinde, Vorfreude ist die schönste Freude, sagt das Sprichwort. Und im Advent möchte man es fast glauben. Jedenfalls wenn man Kinder mit glänzenden Augen erzählen hört, was sie sich alles gewünscht haben. Ist das wirklich so? Ist die Vorfreude wirklich die schönste Freude? Rein und ungetrübt? Dass es Vorfreude gibt, dass kann man nicht gut bestreiten. Natürlich freuen sich die Schüler auf die Ferien (die Lehrer übrigens auch). Natürlich freuen sich die Lehrlinge auf das Ende der Lehrzeit (und der Meister vielleicht auch). Natürlich freuen wir uns auf den ersten des Monats, wenn wieder Geld aufs Konto kommt.

Aber wie ist das bei großen Weichenstellungen im Leben? Wie sieht es da aus mit der Vorfreude, wenn es um etwas geht, dass einen auf Jahre bindet, vielleicht sogar für das gesamte restliche Leben? Wie steht es da mit der Vorfreude? Zum Beispiel, wenn zwei Menschen heiraten? Dieses Jahr sind wieder 5 Paare hier in der Johanneskirche getraut worden. Da stehen hier vorne die zwei Stühle, davor eine Kniebank. Dort lässt sich das Paar nieder, um den Segen Gottes für das gemeinsame Leben zu empfangen. Warum heiraten zwei Menschen? Dumme Frage, weil sie zusammen leben wollen und für alle sichtbar dokumentieren: Wir gehören zusammen. Das heißt: Wenn diese zwei Menschen sich aufeinander einlassen, sich aneinander festhalten, einander vertrauen, dann vertrauen sie dem jeweils anderen. Sie glauben an ihn. Sie wollen ihr Leben mit ihm, mit ihr teilen. Sie freuen sich aneinander. Sie freuen sich aufeinander. Das ist die eine Seite, wenn zwei Menschen sich finden. Die Vorfreude. Und nun weiß ich nicht, wie es bei den Paaren war, die dieses Jahr hier geheiratet haben, aber: Da gibt es auch die andere Seite.

Die kennen Sie vielleicht auch. Ich kenne sie jedenfalls sehr gut. Und diese andere Seite ist: Bei aller Freude, bei aller Liebe, da ist auch – das Erschrecken. Gerade bei einer großen Liebe kann sich auch das Erschrecken, das Zögern, das Nicht­ganz­und­gar­be­geistert­sein einstellen. Der Gedanke: Das ist jetzt etwas Ernstes. Das ist – vielleicht sogar etwas für’s Leben. Ups. Erschrecken über etwas eigentlich Schönes. Kennen Sie dieses Zittern in den Beinen? Dieses komische Gefühl am ganzen Körper? Oder einfach nur diesen tiefen Schreck, dieses tiefe Durchatmen: Jetzt wird es ernst. Dort wo große Vorfreude ist, da ist auch großes Erschrecken. Ich bitte jeden, sich einmal zu überlegen, ob ihm, ob ihr dazu eine Szene aus dem eigenen Leben einfällt. Kommt da etwas in der Erinnerung hoch? Ein Moment, indem man eigentlich voller Vorfreude auf etwas Besonderes war, und dann kam plötzlich dieser Moment, dieser Schreck: Oh je, jetzt wird es ernst!

Ich weiß es nicht. Vielleicht denken Sie daran, wie es damals war, als Sie den Kaufvertrag für das Haus unterschreiben wollten, und auf einmal war ihnen klar: Wenn wir das jetzt tun, dann haben wir uns gebunden. Dann verschulden wir uns, auf Jahre hinaus. Oder jemand denkt daran, wie es damals war, als man zum ersten Mal allein, ohne die Eltern, in Urlaub gefahren ist. Der Moment ist richtig, die letzten gemeinsamen Urlaube waren schwierig, und trotzdem, plötzlich ist da dieser Augenblick, wo man erschrickt und merkt: Jetzt gibt es kein Zurück! Etwas wird sich verändern. Oder Sie denken an den Zeitpunkt des Ruhestands. Irgendwann war klar: Jetzt werde ich nur noch so und so lange in die Firma gehen.

Erschrecken über etwas eigentlich Schönes. So, genauso ging es Maria, als auf einmal der Erzengel Gabriel bei ihr hereinschaute und ihr fröhlich zurief: Grüß Gott, liebe Maria! Er hat dich lieb. Gott ist mit dir. Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Gabriel sagt etwas, Maria sagt nichts. Maria erschrickt über etwas eigentlich Schönes: Der Herr über Himmel und Erde lässt ihr sagen, dass sie etwas besonderes ist. Einfach so, wie sie ist. Es heißt nicht: Der Herr ist mit dir, weil du so klug bist. Der Herr ist mit dir, weil du so hübsch bist. Der Herr ist mit dir, weil du so fromm bist. Es heißt einfach nur: Der Herr ist mit dir. Kein Grund, keine Bedingung. Gott ist mit Maria. Maria aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?

Engel kündigen Großes an. Engel kommen nicht, um Bescheid zu geben, dass nächste Woche die Weihnachtsferien anfangen. Sie kommen auch nicht wegen den Sommerferien. Engel sind Boten Gottes, die Großes ankündigen. Und der Erzengel Gabriel, das wissen jetzt vielleicht nicht alle, deshalb sage ich es kurz: Der Erzengel, also der Chefengel Gabriel kommt nur zweimal in der Bibel vor: Bei Daniel kündigt er die Gerechtigkeit Gottes an, die am Ende kommen wird, dann, wenn alles anders wird. Und bei Lukas kündigt er an, wie Gott Gerechtigkeit schaffen wird. Durch Johannes den Täufer, der auf Christus hinweisen wird. Und, vor allem, durch Jesus Christus selbst. Und Maria? Freut sich Maria und sagt: Schön, das du da bist! Nein, Maria erschrickt. Sie erschrickt so, dass sie keinen Ton herausbringt. Nicht sehr höflich, aber wenn einem so richtig der Schrecken in die Glieder fährt, sehr verständlich.

Nun kenne ich einige Menschen, die sagen: Ja, wenn ein Engel käme, wie Gabriel zu Maria gekommen ist, dann könnte ich wohl glauben. So eine Lichtgestalt vom Himmel, die mir sagt, was Gott mit mir vorhat. Da könnte ich wohl anfangen, der ganzen Sache etwas abzugewinnen. Nur: So einfach ist es nicht mit den Engeln. Was sagt denn Gabriel zu Maria? Nicht mehr, als dass sie ein Kind gebären wird und ihm den Namen Jesus geben soll. Dass Frauen Kinder bekommen, ist nichts Außergewöhnliches. Und der Name Jesus war damals etwa so häufig wie heute Tobias oder Michael. Also, so besonders viel hat der Engel Maria nicht gesagt. Ihr Leben, das musste sie schon selbst leben. Aber etwas sagt der Engel Maria doch. Er sagt ihr, was Gott mit ihr, was Gott mit uns vorhat. Er sagt: Wir leben mitten im Advent. Bald ist Weihnachten. Advent, Weihnachten, was heißt das denn? Advent heißt: Warten, voller Freude warten auf Jesus Christus, Gottes Sohn. Und Weihnachten heißt: Christus kommt in unser Leben. Er selbst kommt in unsere Welt. Und bei aller Vorfreude auf Weihnachten, ist es sicher nicht unchristlich, wenn uns beim Gedanken an Weihnachten auch ein tiefer Schrecken in die Glieder fährt. Und ich rede nicht von dem Schrecken, weil man zum Gansessen zu den Schwiegereltern muss. Ein Schrecken, wenn uns auf einmal klar wird: Der Sohn des Höchsten ist an Weihnachten in diese Welt gekommen. Und An Weihnachten, da kommt er auch zu mir, zu jedem von uns, da blickt das Kind in der Krippe auch dich an und spricht zu dir, und es sagt zu dir: Ich bin gekommen, um dich zu erlösen. Mein Reich wird kein Ende haben. Auch du stehst unter meiner Herrschaft. Für immer. Denn ich will mit dir leben. Für alle Zeit. In Ewigkeit.

Das ist die Botschaft von Christi Geburt. Die Botschaft, die der Engel Maria gesagt hat. Die Botschaft, die an Weihnachten Christus zu jedem von uns sagt. Und wer darüber, bei aller Freude auch einen tiefen Schrecken verspürt, der hat bestimmt die Tragweite und die Tiefe der Weihnachtsbotschaft begriffen. Engel kündigen Großes an. Erzengel kündigen das Größte an, was denkbar ist: Gott wird Mensch, Gott ist mit dir. Ich wünsche uns, dass wir alle zur Weihnachtsbotschaft des Kindes in der Krippe wie Maria nichts weiter sagen als dies: »mir geschehe, wie du gesagt hast.«

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